Mit ‘Angela Bassett’ getaggte Beiträge

In den 23 Jahren, die seit Brian De Palmas erstem Teil vergangen sind, hat es diese Reihe nun also mittlerweile auf fünf Sequels gebracht – und dabei ihre ganz eigene Stilistik geprägt. Vielleicht erinnere ich das falsch, aber MISSION: IMPOSSIBLE war ja damals – mit Ausnahme des Tunnelfinales – eher down to earth, weniger an absurden Actionsequenzen interessiert als am Thrill, den die heute ikonische Heist-Szene mit dem am Seil hängenden Ethan Hunt idealtypisch repräsentierte. Est mit der Verpflichtung des damals super-angesagten John Woo für Teil zwei wurde ein deutliches Bekenntnis zu bildstürmerischer Action abgegeben und spätestens seit Teil vier steht das Franchise vor allem für haarsträubende, spektakuläre Stunts, bei denen sich Hauptdarsteller Tom Cruise enormen Gefahren aussetzt, und den Puls nach oben treibende Actionsequenzen. Diese Ausrichtung hat dazu geführt, dass jeder neue Teil sich zwar damit rühmen darf, einen neuen Standard in Sachen Machbarkeit zu schaffen, aber auch, dass alles andere demgegenüber in den Hintergrund tritt. Ich weiß noch, dass ich den vorangegangenen Teil, MISSION: IMPOSSIBLE – ROGUE NATION sehr gut fand, aber darüber hinaus kann ich mich an fast nichts mehr erinnern. Spontan würde ich behaupten, dass der erneut von McQuarrie inszenierte sechste Teil den Höhepunkt der Reihe bildet (vielleicht neben MISSION: IMPOSSIBLE III, aber den müsste ich erst mal wieder auffrischen), aber ich halte es nicht für unmöglich, dass ich 2021, wenn die nächste Fortsetzung ansteht, erneut Mühe habe, mich an Details zu erinnern.

Aber das ist eigentlich völlig okay. Schon die Serie war nicht für bahnbrechende Substanz berühmt, sondern in erster Linie für die Titelmelodie von Lalo Schifrin, die immer wiederkehrenden Demaskierungen und technische Gimmicks. Die Kinofilme sind nur die konsequente Fortführung auf höchstem produktionstechnischen Niveau: Es geht in ihnen nicht um Inhalte oder darum, kritische Aussagen zur internationalen Diplomatie oder zum Handeln der Geheimdienste zu treffen – mit dem Spionagethriller der Siebzigerjahre hat dieses Franchise nur oberflächlich zu tun, deutlich mehr verbindet sie mit den Filmen um den Superagenten James Bond. Es hat sich auf den spielerischen Umgang mit der Form spezialisiert, grift dafür auf die seit Jahrzehnten etablierten Motive und Mechanismen des Agentenfilms zurück, weil sie eine schöne Basis für die Vexierspiele, Verführungen, Täuschungs-, Ablenkungs- und Überrumpelungsmanöver darstellen, aus denen sie sich zusammensetzen. Ob es wirklich noch einen Sinn ergibt, wer da wen hintergeht und warum, ist von völlig untergeordneter Bedeutung: Es geht dabei vor allem darum, alles ständig in Bewegung zu halten, Sicherheit und Gewissheit zu minimieren und damit die erzählerische Grundlage dafür zu schaffen, dass hier zu jeder Zeit alles möglich ist. Damit korrespondiert auch die Zeichnung des Protagonisten Ethan Hunt (Tom Cruise): Der trug schon in John Woos erster Fortsetzung deutlich messianische Züge, die seitdem aber noch stärker akzentuiert wurden. In MISSION: IMPOSSIBLE III stellte man ihm noch eine Ehefrau (Michelle Monaghan) zur Seite, die er dann retten musste, in FALLOUT dient sie – mittlerweile von ihm getrennt – vor allem dazu, seine Zeichnung als übermenschlicher Retter zu stärken, der für eine Beziehung nicht geeignet ist, weil es ihn von seiner Hauptaufgabe, als Schutzengel über die Menschen zu wachen, abhielte. Die Aufgaben, die er im aktuellen Film zu bewältigen hat, sind unlösbar und dass er trotzdem aus jeder Zwickmühle herausfindet, jeden Sturz oder Kampf überlebt und das Unmögliche möglich macht, wäre eigentlich zum Totlachen, wenn ein anderer als Cruise ihn spielen würde.

