Mit ‘Anke Syring’ getaggte Beiträge

Im Jahr seines ersten Hardcore-Films zog es Joe Sarno wieder einmal nach Europa, genauer gesagt in die Schweiz, um dort im Auftrag seiner Produzenten einen der damals angesagten Beiträge zur Sexvampir-Welle zu drehen. Dem Ergebnis sieht man an, dass sich der amerikanische Sexfilm-Pionier für solcherlei Gedöns nicht die Bohne interessierte, aber er dachte sich „what the hell“ und lieferte: DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN ist nicht gerade ein Schlüsselfilm im umfassenden Werk des Filmemachers, für Anhänger der Auteur-Theorie wahrscheinlich gänzlich vernachlässigbar, aber wenn man bereit ist, die mitunter hanebüchenen Dialoge, die stark schwankenden Darstellerleistungen, die aus der Not geborenen „Spezialeffekte“ und die ziellos mäandernde, zum Schluss immer redundanter werdende Handlung als Teil des Spiels zu akzeptieren, wird man mit einem visuell mitunter betörenden Werk belohnt.

Die an die Legende der in Jungfrauenblut badenden Elizabeth Bathory wird von Sarno zu einer Vampirgeschichte um Verführung, Kontrollverlust und -behauptung umgedichtet, die ihre zwei bis drei Konfliktsituationen in verschiedenen Konstellationen ad infinitum wiederholt und das alles mit zahlreichen Nacktszenen sowie den barbusig in ihrem Folterkeller zu hypnotischen Trommelrhythmen tanzenden Vampirinnen um die strenge „Haushälterin“, sprich Obervampirin, Wanda Krock (Nadia Henkowa) ergänzt. Zu Beginn kehren sowohl drei hübsche Mädchen – Helga (Marie Forså), Monika (Ulrike Butz) und Iris (Flavia Keyt) – im alten Schloss ein als auch die Aberglaubens-Forscherin Julia Malenkow (Anke Syring) und ihr Bruder Peter (Nico Wolferstetter). Letztere gebe sich als im Regen Gestrandete aus, wollen in Wahrheit aber dem Treiben der Vampire ein Ende setzen. Es beginnt das große Belauern: Die schöne Monika ist eine Wiedergängerin der einstigen Vampirgräfin, darüber hinaus haben es Wanda und ihre Vampirfrauen aber auch auf Helga abgesehen, um erst Peter, dann dessen Schwester unschädlich machen zu können. Durch nächtliche Gesänge und Getrommel werden die armen Mädchen wuschig gemacht, aber immer, wenn es ernst wird, kommt Julia mit ihrem Knoblauchkreuz daher. Am Ende können die Vampirinnen schließlich doch noch besiegt werden und der Film nimmt ein ebenso unsanftes, abruptes Ende wie die diabolische Wanda und die arme Monika.

Das alles ist natürlich totaler Tinnef, dem das nicht vorhandene Budget nicht gerade in die Karten spielt: Ein Angriff von Vampirfledermäusen wird erst ganz ohne solche realisiert, dann mithilfe von als Schattenrisse vor der Kamera rumfuchtelnden Händen. Das ständige Belauern ohne Konsequenz wird zunehmend enervierend, der Film tritt eine gut halbe Stunde lang auf der Stelle und streckt das alles unter Zuhilfenahme der obligatorischen Sex- und Nacktszenen auf die geradezu epische Länge von über 100 Minuten. Was DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN rettet – neben dem Charme, die solche kackdreisten Erzeugnisse ja immer verströmen – sind Sarnos meisterliche Kadrierung, sein Gespür dafür, Gesichter zu inszenieren und die wunderschöne Fotografie von Steve Silverman, der auf eine sehr sinnliche Lichtsetzung bauen kann. Werden „Billigfilme“ dieser Art oft nach dem Motto „Viel hilft viel“ ausgeleuchtet, auf dass die Schlagschatten ihren Tanz aufführen mögen, setzt Sarno auf natürliche Lichtquellen und erzeugt so eine sehr diffuse, weiche Lichtstimmung. Besonders Anke Syring und die zauberhafte Marie Forså profitieren davon und DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN gerät mitunter fast zur Liebeserklärung an die beiden Darstellerinnen (eine solche drehte ja auch Jürgen Enz mit seiner HERBSTROMANZE, in der die nun nicht mehr ganz so junge Anke Syring dem FÖRSTER VOM SILBERWALD Rudolf Lenz verfällt). Nadia Henkowa chargiert demgegenüber bis zum Umfallen, hat offenkundig Spaß daran, ihre Nüstern beben zu lassen und geil die Lippen zu schürzen und Sarno dankt es ihr, indem er ihr und ihren markanten Zügen etliche Kinski-Momente beschert. Die Zahl der Szenen, in denen sie von der Seite ins Bild tritt, um einer Schönen mit ihren dunklen Augen und teuflischem Lächeln über die Schulter zu schauen, ist kaum zu zählen. Mir hat DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN gefallen und mich dazu inspiriert, mich endlich mal intensiver mit Sarno zu beschäftigen. Wenn zu seiner formalen Meisterschaft, die er hier zeigt, auch noch etwas inhaltliche Substanz hinzukommt, darf Großes erwartet werden.

