Mit ‘Backwood’ getaggte Beiträge

An DER IRRE VOM ZOMBIEHOF manifestiert sich in vielerlei Hinsicht, was am deutschen Exploitation-Kino der Siebzigerjare so toll war, aber auch ein großes Versäumnis: Er ist heute eine filmarchäologische Reliquie, der übrig gebliebene, mit Moos überwucherte und kaum noch sichtbare Wegweiser zu einem Ort, der starb, noch bevor er entstehen konnte. Er zeigt, welches Potenzial der deutsche Backwood-Film gehabt hätte, ein Genre, das es eigentlich geben sollte als missratenen Zwilling des Heimatfilms, das aber bestenfalls in Fragmenten existiert. Von einer alternativen deutschen Genregeschichte, die mit DER IRRE VOM ZOMBIEHOF als ihrer Initialzündung beginnt, quasi als deutsches Äquivalent zu THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE, darf man heute nur träumen. Stattdessen ist Ernst R. von Theumers (unter dem Pseudonym „Richard Jackson“ gedrehter) Film eine Kuriosität, eine Art Lachnummer, die man vor allem mit einer fehlgeschlagenen, absurden Marketing-Strategie verbindet. Zu Unrecht, denn DER IRRE VOM ZOMBIEHOF ist runterziehendste, tristpoetische Siebzigerjahre-Düsternis, eine knarzig-krachende Moritat in Dumpf-Moll über bayrisches Spießertum und menschenverachtende Hetzmentalität, niederdrückenden Katholizismus, dunkle Familienbiografien, Inzest, Degeneration und Brudermord.

Auf einem Hof irgendwo in Bayern führt der Papa (Peter Jacob) dreier erwachsener Söhne ein strenges Regiment: Sein künftiger Erbe, der erstgeborene Felix (William Berger), wartet sehnsüchtig darauf, den Hof übernehmen zu können, ist aber mit dem Makel behaftet, mit der Magd Rosa (Lore Graf) liiert, aber nicht verheiratet zu sein und mit ihr auch noch ein Kind, die junge Anne (Maria Beck), gezeugt zu haben. Der zweitälteste Sohn Kurt (Herb Andress) würde seinerseits gern den Hof übernehmen, doch der Vater hält ihn für einen Weichling. Der dritte im Bunde ist Franz (Claus Fuchs), eine arme, geistig zurückgebliebene Seele, die beseelt grinsend herumläuft und sich dann und wann an Frauen vergreift, unter anderem an seiner Nichte. Dass die Großmutter (Claudia Bethge) im Sterben liegt, nimmt außer der kleinen Anne niemand so richtig wahr. Die im Kern sowieso schon verrottete Familie zerfällt endgültig, als sich eine Gruppe von „Zigeunern“ in der Nähe des Hofs niederlässt. Während Anne zarte Bande mit einem Jungen knüpft, weil der so wunderschön die Geige spielt, setzt ein Unfall, bei dem Franz eine ihrer Frauen tötet, eine Gewaltspirale in Gang: Die deutsche Familie sieht ihre Zukunft und ihren Ruf gefährdet und muss alle Spuren und Zeugen von Franzens Tat auslöschen …