Man muss das so deutlich sagen: Ohne Tom Cruise würde das ganze Franchise nicht funktionieren. Es gibt keinen Schauspieler, der diese Rolle übernehmen könnte, ohne dass die um sie herum konstruierten Filme etwas vollständig anderes werden müssten. Cruise ist nicht nur exakt der überlebensgroße Superstar, den es braucht, um die unermüdlich aneinandergereihten Absurditäten halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen (man stelle sich mal andere Actionstars in dieser Rolle vor: Es geht nicht.), mit seiner an Todessehnsucht grenzenden Tollkühnheit treibt er die Reihe auch immer wieder zu jenen neuen Höhepunkten, die mittlerweile ihr Markenzeichen geworden sind. Zugegeben, ein Highlight wie die Burj-Khalifa-Sequenz aus GHOST PROTOCOL ist hier nicht dabei, aber dafür legt FALLOUT ein insgesamt halsbrecherisches Tempo vor. Das Spektrum reicht von erbittert geführten, ruppigen Keilereien über Verfolgungsjagden mit dem Wagen, dem Motorrad, zu Fuß und per Helikopter, Klettereien in schwindelerregender Höhe, Fallschirmsprünge durch Gewitterwolken und natürlich präzisen Shootouts. Im Finale gilt es nicht eine, sondern gleich zwei Atombomben zu entschärfen, wozu Hunt eine Fernsteuerung in seinen Besitz bringen muss, mit der der schurkische August Walker (Henry Cavill) im Hubschrauber davonfliegt. Für das Happy End muss er also den Hubschrauber erreichen, Walker bezwingen und ihm den Zünder abnehmen, während seine Partner Luther (Ving Rhames), Benji (Simon Pegg) und Ilsa (Rebecca Ferguson) zur gleichen Zeit nicht nur die Bomben finden, Feinde bezwingen und die richtigen Kabel durchknipsen müssen. Wenn FALLOUT zu Ende ist, ist man reif für einen Beruhigungstee. Doch die beste Sequenz ist eine andere für mich: Hunt muss den zu Fuß entkommenden Walker einholen, wobei ihm aber der kürzeste Weg versperrt wird. Der Weg, den er wie ein Irrer rennend zurücklegt, führt ihn daher über zahlreiche Umwege über Dächer, durch Großraumbüros und die obligatorische Fensterscheibe. Hier werden dann am ehesten Erinnerungen an die alten Kracher eines Jean-Paul Belmondo wach (der Schauplatz Paris tut sein Übriges), doch trotz der offenkundigen Reminiszenz schafft McQuarrie es, diese ganze Sequenz frisch, modern und innovativ erscheinen zu lassen, eben so, wie es sich für die Reihe gehört.

MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT wird dem hart erarbeiteten Ruf des Franchises (ich weiß, der Begriff ist furchtbar) mehr als gerecht, stellt ein gut zweistündiges Bombardement an Edge-of-your-Seat-Sequenzen, physischem Actionkino und erzählerischen Winkelzügen dar, das in jeder Sekunde spielerisch-leicht und enorm sexy daherkommt. Gerne mehr davon!

Vorab: Dem des Superhelden-Films weitestgehend überdrüssigen Marvel-Skeptiker, den das breite Oeuvre in seiner ganzen Fantasielosigkeit zuletzt vor allem ernüchtert und enttäuscht hat, hat BLACK PANTHER tatsächlich ganz gut gefallen, nicht zuletzt, weil man ihn als alleinstehendes Werk betrachten und seine Verbindung zum Rest über weite Strecken ausblenden kann. Wenn ich meine Seherfahrung aber mit den vor Superlativen triefenden Lobeshymnen abgleiche, die zum Start des Films zu lesen waren und ihn in den Rang eines politischen Manifests erhoben, kann ich trotzdem nur den Kopf schütteln. (Ich gebe zu: Bei WONDER WOMAN habe ich die Stimmen, die in dem Film einen feministischen Befreiungsschlag sahen, noch verteidigt, wohl auch, weil mich die überwiegend männlichen Gegenredner und ihre Argumente annervten.) Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass BLACK PANTHER darin, eine explizit afrozentrische Haltung innerhalb eines großbudgetierten Eventmovies zu implementieren, durchaus außergewöhnlich, vielleicht gar bemerkens- und lobenswert ist.

