Mit ‘Ashley Laurence’ getaggte Beiträge

hellbound-hellraiser-ii-widescreen-wallpapers-3Ein legendäres Sequel. In Deutschland wurden für die Erstellung der Videofassung extra einige Parkinson- und Tourette-Syndrom-geplagte Grobmotoriker an der Heckenschere ausgebildet, um den Film besonders nachhaltig von allen blutigen Effekten – und jeder Nachvollziehbarkeit – zu befreien. Die legten einen Enthusiasmus an den Tag, als gelte es, das Abendland vor dem Untergang zu befreien. Übrig blieb ein lebensunfähiger Torso, eine Beleidigung für jeden, der in der Videothek die Leihgebühr dafür entrichtet hatte. Auch wenn diese Tatsache den Film zusätzlich mystisch auflud – ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich die intakte Fassung mit all den Szenen, von denen ich vorher nur gelesen hatte, in den heimischen Player schob –, die „Intensivbehandlung“, die ihm da zuteil geworden war, kam einer Totalzerstörung gleich, umso mehr, als HELLBOUND: HELLRAISER II kein konventionell erzählter Film ist. War Clive Barkers HELLRAISER im Jahr zuvor ein trotz seiner teilweise bizarren Bilder – allen voran natürlich die Zenobiten – in konkreten menschlich-psychischen Dispositionen gegründeter Film, so kappen Barker und Randel für das Sequel alle noch bestehenden Verbindungen mit der Realität und konzentrieren sich ganz darauf, auf der Leinwand eine Vision der Hölle zu entfachen, den Zuschauer mit direkt aus dem Unbewussten gezogenen Schreckensbildern zu konfrontieren.

Es gibt nur wenige Horrorfilme – kommerzielle zudem –, denen es ähnlich gut gelungen ist, eine Atmosphäre des totalen Wahnsinns und eine Welt zu kreieren, die vollkommen außerweltlichen Ursprungs scheint. HELLBOUND mag nicht, wie ich oben schrieb, als herausragendes Beispiel für ausgefeiltes lineares Storytelling in die Geschichtsbücher eingehen, trotzdem entbehrt das Fortschreiten seiner grotesken Geschichten nicht einer furchteinflößenden Logik. Wie der größenwahnsinnige Dr. Channard (Kenneth Cranham) die Öffnung der Höllenpforten plant, ist sicherlich der größte Clou des Films, weil man als Zuschauer immer erst in letzter Sekunde begreift, was da nun passiert. Das Idealbeispiel ist natürlich die Matratzenszene, vielleicht eine der schockierendsten und brutalsten Szenen des Achtzigerjahre-Horrorkinos, in ihrer blutigen Körperlichkeit und Geburtsmetaphorik aber auch von einer fremdartigen Schönheit und Erotik. Schwer zu beschreiben, was da genau passiert: In seinen besten Momenten erreicht HELLBOUND die verstörend-vertraute Qualität eines alten Volksmärchens oder Mythos‘. Die Bilder sprechen mit dem Betrachter in einer abseits der Ratio entschlüsselten Sprache. Deshalb berühren sie auch so tief, zielen mitten ins Zentrum des Gehirns, dorthin wo vor Jahrtausenden die allerersten menschlichen Gedanken geformt wurden. Je länger Randels Film dauert, umso mehr kappt er auch die Verbindungen zum letzten Rest konventionellen Erzählkinos. In der letzten halben Stunde irren seine Protagonisten nur noch durch ein steinernes, eschereskes Treppenlabyrinth, das die Hölle ist. Und ihr Herr ist kein gehörntes Teufelchen, kein christlicher Dämon, sondern ein mächtiger sich am Horizont drehender, rhombenförmiger Monolith, der schwarzer Lichtstrahlen auf sein Reich wirft. Die Hölle ist der Ort, an dem jede menschliche Logik abwesend ist. HELLBOUND schwingt sich zu einer Größe auf, die einen schier erdrückt. Stünden im Zentrum mit Kirsty (Ashley Laurence) und Tiffany (Imogen Boorman) nicht zwei menschlich-verletzliche Protagonistinnen, verlöre der Film ganz gewiss jeden Rest von Bodenhaftung. Aber das macht ja auch den Reiz aus: Immer wieder erkennt man einzelne Motive und Bilder wieder, es bleibt dieser dünne Ariadne-Faden, an dem man sich festhalten und den Ausgang aus dem Irrsinn finden kann.

Keine Ahnung, welchen Film man höher bewerten soll: HELLRAISER ist kammerspielartiger, psychologischer, menschlicher, insgesamt nachvollziehbarer und auf klassische Art und Weise interpretierbar. Es ist das sauberere, rundere Film. HELLBOUND ufert higegen total aus und lässt sich nicht mehr „lesen“ wie ein Buch. Sein Schrecken wird vor allem auf ästhetischer Ebene verhandelt, darin wie er Bedeutung zertrümmert, ohne dabei jedoch gänzlich unnachvollziehbar zu werden. Ähnlich radikal und ambitioniert in der Darstellung einer Hölle war danach wahrscheinlich kein Film mehr. Und HELLBOUND hat die Zeit, die seit seiner Veröffentlichung vergangen ist, erstaunlich gut verkraftet. Seine Make-up-Effekte ließen mir gestern ein ums andere Mal die Kinnlade runterklappen. Ein weiterer Beleg dafür, dass das „Glück“ ach so realistischer CGI ein flüchtiges ist. HELLBOUND: HELLRAISER II wird bleiben.