Mit ‘Anna Faris’ getaggte Beiträge

observe and report (jody hill, usa 2009)

Veröffentlicht: August 18, 2013 in Film
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Es gibt eine Szene, die paradigmatisch für OBSERVE AND REPORT und den Stil von Regisseur Jody ist, dessen Serie EASTBOUND & DOWN auf diesen Seiten schon einmal thematisiert wurde: Der bipolare Mall-Sicherheitsbeauftragte Ronnie (Seth Rogen), ein depressiver Versager mit Omnipotenz-Fantasien, besucht den Polizeibeamten Harrison (Ray Liotta), um – so denkt er – von ihm zu erfahren, dass er auf die Polizeiakademie aufgenommen wird. Natürlich ist Ronnie schon in der psychologischen Eignungsprüfung durchgefallen und Harrison genießt es sichtlich, die Träume des jungen Mannes platzen zu lassen. Mitten im Gespräch öffnet sich eine Tür im Büro Harrisons und ein Kollege des Polizisten, der auf der anderen Seite gelauscht hatte, tritt heraus: „I thought this would be funny, but it’s just … sad.“ Es ist ein wichtiger Augenblick für den Film und den Zuschauer, der nun bemerkt, dass das Leben Ronnies keineswegs ein greller Scherz ist, sondern eben – wenn man die Perspektive des Films verlässt – tatsächlich verdammt deprimierend und traurig. Es ist ein Moment der Metareflexion, in dem die Regeln des Komödiengenres aufgebrochen werden und der Fokus erweitert wird.

Ronnie Barnhardt ist ein Mittzwanziger, lebt noch bei seiner alkoholabhängigen Mutter (die ihm die Schuld dafür gibt, dass ihr Ehemann sie einst verließ), ist Single und sein ganzes Glück hängt an seinem Job als Sicherheitsbeauftragter der örtlichen Shopping Mall: Er genießt die Macht, die mit seiner Uniform verbunden ist, bewegt sich wie ein Gott durch die heiligen Hallen und ist völlig unempfänglich für die Einsicht, in einem Versagerjob gefangen zu sein, für den keinerlei Qualifikationen erforderlich sind. Er ist außerdem hoffnungslos verschossen in Brandi (Anna Faris), die oberflächliche Schlampe vom Kosmetikstand, die ihn stets erbarmungslos abblitzen lässt, ohne ihn damit jedoch in seinen Annäherungsversuchen zu entmutigen. Ronnies übersteigertes Selbstbild kann niemand ankratzen, sein Schutzmechanismus funktioniert perfekt. Als ein Exhibitionist die weiblichen Kunden der Mall „terrorisiert“ und außerdem ein Dieb umgeht, sieht es Ronnie als seine heilige Aufgabe, die Verbrecher dingfest zu machen. Das wiederum gefällt dem ermittelnden Beamten Harrison gar nicht …

Jody Hill hat in seinem noch überschaubaren Werk bereits einen sehr eigenen Stil etabliert, der zwischen dem Gross-out-Humor Judd Apatows, einer unterkühlten Indie-Lakonie, wie sie vielleicht P. T. Andersons PUNCH-DRUNK LOVE am besten verkörpert, und ätzend-wütender Satire, für die mir gerade keine prominente Vergleichsgröße einfallen will, sein Plätzchen findet. OBSERVE AND REPORT entspricht dem Gemüt seines manisch depressiven Protagonisten insofern, als er zwischen brüllender Komik, deprimierendem Porträt eines Hoffnungslosen, ernüchternder Gesellschaftskritik und anarchischem Amoklauf gegen jegliche Genrekonvention nicht nur alterniert, sondern in jeder Szene nahezu alles auf einmal ist. Es hängt ganz entscheidend vom Zuschauer ab, wie er OBSERVE AND REPORT sehen und verstehen möchte. Der bodenlos dumme und aggressive Ronnie taugt hervorragend als Witzfigur, über deren Verblendung man sich kapittlachen oder fremdschämen kann; dann wieder ahnt man, wie viele Ronnies tatsächlich da draußen rumlaufen, ohne Aussicht auf dieses kleine Portiönchen Glück, dass einem Menschen zustehen sollte, stattdessen mit einem ständig anwachsenden Frustrationspegel, der irgendwann den roten Bereich erreichen muss. OBSERVE AND REPORT ist so etwas wie die spätkapitalistische, humoristisch übersteigerte Version von Scorseses TAXI DRIVER: Doch während sich Bickles Zorn noch gegen wirkliche Verbrecher richtete, da geht Ronnie eigentlich gegen Seinesgleichen vor. Der „Pervert“, ein dicker älterer Mann, der Hausfrauen beim Einkaufsbummel seinen kümmerlichen Pimmel zeigt, ist ja bestenfalls tragikomisch und keinesfalls gefährlich. Die Bedeutung, die ihm beigemessen wird, der Schock, den etwa Brandi vorgaukelt, nachdem der Exhibitionist sich vor ihr „offenbart“ hat, ist selbst wieder nur einem fehlgeleiteten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit geschuldet. Eigentlich sind in diesem Film alle irgendwie kümmerliche Gestalten, die jemanden suchen, dem es noch mieser geht, um sich selbst erhöhen zu können.

