Mit ‘André Téchiné’ getaggte Beiträge

Der junge Thomas (Nicolas Giraudi) stößt auf den entflohenen Häftling Martin (Wadeck Stanczak), der ihn um Geld bittet. Thomas organisiert ein paar Francs, doch Martins Freund, der ebenfalls ausgebrochene Luc (Jean-Claude Adelin) traut dem Jungen nicht und versucht ihn umzubringen. Martin ersticht den Freund und trifft wenig später völlig verstört auf Lili (Catherine Deneuve), die Mutter Thomas‘. Die hat sich nie von den eigenen Eltern emanzipiert, ist mit ihrem eigenen Lben unzufrieden und wird von ihrem geschiedenen Mann Maurice (Victor Lanoux) in einen Streit um das Sorgerecht für Thomas verwickelt. Sie verliebt sich in Martin, dessen Situation sie an ihre eigene erinnert …

Téchinés Mischung aus Krimi, Ehe- und Familiendrama und Coming of Age-Film entfaltet sich in der sommerlichen, südfranzösischen Trägheit, wo der Pfarrer über das Wohlgeraten der Kinder wacht, die Kommunion ein gesellschaftlich bedeutendes Ereignis ist und Probleme gern unter den Teppich gekehrt, statt besprochen werden. Lili versucht, ihre geplatzten Jugendträume nachträglich mit einem auf der Garonne schwimmenden Tanzlokal zu verwirklichen, doch die Nähe zum restriktiven Elternhaus, das ihre Bedürfnisse nie verstanden hat, hemmt jede Befreiungsbemühung. Dass Thomas seine Eltern verleugnet, Todes- und Zerstörungsfantasien mit sich herumträgt, kann sie nur zu gut verstehen, wie sie auch die Reaktionen des Pfarrers, ihrer Eltern und ihres Ex-Mannes an ihre eigene Jugend erinnern. Was aus der Reihe tanzt, sich nicht fügt, nicht fehlerfrei funktioniert, das muss bekämpft und gebrochen werden. Den Ausbruch aus dieser Enge inmitten einer unbegrenzt wirkenden Natur symbolisiert – logisch – der Ausbrecher Martin, ein Melancholiker, dessen Verletzlichkeit ihn für Lili sofort zum Verbündeten macht.

Natürlich kann es kein echtes Happy End geben, das wäre dann doch zu schön. Aber Téchiné übt sich auch nicht im heute so weit verbreiteten Fatalismus. LE LIEU DU CRIME ist von bittersüßer Melancholie, er befreit gewissermaßen den Existenzialismus von seiner erdrückenden Schwere. Seine Charaktere haben mitunter ein schwere Last zu tragen, die sie nicht abschütteln können, sondern zu tragen lernen müssen, aber das ist bei ihm nicht an einen asketisch-protestantischen Pflichtgedanken gekoppelt. Das Leben ist einfach so und vor seinen Herausforderungen zu kapitulieren, hieße auch, sich der Glücksmomente und Schönheit zu berauben. Am klarsten tritt diese Schönheit in der ruhigen Teilnahmslosigkeit der Natur zutage, die Téchiné zusammen mit Kameramann Pascal Marti einfängt und die oft an alte Ölgemälde mit ihren pastoralen Landschaftsdarstellungen erinnert. Die Chancen auf einen Neuanfang, sie werden sich eröffnen, wenn man Geduld hat und dann mit Mut seine Chance ergreift. Verbunden ist damit aber auch immer die Möglichkeit, dass nicht alles so kommt, wie man es sich erträumt hat. Auch wenn ich LE LIEU DU CRIME nicht als deprimierend bezeichnen würde, im Vergleich zum hoffnungsfrohen LES ROSEAUX SAUVAGES ist er schon eher ernüchternd. Es gibt keine wirklich glücklichen Figuren im Film und die Perspektive, der Lili entgegensieht, ist ganz gewiss nicht das, was sie sich erträumt hat. Dennoch: Sie hat eine Wahl getroffen und den Schritt aus der Passivität getan. Es kann ja nur besser werden für sie. (Das ist dann doch wieder voll auf Sartre-Linie.)

