Mit ‘Andrea Occhipinti’ getaggte Beiträge

affiche-mayo-boleroBOLERO ist einer dieser unglücksseligen Filme, über dessen Entstehung, Vermarktung und Rezeption mehr geschrieben wurde, als über das Werk selbst. Er fungierte in verschiedener Hinsicht als Sargnagel: Er beendete sowohl die Karrieren von Regisseur John Derek und seiner Gattin Bo (fünf Jahre später versuchten sie es noch einmal mit GHOSTS CAN’T DO IT, allerdings mit ähnlich wenig Erfolg) als auch die Zusammenarbeit der Cannon mit Vertriebspartner MGM. Schon während der Dreharbeiten kündigte sich das drohende Fiasko an, forderte Produzent Menahem Golan mehr Sexszenen von seinem Regisseur, der sich diesen Forderungen beharrlich widersetzte, ahnte MGM-Chef Yablans schon bald, dass nichts, aber auch gar nichts BOLERO jemals retten könnte. Auch das schadenfrohe Interesse der Presse oder die Tatsache, dass der Film unrated erschien, um das für Pornografie vorbehaltene X-Rating zu vermeiden, mithin viel nackte Haut versprach – es wurde gar lanciert, die finale Sexszene zweischen Bo Derek und Andrea Occhipinti sei nicht simuliert worden -, änderten etwas daran, dass BOLERO unterging wie ein Stein. Was blieb, waren böses Blut, sowohl aufseiten der Cannon und MGM, die sich vom Ehepaar Derek um einen potenziellen Hit betrogen sahen, als auch aufseiten der Dereks, die entsetzt feststellen mussten, dass ihre Produzenten privates Fotomaterial zur Verwendung für Promozwecke entwendet hatten. Erfolgreich war BOLERO nur, als es darum ging Häme und Spott einzuheimsen: Von neun „Goldenen Himbeeren“ gewann er satte sechs.

Oft zeigt solche Einhelligkeit ja nur, wie wenig die Gilde der Kritiker und natürlich die Zuschauer dazu bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen und sich mit Filmen auseinanderzusetzen, die sich den gängigen Konventionen verweigern (man denke an den meisterlichen SHOWGIRLS). Wie man aber einen rammdösig-selbstbesoffenen Stinker der Marke BOLERO retten könnte, fällt mir leider auch nicht ein, denn – mal abgesehen vom makellosen Körper seines weiblichen Stars – ist an diesem in den 1920er-Jahren angesiedelten Film wirklich alles falsch. Es geht um Lida McGilivery (Bo Derek), die nach ihrem Abschluss auf einem vornehmen britischen Mädcheninternat mit ihrer Freundin Catalina (Ana Obregón) in die Welt reisen und einen wohlhabenden, gutaussehenden Mann finden will, der ihr die Unschuld nimmt, sie an die Grenzen der Ekstase führt und sie am besten auch noch heiratet. Den Abschied von ihrem Mädchendasein feiert sie mit Stil, Dezenz und dem Beweis der erworbenen Reife: Indem sie nämlich vor den Augen der anwesenden Schülerinnen- und Lehrerschaft blankzieht und ein barbusiges Tänzchen (in Zeitlupe) aufführt. Nur die Intervention ihres peinlich berührten Chauffeurs Cotton (George Kennedy) verhindert schlimmere Ausfälle. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt ist Lida als Identifikations- und Sympathiefigur für den Zuschauer verloren: Sie ist ein verwöhntes, eindimensionales und naives Gör ohne jede Intelligenz oder Charme, dafür aber mit unerschöpflichem Vertrauen in die Anziehungskraft ihres von Gott gegebenen Körpers, der ihr alle Türen öffnen soll. Tatsächlich nennt sie zwei spektakuläre, natürlich gewachsene Brüste ihr eigen, die sie sich in einer unangenehm aufdringlichen Szene von einem Scheich in Marokko mit Honig übergießen und abschlecken lässt (in Zeitlupe). Bevor der Muselmane aber Vollzug melden kann, fällt er in tiefen Schlaf und Lida muss weiter nach ihrem Traummann suchen. Fündig wird sie in Spanien, wo sie dem ölig-südländischen Charme von Matador und Pferdezüchter Angel (Andrea Occhipinti) verfällt. Es beginnt ein nicht enden wollendes Hin-und-Her zwischen den beiden, bis sie sich endlich ineinander verkeilen. Doch das Glück wird auf eine harte Probe gestellt, als Angel beim Stierkampf einen Bullen in die Nüsse bekommt und mit ungewissem Ausgang für seine Potenz darniederliegt. BOLERO findet nach schier endlos erscheinenden 105 Minuten sein Ende in einer Hochzeit, aber natürlich nicht, ohne dass die beiden Liebenden, umwabert vom Rauch des Mythos (oder der Reibungshitze natürlich), noch einmal die Matratzenpolka tanzen.