BLACK PANTHER spielt im afrikanischen Wakanda, einem Staat, der dank des Rohstoffs Vibranium zu überlegener Technologie gelangt ist. Anstatt seine Vormachtstellung allerdings nach außen zu tragen oder mit Vibranium zu handeln, halten die Wakander ihre Errungenschaften geheim und verstecken sich hinter der Fassade eines Dritte-Welt-Staates. Sie wollen mit den Konflikten in der Welt nichts zu tun haben. Mit dieser selbstauferlegten Sonderrolle ist es aber vorbei, als Eric Kilmonger (Michael B. Jordan) den neuen König T’Challa (Chadwick Boseman) vom Thron stößt. Kilmongers Vater wurde einst als Verräter von T’Challas Vater, dem damals amtierenden König, ermordet, und Eric als ausgestoßener Waise zurückgelassen, was ihn dann zu einer Laufbahn als hochqualifizierter und effizienter Mörder brachte. Er will Wakanda zur militärischen Macht aufbauen.

Fast alle handelnden Charaktere von BLACK PANTHER sind Schwarze und der Film spielt bis auf einige wenige Szenen in Wakanda, einem Staat der afrikanische Kultur und utopistische Hightech-Elemente harmonisch vereint. Mehr noch: Es wird suggeriert, dass die technischen Errungenschaften des fiktiven Staates in der Lage sind, viele Probleme, mit denen wir uns heute weltweit herumplagen, zu lösen. Afrikas einzigartige Bedeutung als „Wiege des Lebens“ findet ihre konsequente Fortsetzung: Wenn die Erde weiterexistieren soll, muss Afrika in Vertretung der Wakandaner mit leuchtendem Vorbild voranschreiten. Der Spiritualismus und die Naturverbundenheit der Wakandaner werden nicht lediglich als liebenswerte Marotte zum Ethnokitsch für Hippies verbrämt, sondern als philosophische Konzepte Ernst genommen und zur Grundlage einer modernen Zivilisation gemacht, die sich vor der westlichen Welt nicht nur nicht verstecken muss, sondern dieser klar überlegen ist. Das ist auch innerhalb des von weißen Heilsbringern dominierten Marvel Universums keine Selbstverständlichkeit und noch weniger, wenn man sich den restlichen Auswurf Hollywoods anschaut. Auch politisch ist BLACK PANTHER überraschend differenziert und hebt sich wohltuend vom mitunter unangenehmen Militarismus der anderen Marvelfilme ab: Die Bedrohung, die Kilmonger darstellt, ist gewissermaßen hausgemacht, der Staatsfeind ein Opfer einer Politik, die rein utilitaristisch denkt, ohne jede Rücksicht auf den Einzelnen. Er ist einer der sympathischsten und tragischsten Schurken der letzten Jahre und sein unausweichlicher Tod am Ende fühlt sich keineswegs wie ein Triumph an. Die Parallelen zu Bin Laden sind ebenso unverkennbar wie die expliziten Seitenhiebe gegen Trump und seine Politik der Spaltung und des Mauerbaus.

So wohltuend diese Ansichten im Rahmen eines solchen Filmes aber auch sind: Als Ganzes ist BLACK PANTHER, so wie alle Filme des MCU, maximal nett. Weil er ja doch wieder nur ein Baustein in einem deutlich größeren Ganzen sein darf, die genannten Aspekte nicht mehr als Details, die in der Gesamtkomposition den Status von Gimmicks einnehmen, beraubt er sich auch der Durchschlagskraft, die er als konzentriertes Einzelwerk hätte entfalten können. Und als großer Eventfilm hat BLACK PANTHER darüber hinaus wie alle Marvelfilme das Problem, viel zu viel Exposition abwickeln zu müssen: Die zwei, drei Action-Set-Pieces sind großzügig über den ganzen Film verteilt, dazwischen wirkt auch BLACK PANTHER viel zu oft wie eine Soap-Opera-Episode mit seinen endlosen Dialogen vor detailfreudigen, aber immer auch etwas leblosen Green-Screen-Backgrounds und seiner aufgeblasenen Quatschgeschichte. Cooglers Film profitiert immens von seinem ausgefallenen Setting, mit dem er sich von den recht gleichförmigen Partnerfilmen deutlich abhebt, sowie einigen klugen Drehbuchkniffen, aber er weist eben auch alle Schwächen und Mängel auf, mit denen alle MCU-Beiträge bisher zu kämpfen hatten.