Jeanne (Sandrine Bonnaire) kommt auf ihrer ersten Reise aus ihrer Heimat im Norden Frankreichs in die Mittelmeerstadt Toulon: Anlass ist die Hochzeit ihrer Schwester Maité (Christine Paolini), aber eigentlich möchte sie ihren jüngeren Bruder nach Hause holen, den taubstummen Alain (Stéphane Onfroy), den sie seit dem Tod der Eltern versorgt und der den Sommer über bei der Schwester war. Doch kaum, dass sie ihm von ihren Plänen berichtet hat, ergreift er die Flucht. Auf der Suche nach ihm begegnet sie Stéphane (Simon de la Brosse), der nach einem Unfall daran arbeitet, wieder der alte zu werden. Nach einem Anschlag auf sein Leben hatte er im Koma gelegen. Über die genaueren Umstände schweigt er sich zunächst aus. Doch nach und nach kommt Jeanne hinter sein Geheimnis: Stéphane hatte sich als Mitglied einer nationalistischen Vereinigung mit dem jungen Nordafrikaner Said (Abdellatif Kechiche) angelegt. Said unterhielt nicht nur eine Affäre mit dem Dirigenten Klotz (Jean-Claude Brialy), sondern auch eine enge Freundschaft mit Alain. Und auch Jeanne ist von ihm fasziniert …

Sein politisches Thema wird in LES INNOCENTS nie explizit verhandelt. Stéphanes ausländerfeindliche Gesinnung bleibt ungenannt und Begriffe wie „rechts“, „nationalistisch“, „rassistisch“ etc. kommen nie vor. Wahrscheinlich, weil solche Zuschreibungen nach Téchinés Überzeugung eh unzureichend sind. Hinter politischen Überzeugungen stecken persönliche, psychologische Gründe, die man verstehen muss, wenn man vom Weg des Humanismus Abgekommene wieder zurückholen will. Ob man das für richtig oder praktikabel hält, möchte ich hier nicht diskutieren. Im Fall Stéphanes jedenfalls scheint es einleuchtend, sein „Engagement“ als Akt der Provokation oder auch als Ausdruck einer richtungslosen Wut zu begreifen. Er scheint selbst am wenigsten zu verstehen, was er da eigentlich getan hat. Es ist erst diese schwer zu beschreibende Mischung aus Weichheit und Bestimmtheit Jeannes, die ihn sich öffnen lässt. Aber da sind die Zahnräder schon in Bewegung geraten und es ist zu spät, noch etwas zu ändern.

LES INNOCENTS erzählt sehr viel mehr über seine Atmosphäre, Stimmungen, Blicke und die Art, wie sich seine Charaktere bewegen, als über Plot oder Aktion im klassischen Sinne. Wie schon in den zuvor gesehenen Filmen Téchinés – vor allem LES ROSEAUX SAUVAGES und HÔTEL DES AMERIQUES – spielt auch der Schauplatz wieder eine wichtige Rolle: Toulon sieht mit seinen sandfarbenen Häusern und den staubigen Straßen aus wie ein über das Mittelmeer gerückter Vorposten Nordafrikas. Jeanne behauptet erst, die Stadt zu hassen, dann will sie dort bleiben: Heimatverbundenheit ist nicht immer kostenlos zu haben. Man fühlt die von allen beklagte Hitze, die über der Stadt liegt, auch wenn es sich nicht um einen typischen „Schweißfilm“ handelt. Aber alle wirken ein wenig müde, mürbe gemacht von den Temperaturen und empfindlich für kleine Reizungen. Niemand scheint sich unbedingt länger als nötig in der Gesellschaft anderer aufhalten zu wolle. Eine Ausnahme ist die Hochzeitsfeier, mit der der Film eröffnet: In einem schattigen, baumbewachsenen Innenhof feiert die überwiegend nordafrikanische Gesellschaft ausgelassen und unermüdlich, tanzt und singt freudetrunken zur rythmischen, ekstatischen Musik. Dass es eine Kluft gibt zwischen „Einheimischen“ und den sogenannten Migranten wird eher implizit deutlich: Es gibt kaum eine Mischung zwischen den beiden Gruppen. Selbst Maité hat ihren Mann Noureddine nur geheiratet, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, lebt sonst neben ihm her, unterhält Sex-Beziehungen mit Franzosen. Said will unbedingt weg in die Heimat, die er – auch das lässt tief blicken – noch nie gesehen hat, weil er in Frankreich geboren wurde. Aber wie kann er sich in einem Land zu Hause fühlen, in dem er aufgrund seiner Hautfarbe befürchten muss, umgebracht zu werden?

