Mit ‘Barbara Hershey’ getaggte Beiträge

THE ENTITY handelt von der alleinerziehenden Mutter Carla Moran (Barbara Hershey), die in ihrem Haus von einem Geist vergewaltigt wird.

Ich habe THE ENTITY jetzt zum ersten Mal gesehen, nachdem ich schon als pubertierender Jüngling über die im „Horror-Film-Lexikon“ skizzierte Inhaltsangabe gestaunt hatte. Ich konnte bis zuletzt nicht so recht glauben, dass es diesen Film tatsächlich gibt bzw. dass er wirklich von Geistervergewaltigung handelt. Schließlich war THE ENTITY mitnichten die spekulative Schmuddelproduktion eines skrupellosen C-Film-Moguls, der sich, die Dollarzeichen in den Augen, mit Inbrunst auf einen solchen Stoff gestürzt hätte, sondern ein lupenreines, aufwändig produziertes, „seriöses“ Studioprodukt. Offensichtlich schienen die Produzenten es 1982 noch für eine gute, vermarktbare Idee zu halten, zu zeigen, wie eine Frau wiederholt von einer geisterhaften Macht missbraucht wird, wie sich ihre Brüste unter dem Druck unsichtbarer Finger verformen, wie sie von Psychologen argwöhnisch als komplexbeladene Masturbatorin betrachtet wird. Natürlich konnte man sich mit der Berufung auf eine „wahre Begebenheit“ das Feigenblatt der Aufklärung umhängen, die Verantwortung für solchen Nonsens gewissermaßen weiterschieben, aber das wirklich Erstaunliche ist, dass THE ENTITY das eigentlich gar nicht nötig hat. Sidney J. Furie ist tatsächlich das Kunststück gelungen, einen Film über Geistervergewaltigung (ich bedauere etwas, hier nicht von der viel kraftvoller klingenden ghost rape sprechen zu können, ohne als Anglizismenopfer rüberzukommen) zu drehen, der subtil, komplex und, ja, anspruchsvoll ist. Man fragt sich fast, was bei IRON EAGLE und SUPERMAN IV – THE QUEST FOR PEACE eigentlich schiefgegangen ist.

THE ENTITY überzeugt erst einmal durch die Haltung, die er zu seiner Geschichte einnimmt. Furie geht sehr nah ran an seine Hauptdarstellerin und lässt den Terror schon in seiner Auftaktszene vollkommen unvorbereitet über sie und den Zuschauer hereinbrechen. Charles Bernsteins Score verwandelt sich in diesem Moment in ein maschinelles, amelodiöses, kakophonisches Wummern, das fast körperliches Unwohlsein hervorruft. Melodramatische Details spart der Film völlig aus: Furie zieht den Zuschauer durch eine eher nüchterne Darstellung der Ereignisse auf Carlas Seite, nicht durch ein dramatisches Ausmalen der eh schon furchteinflößenden Situation. Und so geht es im weiteren Verlauf dann auch nicht so sehr um die „Identität“ von Carlas immateriellem Peiniger oder gar ihre Befreiung von dem Fluch, sondern um ihre Auseinandersetzung mit dem Psychologen Sneiderman (Ron Silver), der an Übersinnliches nicht glauben mag und Carlas schwierige Kindheit mit Missbrauch durch den streng religiösen Vater als Ursache des Übels sieht. Carla ist erst einmal ein ganz „normales“ Vergewaltigungsopfer, mit allen Begleiterscheinungen: Scham darüber, dieses Maß an unkontrollierbarer Lust auszulösen, die Entfremdung vom Geliebten (Alex Rocco), der nicht ertragen kann, dass da jemand anderes die Hände an seinem „Besitz“ hatte, und natürlich immer wieder die stillschweigende Unterstellung, dass man keineswegs nur wehrloses Opfer war. Die Abwesenheit eines Täters begünstigt gerade die Konzentration auf die Hilflosigkeit der Frau im Umgang mit der Tat, die sonst zugunsten der Strafverfolgung in den Hintergrund träte. Dass Carla von einem Geist vergewaltigt wird, scheint mithin weniger Ausdruck einer übersteuerten Fantasie zu sein, als vielmehr ein Mittel, den Focus zu verlagern. Es ist ein Gleichnis: Der Täter bleibt anonym, die Frau mit ihrer physischen und psychischen Verletzung allein zurück.