Man muss wahrlich großen Respekt vor den Dereks haben, die mit BOLERO einen Film drehten, der wahrscheinlich wirklich niemandem außer ihnen selbst gefallen konnte. BOLERO existiert in seiner eigenen Paralledimension, in der Bo Derek die begehrenswerteste Frau der Welt ist, deren bloßer Anblick schon ausreicht, um in Menschen den Wunsch zu wecken, ihren Obolus an der Kinokasse entrichten und sich zwei Stunden lang zu Fuße ihres überlebensgroßen Leinwandabbilds sonnen zu können. Der in diesem Film zum Vorschein kommende Glaube an die Zugkraft des weiblichen Stars übersteigt jede Vernunft – und vor allem die Einsicht in die Notwendigkeit, irgendetwas anderes zu bieten als eine Bühne, auf der er den darbenden Massen dargeboten werden kann. Einen reinen Striptease-Film wollte John Derek aber auch wieder nicht drehen und so ist BOLERO ein einziger sadistischer und zielloser Tease. Die drei Sexszenen, die strategisch platziert am Anfang, in der Mitte und am Ende auf den Zuschauer warten, werden durch eine vollkommen hirnrissige, theatralische und konstruierte Groschenroman-Geschichte herausgezögert, deren einziger Zweck es eben ist, einen Anlass für diese drei Szenen zu schaffen. Es handelt sich bei BOLERO um eine pervertierte Form des Reißers, in dem selbstzweckhafte Sexszenen das Publikum bei Laune halten. Bei Laune hält hier aber gar nichts und wenn sich die beiden Protagonisten dann endlich zu ihrem quasireligiösen Betterlebnis herablassen, fühlt man sich als Zuschauer geradezu verhöhnt von ihnen. In Bos entrücktes Gesicht möchte man am liebsten reinschlagen, ein zünftiger Scheidenkrampf respektive erektile Dysfunktion ist eigentlich die Mindeststrafe, die die Dereks dafür verdient haben, den Zuschauer in dieser Art und Weise an ihren körperlichen Bedürfnissen teilhaben zu lassen. Ich hoffe, dass sich John nach seiner Scheidung von Bo noch ab und zu dazu herabließ, sich auf eine aus diesem überlangen Haufen filmgewordener Zeitverschwendung kompilierte Least-worst-of-Kompilation einen runterzuholen, denn das war wahrscheinlich von Anfang an der einzige Grund für BOLERO. Für Youporn ist er leider zu früh verstorben.

Am Ende von Fulcis L’ALDILA sehen sich die beiden Protagonisten in die Hölle versetzt, eine sich in die Unendlichkeit ausdehnende Einöde, übersät von Skeletten, von Asche bedeckt. Erblindet schauen sie ins Nichts, und der Zuschauer, der in den 90 vorangegangenen Minuten mit recht handfestem Body Horror konfrontiert worden war, spürt mit ihnen, wie der sichere Bezugsrahmen erbarmungslos wegbricht. Was die beiden erwarten wird hinter dem Horizont, auf den sie sich mit zögerlichen Schritten zubewegen, bleibt unklar.

