Mit ‘Anthony Steffen’ getaggte Beiträge

evelynAnhand von Emilio Miraglias Giallo, der hierzulande unter dem schönen Titel DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN veröffentlicht wurde, kann man gut sehen, welchen Einfluss die deutschen Edgar-Wallace-Filme auf den italienischen Giallo der Siebzigerjahre hatten. Mehr als an die Rasiermesser-Mörder-Filme, die außerhalb Italiens mit diesem Namen bezeichnet werden, obwohl sie eigentlich nur eine Spielart des allgemein als „Giallo“ bezeichneten Thrillers oder Krimis darstellen, erinnert LA NOTTE CHE EVELYN USCI DALLA TOMBA an das gothisch angehauchte Rätselraten um dekadente Adlige, fiese Morde, schreienden Wahnsinn, dunkle Geheimnisse und Erbschaftsstreitereien hinter altehrwürdigen Mauern, das auch die nach den Bestsellern des britischen Krimiautors entstandenen Filme kennzeichnet. Allerdings, und hier kommt dann die südeuropäische Nuancierung hinzu, ist bei Miraglia sehr viel mehr krachiger Sleaze, Sex und eine gehörige Portion ungebremster Irrsinn im Spiel, wo die Wallace-Filme eher die eichenhölzern-einlullende Gemütlichkeit eines gut beheizten Kaminzimmers verströmen.

Im Mittelpunkt steht der reiche, attraktive Witwer Lord Alan Cunningham (Anthony Steffen), dessen Gattin Evelyn einst im Kindbett starb und der seitdem eine gepflegte Macke kultiviert: Regelmäßig lädt er rothaarige Schönheiten zu sich ein, führt sie in die kleine Folterkammer seines ausladenden Herrenhauses, neckt sie ein bisschen mit der Peitsche und murkst sie dann ab. Sein Psychiater Timberlane (Giacomo Rossi Stuart) ist ahnungslos, weiß aber, dass sein Patient von Erscheinungen der Ehefrau gequält wird und meint daher, dass die Kontaktaufnahme via Seance und eine neue Eheschließung die massiven psychischen Probleme beheben werde. Streitbar, to say the least. Die Kacke fängt so richtig an zu dampfen, als Alan die schöne Gladys (Marina Malfatti) ehelicht: Plötzlich stapeln sich die Leichen und der Lord beobachtet gar, wie Evelyn sich aus dem Grabe erhebt …

Ich verrate sicher nicht zu viel, wenn ich hier sage, dass alles einen ganz profanen Hintergrund hat, die Auflösung aber trotzdem nur mäßig viel Sinn ergibt, denn das gilt mehr oder weniger für alle Gialli. Wichtiger ist die wohldosierte Mischung äußerst potenter, anregender Substanzen, wie etwa attraktiver Damen, die nicht lange angezogen bleiben, eines augenrollenden Irren, diverser zwielichtiger Gestalten, bizarrer Inneneinrichtungen im plüschigen Seventies-Chic (eine besonders extravagante Bude kombiniert weiße Allover-Fliesen mit einer grauen Plüschwendeltreppe), Sadismus, Sex und Anleihen aus dem klassischen Gothic Horror. Die deutsche Synchro tut das Ihrige, dass diese Melange nicht zu glattgerührt daherkommt, vielmehr immer wieder kleine Klümpchen für heftigen Schluckauf beim Betrachter sorgen. Alan rupft jeder neuen Errungenschaft erst einmal kräftig am Haarschopf, um dessen Echtheit zu prüfen, fordert seine weiblichen Gäste zu Hause auf, in ein paar schenkelhohe Schaftstiefel zu schlüpfen, denn wie er weiß sind Stiefel „sexuell enorm stimulierend“, macht es sich selbst in einer Art Mönchskutte bequem und packt dann die Bullenpeitsche aus. Sehr schön ist auch die Szene, als er sich bei einer auf der Beifahrersitz sitzenden Eroberung entschuldigt, er müsse mal eben den Reifendruck seines Wagens überprüfen – auf offener Landtsraße, mitten in der Nacht!  Gleichzeitig zeichnet Miraglia diesen Sexpsycho aber auch als desorientierten Romantiker, dem übel mitgespielt wurde (und wird) und dessen Zusammenbrüche unser Mitleid evozieren sollen. Anthony Steffens markantes Gesicht, das ich mal vorsichtig als „expressiv ausdruckslos“ bezeichnen würde, ist perfekt für die Rolle, und irgendwie erinnerte mich LA NOTTE DE EVELYN USCI DALLA TOMBA nicht zuletzt wegen ihm und seiner Art zu spielen ein wenig an spanische Gothik-Kracher mit ihren vollends übersteuerten Gefühlsschwankungen und bitterlich leidenden Protagonisten.

