Mit ‘Anouk Whissell’ getaggte Beiträge

Ich gehöre ja zu den Menschen, die TURBO KID ziemlich schrecklich finden. Er ist sicherlich gut gemeint und nicht vollends unerträglich, aber eben genau jene Sorte von Fanservice, Zitatekino und Nerdjerking, mit der ich einfach nichts anfangen kann, die ich grauenvoll unproduktiv finde. Besonders schlimm: Dieses Eighties-Nostalgiegedöns, bei dem man merkt, dass die Urheber die Achtziger auch nur aus komischen Retroshows kennen. SUMMER OF 84 ist der Nachfolger von TURBO KID und macht weiter mit dem Achtziger-Worshipping, auch wenn das hier stärker in den Hintergrund rückt und der Film diese Zeit nur als  (allerdings ziemlich willkürlich gewählten) Rahmen für seine Geschichte verwendet. SUMMER OF 84 ist besser und „reifer“ und auch so angelegt, aber diese Anlage offenbart nun auch endgültig, dass die Filmemacher nicht wirklich etwas zu sagen haben. Auch wenn man TURBO KID ätzend fand, konnte man ihm zugutehalten, dass er immerhin den nötigen Drive und auch einen gewissen Witz mitbrachte, wenn man diesen Humor auch nicht teilte. SUMMER OF 84 läuft zwar gut rein, er ist „funktionabel“, wenn man so will, aber am Ende bleibt einfach nichts übrig. Ein Film, der nicht in erster Linie über seine Schauwerte, Gags und Effekte funktioniert, sollte etwas zu sagen haben. SUMMER OF 84 ist ganz nettes Entertainment, aber er versagt auf dieser Ebene völlig. Er zeigt ziemlich deutlich, dass diese Art von Rückwärtsgewandtheit völlig leer und sinnlos ist, wenn man keine Haltung zu der Zeit und ihren kulturellen Artefakten findet, die man da referenziert.

Der Teenie Davey Armstrong (Graham Verchere) ist der festen Überzeugung, dass sein Nachbar, der Polizist Wayne Mackey (Rich Sommer), der Serienmörder ist, der seit einiger Zeit im County sein Unwesen treibt und es hauptsächlich auf Knaben wie Davey abgesehen hat. Mehrere Hinweise erhärten den Verdacht und so bringt Davey seine Kumpels dazu, auf eigene Faust zu „ermitteln“. Als ihr Detektivspiel auffliegt und Mackey nur wenig später einen Verdächtigen verhaftet, scheint der Fall erledigt. Aber Davey ist immer noch von der Schuld des Polizisten überzeugt.

Eine Prise STAND BY ME, etwas Stephen Kings „Es“ (oder auch die nur ein Jahr zuvor überaus erfolgreich gelaufene Verfilmung), schließlich deutliche Anleihen bei FRIGHT NIGHT, dessen Vampir durch einen ordinären Serienkiller ersetzt wird: So in etwa lässt sich SUMMER OF 84 zusammenfassen. Will man es positiv wenden, so kann man konstatieren, dass es dem Regisseursteam gelungen ist, einen Film zu inszenieren, der die Vorbilder sehr originalgetreu emuliert. Die heterogene Protagonistenschar – zu den Kumpels, die alle einen bestimmten Typus repräsentieren, gesellt sich auch noch die scharfe, etwas ältere Nikki (Tiera Skovbye) – wird mit einigen wenigen Pinselstrichen zum Leben erweckt, das unschuldige Detektivspiel gerät mehr und mehr außer Kontrolle, und hinter dem biederen Antlitz des Killers steckt natürlich die wachsende Erkenntnis, dass die behütete Kindheit bald zu Ende und die Welt da draußen voller Gefahren und unangenehmer Überraschungen ist. Das kennt man, das funktioniert, auch zum hundertsten Mal noch. Aber das ist es dann auch schon. Die als große Erkenntnis dargebotene Weisheit, dass sich hinter dem Nachbar ein kranker Mörder verbergen kann, ist wohl einer der abgedroschendsten Standards des Horror- und Serienmörderfilms und der Hinweis auf Ronny und seine Reaganomics ist wahrscheinlich gesetzlich vorgeschrieben, wenn man einen Film über die American Eighties drehen will. Ansonsten reduzieren sich die Referenzen auf Band-T-Shirts, Poster, Plattencover und Soundtrack sowie den ein oder anderen hingeworfenen Dialogsatz. SUMMER OF 84 könnte genauso gut in den Sechzigern, Siebzigern, den Neunzigern oder den Nullern spielen, der Zeitrahmen ist reiner Zierrat, dessen einzige Funktion darin besteht, die anvisierte Zielgruppe zu triggern. Gähn.

