Mit ‘Anne Fletcher’ getaggte Beiträge

„Comfortable Numb“ heißt ein Song von Pink Floyds Album „The Wall“. STEP UP, Auftakt zu einer in diesem Jahr mittlerweile fünfteiligen Serie von Tanzfilmen (dass STEP UP mittlerweile auch schon sieben Jahre alt ist, zeigt nichts so sehr, wie der myspace-Link auf dem Poster), ließe sich in Abwandlung des Titels als „Comfortably Dumb“ beschreiben. Will sagen: STEP UP hakt so ziemlich jedes Plotklischee ab, das man von einem solchen Film erwarten darf, überrascht garantiert niemanden, der in den letzten 30 Jahren irgendeinen Teenie-, Highschool- oder Sportfilm gesehen hat, ist in seiner „Du kannst es schaffen, wenn du nur willst“- und „Runter mit den Kids von der Straße“-Propaganda herrlich schlicht, schafft es aber erstaunlicherweise trotzdem, einen bei der Stange zu halten. Der Grund dafür ist wenig originell, aber evident. Ich habe etwas ganz ähnliches zu MAGIC MIKE geschrieben: Channing Tatum, der mit diesem Film seinen Durchbruch als potenzieller Leading Man feierte, bringt etwas mit, dass den Pappkameraden, den er zu spielen hat, lebendig werden lässt und mit ihm den ganzen Film. Ich habe den Hype um ihn bislang nie verstanden, fand ihn in G.I. JOE: RISE OF THE COBRA maximal zweckdienlich, seine Segelohren und seinen runden Kopf mit dem Jock-Haarschnitt nur wenig glamourös, aber mit diesen beiden Auftritten hat er mich überzeugt. Für einfach gestrickte (aber gutaussehende) Kumpeltypen mit goldenem Herzen ist er ideal, vielleicht der einzige in Hollywood, der so etwas auf hohem Blockbuster-Niveau kann.

STEP UP also. Die Bereitschaft, mich hier gewissermaßen fallen- und auf die diversen Flachheiten und Einfältgkeiten einzulassen, löste den Impuls, darüber zu lachen, bei mir schnell ab. Von der pseudolibertären, eigentlich eher neoliberalen Leistungshuberei abzusehen, den Film stattdessen als überschwängliches modern-urbanes Märchen vom Tanzprinz und seiner Tanzprinzessin zu begreifen, ist gewissermaßen die Grundvoraussetzung, hier vielleicht nicht gerade spirituelle, aber doch freudvolle Erfüllung zu finden. Guilty pleasure sagen manche dazu, ich habe es mir abgewöhnt, mir von Dingen, die ich mag, ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, bloß weil irgendein Konsens behauptet, sie seien minderwertig. STEP UP ist das moderne Äquivalent zur volkstümliche Sage, die sich damals von Mund zu Mund verbreitete und dann an jedem heimischen Herd etwas abgewandelt erzählt wurde: Eine Geschichte, die man kennt, in der man sofort drin ist, deren Ausgang keine Überraschung bereithält, der man aber trotzdem gern folgt, eben weil es ein legitimer Aspekt des Geschichtenhörens ist, sich über das Bekannte zu freuen. Und die Chuzpe, mit der hier alles mit allem verquirlt wird, kann einem schon Respekt abnötigen.

Da landet das weiße Ghettokid Tyler (Channing Tatum) mit seinem schwarzen Kumpel Mac (Damaine Radcliff) und dessen kleinem Bruder Skinny (De’Shawn Washington) nach einer Party auf der Bühne der Kunstakademie, wo sie im spätpubertären Überschwang gemeinsam ihrem zerstörerischen Trieb nachgehen. Tyler wird geschnappt und zu 200 Stunden Sozialdienst an eben jener Schule verdonnert. Begeisterter und talentierter Tänzer, der er ist, bleibt ihm die hübsche Nora (Jenna Dewan) nicht lange verborgen: Die bereitet sich auf ein wichtiges Vortanzen vor, als ihr Partner Andrew aufgrund einer Verletzung ausfällt. Natürlich ist Tyler geradezu idealer Ersatz, was Noras Freund, der ehrgeizige Brett (Josh Anderson) mit Argwohn betrachtet. Nach anfänglichen Problemen – die Studentin hält sich natürlich für etwas Besseres – entflammt die Liebe zwischen den beiden ungleichen Partnern. Doch es ziehen Probleme herauf: Auf einmal ist Andrew wieder gesund und Tyler landet auf dem Abstellgleis. Als der gesundete Tanzstudent merkt, dass er die von Tyler erheblich Richtung Hip-Hop modifizierte Nummer nicht tanzen kann, zieht er zurück, doch nun ist es Tyler, der, in seiner Ehre gekränkt, nicht mehr mitmachen will: ein Charaktermangel, der ihn auf ewig in seinen armseligen Verhältnissen gefangenhalten wird, wenn er nicht lernt, über seinen Schatten zu springen, wie ihm die strenge Direktorin Gordon (Rachel Griffiths mit ihrem bekannt sinnlich-rauchigen Hauchen) Das ist aber beileibe nicht der einzige Konflikt des Films, der natürlich auch einen Blick auf das gritty life on the streets werfen muss und zu diesem Behufe den schwarzen Straßengangster PJ sowie den Pate-ähnlichen Omar (Heavy D) aufbietet: Letzterer ist (humanistisch gebildeter) Besitzer eines Autoknackerrings – er erinnert einmal daran, dass sowohl Miles Davis als auch 2pac und Mobb Deep Kunstschulen besuchten, damit für credibility unter streetkids werbend –, fungiert als Arbeitgeber für Mac und hat so letztlich entscheidenden Anteil an der Erschießung Skinnys, der ausgerechnet PJs Karre klaut, um den Respekt seines älteren Bruders zu gewinnen (mir geht hier langsam die Luft aus). Ein weiterer Subplot dreht sich um den talentierten Komponisten Miles (Mario), der Noras Freund Brett mit seinen Stücken beliefert, dann aber von ihm sitzen gelassen wird. Er hat außerdem ein Auge auf die heiße Freundin Noras geworfen, Lucy (Drew Sidora), ist aber zu schüchtern, um bei ihr zu landen. Es ist seine Kunst, die ihm schließlich den Weg zu ihrem Herzen (und vermutlich in ihr Höschen) öffnet.

Wie gesagt ist nichts davon neu oder originell und noch weniger subtil – wie sich die Produzenten eine Kunstakademie vorstellen, ist geradezu rührend –, aber mir war das recht schnell egal. Spätestens in der Szene, in der Tyler und Nora auf einer Plattform vor dem in der untergehenden Abendsonne glänzenden Frachthafen ein Tänzchen abhalten und nur das gleißend helle Licht der Sonne die Lippen ihrer Silhouetten voneinander trennt, wollte ich dem Film alles glauben.