Mit ‘Barbara Valentin’ getaggte Beiträge

Um den Elefanten im Raum direkt anzusprechen: Ich halte GELD ODER LEBER für die Sternstunde dieser speziellen Ausprägung der deutschen Blödelkomödie, wie sie in den Achtzigern populär war (und meist der geschäftstüchtigen Produktionsschmiede der LISA-Film entstammte). Es ist der Film, in dem sich die üblichen Zutaten unter Zufügung einer schwierig zu isolierenden Geheimzutat zu einem Gesamten addieren, das deutlich größer ist als die Summer seiner Einzelteile. Dieter Pröttels Film sollte eigentlich nicht funktionieren, tut es aber überraschenderweise doch – und mehr noch: Hier wird nicht nur der Gaga-Humor endgültig zur Kunstform erhoben, hier wird man am Ende, wenn man schon völlig überrollt im Sessel hängt, gar noch Zeuge, wie sich die Zotenparade vor den eigenen Augen in einen geradezu magischen Liebesfilm verwandelt, das Genre gewissermaßen überwunden wird und etwas bleibt, das wirklich berührt. Die bizarren Verwicklungen der vorangegangenen 80 Minuten sind vergessen, und wie das Protagonistenpärchen da in den idyllischen Sonnenuntergang stapft, sich zärtlich seiner gegenseitigen Liebe versichert, der Score nach Dauerbeschallung mit den Hits der Ersten Allgemeinen Verunsicherung zum ersten Mal zurückschaltet, überträgt sich diese glücksselige Entspanntheit auch auf den Zuschauer, der nun endgültig nicht mehr weiß, wie ihm da geschehen ist.

GELD ODER LEBER bedient sich zunächst einer Struktur, wie man sie vielleicht aus den Komödien aus der Zucker-Abrahams-Zucker-Schmiede oder auch, um in Deutschland zu bleiben, den Hauptfilmen aus Didi Hallervordens TV-Sendung NONSTOP NONSENS kennt. Jede Szene bzw. gar jede Einstellung kulminiert in einem Gag, der mal eher verbaler, mal bildlicher Natur ist. Im Unterschied zu den erstgenannten US-Komödien hebt diese Strategie den Film aber nicht auf eine von der „Realität“ abgelöste Metaebene, vielmehr dient sie der Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und der Beziehung, die diese zur Welt unterhalten – oder eher: nicht unterhalten. Dem Wirbel, den die Welt um sie herum entfacht, sind Mike und Susanne Juing (Mike Krüger & Ursela Monn), ein seinem ganz eigenen Rhythmus folgendes Ehepaar, nämlich überhaupt nicht gewachsen. Beide sind arbeitslos und nicht in der Lage, ihre durchaus vorhandene Energie in die gesellschaftlich akzeptierten produktiven Bahnen zu lenken. Die als alternativer Lebensentwurf auserkorene Karriere als Bankräuber scheitert aber immer wieder an ihrer grenzenlosen Liebenswürdigkeit. MIt Spielzeugpistolen bewaffnet, werden sie entweder gar nicht ernst genommen oder lassen sich durch unvorhersehbare Ereignisse von ihrem Vorhaben abbringen. Mehr durch Zufall als Geschick kommen sie dann aber doch in den Besitz wertvollen Geschmeides, das sie auf der Flucht vor der Polizei in einer ausgenommenen Gans verstecken, die jedoch wenig später bereits verkauft ist. Sie erhalten sieben Adressen, wo sich die gesuchte Gans verstecken könnte, die sie im Folgenden nacheinander abklappern; bis kurz vor Schluss ohne Erfolg. Die anhaltende Pechsträhne führt zu einer vorübergehenden Trennung, schließlich gar zu einem Gefängnisaufenthalt, bis die Erkenntnis, dass Reichtum die Liebe nicht ersetzen kann, sie zu einem Happy End zusammenführt. Der Film ist in seinem episodischen Verlauf gespickt mit deutschen Stars, denen die passenden Rollen auf den Leib geschneidert wurden: Barbara Valentin spielt eine reiche Gräfin, die einen verzogenen Bengel ihren Sohn nennt. Lotti Krekel und Ernst H. Hilbich sind als altes Camperehepaar zu sehen, Jochen Busse als versnobter Spaziergänger, Hans Clarin als Chirurg und Christine Schuberth als seine liebeshungrige Assistentin, Bernd Stephan gibt einen großmäuligen, aber dummen Feldwebel (bester Spruch: „Sie haben wohl Elefantenarsch mit Birne gegessen!“), Corinna Genest eine Gefängnisdirektorin in Lack und Leder und Werner Kreindl einen Kommissar. LISA-Dauergäste wie Otto W. Retzer, Alexander Grill oder Kurt Weinzierl dürfen ebenfalls nicht fehlen. Besonders absurd sind aber die Auftritte von Raimund Harmstorf als Kapitän eines Ausflugsdampfers, der seine Dialogzeilen auf eine Art und Weise intoniert, die nahelegt, dass er bereits in ganz anderen Sphären weilte, und natürlich jener von Falco. Der Österreicher reißt den Film mit seinem exaltierten, wahrscheinlich koksbeflügelten Auftritt komplett an sich und führt ihn weit über die Grenzen von Absurdistan: In seinem Gefolge befinden sich neben den obligatorischen Bikinischönheiten auch ein Karateka und ein Rambo-Double, komplett mit Stirnband und Panzerfaust. Mike Krüger schleicht sich als sein Double auf dessen Anwesen, auf dem bald auch Rotkäppchen (Simone Brahmann) eintrifft, um dem exaltierten Popstar Wein und eben eine Gans zu bringen, und dann schließlich Susanne, als Pippi Langstrumpf verkleidet. Man muss es sehen, um es zu glauben. Das Ende des Falco-Auftritts besorgt dann noch ein Livemitschnitt von seinem Hit „The Sound of Music“ in schöner Amphitheater-Kulisse, der mir große Lust auf seine Platten gemacht hat. Epochal, das Sahnehäubchen auf einem rundum denkwürdigen Film.