Die eher kalte, psychedelische Freud-Appropriation, die der Giallo für gewöhnlich versuchte, ist Miraglias Sache dann auch nicht, bei ihm kracht’s, blubbert’s und brodelt’s, das Figureninventar besteht entweder aus Borderlinern aus Leidenschaft, perversen Zynikern oder Vollidioten. Die Synchro macht bei diesem Spiel munter mit und kredenzt lakonische bis hirnrissige Dialogzeilen, die den Wahnsinn Art erst so richtig hervorkitzeln. Ich bezweifle, dass die Geschichte, die sich Miraglia da ausgedacht hat, wirklich aufgeht, wie der kurze Prolog sich in die Chronologie der Ereignisse einfügen soll, habe ich überhaupt nicht verstanden, und der Knalleffekt, mit dem das Ganze endet, verpufft dank schlampiger Inszenierung und eines fehlenden Make-up-Effekts. Aber so richtig schlimm ist das nicht, denn dafür gibt es leichenfressende Füchse, einen superben Striptease von Erika Blanc, schöne düsterromantische Szenen im dunklen Schlossgarten und eben haufenweise kruden Unfugs. Passt schon, auch wenn LA NOTTE DE EVELYN USCI DALLA TOMBA bestimmt kein Meilenstein des Giallos ist.

 

Als erster und – trotz wohlwollender Publikums- und Kritikerreaktionen – auch letzter Film einer nach dem bahnbrechenden Erfolg von Reinls DER SCHATZ IM SILBERSEE neben den Karl-May-Filmen von der Constantin geplanten Reihe von Western, ist DER LETZTE MOHIKANER deutlich härter und auch amerikanischer als die schwelgerischen Epen nach Vorlage des deutschen Romanciers aus Radebeul. Reinl, zu seiner Zeit ohnehin einer der wenigen deutschsprachigen Regisseure, die sich auf die Inszenierung von Action verstanden, drehte einen erstklassigen Verfolgungs- und Belagerungswestern, verlegte die Handlung des berühmten Romans von James Fenimore Cooper vom 18. ins 19. Jahrhundert, von den Waldgebieten im Osten in eine typisch felsige Wildwestkulisse. Die drei Hauptstränge der Handlung führt er mit großer Könnerschaft und stetigem Spannungsaufbau auf das explosive Finale, das sichtlich von Altmeistern wie Howard Hawks inspiriert ist. Lediglich in der Figurenzeichnung der Titelfigur, dem Indianer Unkas (Daniel Martin) und seinem treuen Freund Falkenauge (Anthony Steffen), zeigen sich deutliche Parallelen zu den Winnetou-Filmen: schon allein deshalb, weil beiden dieselben Synchronsprecher zugeteilt wurden. Aber auch sonst erinnert Unkas‘ Art, mit den Augen einen Punkt hinter dem Horizont zu fixieren und in poetischen Bildern zu sprechen an den berühmten Apachenkollegen. Es stört nicht weiter, weil „der letzte Mohikaner“ von Cooper ja schon im Titel als tiefromantische Figur angelegt worden war, als Zeichen einer untergehenden, naturverbundenen Kultur und einer gewissen wilden Unschuld, die die weißen Siedler dabei waren, endgültig zu zerstören.