Jeanne verliebt sich innerhalb zweier Tage gleich zweimal – und das in zwei Männer, die sich gegenseitig umbringen wollen. Téchiné ist einerseits der Idealist und Träumer, der in Jeannes positiver Blindheit für das Vordergründige die Liebe als Mittel der Völkerverständigung plausibel macht, andererseits der Realist, bei dem dieser Traum am Ende zwei Kugeln zum Opfer fällt, die leider sehr viel folgerichtiger wirken als Jeannes Liebe.

Auch der vierte Film, den ich von Téchiné (nach LES VOLEURS, LES TÉMOINS und LES ROSEAUX SAUVAGES) gesehen habe, ist wunderbar, wenn auch mit kleinen Abstrichen. HÔTEL DES AMÉRIQUES gehört zu dieser Gattung Liebesdrama, bei dem das Glück der beiden Protagonisten daran scheitert, dass beide unheilbare Neurotiker sind. Das kann schon manchmal die Geduld strapazieren – vor allem, wenn man sich für eher praktisch veranlagt hält, wie ich das tue. Mehr als einmal hätte ich diesen Gilles Tisserand (Patrick Dewaere) gern gepackt, kräftig durchgeschüttelt oder ihm eine schallende Ohrfeige gegeben, damit er endlich zur Besinnung kommt. So richtig nachvollziehen konnte ich die Probleme, die er und Hélène (Catherine Deneuve) miteinander haben nicht. Aber wirklich gestört hat es mich auch nicht, weil auch dieser Film so wunderbar fotografiert ist, so entspannt und elegant dahingleitet – und weil ich Biarritz, wo der Film spielt, bei meinen zwei Kurzaufenthalten irgendwie ins Herz geschlossen habe.

Gilles, der mit seiner Familie ein kleines Hotel in BIarritz betreibt, und Hélène, eine Arzthelferin, begegnen sich, als sie ihn eines Abends mit ihrem Auto anfährt. Ihm passiert nichts, aber er ist sofort fasziniert von ihr und sie besteht darauf, seine Personalien aufzunehmen. In dem Café, in dem sie einkehren, kommen sie ins Gespräch: bis sie schließlich einschläft. Er bleibt die ganze Nacht bei ihr und überredet sie dazu, sich wieder mit ihm zu treffen. Langsam taut die kühle Hélène auf und öffnet sich ihm: Doch als sie ihm von ihrem ehemaligen Lebenspartner erzählt, der im Meer ertrunken ist, stößt sie bei ihm auf Widerstand. Er hat das Gefühl, nur die Nummer zwei hinter dem Verstorbenen, einem visionären Architekten, zu sein …

Der Star des Films ist eindeutig Catherine Deneuves tannengüner Trenchcoat, der für HÔTEL DES AMÉRIQUES fast dieselbe Bedeutung einnimmt, wie der rote Regenmantel aus Roegs DON’T LOOK NOW. Sie sticht mit diesem Mantel in jeder Szene hervor, hebt sich von den Hintergründen ab und wird durch ihn als rekonvaleszente Traumapatientin gekennzeichnet. Er, ein etwas blässlicher Hänfling, trägt hingegen immer einen beigen Blouson. Schon in dieser Diskrepanz wird das Drama des Films deutlich: Da die überirdisch schöne, gebildete Hélène, da der schmächtige Gilles, ein Mann ohne hervorstechende Eigenschaften oder Talente. Ihr ist das zwar egal, weil sie etwas anderes in ihm sieht, aber er zerbricht an seiner vermeintlichen Mittelmäßigkeit.

