Mit ‘Arthur Penn’ getaggte Beiträge

Privatdetektiv Harry Moseby (Gene Hackman), ein ehemaliger Footballspieler, wird von der alternden Schauspielerin Arlene Iverson (Susan Ward) engagiert, die verschwundene Tochter Delly (Melanie Griffith) wiederzufinden, ein sechzehnjähriges, frühreifes Früchtchen. Die Spur führt Harry auf die Florida Keys zu Arlenes Ex-Mann und Dellys Stiefvater  Tom Iverson (John Crawford). Dort hat Harry auch Gelegenheit, sich von seiner Ehekrise zu erholen: Er hatte seine Frau Ellen (Susan Clark) kurz zuvor bei einem Seitensprung erwischt. Die Anwesenheit der attraktiven Paula (Jennifer Warren) hilft ihm bei der Rekonvaleszenz; oder vernebelt sie ihm doch eher die Sinne?

night_moves[1]Nach THE LONG GOODBYE ist NIGHT MOVES eine nahezu ideale Fortsetzung: zwar kein Film Noir, aber doch eine Verhandlung ganz ähnlicher Themen (und außerdem von einem für das New Hollywood ähnlich bedeutsamen Regisseur). Wie Altmans Marlowe ist auch Harry Moseby blind für die Dinge, die um ihn herum passieren, bzw. unfähig, sie richtig zu interpretieren. Grund für diese Blindheit ist paradoxerweise gerade seine Rolle als Detektiv: Moseby liebt seinen Job und vergisst darüber sein Leben. Seine Frau baut ihm geradezu goldenen Brücken, damit er sie von ihrem Seitensprung abhält, doch er übersieht sie, weil er nur an seinen Fall denkt. Und als er dann damit beschäftigt ist, sich über seine Ehe und sein Leben klarzuwerden, ist er blind für die Täuschung, der er bei seinen Ermittlungen aufsitzt. Der doppel- bzw. mehrdeutige Titel spielt sowohl auf diese ihm verborgen bleibenden Winkelzüge – Bewegungen im Dunkeln eben – an als auch auf ein zentrales Schachgleichnis, das Mosebys Disposition transparent macht: Er spielt eine Schachpartie nach, deren Verlierer mit einigen einfachen Bauernzügen („knight moves“), hätte gewinnen können, aber verlor, weil er die sich ihm bietende Möglichkeit schlicht übersehen hatte. Harry spielt diese Party immer wieder vor sich hin, weil er um jeden Preis vermeiden will, dass ihm ein ähnliches Schicksal wiederfährt. Doch was er vergisst: Das Leben ist kein Schachspiel, in dem man einen göttlichen Blick auf das Spielfeld hat und alle Figuren nach eigenem Belieben bewegen kann. Harry hält sich für den Spieler, dabei ist er doch selbst eine Figur im Spiel. Das ist dann sozusagen die dritte Bedeutungsebene, denn mit „knight“, also dem „Ritter“, wird natürlich auch auf Harry referiert, der zugleich Protagonist (eben „Ritter“) des Films ist, aber eben doch nur „Bauer“, also Objekt der Handlung.

Arthur Penn verbindet diese Geschichte um Perspektiven und (Sinnes-)Täuschungen mit einem metafilmischen Diskurs. Gleich zu Beginn lehnt Harry die Einladung seiner Frau, mit ihr MA NUIT CHEZ MAUDE von Eric Rohmer im Kino zu sehen, ab, weil das Erlebnis, einen Rohmer-Film zu sehen, ihn daran erinnert, „Farbe beim Trocknen zuzuschauen“. Das ist gleich in doppelter Hinsicht bezeichnend: Nicht nur erkennt er nicht die der Einladung implizite Aufforderung seiner Frau, ihren sich dem Kinobesuch anschließenden Seitensprung durch seine Anwesenheit zu verhindern, und ihr Bedürfnis, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, mit seinem Werturteil gibt sich Moseby auch als einem eher traditionellen Verständnis von Narration und Sinnvermittlung anhängend zu erkennen. Die Ermittlungen um die vermisste Delly führen ihn ins Filmbusiness, einem Geschäft, das sich auf Täuschung und make-believe versteht, und dem Harry gerade deshalb unterliegt, weil er seine Wahrnehmung niemals in Frage stellt. Die spätere Beweisführung beinhaltet unter anderem, dass Harry sich einen Film ansieht, bei dem plötzlich ein zweiter Kameramann ins Bild kommt – und also auf das Abhängigkeitsverhältnis von Perspektive und Bedeutung verweist – und das Finale schließlich spielt auf einem Schiff, dessen Name Harrys Dilemma und die Porblemstellung des ganzen Films auf den Punkt bringt: „Point of View“. So treibt Harry am Ende ziellos auf dem offenen Meer herum, Opfer seiner selektiven Wahrnehmung, die er stets für objektiv gehalten hat.

Ein Nachtrag vom 23.10.09: In dem obigen Text ist mir leider ein kleiner Fehler unterlaufen. Der „knight“ ist im Schach mitnichten der „Bauer“, sondern der „Springer“. Glücklicherweise greift das meine Interpretation aber nicht im Kern an. Es fällt lediglich eine Ebene weg …