Doch eigentlich bleibt diese Hauptfigur ein Nebenaspekt in einem sehr geradlinig auf den finalen Showdown zulaufenden Film, dem sehr viel mehr an der historischen Realität als an einer märchenhaften Utopie gelegen ist, wie sie die Karl-May-Filme verkörperten. Schon die unwirtliche Felsenlandschaft der andalusischen Tabernas-Wüste markiert einen gewaltigen Unterschied zu den saftig-grünen, mit leuchtend weißen Felsen gesprenkelten Wiesen Jugoslawiens, und Karin Dors Cora gibt gleich mehrfach zu verstehen, wie grausam dieses Land sei. Die Menschen sterben hier deutlich weniger glamouröse oder auch nur dramatische Tode, sie beißen eben ins Gras, und das in stattlicher Zahl, ohne dass sie noch einem Blutsbruder den letzten Gruß ins Ohr hauchen könnten, und selbst, wenn die Bösewichte am Ende besiegt oder wenigstens in die Flucht geschlagen werden, stellt sich nicht die Euphorie des Triumphes ein. DER LETZTE MOHIKANER endet mit dem sinnlosen Tod desselben, ein unmissverständliches Zeichen dafür, das jede Hoffnung auf einen Sieg der Vernunft, auf eine gleichberechtigte Koexistenz nicht nur zwischen Weißen und Indianern, sondern zwischen Menschen jeglicher Herkunft, vergebens ist. Ein starker Film, der eine wertvolle Ergänzung und einen wirkungsvollen Kontrapunkt zu den Karl-May-Filmen bildet.

 

 

b14cc47Just an jenem Abend, an dem der blinde Pianist Peter Oliver (Anthony Steffen) per Brief den Laufpass von seiner Modelfreundin Paola erhält, verstirbt sie in den Räumen ihrer Agentur unter mysteriösen Umständen. Der vermeintliche Mord, den die Anwesenheit eines gelben Seidenschals und eines dann plötzlich verschwundenen Korbs suggerieren, entpuppt sich als rätselhafter Herzstillstand. Die Nachforschungen Peters führen ihn zu einem Fotografen: Die Tatsache, dass er kompromittierende Fotos vom Liebesspiel zwischen Paola und Viktor (Giacomo Rossi-Stuart), dem Ehemann der Agenturbesitzerin Françoise Ballais (Sylvia Koscina), gemacht hat, muss auch der jedoch mit dem Leben bezahlen, bevor er etwas zur Lösung des Falles beitragen kann. Irgendwie scheint alles mit einem Erpressungsfall und einer offensichtlich drogenabhängigen Dame in einem weißen Umhang zu tun zu haben. Während Peter mithilfe seines Dieners Burton (Umberto Raho) und der schönen Margot (Shirley Corrigan) versucht, ihre Identität zu ergründen, sterben weitere Models …