Auch die Horrorfilm-typische Gegenüberstellung von sich selbst verabsolutierender und dadurch blinder Ratio, verkörpert durch Sneiderman und seine Kollegen, die in ihrem Weltbild keinen Platz für Geister haben, und den Parapsychologen, die zwar objektiv „Recht“ haben, aber von der Schulmedizin sogleich mit dem Vorwurf der Ausbeutung bedacht werden, scheint zuerst einmal reaktionär. Tatsächlich führt Furie aber einen metafilmischen, selbstreflexiven Diskurs. Einmal erklärt Sneiderman seiner Patientin, dass Kobolde, Poltergeister, Nachtmahre und andere Sagengestalten, an die die Menschen einst glaubten, dazu dienten, verdrängter Schuld ein Gesicht zu geben und sie so gewissermaßen outzusourcen. Wer von unkontrollierbarer Lust übermannt wurde, machte ein Fabelwesen für diese Lust verantwortlich und wusch sich im Gegenzug rein. Für Sneiderman ist ganz klar, dass der geisterhafte Vergewaltiger lediglich ein externalisiertes Trauma Carlas ist: In ihm nimmt ihr gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität Gestalt an. Bilder machen später auch die Parapsychologen, wenn sie mit ihrem technischen Equipment anrücken, und versuchen, die sich im Haus Carlas ereignenden Phänomene aufzuzeichnen. Sie sind in ihrem Bemühen, dem Unsagbaren Gestalt zu verleihen, logischerweise die Gehilfen des Filmemachers, dessen Anliegen genau darin besteht. Sneiderman weiß es nicht, aber seine Ausführungen sind nichts anderes als die Erklärung der Funktion von Horrorfilmen, die innere Zustände in Schreckensbilder übersetzen, mit denen wir uns dann als Zuschauer direkt konfrontieren können. Das führt mich wieder zum vorangegangenen Absatz: THE ENTITY erfindet seinen „Rapeghost“, um sich mit dem Schrecken der Vergewaltigung auseinanderzusetzen.

Irgendein Musiker, ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mal etwas gesagt, das ich bis heute für absolut plausibel gehalten habe: Durchschnittlich begabte Menschen liefern immer mehr oder weniger Durchschnitt ab. Die Unterschiede zwischen ihren besseren und schlechteren Werken sind nur gering. Sogenannte Genies und Meister hingegen liefern am einen Tag ein Meisterwerk ab und am nächsten gelingt ihnen gar nichts. Es liegen Welten zwischen ihren Meisterleistungen und ihren misslungenen Schöpfungen. Nun steht James Wan, Regisseur von u. a. SAW, DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS und THE CONJURING ganz gewiss nicht im Verdacht, ein großer Meister zu sein. Stattdessen hat er bislang relativ verlässlich „brauchbare“ Unterhaltungsware abgeliefert, die mal ein bisschen besser (DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS), mal ein bisschen schlechter (SAW, THE CONJURING) geraten war. Wenn obige These stimmte, dann hätte es INSIDIOUS: CHAPTER 2 nicht geben dürfen, der eines der bodenlosesten Sequels ist, das ich seit einiger Zeit gesehen habe und mich gestern nicht nur massiv gelangweilt, sondern mit fortschreitender Spielzeit mehr und mehr angenervt hat. Wie dieser stinkende Haufen Dung zu seiner 6,7-Punkte-Wertung auf IMDb kommt, ist mir ein Rätsel. (Ist es natürlich nicht, aber ich glaube eben grundsätzlich an das Gute im Menschen.)

Nach den Ereignissen in INSIDIOUS ist nun also Ehemann Josh (Patrick Wilson) von einem bösen Geist besessen, der im Haus seiner Mutter Lorraine (Barbara Hershey), in der sich die ganze Familie niedergelassen hat, herumspukt. Die Ermittlungen der ebenfalls aus dem ersten Teil reaktivierten Geisterjäger Specs (Leigh Whannell) und Tucker (Angus Sampson) führen in die Vergangenheit: in Joshs eigene, in der er bereits schon einmal von einem Gespenst heimgesucht worden war, aber auch in die eben jenes von ihm Besitz ergreifenden Geistes, der Mutter eines gewissen Parker Crane, der sich nach einer misslungenen Selbstkastration in eben jenem Krankenhaus umbrachte, in dem Lorraine einst ihren Dienst als Krankenschwester verrichtete. Während die Geisterjäger rätseln, wie sie den Spuk auflösen, gerät Josh, der nun selbst psychopathische Züge an den Tag legt, immer mehr in seinen Bann …