Unter dem Titel DAS MÄDCHEN VOM HOF erlebte Ernst R. von Theumers Film seine deutsche Kinopremiere, ging aber sang- und klanglos unter. Einigermaßen verständlich: Der Film, der gänzlich ohne zugkräftige Namen auskommen musste, setzte potenziellen Zuschauern mit diesem Titel nicht gerade die Pistole auf die Brust. In einem zweiten Anlauf brachte man ihn zwar unter einem hübsch reißerischen, aber leider auch ziemlich beknackten Titel ins Kino: Niemand konnte sich vorstellen, was DIE TOTENSCHMECKER eigentlich verhieß, erneut blieben die Zuschauer dem Film in Scharen fern. Aller guten Dinge sind drei und weil man den Film auf Gedeih und Verderb zum Erfolg machen wollte, George A. Romeros DAWN OF THE DEAD jüngst ein bahnbrechender Kassenerfolg gewesen war und eine ganze Flut vom Zombiefilmen inspiriert hatte, dachten die Produzenten, sie könnten mit dem markigen Titel DER IRRE VOM ZOMBIEHOF auf den Fahrt aufnehmenden Zug aufspringen. Es wird wohl auf ewig ein Mysterium bleiben, warum von Theumers Film daraufhin nicht zum Superhit avancierte. Die kleine Anekdote ist natürlich ein besonders haarsträubendes Beispiel für die nicht immer ganz koscheren Methoden im Exploitation-Film-Business, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass DER IRRE VOM ZOMBIEHOF ein sehr effektiver und vor allem einzigartiger Film ist. Er ist desillusionierend, dunkel, hässlich und dazu von einer formalen Ungeschliffenheit, dass es einem die Schuhe auszieht. Die Nachvertonung verleiht ihm eine unangenehm aufdringliche Unmittelbarkeit, Soundeffekte springen einen förmlich an, alles ist plumper Vordergrund ohne Rückzugsmöglichkeiten. Wenn die liebe Anne vor Schreck erstarrt, als sie Vater, Großvater und Onkel dabei ertappt, wie sie die Leichen zweier Frauen auf den Anhänger ihres Traktors verladen, weiß der Opa in krachlederner bayrischer Diktion nur zu befehlen: „Geh Annerl, hilf der Großmutter beim Sterben!“ Bei dieser und anderen Kaltschnäuzigkeiten des Films läuft es einem schlicht eiskalt den Rücken hinunter. Andere Szenen, wie jene, in der der Geigenspieler als Silhouette auf einem Berg zu sehen ist, seine traurige Weise dazu den Sonnenuntergang untermalt, sind von einem naiven Pathos gekennzeichnet, das dem Film zu seiner merkwürdigen Sonderstellung zwischen deutschem Hinterland-Realismus und düsterromantischem Gegenwartsmärchen verhilft. Selten ist Kitsch kälter und wirkungsloser gewesen. Jene Regionen, die im Heimatfilm immer als Hort der Tugend und des Schönen idealisiert werden, zeigen sich in DER IRRE VOM ZOMBIEHOF als zerlumpter Unterleib Deutschlands, als Ort, an dem Triebe ungehemmt wuchern, das Christentum die Menschen zu Mördern macht und der Horizont an den Grenzen des eigenen Grundstücks endet. Als Abrechnung mit dem hässlichen Deutschen, der die Welt 40 Jahre zuvor in Flammen hatte aufgehen lassen, ist der Film umso effektiver, als er keinerlei Außenperspektive zulässt. Für 90 Minuten steigt man hinab in einen zähen, schwarzen, alles verschlingenden Morast des Dumpfen und Dummen. Noch einmal: Wie schade, dass das verstörende Potenzial, das DER IRRE VOM ZOMBIEHOF entfacht, nicht Schule machte.

Danke an Christoph Draxtra, mit dessen Hilfe ich eine seit rund 25 Jahre lang klaffende Lücke endlich schließen konnte.

Tucker (Alan Tudyk) und Dale (Tyler Labine) sind zwei etwas einfach gestrickte, aber grundgute Hinterwäldler. Als sie zu einem Angeltrip aufbrechen, treffen sie auf ein paar ebenfalls urlaubende Städter, die offensichtlich zu viele Backwood-Horrorfilme gesehen haben und das etwas unbeholfene Verhalten der beiden Rednecks konsequent als Bedrohung missverstehen. Als Tucker und Dale die hübsche Allison (Katrina Bowden) nach einem Badeunfall mit zu sich nehmen, interpretieren ihre verängstigten Freunde das entsprechend als Entführung und leiten den Gegenangriff ein. Und Tucker und Dale haben nicht den Hauch einer Ahnung, was um sie herum überhaupt vor sich geht …