Es zieht sich noch ein anderes Motiv durch den Film, das auch mit dem Titel korrespondiert: Seine Charaktere sind nie zu Hause nie angekommen, immer nur auf der Durchreise. Das passt auch zu Biarritz, einem Urlaubsort an der Atlantikküste, der außerhalb der Saison völlig ausgestorben ist. Gilles bester Freund, der Musiker Bernard (Etienne Chicot), lebt im Hotel, reist mal hierhin, mal dorthin; Gilles Schwester erzählt von ihrer ersten großen Liebe, einem Touristen, der eine Nacht in ihrem Hotel übernachtet habe. Alle reden immer davon wegzuwollen. Hélène kann sich nicht entscheiden, wie sie die Wand ihrer Wohnung streichen will. Die Charaktere entscheiden sich immer um, beerdigen ihre Pläne, bevor sie sie in die Tat umgesetzt haben, können sich nicht entscheiden, was sie wollen. Auch die Beziehung der Protagonisten folgt diesem Auf und Ab, das an die Brandung des Meeres erinnert. Hélène setzt dann irgendwann einen Schlusspunkt und macht Nägel mit Köpfen, reist nach Paris ab. Da bekommt Gilles dann Panik und eilt zum Bahnhof, um ihr hinterherzufahren. HÔTEL DES AMÉRIQUES endet – am nächtlichen Bahnsteig, wo Gilles auf seinen Zug wartet. Tränen laufen ihm die Wangen herunter, weil er nun versteht, was er verloren hat – genau in jenem Zustand des Dazwischen, in dem fast alle Charaktere gefangen sind.

Wie gesagt: Diese neurotische Hin und Her ist ein bisschen anstrengend und kann auf „normal“ veranlagte Personen etwas forciert wirken. Aber ich neige hier dann doch dazu, diese Figuren wenn schon nicht zu verstehen, so doch zu akzeptieren, dass es für sie Gründe gibt, so zu handeln, wie sie es tun. Das alles wurde mir durch die ästhetischen Qualitäten des Film enorm erleichtert.  Er ist wie ein Tag in Biarritz, an dieser stürmischen, schroffen, aber ungemein malerischen Küste, wo man die Zeit dabei vergessen kann, einfach auf das Meer hinauszuschauen. Ein paar Jahre später entdeckte Eric Rohmer dort dann ja auch LE RAYON VERT

 

Frankreich in den frühen Sechzigerjahren. Während auf der anderen Seite des Mittelmeeres der Algerienkrieg tobt, werden vier junge Leute langsam erwachsen: Der introvertierte Francois (Gael Morel) entdeckt seine Homosexualität und verliebt sich in seinen Mitschüler Serge (Stéphane Rideau), dessen Bruder in Algerien sein Leben verliert. Henri (Frédéric Gorny), ein Algerienfranzose, rebelliert und versucht nur sehr widerwillig im dritten Anlauf, das Baccalauréat an der gemeinsamen Jungenschule zu machen. Maité (Èlodie Bouchez) sympathisiert mit dem Kommunismus und steht zwischen den Jungen: Francois ist ihr brüderlicher Freund und Serge hat ein Auge auf sie geworfen. Während sie sich auf ihren Abschluss vorbereiten, begeben sie sich auf die Suche nach ihrer sexuellen und politischen Identität.

In seinem preisgekrönten Film zeigt André Téchiné wie das geht mit dem großen, gesellschaftlich wie künstlerisch und emotional relevanten Kino. Da wird nichts ins Drehbuch geschrieben, um irgendeine Quote zu erfüllen, und als Zuschauer hat man nie das Gefühl, einer Lektion beizuwohnen. Wie im zuletzt gesehenen LES TÉMOINS entwickelt Téchiné seine Geschichte ganz organisch aus seinen Charakteren, denen er völlig vorurteilsfrei gegenübersteht, mit all ihren jugendlichen Spinnereien und Marotten. Diese Haltung ist der Geburtshelfer großartiger, komischer wie ergreifender kleiner Momente: Serge, der sich vor Maité nur mit Unterhose bekleidet in einen kalten See stellt, damit seine hartnäckige Erektion verschwindet; Henri, der immer mit einem Radio am Ohr herumläuft, das Kriegsmeldungen überträgt, und am Ende mit einem Benzinkanister vor der Parteizentrale der Sozialisten steht; Francois, der in seiner Verzweiflung über seine Gefühle für Serge einen alternden Schuhverkäufer in seinem Geschäft um Rat fragt, von dem es heißt, er sei homosexuell; Maité, die sich für den abschließenden Badespaß einen gelben Badanzug kauft und dann verschämt meint, sie sehe darin aus wie ein Kanerienvogel. Bei Téchiné hängt alles zusammen, Politik, Sexualität, Identität: Man nennt das auch „Leben“. Und sein Film ist vor allem eine Zelebrierung dieses Lebens.