19051754Wie der vor kurzem hier besprochene STRAIGHT OUTTA COMPTON, der sich mit der Geschichte der „world’s most dangerous group“ N.W.A. beschäftigte,  wurde auch NOTORIOUS, das Biopic über den 1997 erschossenen Rapper The Noroious B.I.G., kurz „Biggie“, von Beteiligten produziert. Neben Biggies einstigem Mentor, Freund, Labelchef und Produzenten Sean „Puffy“ Combs sorgte vor allem Voletta Wallace, die Mutter des Verstorbenen dafür, dass das Ansehen ihres Sprösslings nicht beschädigt werden würde. Wer Antworten auf die Fragen zu seiner und Tupacs Ermordung erwartet, wird enttäuscht. Dieser ganze Themenkomplex wird geradezu peinlichst gemieden, vielleicht auch, weil Voletta Wallace während der Produktion des Films mitten in einem von ihr initiierten Prozess gegen das LAPD steckte.Schon bei STRAIGHT OUTTA COMPTON war dieser Mangel an Objektvität problematisch, bei NOTORIOUS ist er nur einer von vielen Sargnägeln.

The Notorious B.I.G., mit bürgerlichem Namen Christopher Wallace, stieg in nur wenigen Jahren vom kleinen Straßenecken-Dealer zur lokalen Rap-Bekanntheit zum vielleicht einflussreichsten Rapper der Neunzigerjahre auf, verkaufte Millionen seiner Platten, avancierte zum Pop-Phänomen und zur Ikone. Wie vielleicht keinem anderen Rapper vor ihm gelang es Biggie die Zerreißprobe im Hip-Hop-Geschäft zu bestehen, das Mainstream-Publikum mit radiotauglichen Hits zu versorgen und sich mit harten „Bangern“ die Street Credibility zu wahren. Seine Ermordung im „Feindesland“ von L.A. war der Endpunkt eines medial aufgebauschten „Hip-Hop-Kriegs“ zwischen West- und Ostküste und wurde jahrelang als Vergeltungsschlag für die Erschießung seines einstigen Kumpels Tupac Shakur ein halbes Jahr zuvor angesehen (mehr Details dazu entnehmt ihr meinem Text zur Broomfield-Doku BIGGIE AND TUPAC). Bis heute ist sein Mörder nicht gefasst worden. So sehr sein Tod die kommerziell nicht unbedeutende Mythologisierung beförderte (das posthum veröffentlichte Album lautete auf den prophetischen Titel „Life after Death“), die Scarface-Parallelen unterstrich, die Biggie selbst so gern betonte, und ihn erst Recht zur überlebensgroßen Figur machte: Es besteht kaum ein Zweifel, dass der Rapper mit einem riesigen dichterischen Talent und Charisma ausgestattet war, die bei seinem Tod im Alter von nur 24 Jahren nicht annähernd ausgeschöpft waren.

Umso bedauerlicher (und unverständlicher), dass NOTORIOUS nicht über eine Ansammlung erzählerischer und inszenatorischer Klischees hinauskommt, die Einzigartigkeit seines Protagonisten zu keiner Sekunde wirklich einzufangen weiß und sich damit begnügt, eine Geschichte zu bebildern, die eh schon jeder kennt. Wallace (Jamal Woolard) wächst als Sohn der alleinerziehenden Mutter Voletta (Angela Bassett) auf, die ihn in bescheidenen, aber gesicherten Verhältnissen liebevoll, aber streng erzieht. Die Überzeugung, es als Schwarzer auf ehrliche Art und Weise nicht weit bringen zu können, lässt ihn eine Karriere als Dealer einschlagen, seine Gedanken und Gefühle ordnet er in Rhymes, die er in einem Buch sammelt. Er wird Vater, gerät mit dem Gesetz in Konflikt, landet im Knast und lernt schließlich Puffy Combs (Derek Luke) kennen, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihn gewissermaßen „rettet“. Der Aufstieg, gesäumt von schönen Frauen – Lil‘ Kim (Naturi Naughton) und Faith Evans (Antonique Smith) – und Reichtümern beginnt, aber bald zeichnen sich erste Schatten ab: Die Freundschaft zu Tupac (Anthony Mackie) zerbricht ebenso wie die Ehe mit Faith, seine Ermordung beendet ein turbulentes Leben vorzeitig und abrupt. NOTORIOUS findet seinen Frieden in dem Glauben, dass Biggie sein Leben bei seinem Tod wieder in den Griff bekommen hatte, und in den Bildern vom Trauerzug durch die Straßen seiner Heimat Brooklyn, bei dem Tausende von Menschen ausgelassen zu seiner Musik feiern. Ein paar Schrifteinblendungen käuen die Moral vom American Dream wieder, nach dem es jeder nach ganz oben schaffen kann: „The sky’s the limit.“