TUCKER AND DALE VS. EVIL belegt recht eindrucksvoll, dass eine gute Idee längst noch nicht hinreichend für einen guten Film ist. Die Prämisse ist wirklich sehr hübsch und böte eigentlich reichlich Gelegenheit, die Klischees des Backwood-Slashers auf den Kopf zu stellen, die Vorurteile, auf denen das Genre gründet, als solche bloßzustellen und nebenbei noch mit den Fallstricken missglückter Kommunikation und selektiver Wahrnehmung zu spielen. Was es dafür jedoch dringend gebraucht hätte, ist eine sorgfältig konstruierte Geschichte und ein schlagfertiges, cleveres Drehbuch; eines, das nicht nur beweist, dass seine Autoren sich im Genre auskennen, sondern das auch die Bereitschaft erkennen lässt, über den engen Rahmen des Genrekinos hinauszuschreiten. Was Eli Craig aus seiner potenten Prämisse macht, ist nicht weniger als enttäuschend: Die Missverständnisse, die den Plot überhaupt erst in Gang bringen, sind nur wenig kreativ, der Witz beschränkt sich letztlich auf müden Slapstick und ein paar hingeworfene One-Liner. Nie wird man als Zuschauer überrascht, stattdessen bleibt TUCKER AND DALE VS. EVIL immer schön an der sicheren Oberfläche und begnügt sich damit, Witze zu reißen, die jedem, der sich ein bisschen auskennt im Backwood-Horror, nach fünf Minuten entspannten Brainstormings selbst einfielen (und die dieser dann wahrscheinlich für nicht lustig genug befände).

Das ist nicht nur ärgerlich, weil eine tolle Idee für bloß biederen Durchschnitt verbrannt wurde, sondern auch, weil TUCKER AND DALE VS. EVIL aus der stinkenden Kloake des Funsplatters und der Horrorkomödie trotz seiner eklatanten Einfallslosigkeit immer noch positiv hervorsticht: Seine beiden Hauptfiguren sind immens sympathisch und selbst der eigentlich vorhersehbare und eigentlich nur abgespulte Showdown ist sehr viel überzeugender, als man das aus solchen Gebrauchsfilmen sonst gewohnt ist. Wie wenig Craig offensichtlich selbst gemerkt hat, was für ein Potenzial er da verschenkt hat, zeigt sich in der Auflösung seines Films, die dem eigentlichen Tenor des Films krass zuwiderläuft und dann doch wieder die Mordlust des Hinterwäldlers bestätigt, die man doch eigentlich zuvor als Vorurteil aufgedeckt hatte.

Wie gesagt: TUCKER AND DALE VS. EVIL ist kein Film, bei dem man sich als denkender Mensch unentwegt schämen muss, aber auch weit entfernt davon, als „gut“ bezeichnet werden zu dürfen. Ich kann mich mal wieder nur wundern, wie dieser Film zu seiner unverhältnismäßig hohen IMDb-Wertung gekommen ist und was Filmseher weltweit an den doch reichlich müden Witzchen so irrsinnig komisch gefunden haben wollen. Da ich über jahrelange Fantasy-Filmfest-Erfahrung verfüge, kann ich mir die frenetischen Reaktionen der Horrornerds aber nur zu lebhaft vorstellen: Mit gleich drei Kettensägenszenen bedient Craig deren schlichte Erwartungen wie eine freigiebige Prostituierte.

Auf WHITE LIGHTNIN‘ hatte ich mich sehr gefreut: Die „Edition Störkanal“ hat bislang wenn auch nicht nur Knaller, so doch meist interessante Filme herausgebracht und dieser hier reizte mich wegen seiner Backwood- und Hillbilly-Thematik ganz besonders. Leider bin ich bitter enttäuscht worden und die Tatsache, dass dieser Film mit sehr viel Kritikerlob und sogar diversen Preisen bedacht wurde, lässt mich außerdem wieder einmal so fühlen, als hätte ich einen tollen Witz nicht verstanden. Nee, nee, WHITE LIGHTNIN‘ ist für mich kaum mehr als stumpf provokanter und ästhetisch vollkommen eindimensionaler, um nicht zu sagen: hässlicher Quark. Wen meine Ausführungen zum Film interessieren, kann mein Review auf F.LM – Texte zum Film lesen, und zwar hier.