Wie auch in LES TÉMOINS fällt einem in LES ROSEAUX SAUVAGES sofort dieses Licht auf, das alles illuminiert wie ein impressionistisches Gemälde. Beide Filme kreisen um die Unbeschwertheit der Jugend, ihr Vorrecht, sich auszuprobieren, Freude und Genuss zu priorisieren, um die Schönheit, die damit einhergeht. Und beide Filme spielen vor allem im Sommer, einer Zeit, in der sich da Leben besonders gut genießen lässt, in der man draußen ist, in der Natur, unter Freunden. Aber so, wie nach de Sommer unweigerlich Herbst und Winter kommen, ist auch bei Téchiné immer klar, dass Unbeschwertheit nicht von Dauer sein kann. Zum Leben gehören auch die Tiefen, Sorgen, Ängste, Schicksalsschläge. Gut zu leben heißt nicht, solchen Zuständen auszuweichen, sondern mit ihnen umzugehen, weiterzumachen, den Blick hoffnungsfroh nach vorn zu richten. Das Leben geht weiter, es ist tatsächlich so banal, und der nächste Sommer kommt bestimmt. In LES ROSEAUX SAUVAGES sind es der Krieg, der Tod eines jungen Mannes, die nicht erwiderte Liebe, der Rauswurf aus der Schule und eine kranke Mutter, die den Protagonisten zusetzen und sie auf die Probe stellen. Wie sie damit umgehen, das müssen sie lernen. Am Ende wissen sie immer noch nicht so genau, wie das geht, aber sie haben die Zuversicht, ihr Leben meistern zu können.

Von LES ROSEAUX SAUVAGES war ich ehrlich gesagt begeistert, noch mehr als von LES TÉMOINS, aber es ist schwierig, die Begeisterung in Worte zu fassen. „Zelebrierung des Lebens“, das klingt banal, irgendwie nach fürchterlichem Deutschpop, Werbefernsehen und inhaltsleerem Hedonismus. Aber das ist es bei Téchiné nicht: Wahrscheinlich muss man ein intellektueller französischer Filmemacher sein, um das hinzubekommen, Lebensfreude und Geist zu vereinen – und natürlich dieses magische Licht einzufangen.

Mitte der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts ereignete sich ein Paradigmenwechsel, der das Leben, wie es bis dato gelebt wurde, radikal veränderte. Das Aufkommen von AIDS bedeutete nicht nur, dass Sexualität deutlich bewusster und damit vorsichtiger praktiziert werden musste, es bedeutete für die, die zur Risikogruppe gehörten- Homosexuelle, Drogenabhängige -, ein zusätzliches soziales Stigma. André Téchiné beleuchtet in seinem im Jahr 1984 auf der Schwelle zu diesem „neuen Zeitalter“ angesiedelten Film, wie sich dieser historische Wandel im Privaten abzeichnete – und wie das Leben trotz katastrophischer Zäsuren weitergeht: ohne bequeme Indifferenz oder gar Ignoranz, aber auch ohne ohnmächtig machenden Fatalismus, sondern voller Hoffnung und Mut.

Der hübsche, jugendliche Homosexuelle Manu (Johan Libéreau) kommt aus der Provinz nach Paris und zieht dort bei seiner Schwester Julie (Julie Depardieu) ein, einer angehenden Opernsängerin. Das Hotel, in dem die beiden mangels finanzieller Mittel wohnen, ist eine billige, von Prostituierten und halbseidenen Gestalten bewohnte Absteige, aber für Manu spielt das keine Rolle. Er genießt die Möglichkeiten, die ihm das neue Leben in der Metropole bietet, stürzt sich in das schwule Pariser Nachtleben wie ein Verdurstender in einen See. Beim cruisen in eine Park trifft er Adrien (Michel Blanc), einen mittelalten homosexuellen Arzt, der sich sofort in die Unbeschwertheit Manus verliebt und ihn in seinem Beanntenkreis einführt: An einem Wochenende am Mitelmeer lernt Manu die eben Mutter gewordene Schriftstellerin Sarah (Emmanuelle Béart) und ihren Ehemann, den Polizisten Mehdi (Sadi Bouajila) kennen. Als er mit letzterem eine heiße Liebesaffäre beginnt und er wenig später Anzeichen einer rätselhaften, schweren Krankheit zeigt, gerät das bis dahin feste freundschaftliche Gefüge in Bewegung …