CONQUEST, im Zuge des großen Erfolgs von John Milius‘ CONAN THE BARBARIAN und der sich an diesen anschließenden, kurzen, aber heftigen Welle von Barbarenfilmen entstanden, handelt ebenfalls von einer Reise ins Ungewisse und die Welt, die sich dem Protagonisten und dem Zuschauer dabei eröffnet, ist kaum weniger rätselhaft, unwirtlich und fremd. Niemand ist hier mit Blindheit geschlagen, aber trotzdem ist die Sicht beeinträchtigt. Ein Schleier liegt über den Bildern, die Sonne steht tief und ihr Licht bricht sich im allgegenwärtigen Dunst, alle Konturen verwischend. Aber nicht nur die Sicht ist getrübt: Das Geschehen bleibt seltsam fremd, fragmentarisch, elliptisch, als sei in der Übermittlung etwas verlorengegangen. Auch die Welt wirkt unvollständig, leer, abstrakt. Nichts wird lebendig, alles bleibt schemenhaft.

Eine der Hauptambitionen literarischer und filmischer Fantasy – der der Barbarenfilm zu subsumieren ist – war es stets, fremde Welten so detailliert und realistisch wie möglich zu gestalten. Tolkien schuf als Begründer und wahrscheinlich bekanntester Vertreter des Genres nicht nur einen Kontinent mit einer  Historie, sondern gleich mehrere Kulturen, mit ihren jeweils eigenen Sprachen und Mythen. Andere suggerierten stattdessen, dass ihre Geschichten in einem alternativen Geschichtsverlauf unserer Erde oder aber in grauer Vorzeit angesiedelt waren. Allen gemeinsam ist es aber wohl, den Leser/Zuschauer direkt in diese Welt zu versetzen, ihm durch das Aufbieten möglichst vieler akribisch herausgearbeiteter Details die Immersion zu ermöglichen. Fulci geht einen anderen Weg: Er filmt gewissermaßen durch die Zeit, durch den Dunst der Äonen, ohne dabei die totale Horizontverschiebung anzustreben. Der Betrachter von CONQUEST steht dem Film gegenüber wie der Archäologe, der eine alte, nur unvollständig erhaltene Steintafel mit ihm fremden, schlecht leserlichen Schriftzeichen findet und sich an die Übersetzungsarbeit macht. Er wird nach langer Arbeit vielleicht in der Lage sein, den Text grob zu übersetzen, aber er wird nie in der Lage sein, alle Implikationen in seiner Sprache zu erfassen. Seine Übersetzung muss lückenhaft bleiben.

So ist auch die Handlung von CONQUEST ist nur rudimentär entwickelt – ein Jüngling namens Ilias (Andrea Occhipinti) wird mit einem mystischen Bogen ausgestattet auf eine Reise geschickt, von der er im Idealfall als Mann zurückkehren soll und begegnet unterwegs sowohl dem Krieger Mace (Jorge Rivero) wie den Gesandten der bösen Hexe Ocron (Sabrina Siani), die ihm die Waffe abjagen wollen –, ein archetypisches Skelett, das modernen Ansprüchen an Dramaturgie nur bedingt entspricht, aber eben tatsächlich wirkt wie unmittelbar einem alten Text entsprungen. CONQUEST ist nicht immer aufregend und schon gar nicht involvierend, im Gegenteil sogar ziemlich anstrengend. Aber als gelungener Versuch, mit filmischen Mitteln vollkommen vormodern, vormoralisch, vorwissenschaftlich, vornarrativ, ja sogar vorgeschichtlich zu erzählen, ist er absolut faszinierend und vielleicht gar einzigartig. Lucio Fulic, il conquistadore.