Teilweise wird NOTORIOUS so banal und klischeehaft, dass es fast wehtut, etwa wenn er den Rapper nach einem Unfall im Bett eine Montagesequenz vergangener Verfehlungen erträumen lässt oder er den Rapper mit Baby auf dem Arm als liebevollen Papa vor der vor Rührung ein Tränchen verdrückenden Mama inszeniert. Und nachdem Biggie seine Affäre mit Lil‘ Kim am Telefon mit einem gesalzenen „Fuck you, bitch!“ beendet, nimmt er das Töchterchen auf den Schoß und erklärt ihm ganz reuiger Sünder, dass es sich im Leben niemals von einem Mann als „bitch“ beschimpfen lassen soll. Alles ist vorgeformt, in Schablonen gepresst, lediglich darauf bedacht, ein eh schon im Kopf des Publikums existierendes Bild zu bewahren, es bloß nicht zum Wanken zu bringen. Würde man das reale Vorbild nicht kennen, man würde sich fragen, was denn nun eigentlich so besonders war an diesem Rapper, dessen Geschichte sich anhört wie Tausende andere vor ihm. Ein ganz großes Problem ist auch die Besetzung: Hauptdarsteller Jamal Woolard macht seine Sache sicherlich gut, vor allem in den musikalischen Passagen, die er m. W. ohne Nachsynchronisierung absolviert, doch ihm fehlt diese majestätische Präsenz, die Größe und die Aura, die Biggie zum Rapgott und Idol machte. Den zweifelnden, kämpfenden Künstler nimmt man ihm einfach nicht ab. Noch schlimmer ins Gewicht fällt das aber bei der Besetzung von Puffy Combs und Tupac: Derek Luke und Anthony Mackie können die riesigen Schuhe ihrer realen Vorbilder nicht annähernd ausfüllen, wirken wie banale Witzfiguren, zumal sie zu keiner Sekunde als Menschen greifbar sind. Tillman versäumt es völlig, die Motivationen, Gedanken und Emotionen seiner Charaktere wirklich nachvollziehbar zu machen: Sein einziges Mittel dazu sind der Dialog oder die schon erwähnten vorformatierten Bilder und Szenen. In seinen schlimmsten Momenten verkommt NOTORIOUS so zum Schülertheater, zum unbedarften Mummenschanz mit heftig grimassierenden Darstellern. Ob man dem Toten damit einen Gefallen getan hat? Mal schauen, ob der für dieses Jahr angekündigte Tupac-Film etwas Wiedergutmachung beetreiben kann.

 

Olympus-Has-FallenIm Rennen um die Aufmerksamkeit musste Antoine Fuquas Presidentsploitationer zwangsläufig gegen Roland Emmerichs nahezu zeitgleich gestarteten WHITE HOUSE DOWN verlieren. Die Frage, ob das gerechtfertigt war, beantworte ich vielleicht, wenn ich letzteren irgendwann mal sehen sollte, für den Augenblick beschränke ich mich auf die Feststellung, dass mir OLYMPUS HAS FALLEN als überraschend heftiger, Neunzigerjahre-Retro-Actioner viel Spaß gemacht hat, man aber merkt, dass Fuqua sich in weniger aufgeblasenen, ultrapatriotischen Fahnenschwenkern deutlich mehr zu Hause fühlt. Sowohl BROOKLYN’S FINEST, THE EQUALIZER als auch SHOOTER muten persönlicher und eigenständiger an, weniger auf einen nationalhygienischen Zweck hin modelliert, der in OLYMPUS HAS FALLEN in schöner Regelmäßigkeit für Augenrollen sorgt. Aber ich ahne, dass das in Emmerichs WHITE HOUSE DOWN wahrscheinlich alles noch viel schlimmer ist, zumal der sich nicht so auf die Inszenierung krachender Shootouts versteht wie Fuqua es ohne Frage tut. Aber die Eroberung des Weißen Hauses, bei der zahlreiche nationale Symbole effektreich zerstört werden und die in dem mit aller zur Verfügung stehenden Computerpower manipulierten Bild des vom Dach flatternden, zerfetzten Star Spangled Banner kulminiert, die hätte auch Hollywoods Lieblingsschwabe kaum masochistischer und dramatischer in Szene setzen können.