dying breed (jody dwyer, australien 2008)

Veröffentlicht: November 26, 2010 in Film
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Nina (Mirrah Foulkes) begibt sich mit ihrem Freund Matt (Leigh Whannell), Matts Bruder Jack (Nathan Phillips) und dessen Freundin Rebecca (Melanie Vallejo) nach Tasmanien, um dort überlebende Exemplare des eigentlich als ausgestorben geltenden Tasmanischen Tigers, einer Wildhundart, zu finden. Vor Jahren hatte Ninas Schwester dort Spuren des Tieres entdeckt, war aber unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Auf Tasmanien angekommen, müssen sich die vier Freunde zunächst mit der etwas hinterwäldlerischen Bevölkerung herumschlagen. Die harmlosen Reibereien schlagen bald jedoch um in blutigen Ernst, denn die Hinterwäldler entpuppen sich als Nachfahren des legendären Kannibalen Alexander Pearce. Und um sich fortzupflanzen sind sie auf frisches Blut angewiesen …

DYING BREED habe ich bei einem privaten Themenabend im Doppelpack mit dem fantastischen VAN DIEMEN’S LAND gesehen, der die wahre Geschichte von Alexander Pearce erzählt. Der Ire fristete zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Dasein als Sträfling auf Tasmanien, bevor er mit mehreren anderen zusammen in die unendlichen Regenwälder der entlegenen Insel floh. Von Hunger und Kälte geplagt, ohne jeden Proviant, entschlossen sie sich bald dazu, sich gegenseitig zu verspeisen. Pearce überlebte als einziger, landete aber erneut in Gefangenschaft und wurde bei einem zweiten gelungenen Fluchtversuch schließlich rückfällig. DYING BREED bedient sich eines Was-wäre-wenn-Szenarios und geht davon aus, dass der Kannibale eine Nachkommenschaft hinterlassen hat, die heute noch ihr Unwesen auf der Insel treibt. Die Idee mag durchaus reizvollen Stoff für einen Horrorfilm bieten, aber definitiv nicht in der hier vorliegenden Form. Die genannte Prämisse bleibt lückenhaft, nicht nur weil sie der Historie völlig widerspricht, sondern vor allem weil nie die Frage beantwortet wird, wie (und mit wem) sich Pearce fortgepflanzt und wie und an wen er seinen Kannibalismus vererbt haben soll. Es steht zu vermuten, dass sich die wenig kreativen Köpfe hinter dem Film diese lästigen Fragen gar nicht erst gestellt haben, weil sie viel zu begeistert von der Idee waren, kannibalistischen Backwood-Horror mit australischer Geschichte zu verbinden, als dass sie sich von schnöden Plausibilitätsanforderungen die Tour vermasseln lassen wollten. DYING BREED kommt dann auch nie über schematisches Malen nach Zahlen hinaus: Von den flachen Figuren, zwischen denen es von Anfang an die obligatorischen schwelenden Konflikte gibt, über die misstrauisch-unfreundlichen Hinterwäldler, die mit ihren faulen Zähnen und geistig behinderten Kindern in heruntergekommenen Verschlägen hausen, bis hin zum blutigen Showdown mit der schaurigen Finalenthüllung weiß man als halbwegs bewanderter Zuschauer immer, was als nächstes passieren wird, und wundert sich höchstens, dass diese Wiederkehr des ewig Gleichen tatsächlich nicht von einem einzigen originellen Einfall gestört wird. Geht man davon aus, dass ein Film wie DYING BREED von Überzeugungstätern und Horrorfanboys aus der Taufe gehoben wurde, fragt man sich unweigerlich, ob diese sich selbst solch eine abgestandene Plörre tatsächlich zu Gemüte führen würden. Die Phrase „Von Fans für Fans“ kann man hier jedenfalls übersetzen mit „Von Einfallslosen für Anspruchslose“. So schleppt sich DYING BREED seinem vorhersehbaren Ende entgegen, ohne dass auch nur für eine Sekunde der Funke überspränge. Abgesehen von einigen schönen Aufnahmen der tasmanischen Wildnis und den guten Production Values gibt es hier wirklich nichts, was das Ansehen lohnen würde. Ein auch schon nicht besonders origineller Film wie WRONG TURN legt wenigstens ein ordentliches Tempo vor, vermeidet es, seine belanglose Geschichte unnötig breit zu treten, sondern serviert 75 Minuten lang handlich verpackten Thrill und Gore, die einen wenigstens für die Zeit des Kinobesuchs durchschütteln, bevor er einen wieder in die Gleichgültigkeit entlässt. DYING BREED tut aber so, als hätte er wirklich etwas zu erzählen und vergisst darüber, wenigstens ein paar happige Ekeleffekte zu kredenzen. Zum Vergessen. Oder zum Einschlafen.