Es ist ein Allgemeinplatz, der dadurch jedoch nicht an Gültigkeit verliert: Horrorsequels, die dazu antreten, die „Lücken“ ihres Vorgängers zu stopfen, dem Horror, der doch gerade aus dem Unerklärlichen erwächst, quasi eine Biografie zu geben, unterminieren ihre eigene Grundlage. INSIDIOUS: CHAPTER 2 ist nicht nur kein Stück gruselig oder unheimlich, sondern jederzeit vorhersehbar und zudem gleichermaßen fürchterlich anstrengend und albern in der aufgesetzten Ernsthaftigkeit, mit der er diesen Unfug verkauft. Es ist gar nicht so entscheidend, dass die Antworten, die Autor Whannell und Regisseur Wan auf die Fragen finden, die sich nach dem ersten Teil keiner ernsthaft gestellt hat, durch und durch enttäuschend und egal sind: Allein die Tatsache ihres Versuchs, Erklärungen zu liefern, bedeutet das Scheitern ihres Films, der keinen Raum für Überraschungen lässt, das Beunruhigende jeglicher Potenz beraubt, indem er es in einen logischen Rahmen zwängt. INSIDIOUS: CHAPTER 2 hat ein strukturelles Problem.

Dass ihm aber nicht einmal ein paar brauchbare Schocks oder Gänsehautmomente gelingen, ist schon fast als Skandal zu bezeichnen. Wenn man bereits nach der Hälfte eines Horrorfilms genervt auf die Uhr schaut, ist definitiv etwas schief gelaufen. Die Crux ist natürlich, dass man schon von Anfang an weiß, was man zu erwarten hat. Im Hause Lorraines geht ein rachsüchtiger Geist um, der den Körper von Josh erobern will. Daran, die effektiven scares des Vorgängers zu wiederholen, hat Wan offensichtlich kein Interesse, was grundsätzlich lobenswert ist, nur ist das, was er stattdessen bietet, leider nicht besser. Ab und zu huscht sehr erwartbar ein Gespenst im Hintergrund durchs Bild, immer und immer wieder geht dieses nervtötende Babyspielzeug von allein los, so als sei Krach die Lösung aller selbst verursachten Probleme. Und schließlich dieser Irrglaube, der Spuk würde unheimlicher, wenn man wüsste, wie er anno dunnemals seinen Anfang nahm. Die Verrenkungen, die das Drehbuch nimmt, um irgendwie noch etwas zu erzählen zu haben, wo doch eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist, spiegeln sich auch im Kleinen: Da gibt es diese Szene, in der der mittlerweile bösartige Josh mit der Hand hinter dem Rücken vor einem der Parapsychologen steht. Es ist schon vorher völlig klar – dem Zuschauer wie dem Geisterjäger –, dass Josh Übles im Schilde führt und auch, was er da hinter dem Rücken halten könnte, gibt keinerlei Rätsel auf. Trotzdem nehmen Whannell und Wan dies zum Anlass für eine vollkommen ins Leere schießende Suspenseszene, die bestenfalls ein geplagtes Stöhnen hervorruft: „Was trägst du da hinter dem Rücken?“, fragt der Geisterjäger begriffsstutzig. „Frag‘ doch deine Würfel!“, gibt Josh zurück. Der Geisterjäger wirft daraufhin gerhorsam seine Buchstabenwürfel und mit bedeutungsschwangerem Tamtam fängt die Kamera das Wort ein, das sie bilden: „Knife“. So geht Horror für Lernbehinderte. Am Schluss feiert auch das Medium Elise Rainier (Lin Shaye) seine Rückkehr, jene Frau, die Josh schon als Kind „behandelte“ und die in INSIDIOUS von ihm – bzw. von dem Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte – umgebracht worden war. Anstatt das einfach so stehenzulassen, schließlich befinden wir uns in einem Horrorfilm, in dem man die Anwesenheit eines Geistes durchaus akzeptieren kann, müssen Whannell und Wan noch klarstellen, dass die liebe Frau mitnichten im düsteren „further“, dem Zwischenreich rachsüchtiger Geister, herumspuken muss. Nein, versichert sie ihren beruhigt aufatmenden Ex-Assistenten, sie komme von einem schönen Ort und werde nach getaner Arbeit auch dahin zurückgehen. Na gottseidank, dass das mal klargestellt wurde.

