Mit ‘Armand Weston’ getaggte Beiträge

600_343856552Auf dem nebenstehenden Plakat lobt das Branchenmagazin „Variety“ Westons Porno in den höchsten Tönen, bescheinigt ihm gar wegweisenden Status. Um das Zitat historisch einordnen, be- oder widerlegen zu können, fehlt mir leider das Wissen über das weite Feld des Golden Age Porn, aber ich versuche mich trotzdem einmal an einer Spekulation.

EXPOSE ME, LOVELY bedient sich einer Film-noir-Motivik und -Narration, erzählt eine Private-Eye-Geschichte in einer Rückblende, die eine versuchte Rekonstruktion vergangener Ereignisse darstellt, an deren Ende der Protagonist, der Privatdetektiv Frosty Knight (Ras Kean), mit einer Gesichtsbandage und erheblichen Gedächtnislücken im Krankenhaus gelandet ist. Als Voice-over-Erzähler geleitet er den Zuschauer durch seine Ermittlungen im Fall eines verschwundenen Politikersohns, die ihn mit schlafwandlerischer Sicherheit ebenso willigen wie attraktiven Damen in die Betten treiben. Der anfänglich mit einer Subjektiven ausgelöste Verdacht, Weston könne sich an einem Porn-Remake von Delmer Daves‘ klassischem Noir DARK PASSAGE versuchen, bewahrheitet sich nicht, genausowenig wie sich der Regisseur vom dunkelromantischen Existenzialismus der „Schwarzen Serie“ beeinflusst zeigt. EXPOSE ME, LOVELY ist auffallend sonnig und verliert seine gute Laune auch nicht, wenn Frosty über diverse Leichen stolpert. Er ist ein Sonnyboy mit makellosem Teint und gülden leuchtender Scheitelfrisur, ein Hans im Glück, dem die Frauen nur so in den Schoß und auf die pralle Erektion fallen. Und die fassungslose Freude über dieses Glück, die er immer wieder zeigt, ist durchaus ansteckend. Man freut sich, ihm beim Spaßhaben zusehen zu dürfen.

Im Unterschied zu anderen mir bekannten Pornos aus jener Zeit (und das sind zugegebenermaßen nicht viele), vor allem solcher aus New York, zeichnet dieser EXPOSE ME, LOVELY durch ein sehr gediegenes Ambiente und vor allem den Verzicht auf die Verquickung von Sex und Gewalt aus. Ich würde mich nicht darauf versteifen (höhö) wollen, dem Film eine feministische Grundhaltung zuzuschreiben, aber die Degradierung der Frau zum Fickobjekt, die anderswo oft betrieben (oder auch thematisiert) wird, findet hier definitiv nicht statt. Beide Parteien kommen zu ihrem Recht, es wird an beiden Geschlechtsteilen auffallend viel gesaugt und gelutscht, und sogar die deutsche Synchro, die sonst noch jeden Porno in ein Inferno der Niedertracht verwandelt hat (gut zu beobachten an der dem Film vorgeschalteten Trailerrolle) weiß sich einigermaßen zu benehmen. So könnte der „wegweisende Charakter“ von EXPOSE ME, LOVELY etwa darin bestanden haben, Porno als entspannte, leicht zu goutierende Unterhaltung, eben tatsächlich als Konkurrenz zum „normalen“ Spielfilm gedacht zu haben. Weston, von dem ja auch der bizarre Horrorfilm EVILSPEAK stammt (den ich auch mal wieder sehen muss), inszeniert sehr stilsicher und mit Humor: Die Szene, in der große Pfeile an Hauswänden Frosty den Weg weisen, während er auf der Tonspur darüber sinniert, keine Ahnung zu haben, wie es weitergehen soll, sorgte für die größten Lacher.

Leider habe ich die Auflösung des Falls verpennt, was dann aber auch nicht weiter schlimm war, denn das Wegdämmern und Aufwachen beim, das Schlafen mit dem Film, definitiv mit dazu, und ist bei Pornofilmen besonder erquickend. Der erste Kongresstag ist mit der langen Anreise nach meist kurzer Nacht sowieso dafür prädestiniert. Bei dieser 15. Ausgabe erwischte es mich allerdings besonders oft. Mehr dazu in den nächsten beiden Einträgen.