LES TÈMOINS – deutscher Titel: WIR WAREN ZEUGEN – entspricht nicht unbedingt dem zeitgenössischen cineastischen Chic: André Téchinés Film hat keinen großen Clou, keine Pointe, er verabreicht keine griffige Moral, keinen Lehrspruch, den man daraus mitnehmen oder weitergeben könnte. Er ergeht sich auch nicht in präapokalyptischem Nihilismus, suhlt sich nicht in Bildern des Leids, um dem Zuschauer Empathie abzuringen. Er sieht das moderne Leben nicht als selbstgefällig-blinden Tanz auf einem brodelnden Vulkan, sondern erlaubt sich den überaus seltenen und wohltuenden Luxus, an das Gute im Menschen zu glauben, an seine Vernunft zu appellieren. Dazu passt, dass er nicht mit dem Finger zeigt, keine Urteile ausspricht. In LES TÈMOINS betrachtet er alle seine Charaktere ohne Vorurteile, er bringt allen die gleiche Sympathie entgegen, konfrontiert den Betrachter erst einmal nur mit ihren Sorgen und Befindlichkeiten und fordert von ihm dann die gleiche unvoreingenommene Haltung ihnen gegenüber ein, die auch er einnimmt. Sie alle sind nicht perfekt, aber wer ist das schon: Manu ist hoffnungslos naiv und ja, auch rücksichtslos in seinem Streben nach Lust und Liebe, aber es ist auch diese Energie und Lebenfreude, die ihn liebenswert macht. Das sieht auch Adrien so und man muss ihn der Träumerei bezichtigen: Hat er denn wirklich geglaubt, dass dieser strahlende Cherub bei ihm bleiben würde, einem glatzköpfigen, kurzgewachsenen Mittfünfziger? Sarah ist keine besonders gute Mutter, aber wir vertrauen ihr, dass sie mit den Herausforderungen der neuen Aufgabe wachsen wird. Der maghrebinische Macho Mehdi ist ein Feigling, aber wer wollte es ihm verübeln: als Polizeibeamter dunkelhäutig und bisexuell? So progressiv und tolerant sind sein Arbeitgeber und die Kollegen dann doch nicht, auch wenn sie ihm die Koteletten gestatten.

Mit der Katastrophe konfrontiert, ändert sich alles, am stärksten natürlich für Manu: Eben noch gehörte ihm die Welt, jetzt kann er dabei zusehen, wie sein jugendlicher Körper vor seinen Augen zerfällt. Mit Mehdis Bequemlichkeit hat es ebenfalls ein Ende: Er muss Verantwortung gegenüber seiner Ehefrau und seinem Kind übernehmen und ihr sein Doppelleben gestehen.  und eine Sarah muss sich entscheiden, wie sie damit umgeht, dass ihr Gatte sie mit einem Jugendlichen betrogen hat und Adrien die ersten wissenschaftlichen und organisatorischen Schritte unternehmen, um das Land für die neue Epidemie zu wappnen. Am Ende treffen sich die Freunde wieder am Mittelmeer, den Platz des verstorbenen Manu hat eine andere junge Eroberung Adriens eingenommen. Es ist nicht klar, ob Mehdi und Adrien sich jemals wieder offen betrachten können, aber sie lassen es auf den Versuch ankommen. Ihre gemeinsame Geschichte kettet sie aneinander. Es sind diese Ehrlichkeit, dieser befreiende Optimismus und die Lebenslust, die LES TÉMOINS auszeichnen und zu etwas Besonderem machen. Téchiné muss dafür nicht die Augen vor der Realität verschließen: Seine Charaktere sind echt in ihren Sorgen, aber auch in ihrem Streben nach Glück, das sie letztlich aneinander bindet, über alle vermeintlich trennenden Unterschiede. Und das ist ein stärkeres Band als Missgunst, Verachtung und Hass.