Das ganze Versagen von INSIDIOUS: CHAPTER 2 wird jedoch nirgends so deutlich wie im obligatorischen Cliffhanger, mit dem hier noch ein weiteres Sequel, man kann es nicht anders sagen, angedroht wird. Wieder einmal besucht Elise das Haus, in dem sie einen Geist vermutet, wieder einmal fährt die Kamera unheilschwanger an das Gesicht der hübschen Tochter heran, wird mit anschwellendem Dröhnen suggeriert, etwas lauere hinter ihr. Und wieder einmal zeigt der Gegenschuss das Gesicht Elises, das wieder einmal signalisiert, dass das, was sie da jetzt sieht, aber wirklich das absolut Schlimmste ist, mit dem sie je konfrontiert wurde. Ich gönne ihr ihre Affektivität, wirklich, nur ist die Diskrepanz zwischen ihrem Erleben und meinem nach dem Durchleiden von 105 Minuten fußlahmer Mystery absolut frappierend. Ich war während dieser Szene schon auf halbem Weg zum Fernseher, um den Film endlich ausschalten zu können.

 

 

Nach dem Abtritt der Startänzerin des New Yorker Balletts sucht der Regisseur Thomas Leroy (Vincent Cassel) eine Hauptdarstellerin für seine neuartige Interpretation von Tschaikowskis „Schwanensee“. Die neurotische Nina Sayers (Natalie Portman), die immer noch mit ihrer wachsamen Mutter (Barbara Hershey) zusammenlebt, macht sich Hoffnungen, scheitert jedoch immer wieder an der Rolle des schwarzen Schwans. Zu kontrolliert, zu wenig verführerisch sei ihre Darbietung, kritisiert Thomas und fordert von ihr loszulassen, sich zu verlieren. Dabei hilft ihr schließlich die Mittänzerin Lily (Mila Kunis): Doch je mehr sich Nina von ihren Zwängen befreit, umso mehr driftet sie in Wahnvorstellungen ab …

Hmmm. Wie schon bei Aronofskys THE WRESTLER fühle ich mich auch nach BLACK SWAN reichlich underwhelmed. Von den vielen euphorischen Kritiken, die einen visionären und verstörenden Film beschrieben, habe ich mich nach der Erfahrung von THE WRESTLER gar nicht zu sehr beeindrucken lassen, zumal es in meinem weiteren Bekanntenkreis auch einige weniger begeisterte Reaktionen gab, aber die Einfalt, mit der die Geschichte der verhärmten Balletttänzerin Nina Sayers teilweise dargeboten wird, hat mich dann doch ziemlich überrascht. Aronofskys Film handelt von dem Konflikt zwischen dem, was Nietzsche als das apollinische und das dionysische Prinzip identifiziert hat: Nina ist fast ausschließlich Geist, Ratio und Kontrolle, um die Rolle des schwarzen Schwans meistern zu können, muss sie aber genau das Gegenteil werden, nämlich Körper, Wahn und Rausch. Etwas, das ihr nahezu unmöglich ist, weil sie ihren Körper doch mit Skepsis, wenn nicht sogar mit Abscheu betrachtet. Die Selbstaufgabe, die dazu nötig ist, diese Barriere zu überwinden, zerstört Nina letzten Endes vollständig. Sie muss sterben, damit der schwarze Schwan lebendig werden, sie als Tänzerin triumphieren kann.

Der „Schwanensee“ liefert mit seiner Geschichte einer unschuldigen Schwanenkönigin und ihrer dunklen Widersacherin eine geeignete Basis, um den philosophischen Essay über den Gegensatz von Körper und Geist und die Frage, inwiefern man ein anderer werden und dabei trotzdem seine Identität wahren kann, in Bilder zu kleiden – und das Ballett ein passendes Sujet, das selbst im Spannungsfeld zwischen den Extremen von Kontrolle und Freiheit, Disziplin und Inspiration existiert. Aber Aronofsky geht es gar nicht um den Ballettbetrieb. Er interessiert ihn nur insoweit, als er eine Bildwelt bereitstellt, die zu seinem Thema passt. Trotzdem war ich erstaunt, wie klischeehaft und oberflächlich das alles ist. Die ganze Geschichte ist nur auf den Zusammenbruch Ninas hinkonstruiert, ohne sich dabei allzu lang mit Plausibilität aufzuhalten.