Keinen Film habe ich dieser Tage (oder sogar jemals?) mit solcher Spannung erwartet wie Jürgen Enz‘ mittlerweile gleichermaßen gefeierten wie berüchtigten Heimatfilm. Die mir schon seit einiger Zeit vorliegende Videokopie habe ich extra links liegen lassen, um beim ersten Sonderkongress des Hofbauer-Kommandos mit der 35-Millimeter-Kopie besonders nachhaltig entjungfert zu werden. Der Film hatte es, belastet mit dieser Erwartungshaltung (die durch die zahlreichen Lust machenden, dabei das Mysterium des Filmes bewahrenden Texte geschätzter Freunde und Kollegen geschürt wurde) eigentlich unheimlich schwer. Meine Leser, die meine Filmlandschaft teilen, kennen das wahrscheinlich aus eigener Erfahrung: Diese endlich nach langer Wartezeit erfolgenden Sichtungen von Filmen, über die man schon so viel und fast ausschließlich Gutes gehört hat, sind oft auch die enttäuschendsten. Hier wurden die Erwartungen jedoch nicht nur erfüllt, sondern noch meilenweit übertroffen, was als Beleg dafür dienen mag, was Enz mit HERBSTROMANZE für ein Meisterwerk gelungen ist. Und nicht nur das: Sein Film ist hinsichtlich seiner Stimmung absolut singulär, ein Unikat, nicht nur in der deutschen Filmlandschaft. Er ist so verstörend und groß, dass man nur bedauern kann, dass er, immerhin als „Film für die ganze Familie“ angekündigt, seinerzeit so hoffnungslos floppte, mithin keinen ganzen Serie vom genialisch-autistischen Enz inszenierter Spät-Heimatfilme initiierte: Schon der Gedanke lässt unweigerlich Hosen platzen und Gehirne schmelzen.

Aus dem fernen München reist Christina Peters (Anke Syring), eine Frau in den besten Jahren, mit ihrer stummen Tochter Veronika (Marion Brandmaier) ins beschaulich-rustikale Hochsauerland, um auf dem Gut Vorwald Freiherr Benno von Calden (Rudolf Lenz) zu besuchen, mit dem sie vor vielen, vielen Jahren eine unerfüllt gebliebene Liebesbeziehung unterhielt. Beim Freiherrn erwachen jedenfalls sofort alte Gefühle, auch unter dem Eindruck Veronikas, die ihn so sehr an seine große Liebe erinnert. Doch die Last der vergangenen Jahrzehnte lässt sich nicht beseitigen …