Schon mit seinem Titel – übersetzt: SIEBEN SCHALS AUS GELBER SEIDE – zeigt Pastore, woher der Wind weht: Er enthält das Schlüsselwort „giallo“, verpackt in ein hübsches doppeltes Wortspiel (scialli/gialla sowie sette/seta), und das obligatorische Zahlwort. Das zur Erfüllung der Spielregeln noch fehlende Tier erscheint in Form einer grimmig stierenden Katze auf dem Plakat und spielt auch in der geheimnisvollen Mordserie eine wichtige Rolle. Originalität muss man nicht unbedingt erwarten, dafür aber saubere Whodunit-Unterhaltung, die zu diesem noch recht frühen Zeitpunkt der Giallo-Geschichtsschreibung noch deutlich traditionalistischer anmutet, als das dann ein paar Jahre später nach Argentos PROFONDO ROSSO der Fall sein sollte. Zwar ist der ganze Kriminalfall recht selbstzweckhaft um einen fantasievollen modus operandi herumgestrickt, aber die einzelnen Elemente emanzipieren sich hier noch nicht vollkommen vom Gesamtentwurf. Die Verwandtschaft mit den deutschen Edgar-Wallace-Filmen wurde sozusagen noch nicht durch allzu viele andere Einflüsse verwässert. Der Verdacht, dass die Figur des blinden Pianisten Peter Oliver, der als Ermittler fungiert und der Polizei mit seinem die trügerische Verlässlichkeit der Sinnesorgane transzendierenden Instinkt meist einen Schritt voraus ist, mit diesem Film für weitere Leinwandabenteuer etabliert werden sollte, erscheint nicht ganz abwegig. Anthony Steffen verleiht ihm mit seiner Interpretation der Rolle eine gewisse schlafwandlerische Qualität: Ohne große Gefühlsregung gleitet er durch die Szenerie, was ihn eigentlich antreibt, wird nie ganz klar, und wenn er plötzlich mit den Geistern der Verblichenen in Kontakt träte, um ihnen Hinweise zu entlocken, würde einen das auch nicht wirklich wundern. Er verhindert dann auch, dass man so richtig teilhat an dem mörderischen Treiben, hält den Zuschauer auf Distanz, anstatt ihn ganz mit ins Boot zu holen. Es ist vor allem diese damit einhergehende Kälte, die SETTE SCIALLI DI SETA GIALLA zu einem waschechten Giallo macht: Die Reichen und Schönen – das Setting erinnert ja deutlich an Mario Bavas genrestiftenden SEI DONNE PER L’ASSASSINO – sterben blutig und grausam, alle sind nicht nur verdächtig, sondern scheinen auch potenziell dazu in der Lage, zu töten,  aber echte Spuren hinterlässt diese Niedertracht nicht. Familien und Hinterbliebene gibt es selten, alle Beziehungen des Films sind entweder oberflächlicher Natur oder dienen nur dem persönlichen Vorteil der Partner. Schon bezeichnend, dass die einzig wahre Liebe des Films die einer älteren Frau zu ihrer Katze ist.

Pastores Film ist keinesfalls langweilig, aber er fließt ganz unaufgeregt vor sich hin. Dass SETTE SCIALLI DI SETA GIALLA nicht im hektischen, temperamentvollen Italien, sondern im kühlen Kopenhagen spielt, trägt zu diesem Charakter sicher seinen Teil bei. Doch dann bricht ganz zum Schluss die Gewalt auf eine Art und Weise ein, die man nicht mehr erwartet hatte. Eine Nebenfigur wird brutal abgeschlachtet und die Effekte, mit denen dieser Mord realisiert wird, lassen schon den Ripper aus LO SQUARTATORE DI NEW YORK  am Firmament erkennen. So prominent am Ende des Films platziert, mag das ein reiner Marketing-Stunt gewesen sein (der Mord ist auch auf dem Plakat abgebildet), aber es scheint durchaus programmatisch, dass die somnambule Atmosphäre, in der man es sich so schön bequem gemacht hat, da ganz am Ende so überaus heftig durchschnitten wird. Betrachtet man, dass es sich auch noch um einen ikonischen Duschmord handelt, den der Altmeister 12 Jahre zuvor noch rein suggestiv ins Szene gesetzt hatte, dann mag man die klaffenden Wunden, die der Killer seinem Opfer hier zufügt, gar nicht mehr anders als als sehr deutliches Zeichen dafür werten, dass hier etwas abgeschlossen wird. Ein schöner, eher unbekannter Vertreter seines Genres, dessen Qualitäten man sich ein wenig erarbeiten muss und der definitiv eine bessere DVD-Veröffentlichung verdient hätte, als die völlig miserable, von einem gammligen VHS-Tape auf Silberling rübergezogene Kopie, die mir vorliegt.