Vier kleine Camper gingen in den Wald/Da war es finster und auch so bitterkalt/Sie trafen einen Killer, ein fettes dummes Schwein/Wer mag dieser Killer mit dem Rauschebart wohl sein?

Die Antwort auf diese Frage bleibt der berühmt-berüchtigte DON’T GO IN THE WOODS (der in Deutschland, wo er als AUSFLUG IN DAS GRAUEN firmierte, ebenso beschlagnahmt ist wie in Großbritannien) dem Zuschauer genauso schuldig wie alle weiteren positiven Eigenschaften, die dieser von einem Film für gewöhnlich erwartet. Selbst, wenn man berücksichtigt, dass die meisten Slasherfilme statt einer Geschichte nur ein nacktes Plotgerüst aufweisen, das ihnen lediglich als Anlass für Sex & Crime dient, mutet James Bryans Film fahrlässig und leer an. Wollte man es positiv ausdrücken, so könnte man ihm zugute halten, dass er das Slasherfilm-Konzept noch einmal bis aufs Äußerste radikalisiert, indem er weder einen Spannungsaufbau noch auch nur die geringste Motivation für das mörderische Treiben liefert. Die vier Protagonisten begegnen in den Wäldern Utahs einem motivlos mordenden Waldschrat und a) sterben oder b) überleben & üben Rache. Weil das aber rein quantitativ noch etwas zu wenig wäre, schreibt Drehbuchautor Garth Eliassen eine ganze Schar von tölpelhaft durchs Unterholz stolpernden Opfern in den Film, die keine weitere Funktion erfüllen, als in den läppisch umgesetzten Mordszenen ihrer Bestimmung zugeführt zu werden, sowie zwei unmotivierte Polizisten, die sich von den zahlreichen Vermisstenmeldungen jedoch nicht aus der Ruhe bringen lassen.

DON’T GO IN THE WOODS erinnert irgendwie an die Anfangstage des Kinos, als ein fassungsloses Publikum sich an Bildern von fahrenden Zügen oder reitenden Menschen berauschte und noch keinen Gedanken daran verschwendete, dass man diese bewegten Bilder zu neuen sinnstiftenden Einheiten zusammenführen könnte, zu Geschichten, die berühren und emotional involvieren. Auch hier bekommt man nicht viel mehr als das, was man unmittelbar auf der Leinwand sieht: Menschen, die laufen, Menschen, die sterben, und immerhin einen Menschen, der mordet. Zwischendurch ein paar hübsche Landschaftsaufnahmen, während es dazu von der Tonspur (hoppla!) synthetisch und nervenzerrend hupt, quäkt und furzt. Die Energie, die der Kameramann darauf verwendet hat, halbwegs interessante und ansehnliche Einstellungen zu finden, hat man dafür beim Schnitt gespart, der arhythmisch vor sich hinruckelt und sich auf ein Aneinanderkleben der einzelnen Bilder beschränkt. „Arhythmisches Ruckeln“ charakterisiert den Film aber auch als Ganzes: Es gibt überhaupt keine innere Spannung, was selbst die mieseren Slasherfilme noch irgendwie hingebogen bekommen. Theoretisch hätte Regisseur Bryan auch nach jeder Einstellung andere Darsteller einsetzen, eine andere Kamera verwenden und den Drehort wechseln können, der Effekt wäre derselbe gewesen: Nie wird man als Zuschauer auch nur für fünf Cent in das Geschehen involviert oder wenigstens annähernd in die Lage versetzt, DON’T GO IN THE WOODS für seine lausigen 80 Minuten als Parallelrealität akzeptieren zu können und nicht als minderbemitteltes und misslungenes Make-believe völlig untalentierter Flitzpiepen erkennen zu müssen.