Diese Beschreibungen, wenn sie dem ein oder anderen geneigten Leser vielleicht auch Lust auf den Film machen mögen, sind aber immer noch nicht geeignet, GELD ODER LEBER in seiner Gänze zu erfassen. Da passiert eben noch etwas hinter dem Klamauk, hinter den Episödchen, hinter den popkulturellen Verweisen, neben dem Zusammenspiel von Filmbild und EAV-Soundtrack. Der Film ist als abstruse Nummernrevue einerseits total künstlich, fühlt sich andererseits aber sehr organisch und warm an. Er ist sehr direkt und manchmal natürlich frontal blöd, dabei aber auch sehr liebenswert und einfühlsam. Er hat einerseits rein gar nichts mit der Realität zu tun, sagt auf der anderen Seite eine ganze Menge über sie. Sein größter Verdienst ist es wohl, dass es ihm trotz seiner für Immersion eigentlich denkbar ungeeigneten Form gelingt, echte Sympathie für seine beiden so unperfekten Protagonisten zu wecken, für die Art, wie sie versuchen, das Leben zu meistern, für die Energie, mit denen sie gegen den unerbittlichen Strom anschwimmen. Ich muss hier unbedingt auf Ursela Monn eingehen, die wirklich großartig ist, sowohl die leicht nervöse Lebenskünstlerin als auch die liebevolle und, ja, auch erotische Gattin überzeugend verkörpert, mal verletzlich und mädchenhaft, dann aber auch sehr resolut und entschlossen agiert. (Man vergleiche ihre Figur nur mal mit den Love Interests, die Gottschalk in den vier SUPERNASENFilmen angehängt wurden.) Ich glaube, die halbe Miete des Films ist ihre Stimme, für die ich seit den „Kleine Hexe Klavi-Klack“-Hörspielen meiner Kindheit eine große Schwäche habe, und die sowohl die schrille Komik wie auch das zarte, beruhigende Säuseln draufhat. Möglicherweise stehe ich mit meiner Meinung über diesen Film total allein, die verheerende IMDb-Wertung mit kläglichen 3,9 Punkten spricht dafür, aber ich finde ihn wirklich, wirklich toll. Viele der deutschen Gaga-Komödien genießen gerade unter Leuten meines Jahrgangs heute Kultstatus, erfahren von ihnen eine Wertschätzung, die über das verächtliche So-bad-it’s-good-Getue hinausgeht, aber GELD ODER LEBER wird da seltsamerweise nie genannt. Wenn ich hiermit einen kleinen Sichtungsanreiz geben konnte, bin ich zufrieden.