OLYMPUS HAS FALLEN ist, auch das macht ihn meiner Meinung nach interessant, zwischen Traditionsbewusstsein und Aktualitätsbestreben hin- und hergerissen. Der Präsident ist hier, anders als bei Emmerich, der Jamie Foxx als an Obama angelehntes Staatsoberhaupt besetzte, ein Weißer (Aaron Eckhart als liberaler Benjamin Asher), der mit seiner kumpeligen Attitüde an Bill Clinton denken lässt. Das Plotkonstrukt mit dem allein auf weiter Flur kämpfenden Spezialisten erinnert frappierend an die ersten beiden DIE HARD-Filme, die Schurken hingegen sind die Nazis bzw. Russen der Gegenwart, nämlich Nordkoreaner, und die Action wechselt von mit CGI aufgepimpten, ausufernd-bombastischen Schlachtgemälden hin zum brachialen, reduzierten Mann gegen Mann, das schon den Western auszeichnete. Richtig geil ist OLYMPUS HAS FALLEN immer dann, wenn er sich seinem Protagonisten, dem ehemaligen Leibwächter des Präsidenten Michael Banning (Gerard Butler), an die Fersen heftet, ihn bei seiner Infiltration des von Feinden besetzten Weißen Hauses begleitet und ihn dabei beobachtet, wie er die Schurken mit äußerster Rücksichtslosigkeit plattmacht. Durchaus untypisch für ein Eventmovie dieser Größenordnung geizt OLYMPUS HAS FALLEN nicht mit heftigen Brutalitäten: Die Kopfschüsse sind nicht zu zählen, auch Messerattacken richten sich mit Vorliebe gegen den Hals oder den Schädel der Opfer, und wenn mal keine Waffe zur Hand ist, wird eben kurzerhand das Genick gebrochen. In Hinblick auf das Sujet des Films darf man das durchaus als Warnung potenzieller Terroristen verstehen: Wer sich am Nationalheiligtum vergreift, hat keine Barmherzigkeit zu erwarten. Gerard Butler ist mit seinem Bulldoggengesicht und dem aufgepumpten Body eine ideale Besetzung für den treuen Staatsdiener, der etwas gut zu machen hat – in der Eröffnungsszene misslingt es ihm, die First Lady (Ashley Judd) nach einem Autounfall vor dem Tod zu bewahren, was ihm seinen Job kostet und ihn vom Präsidenten und dessen Sohn entfremdet –, geht seiner Aufgabe mit vollem Körpereinsatz nach und blutet dabei fast so schön wie einst Bruce Willis.

Neben der patriotischen Onanie des Films und der Ernsthaftigkeit, mit der dieser würzige Käse ausgebreitet wird, als handele es sich dabei um die neue Declaration of Independence (die finale Ansprache des Präsidenten, der potenzielle Aggressoren mithilfe wohlklingender Buzzwords wie „unity“, „strength“, „heroes“, „dignity“ und natürlich „God“ darüber aufklärt, dass die Bevölkerung der USA im Ernstfall eine vereinte, unnachgiebige Front bilde, ist gewiss der Tiefpunkt des Films) ist es vor allem der reichlich selbstzweckhaft komplizierte Plan der Schurken, der Kritik verdient: Sie dringen ins Weiße Haus ein und entführen die drei Ranghöchsten Staatsdiener, um von ihnen die Codes zur Aktivierung des „Cerberus-Programms“ zu erpressen, mit dessen Hilfe sämtliche Atomraketen und mithin die Selbstverteidigung des Landes gegen einen nuklearen Erstschlag lahmgelegt werden sollen. Man sollte meinen, dass die Terroristen das auch etwas einfacher hätten haben können, wenn sie doch schon so weit ins politische Herz der Nation vorgedrungen waren. Aber natürlich ist das Spielchen so etwas spannender, gibt es dem Helden überhaupt erst die Zeit, etwas gegen die Feinde auszurichten. Und wie gesagt: Wie er da aufräumt, das macht Spaß und dürfte aus meiner Sicht durchaus als Vorbild für weitere großbudgetierte, gewalttätige Retroactioner herhalten. Besser als die letzten beiden EXPENDABLESFilme, die sich diese Aufgabe eigentlich auf die Fahnen geschrieben haben, ist OLYMPUS HAS FALLEN sowieso.