Die Klischees sind zahlreich: Nina ist magersüchtig und hat Angst vor ihrer eigenen Körperlichkeit, Sexualität ist für sie lediglich eine Quelle der Scham, etwas über das sie nicht nachdenken kann, ohne zu erröten oder sich unwohl zu fühlen. Ihre Mutter ist eine Kontrollfanatikerin, die ihre Tochter benutzt, um die eigene gescheiterte Karriere zu kompensieren: eine Karriere, die natürlich durch die Schwangerschaft mit Nina beendet wurde. Sie mahnt Nina zur Disziplin, steht wie ein Wärter bereit, wenn ihre Tochter mal zu spät nach Hause kommt, belohnt sie bei Erfolgen mit einer Sahnetorte und ist beleidigt, wenn sie darauf keinen Appetit hat. Regisseur Thomas ist einer jener Künstler, die Menschlichkeit bedingungslos der eigenen Vision und dem Erfolg unterordnen: Schonungslos knallt er der zerbrechlichen Tänzerin seine Meinung an den Kopf, steckt ihr auch schon mal die Zunge in den Hals, um sie aus der Reserve zu locken. Er weiß ganz genau, was er will, aber seine Entscheidung, die neurotische Nina entgegen seiner richtigen Einschätzung ihrer Fähigkeiten in der Doppelrolle zu besetzen, ergibt nur vor dem Hintergrund seines diabolischen Bedürfnisses, Menschen wie Schachfiguren zu benutzen, einen Sinn, widerspricht sowohl seinem künstlerischen Instinkt als auch seinem Wissen um die kommerzielle Bedeutung seines Stücks für das Haus, für das er arbeitet. Und die tätowierte Lily fungiert als Verführerin und Versucherin für Nina, nimmt sie mit in Bars, verkuppelt sie mit Jungs, bietet ihr Drogen an und erregt schließlich amouröse Gefühle in der verwirrten jungen Frau. Dabei bleibt einerseits unklar, was die ungezwungene Lily überhaupt an der verschlossenen und steifen Nina interessiert, wirkt es andererseits wenig glaubwürdig, dass Lily es mit ihrem Lebenswandel an die Spitze des Balletts geschafft hat. Jedes einzelne dieser Klischees ist verschmerzbar: Aber in der Anhäufung muss man den Drehbuchautoren eine gewisse Faulheit bescheinigen, die Probleme, die ihnen ihre Geschichte stellte, auf kreative Art und Weise lösen zu wollen.

Was an BLACK SWAN ohne Frage begeistert, ist seine formale Gestaltung und das entbehrungsreiche Spiel Natalie Portmans. Visuell ist Aronofskys Film unheimlich reich, ohne dabei jemals überladen zu wirken. Sowohl Kameramann Libatique als auch die Effektkünstler arbeiten sehr effizient, erreichen viel mit kleinen Mitteln, anstatt den Zuschauer unter Dauerbeschuss zu nehmen und zu überwältigen. Die Transformationseffekte, denen Natalie Portman etwa unterworfen wird, sind bis zum Finale sehr subtil: Wenn man zwinkert, übersieht man sie. Mittlerweile klischierte Kameraeffekte, die Aronofksy mit REQUIEM FOR A DREAM zu etablieren noch mitgeholfen hatte, sucht man weitestgehend vergebens. Das herannahende Unheil bricht bis zum Schluss nicht deutlich hervor, stattdessen brodelt es unter der Oberfläche des Films, die nur manchmal durchlässig wird für die Signale, die andeuten, was da kommen wird. Und so sehr man auch von Beginn an weiß, wie BLACK SWAN ausgehen wird, sind es die letzten Einstellungen, die dann in einer Form überraschen und emotional einnehmen, die Aronofksy sonst leider zu selten anstrebt. Ein guter Film sicherlich. Das Meisterwerk, das so viele in ihm gesehen haben wollen, ist BLACK SWAN aber genauso wenig wie THE WRESTLER.