Die Rezeption, so wie ich sie via IMDb-Kommentaren und diversen Rezensionen verfolgt habe, schwankt zwischen der Totalablehnung und dem Feiern seines Trashwertes, der ihn angeblich in höhere So-bad-it’s-good-Sphären katapultiere. Klar, DON’T GO IN THE WOOD ist wirklich ranzensschlecht, versucht sich hier und da halbwegs erfolgreich an so etwas wie Humor: In einer seiner absurderen Szenen sieht man einen Rollstuhlfahrer, der ganz allein durch die unwegbare Wildnis rollt und schließlich, nachdem er mehrere Minuten gebraucht hat, um einen Anstieg zu „erklimmen“, vom Killer enthauptet wird. Und unter Zuführung von reichlich Alkohol und im Kreise gut gelaunter und gleich gesinnter Freunde mag der Film auch ein humoriges Potenzial entfalten, dass sich mir bei meiner traurigen Sichtung allein nicht erschlossen hat, aber auch das ändert nix daran, dass es in dieser Kategorie etliche Filme gibt, die fruchtbarer, lustiger und schlicht weniger langweilig sind. Es ist diese Monotonie, die dem Film das Rückgrat bricht.

Dass ich eine gewisse Faszination trotzdem nicht ganz abstreiten kann, ist wohl nicht zuletzt auf die unangemessen brillante DVD zurückzuführen, die den Film in kräftigen Farben präsentiert und ihm eine saftige Unmittelbarkeit verleiht, die gut zu seinem völligen Verzicht auf narrative Auffüllung passt. Irgendwie ist der ganze Film seinem zotteligen Killer, der da so selbstverständlich und seltsam unspektakulär durchs Unterholz pflügt, nicht ganz unähnlich. Und für rauschebärtige Fettsäcke in selbstgenähten Pelz- und Lederklamotten, die im Wald leben, habe ich seit meiner Kindheit, in der ich stolzer Besitzer sowohl einer Rüberzahl- als auch einer Räuber-Hotzenplotz-Kinderlangspielplatte war, ein unerklärliches Faible. Ja, im Kern ist DON’T GO IN THE WOODS ein Kinderfilm. An normalen Maßstäben gemessen also total nichtswürdiger Schrott, aber irgendwie putzig und liebenswert. Schon komisch: Werden Slasher sonst doch in ihrer Fokussierung auf Blut und Tod als der Inbegriff des spekulativen, zynischen und exploitativen Kinos begriffen, ist dieser Film, der doch kaum mehr als das bietet, von geradezu anrührender Harmlosigkeit und Unschuld.

Vier freche Klosterschülerinnen begeben sich auf den Road Trip nach Florida. In Georgia haben sie eine Reifenpanne, die von Sue Ellen (Lisa Stahl) für eine Pinkelpause im angrenzenden Wald genutzt wird. Dort wird sie Zeuge eines Mordes, als ein Mann nach dem Liebesspiel seine eifersüchtige Geliebte kurzerhand erwürgt. Sie kann dem Mörder entwischen, nicht jedoch zwei ihrer Freundinnen, die ihm auf der Suche nach Sue Ellen nichts Böses ahnend in die Arme laufen und schließlich neben der Geliebten im Wald verscharrt werden. Als Sue Ellen mit der verbliebenen Patty nach Hilfe sucht, werden die beiden vom Deputy (Tom Law) aufgegriffen, der ihrer Geschichte allerdings keinen Glauben schenkt. Und als sich dann auch noch der örtliche Sheriff (Tony March) als der Frauenmörder entpuppt, wird die Luft für die beiden Mädchen zunehmend dünner …