Angesichts dieser wenig hoffnungsvollen Weltanschauung muss es überraschen, dass OBSERVE AND REPORT nicht zur zynischen Tirade verkommt. Die Hoffnung, dass es eine Erlösung geben könnte, bleibt lebendig. Keine Ahnung, wie Jody Hill das schafft.

Mit Adam Sandler widme ich mich derzeit einem Komödianten, der in den USA viel Häme und Verachtung für seine Filme erntet. Noch deutlich schlechter kommt sein ehemaliger Stand-up-Kollege und Freund Rob Schneider weg. Zugegeben: Der glubschäugige Schneider hat mit Komödie wie DEUCE BIGALOW, THE ANIMAL, DEUCE BIGALOW: EUROPEAN GIGOLO, THE HOT CHICK oder BIG STAN nicht gerade High Art fabriziert, sondern sich immer wieder mit Lust und Verve in die von Zoten, Pimmel- und Herrenwitzen durchsetzten Comedyniederungen begeben (wenn er nicht gerade den nervenden Comic Relief in Actionfilmen wie JUDGE DREDD oder KNOCK OFF gegeben hat), aber ich kann daran noch nichts per se Verwerfliches finden. Am Ende zählt meiner Meinung nach einzig und allein das Ergebnis und über THE HOT CHICK kann ich nur sagen, dass ich einige Male herzhaft gelacht habe, Rob Schneiders Darbietung als zickiges It-Girl wunderbar fand und den Film keineswegs so dumm, wie man anhand der Prämisse vielleicht vermuten durfte. Wie die Sandler-Filme auch ist THE HOT CHICK keineswegs ein Film, der mit dem Finger auf Minderheiten zeigt und sich wegschreit, sondern einer, der die ganze Blödheit von Heteronormativität und Spießertum bloßstellt.

Jessica (Rachel McAdams) ist eine typische High-School-Königin: Blond, hübsch (aber enthaltsam), Cheerleaderin und Anführerin ihrer Clique, heiße Kandidatin für den Titel der Prom-Queen, beliebt bei denen, die sich in ihrem Licht baden können, aber mit Inbrunst verachtet von allen anderen. Durch ein Missgeschick mit einem magischen Ohrring findet sie sich eines morgens unversehens im Körper einen nichtsnutzigen Kleinkriminellen (Rob Schneider) wieder, während der fortan im Körper der attraktiven Blondine die Straßen unsicher macht. Für Jessica geht es nun darum, herauszufinden, wie es zu ihrem „Missgeschick“ kommen konnte, um so einen Weg zurück in ihren echten Körper zu finden. Währenddessen findet ihre beste Freundin April Gefallen am neuen Aussehen von Jessica …

Körpertausch-Komödien haben immer einen „transgressiven“ Charakter: Die Tauschenden sind unterschiedlichen Alters, Geschlechts oder sozialer Herkunft und dürfen für kurze Zeit die andere Seite der Medaille kennenlernen. Am Ende haben sie dann ihr Spektrum erweitert, gelernt, dass das Gras auf der anderen Seite auch nicht grüner ist, und herrschende Vorurteile abgebaut. Die zuvor noch unvereinbar gegenüberstehenden Gegensätze sind sich ein Stück näher gekommen. Das ist aber nicht das, was in THE HOT CHICK passiert, denn er konzentriert sich ausschließlich auf die Frau im Mannskörper und darauf, wie die mit der neuen Situation umgeht. Es geht nicht darum, Männer und Frauen miteinander zu versöhnen, sondern sie mit Homosexualität zu konfrontieren. Natürlich bietet The HOT CHICK in erster Linie Rob Schneider eine Plattform für seine Albereien, nutzt begeistert die Gelegenheit, ihn in superenge pinkfarbene T-Shirts zu stecken, ihn im Girlie-Slang reden oder verweichlichte Gesichter ziehen zu lassen. Und weil Schneider viel Spaß daran zu haben scheint, diese Drehbucheinfälle in die Tat umzusetzen, er einfach eine umwerfend komische Figur als Frau macht, trifft THE HOT CHICK meist mitten ins Schwarze. Aber hinter der grellen Wackiness verbirgt sich ein durchaus aufklärerischer Impetus. So sehr der Film seine Lacher daraus bezieht, dass sich ein Mann, der noch dazu ausieht wie Rob Schneider eben aussieht, benimmt wie ein It-Girl: Letztlich gehen die Lacher nicht auf Kosten der Gayness, sondern auf Kosten jener, die sich von ihr angegriffen oder irritiert fühlen. Klassische Männlichkeitsideale werden umgeworfen: Die ganzen harten Heteros kriegen ihren Denkzettel, klassische Beziehungsbilder und Rollen werden über den Haufen geworfen. Das kulminiert am Ende darin, dass April mit Jessica zum Abschlussball geht, ihrer besten Freundin – die nun den passenden mänlichen Körper hat – ihre Liebe gesteht und ihr eine Beziehung anbietet. So viel Gender-Progressivität hatte ich von einem Rob-Schneider-Film definitiv nicht erwartet. Super!