 

 

voleursposter1.jpgJustin (Julien Rivière), ein zehnjähriger, nachdenklicher Junge, wird eines Nachts von Stimmen aus dem Wohnzimmer geweckt. Als er die Treppe hinabsteigt, findet er ein aufgeregtes Treiben seiner Familie vor und auf der Couch liegt sein Vater Ivan (Didier Bezace): tot, erschossen.

Ivan wiederum hat von seinem Vater das Familiengeschäft übernommen: den groß angelegten Handel mit gestohlenen Autos. Das Geschäft läuft gut, nebenbei kann er noch einen Nachtclub eröffnen das „Mic-Mac“, in dem eine Transvestitenshow das Publikum zieht. Sein bester Mann im kriminellen Geschäft ist der junge Jimmy (Benoît Magimel).

Jimmy hat nie etwas anderes gelernt, als krumme Dinger zu drehen. Neben seiner Tätigkeit fungiert er als Vaterersatz für seine jüngere Schwester Juliette (Laurence Côte), die er ebenfalls ins Milieu einführt. Für Ivans nächsten großen Coup erteilt er ihr den Auftrag, eine Liaison mit dem Polizisten Alex (Daniel Auteuil) einzugehen, Ivans jüngerem Bruder, um diesen, der seinem Bruder immer auf den Fersen ist, zu kompromittieren.

Alex ist das schwarze Schaf seiner Familie, weil er sich für den Polizeidienst, anstatt für eine kriminelle Laufbahn entschied. Dieser Status als Außenseiter hat seine gesamte Weltsicht geprägt: Alex ist ein Einzelgänger, der das Leben ohne große Hoffnungen betrachtet. Das ändert sich als er Juliette kennenlernt und eine heftige sexuelle Affäre mit ihr beginnt – nicht ahnend, dass alles abgekartet ist Doch dann erfährt er, dass es noch eine andere Person in Juliettes Leben gibt: die Philosophieprofessorin Marie (Catherine Deneuve).

Marie, eine alternde Schönheit, ist fasziniert von Juliette und plant, deren Lebensgeschichte zu einem Buch zu verarbeiten. Dass ihre Geliebte sich in einem kriminellen Umfeld bewegt, interessiert sie nicht. Für sie ist das auch nur ein Weg, sein Leben zu leben. Dass Alex alles daran setzt, seinen Bruder dingfest zu machen, begreift sie als Verrat. Erst nach einigen Treffen mit dem Polizisten erkennt sie, dass auch dieser nur den Weg beschreitet, der ihm vorgezeichnet ist.

André Téchiné erzählt seine Geschichte als ein Mosaik verschiedener Perspektiven, dessen Chronologie er gnadenlos zersplittert. Es geht ihm weder um die Rekonstruktion eines schiefgelaufenen Verbrechens noch um dessen Aufklärung. Stattdessen beleuchtet er die Beweggründe seiner Protagonisten, ohne diese zu verurteilen. LES VOLEURS ist ein ungewöhnlicher Film mit einer ungewöhnlichen Perspektive und ungewöhnlichen Figuren: Die Kriminellen sind die „Normalen“, der Polizist ist der Außenseiter, beinahe schon ein Soziopath, der auf die Frage seiner Geliebten, warum sie sich beim Sex nicht ausziehen dürfe, antwortet, dass er die Berührung nackter Haut nicht ertragen könne, sich davor ekle. Aber Téchiné schwelgt nicht im Abnormen und Abseitigen, vielmehr erzählt er von einer Welt, in der es den biederen Durchschnitt gar nicht gibt: Jeder hat seine Bürde zu tragen, jeder muss seinem Leben selbst einen Sinn geben.

Am Schluss übernimmt der selbstbewusste Jimmy die Erziehung des kleinen Justin. Wahrscheinlich wird auch Justin auf die schiefe Bahn geraten und irgendwann den Polizisten Alex, seinen Onkel, im Nacken spüren. Aber so ist das eben. Man kann es sich nicht immer aussuchen, manche Entscheidungen trifft man nicht selbst, oft ist es eher umgekehrt. Trotzdem lebt man. Oder man bringt sich um.

Téchinés Film ist so einzigartig wie rätselhaft. Ich muss ihn unbedingt noch einmal sehen.