Der Trailer suggeriert noch einen Plot, in dessen Zentrum der schurkische Reno von Calden (Claus-Dieter Reents), Sohn des Freiherrn und sein unstillbares Verlangen nach der jugendlichen Veronika stehen, doch der entsprechende Konflikt ist kaum mehr als ein Nachgedanke in diesem Film, der eine Meditation über das Älterwerden und den langsamen Fluss der Zeit ist. Eigentlich passiert überhaupt nichts in HERBSTROMANZE, aber dabei ist er dennoch übervoll. An Eindrücken, Geheimnissen, unerzählt bleibenden Geschichten, unerfüllten Wünschen und geplatzten Träumen. Und an Blicken. Oh, diese vielsagenden Blicke … Unter der Oberfläche, die spiegelglatt daliegt wie der friedvolle Ententeich auf des Freiherrn Grundbesitz, die nur von ganz leichten Wellenbewegungen gekräuselt wird, wenn eine leichte Brise darüberstreicht, ein Unwetter ankündigt, das dann doch unerwartet ausbleibt, da brodelt es gewaltig, fallen bizarre Raubfische über gründelnde Entchen her und zerfetzen sie lustvoll mit ihren rasiermesserscharfen Zähnen. Die Suggestivkraft, die Enz in seiner aufreizend langsamen, hypnotischen Inszenierung beschwört, ist vielfach kaum zu ertragen. Die Dialoge dringen nie zum Kern der Dinge vor, die Münder verstummen, bevor sie die Wahrheit aussprechen können, und was am Ende bleibt, sind hilflose Gesten und immer wieder diese Blicke ins Nichts. Die Luft in jenen Szenen des bis zur totalen Leblosigkeit ritualisierten Beisammenseins – am Frühstücks- oder Mittagstisch, im Festzelt, beim Schachspiel – ist zum Schneiden dick und die Nerven sind bis zum äußersten gespannt. Die ostentative Betonung seiner Gastfreundschaft, die der Freiherr immer wieder verkündet, lässt ihn wahlweise als Realitätsverleugner oder aber als Blindgänger erscheinen, die Kluft zwischen Anspruch und Realität als vollkommen unüberbrückbar. Nicht nur im Zuschauerraum stellte sich stets spürbare Entspannung ein, wenn der Clown Kaspar Leroy (Dietz-Werner Steck) die aufgeladene Atmosphäre mit seinen exaltierten Späßen durchbrach. Auch die Charaktere freuen sich sichtbar über die Ablenkung vom Elefanten im Raum, der mit jeder Bewegung weiteres Porzellan zerschlägt, ohne dass jemand Anstoß daran nähme. HERBSTROMANZE ist auch ein Film der Handlungsunfähigkeit bzw. -verweigerung, ein Film über die äußersten Auswüchse der Verdrängung. (Die Traumatisierung Veronikas wird von ihrer Mutter einfach so hingenommen, ihre Fixierung auf den toten Vater als romantische Marotte genauso toleriert wie das Arschlochverhalten Renos von Benno.) Das passt zum Heimatfilm mit seiner Sexualitätsverklausulierung und seiner Untiefenpsychologie natürlich wie die Faust aufs Auge. Die Besetzung Rudolf Lenzs, des einstigen Försters vom Silberwald, ist mehr als nur programmatisch: HERBSTROMANZE wirkt zeitweise beinahe wie der große Meta-Heimatfilm, in dem alle Klischees des Genres in abstrakten Gesten erstarrt sind. Anstatt Bedeutung werden hier nur noch leere Bedeutungsbehälter transportiert. Und statt imposanter Alpenkulisse empfängt die nondeskript-erdfarbene Anhäufung von Hügeln, Tannenwäldern und Tälern des Sauerlands den Zuschauer mit mildem Hohn. Enttäuschung ist nicht zuletzt die Befreiung von einer Täuschung.

Aber Enz‘ Film ist keineswegs bloß trocken-intellektuelle Fingerübung. Mit seiner meditativen Stimmung, maßgeblich befördert durch den typisch mechanischen Enz-Soundtrack und die gewohnt langsame Inszenierung sowie das chloroformierte Spiel der Akteure, handelt es sich vielmehr um einen unmittelbar sinnlichen Film, der eher instinktiv verstanden wird, als mit den Instrumenten der Hermeneutik seziert. Es ist ein unglaublich deutscher, unglaublich beunruhigender, aber auch unglaublich aufregender Film. Am Ende betastet Benno, seiner Christina trauernd hinterherschauend, das kleine Porzellanpferd, den Talisman Veronikas, den diese ihm überlassen hat, als Zeichen ihrer Dankbarkeit und der Überwindung ihres Traumas. Es ist ein Bild, das die finale (Auf-)Lösung aller Probleme, den Aufbruch in eine befreite Zukunft signalisieren soll. Aber es ist mit so vielen weiteren, weitaus weniger beruhigenden Bedeutungen aufgeladen, dass es vielmehr eine neue, noch tiefere Ebene neurotischer Verstrickungen andeutet. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“, schrieb einst Bertolt Brecht in „Der gute Mensch von Szechuan“. Das trifft auch auf den Zuschauer zu, der aus der HERBSTROMANZE entlassen wird. Nur Benno von Caldern, der große Verdränger, fragt sich nichts mehr.