Es ist etwas undankbar, den Film zu kritisieren: Er macht eigentlich nichts falsch, aber das liegt eben auch nicht zuletzt daran, dass er absolut nichts Neues, Eigenes ausprobiert. SUMMER OF 84 ist das filmische Äquivalent zur Coverband. Unter Umständen ganz nett, musikalisch vielleicht sogar beeindruckend, aber eben doch nur ein Abklatsch des Echten.

 

TURBO KID verzückte in diesem Jahr u. a. sowohl die Besucher des Sundance Festivals als auch die des hiesigen Fantasy Filmfests und verleitete sie zu Bemerkungen wie „TURBO KID is hands down the most entertaining film that screened at Sundance this year.  I had a ridiculous amount of fun watching this movie, and it one [sic!] I know that a lot of you would like as well. Everything about this movie exploded with pure awesomeness in the most nostalgic and extreme ways. In meiner Facebook-Timeline bin ich gar auf euphorisierte Urteile gestoßen, es hier mit einem echten Meisterwerk zu tun zu haben. Wenn ich so etwas lese und dann nach eigener Sichtung feststelle, doch milde underwhelmed zu sein, weiß ich nicht, worüber ich mich mehr ärgern soll: Über solche völlig übertriebenen Meinungsäußerungen, die zu nichts weiter beitragen, als die eigene Erwartungshaltung übermäßig anschwellen zu lassen und dem Werk selbst nicht mehr unvoreingenommen gegenübertreten zu können, oder darüber, dass es Zuschauer gibt, die jede soliden Film mittlerweile abfeiern, als gebe es kein Morgen, weil sie sich daran gewöhnt haben, sonst nur Dreck verabreicht zu bekommen.

Ich gebe zu: Vor 15, 20 Jahren hätte ich TURBO KID mindestens für das Beste seit der Erfindung von geschnittenem Brot gehalten, ihn wahrscheinlich jeden Tag einmal geguckt und Kumpels die besten Splatterszenen vorgeführt. Der Film ist durchaus liebenswert, keine Frage, trägt sein Herz auf dem rechten Fleck, zeugt von sympathischem Humor und einigem handwerklichen Können. Er verfügt zudem über einen absolut begeisternden, erfolgreich auf Eighties getrimmten Soundtrack (m. E. das beste am Film), zauberhafte „handgemachte“, also im besten Sinne altmodische Effekte und der kleine Kniff, ihn „in der Zukunft des Jahres 1997“ anzusiedeln, ist schlicht famos. TURBO KID ist ein Fanboy-Film, für den man sich endlich mal nicht schämen muss, den zu mögen einen nicht von vornherein zum infantilen Nerd mit fragwürdigem Geschmack stempelt. Aber er ist eben trotzdem immer noch ein Fanboy-Film, der jede Substanz vermissen lässt, sich mit zunehmender Spielzeit immer mehr auf (mich) ermüdende Vordergründigkeiten kapriziert (spätestens beim dritten mit einer Blutfontäne explodierenden Menschen ist der Witz weg und hier fliegen schätzungsweise 20 in die Luft) und darüber hinaus durch und durch derivativ ist. TURBO KID ist reines Zitatekino, zugegebenermaßen recht geschmackvoll und zurückhaltend mit seinen Referenzen, aber dann eben doch nur ein Film, der sich damit begnügt, positiv an Vergangenes zu erinnern. Was mich am meisten genervt hat: Jedesmal, wenn sich da echte Emotionen zu entfalten drohen, kann man sicher sein, dass ein Witz kommt, damit auch bloß alles in einem angenehm lauwarmen Bereich bleibt, wo man nicht wirklich berührt wird, alles auf so einem kirmesmäßigen Erregungsniveau lustig und unterhaltsam finden kann. Dasselbe gilt für die Gewalt, die so dermaßen over the top ist, dass damit schon früh jede Spannung flöten geht. (Das ist übrigens typisch für die Neunziger und keinesfalls für die Achtziger, da wir schon beim Thema sind.) TURBO KID bleibt in jeder Sekunde erkennbarer Kintopp, der sich beharrlich weigert, „wahr“ zu werden. Dabei geben die Figuren, allen voran die goldige Androidin Apple (Laurence Leboeuf), durchaus etwas her. Schade, dass sich die Macher damit begnügen, lediglich reue- und konsequenzlosen Fun abzuliefern, der fünf Minuten nach Filmende bereits wieder verflogen ist.

Ich glaube ganz ehrlich, dass die Zeit für solche Filme vorbei ist. Auf jeden Fall gehöre ich nicht mehr zu ihrer Zielgruppe. Da schaue ich doch lieber zum xten Mal BAD TASTE, einen Film, der TURBO KID ideell recht nahesteht, aber meiner Meinung nach hundertmal kreativer, absurder, witziger und wilder ist. Aber wahrscheinlich würde der 16-Jährige, der heute sein Blog mit Lobeshymnen auf TURBO KID vollschreibt, das ganz anders sehen. Und das ist ja auch irgendwie OK.