Endlich, endlich, endlich. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Film schon sehen will, jetzt endlich hat es geklappt – und noch dazu auf der Leinwand. Mein ewiger Dank gebührt den wunderbaren Veranstaltern von Mondo Bizarr in meiner heimlichen Heimat Düsseldorf, die diese Perle zu ihrem ersten Weekender ins Kino holten: fast, als wollten sie mir damit ein persönliches Geschenk machen. Tatsächlich haben sich alle Vorschusslorbeeren, die dem Film von verschiedenster Seite zugetragen werden, als berechtigt erwiesen, was ja an sich schon an ein Wunder grenzt. Schon so mancher schöne Film ist daran gescheitert, dass man ihn sich, angefeuert von frenetischem Publikumslob, einfach noch besser vorgestellt hat. Vielleicht hat es EIN TOTER HING IM NETZ geholfen, dass er so ganz anders ist, als ich ihn mir vor meinem geistigen Auge ausgemalt hatte. Der Monsteranteil ist deutlich geringer als erwartet und die Monsterspinne kleiner, dafür gibt es mehr putziges Beziehungsgedöns, wunderbar swingende Lounge-Musik und traumhaft anzuschauende Sechzigerjahre-Schönheiten in various states of undress, wie der Genießer sagen würde. Der Film ist natürlich schon aus historischer Perspektive hochinteressant, weil er – wie etwa auch der ganz anders geartete DER IRRE VOM ZOMBIEHOF – eine „Sackgasse“ der deutschen Filmgeschichte darstellt. Genre-, sprich Horror-, Monster- oder Science-Fiction-Filme waren und sind nach der in dieser Hinsicht noch reichen Stummfilmzeit, mit einflussreichen Klassikern wie NOSFERATU, EINE SYMPHONIE DES GRAUENS oder DAS KABINETT DES DR. CALIGARI, rar gesät in deutschen Landen. Dass durchaus Potenzial da war, dass man in mannigfaltige Richtungen hätte nutzen können, sieht man eben auch an EIN TOTER HING IM NETZ, der den Vergleich mit US-amerikanischen Werken jener Zeit nicht zu scheuen braucht. Wer nervenzerfetzende Spannung erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden, aber wer sich auf diese ganz spezielle Stimmung einlassen kann, sich für Sitten- und Mentalitätsgeschichte interessiert oder wie ich einfach Freude am Look und Sound dieser Zeit hat, erlebt hier ein wahres Fest. Dafür gehe ich gern tiefer ins Detail.

Zu Beginn wird eine brünette Holde aus ihrem Schönheitsschlaf geklingelt, erst von einem Freund am Telefon, dann von ihrem spießigen Vermieter, der die ausstehende Miete einfordert. Es muss dringend Geld her und das lockt in Form eines Tanzengagements in Fernost, für das man sich in der Agentur Blackwood bewerben kann. (Der Film spielt zu Beginn in der Wiege des Showbiz, im sonnigen El Ey.) Schon hier sehr süß das schwankende Verhältnis der Frau zur Sexualität: Dem Vermieter wird das entblößte Fahrwerk noch in voller Pracht und ohne jede Scham vorgeführt, weil er als möglicher Partner gar nicht in Frage kommt, als dann jedoch ein Jüngling erscheint, der katzenhafte Sprung hinter den Vorhang geprobt. Der Sex liegt eben im Auge des Betrachters. Die junge Frau beschließt dann sehr spontan, nach Fernost „zu gehen“, und man weiß nicht, ob sie sich darüber bewusst ist, dass man da mit dem Flugzeug hinreisen muss und nicht zu Fuß hinlatschen kann. In der Agentur Blackwood türmen sich schon die reisewütigen, verzweifelten oder abenteuerlustigen Starlets, darunter die dralle Babs (Barbara Valentin), mit platinblonder Mähne und Schmollmund als frustrierte, lasterhafte Männermörderin erkennbar, die vom anderen Geschlecht die Schnauze voll hat. Der Reihe nach dürfen alle vortanzen oder auch nur ihre Beine zeigen und Böttger macht eine große Nummer aus dem „Trick“ des Casting Directors Gary (Alexander D’Arcy), der seiner Assistentin per Beinüberschlag signalisiert, ob er eine Frau engagieren will oder nicht. Ob das wirklich so viel einfacher ist als zu sagen: „Die nehmen wir“? Viviane Forrester hat ein Buch geschrieben, dessen Titel den zugrundeliegenden Irrtum gut beschreibt, es heißt „Der Terror der Ökonomie“. Eines der Mädchen tat mir besonders Leid: Eine zierliche Ballettänzerin, der man gleich ansieht, dass sie mit ihrem zugeknöpften Mantel nicht in Frage kommt für die ganze Nummer, aber sie hat sogar eine Schallplatte mitgebracht und darf dann lange vortanzen, bewegt sich überaus grazil und anmutig durch das Büro des Agenten. Am Ende bekommt sie dann aber wie erwartet zu hören, dass sie ein andermal wiederkommen soll, und als sie enttäuscht von dannen zieht, vergisst sie sogar ihre Platte mitzunehmen. Ihre Enttäuschung wird wahrscheinlich schnell verflogen sein, als sie erfahren hat, dass das Flugzeug, indem auch sie gesessen hätte, über dem Pazifik abgestürzt ist.