 

 

Als die Schriftstellerin Lauren Cochran (Robin Groves) von Panikattacken heimgesucht wird, beschließt sie zur Erholung aufs Land zu reisen. Dort mietet sie sich in einem alten Landhaus ein, an dass sie sich merkwürdigerweise erinnert, ohne jemals dort gewesen zu sein. Merkwürdige Dinge passieren, Menschen sterben: Die Geschichte des Hauses, das einst Schauplatz eines grausamen Verbrechen war, und die Geschichte Laurens scheinen eng miteinander verwoben …

Der bis jetzt – Blue Underground hat sich erbarmt und den Film als DVD und Blu-Ray veröffentlicht – relativ rare (und in Deutschland auf Video geschnittene) THE NESTING ist der seltene Fall eines reflektierten Haunted-House-Films. Weston lässt nur wenig Zweifel daran, dass es die psychischen Probleme Laurens sind, denen das metaphysische Treiben des Films entpringt, holt das, was im Geister- und Spukfilm sonst tief im Subtext vergraben ist, an die Oberfläche und lässt die Geschehnisse im Landhaus als das Ergebnis der tiefenpsychologischen Vorgänge Laurens erkennen, als bildliche Repräsentationen ihrer persönlichen Traumaverarbeitung. Lauren muss sich ihren verschütteten Erinnerungen, die sich eben als Spukgestalten manifestieren, stellen, um ihre Krise zu bewältigen und „weitermachen“ zu können. Doch so zeitgemäß diese Ausrichtung des Films auch ist,  die betriebene Entmystifizierung ist in gewisser Weise das Problem des Films, weil er nach etwa der Hälfte seiner Laufzeit aufhört, ein Horrorfilm zu sein, ohne jedoch dessen Funktionsweisen und Mechanismen konsequenterweise ganz über Bord zuwerfen.

So fällt es zunehmend schwer, mit Lauren als „Opfer“ Mitleid zu empfinden, weil sie – eigentlich eine intelligente Frau – einfach unfähig ist, zu erkennen, was um sie herum passiert. Dass in der Folge der von ihr gegen den Rat ihres Psychotherapeuten eingeschlagenen Konfrontationstherapie gleich mehrere Menschen zum Opfer fallen, scheint sie nicht wirklich zu tangieren, und die Hartnäckigkeit, mit der sie Landbevölkerung in ihre Probleme mit hineinzieht, ist auch nicht gerade als rücksichtsvoll zu bezeichnen. Der Zuschauer ist der Protagonistin, den ganzen Film über einen Schritt voraus, nur sorgt das nicht für Spannung, sondern dazu, dass man die Fehlentscheidungen und -schlüsse Laurens mehr und mehr verärgert zur Kenntnis nimmt. Das ist vor allem deshalb sehr schade, weil THE NESTING einen sehr effektiven Spannungsaufbau aufweist, in der ersten Hälfte zudem einige kreuzunheimliche Szenen hat und von Weston mit einigen feinen Regieeinfällen ausgestattet wurde. Der kreative Einsatz der Tonspur wäre hier vor allem hervorzuheben, aber auch sonst überrascht der Film mit einer handwerklichen Klasse, die ich von Weston, der früher Pornofilme drehte und unter anderem den ziemlich abgefahrenen EVILSPEAK machte, nun nicht unbedingt erwartet hatte. Vielleicht steht der Begeisterung nur meine Erwartung im Wege, weil ich zugegebenermaßen nicht unbedingt einen geschmackvollen Psychoschocker auf der Rechnung hatte, sondern eher auf einen unheimlich-blutigen (nicht unheimlich blutigen) Schocker eingestellt war. Als solcher enttäuscht THE NESTING vor allem, weil er nach genannt gutem Aufbau einfach nichts mehr hinzuzufügen hat. Das Finale etwas kann ich nicht anders als als antiklimaktisch zeichnen. Und so sehr es im Rahmen der Geschichte auch Sinn macht, ein Horrrofilm, der es versäumt, dem Zuschauer am Ende nochmal einen mitzugeben, hat etwas falsch gemacht. Trotzdem: sehenswert.