SHALLOW GRAVE ist ein sehr schöner, gut gescripteter Thriller mit einem ausgezeichnetem Gespür für das richtige Timing. Gleich zu Beginn wird der Zuschauer mit einem einstellungsgetreu von PSYCHO übernommenen Duschmord konfrontiert und in den Glauben versetzt, einem Teenieslasher beizuwohnen. Der Mord entpuppt sich dann jedoch als Streich der Protagonistinnen, die sich im Folgenden ganz wie die Helden des Suspense-Altmeisters in der ausweglosen Situation befinden, zu Unrecht beschuldigt zu werden und feststellen zu müssen, dass jeder vermeintliche Fluchtweg sie nur tiefer ins Verderben führt. Das funktioniert hier vor allem deshalb so gut, weil alle handelnden Figuren über ein unterschiedliches Wissen verfügen und nur der Zuschauer alle Verflechtungen überblicken kann. So findet man sich in der aus dem Kasperletheater der Kindheit bekannten Situation wieder, den Figuren gute Ratschläge geben oder sie warnen zu wollen und generell vor dem Bildschirm mit ihnen mitzuleiden und mitzufiebern, wie das eben ein guter Thriller gefälligst leisten sollte. Mitleiden ist auch durchaus angebracht, denn SHALLOW GRAVE macht keine Gefangenen, schont seine Heldinnen nicht, lässt ihnen die Rettung mehrfach vor der Nase entwischen und kennt auch sonst kein Erbarmen. Über das Ende kann man daher trefflich streiten: Hitchcock hätte es ganz sicher nicht gemocht und ich fand es zwar  zum grimmigen Rest sehr gut passend, hätte mir aber auch durchaus vorstellen können, dass Styles die Suspense-Schraube noch etwas weiter anzieht und einen echten Showdown serviert. Um einen solchen wird man zwar betrogen, darf dafür aber die böse Schlusspointe noch einige Zeit mit sich herumtragen, was ja auch nicht schlecht ist. Kurzer Rede, kurzer Sinn: SHALLOW GRAVE ist ein leider zu Unrecht weitestgehend unbekannter Film, der in seiner Zeit geradezu paradiesvogelhaft gewirkt haben dürfte und all jenen, die das immer noch nicht für möglich halten, eindrucksvoll beweist, dass sich Cindy-Lauper-Frisuren, Vokuhilas und pastellfarbene Klamotten und ernsthafter, böser Thrill nicht automatisch ausschließen. Wer die Gelegenheit dazu hat: Anschauen!

PS Den Backwood-Tag sollte man nicht überbewerten, weil SHALLOW GRAVE nur am Rande dieses Subgenres entlangschrammt.

Lange vor den Ludolfs und ihrem Westerwälder Schrottbetrieb gab es BLOOD SALVAGE: Jake Pruitt (Danny Nelson) interpretiert den Begriff der „Resteverwertung“ mit seinen beiden schwachsinnigen Söhnen Hiram (Christian Hesler) und Roy (Ralph Pruitt Vaughan) auf eine sehr spezielle Art. Reisende, die sein Revier mit dem Auto durchqueren, werden von Hiram von der Straße abgedrängt, die daraus resultierenden Auto- und Menschenwracks anschließend in der heimischen Garage ausgeschlachtet. Jake ist nämlich nebenbei Organhändler, allerdings im Namen des Herrn unterwegs. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, der natürlichen, aber nicht immer gerechten Auslese entgegenzuwirken und „guten“ Menschen zu einem längeren und besseren Leben zu verhelfen. Zu diesem Behufe sammelt er Halbtote in seiner Werkstatt, die er künstlich am Leben hält, um ihre besseren Teile weiterzuverwenden. Sein Herzensprojekt ist die Heilung der querschnittsgelähmten Jugendlichen April Evans (Lori Birdsong) und die hält sich anlässlich eines Schönheitswettbewerbs mit ihren Eltern (darunter Papa John Saxon) ganz in Jakes Nähe auf …

BLOOD SALVAGE – in Deutschland seinerzeit unter dem Titel MAD JAKE in einer stark gekürzten Fassung auf Video erschienen – wurde von Evander Holyfield mitproduziert, der im selben Jahr Schwergewichtsweltmeister werden und sich ein paar Jahre später von Mike Tyson das Ohr abkauen lassen sollte (er absolviert hier auch einen kleinen Gastauftritt als Kirmesboxer), und kommt mir nach meinen Aussagen über die Vorzüge des Horrorkinos der Eighties im WOLF CREEK-Text sehr gelegen. Zuerst: BLOOD SALVAGE ist kein guter Film. Er ist bestenfalls zweckdienlich und ohne große kreative Höhenflüge inszeniert, geht vor allem mit den filmischen Mitteln des Schnitts, des Tons, aber auch der Kamera eher bodenständig – sprich: unkreativ – um und basiert auf einem Drehbuch, das locker einige Straffungen vertragen hätte. Die Geschichte um den Backwood-Frankenstein Jake wird bar jeden auflockernden Subplots erzählt und kann über die Laufzeit von 95 Minuten Abnutzungserscheinungen nicht verbergen. In der deutschen Version – ich habe mir die miserable Bootleg- DVD angeschaut – hat BLOOD SALVAGE darüber hinaus unter einer plump-lieblosen Synchronisation zu leiden, die die schwarzhumorig-makabren Spitzen und den Südstaaten-Lokalkolorit des Films total nivelliert und den Eindruck erweckt, man habe ein Publikum aus Kleinkindern und Schwachsinnigen angepeilt.

Obwohl Johnstons Film also mit Sicherheit keine Sternstunde seines Genres ist, kann man ihm einen gewissen Charme nicht absprechen. Der besteht vor allem in der originellen und witzigen Prämisse des Films, der einige heftige Nackenschläge an die Fraktion US-amerikanischer Christofaschisten und scheinheiliger Fernsehprediger verteilt und in der Zusammenführung seiner Kritik mit grell-übersteuerten Schreckensbildern dem deutlich besseren MOTHER’S DAY gar nicht mal so unähnlich ist. Jake ist der ins Groteske übersteigerte Gesinnungsgenosse des christlichen Herrenmenschen, der seine wirren Predigten in der deftigsten Szene des Films auch schonmal zwischen den dahinvegetierenden „Organspendern“ hält, die ihm mit gekeuchten und gestöhnten „Amens“ und „Hallelujas“ beipflichten. Und die Polizei, dein Freund und Helfer, sorgt dafür, dass Jake niemand entwischt – eine Backwood-Konstante, die im hier aufgespannten Rahmen noch einen kleinen gesellschaftskritischen Anstrich erhält. Dass sich BLOOD SALVAGE auch sonst schön in sein Subgenre einfügt, ganz selbstverständlich und ohne Spot-the-Reference-Bescheidwisserei eine an Hoopers Referenzwerk erinnernde Männerfamilie mit Muttermumie als Schurken und einen EATEN ALIVE-Assoziationen weckenden Hausalligator aufbietet, macht ihn für mich aller offenkundigen Macken zum Trotz überaus sympathisch. Also: Eher ein Film für Komplettisten und Eighties-Nostalgiker, die aber sofort verstehen werden, warum mir auch so ein mäßiges Filmchen wie dieses irgendwie lieber ist als die knallhart durchkalkulierten und mit allerhand schnöder Technik auf dirty und evil getrimmten Terrorfilmchen neueren Datums (von denen ich – so viel sei fairerweise hinzugefügt – einige ja trotzdem mag).