Die Mädels und Gary, der sofort das Kommando übernimmt, ganz klar, treiben ein paar Tage auf dem Ozean herum – gegen jede Wahrscheinlichkeit, denn Gary weiß, dass da doch einfach irgendwann ein Schiff vorbeikommen MUSS – und stranden dann auf einer Insel. In der Folge wird ausgiebig das Schuhwerk der Mädchen thematisiert, das für einen Aufenthalt auf der Insel nicht wirklich ausgelegt ist, von dem sie sich aber trotzdem nur höchst ungern trennen. Immer wieder werden die Stöckelsandalen und High Heels aus- und wieder angezogen und man hat das Gefühl, das könnte ewig so weitergehen, ohne dass man daran Anstoß nehmen müsste. Der Film findet die Attraktionen an den unerwartetsten Stellen. Der Fund eines Hammers („mit langem Stiel“) etwa signalisiert, dass die Insel doch bewohnt ist, und veranlasst Gary außerdem zu der Spekulation, dass hier vielleicht Uran abgebaut wird. Logisch, wegen des langen Stiels kann die Strahlung dann nicht bis zur Hand vordringen. Und Babs fragt, ob man dieses „Uran“ denn auch essen könne. In einer Blockhütte finden die Gestrandeten den Toten im Netz und auch die Spinne bekommt ihren ersten Auftritt. Die ist wirklich eine Schau, guckt grimmig aus ihrem Comicgesicht und hat richtige Hände. Ein Glück, dass der Film aus den Sechzigern ist, 20 Jahre später hätte sie bestimmt einen Stinkefinger gezeigt. Gary wird bald gebissen und rennt infolgedessen als Werwolf durch den Busch, doch der Film zeigt daran seltsamerweise nur ein höchst geringes Interesse. Stattdessen wendet er sich den Mädels in ihrer Hütte zu, die ohne Mann natürlich verloren sind und sich in endlosen Zickenkriegen oder Panikattacken ergehen, bis sie auf die Gehilfen des Toten stoßen: den Filou Robby (Rainer Brandt) und den bodenständigen Joe (Harald Maresch). Dialogzeile für die Ewigkeit: „Das ist Robby, ein berühmter Uranforscher. Ich habe ihn im Schilf kennen gelernt.“ So wurden früher Freundschaften fürs Leben geknüpft. Es wird ausgelassen getanzt und gesoffen, Joe verliebt sich, Robby wandert reihum und zieht damit den Zorn Joes auf sich, und irgendwann taucht dann das Monster wieder auf und stört die Eintracht, was fast ein bisschen schade ist. Zur Strafe jagen Mann und Frau es in einem atmosphärischen Finale mit Fackeln vereint durch den Wald in den Sumpf, wo es tragisch verendet.  Aber das ist besser so, so sind sich alle einig, denn das wäre ja echt kein Leben gewesen so als Monster.

EIN TOTER HING IM NETZ ist wirklich das pure Glück und überdies erstaunlich freizügig für seine Zeit. In der „harten“ Fassung, die wir glücklicherweise bestaunen durften (es gibt auch eine „softere“, in der die Damen bekleideter sind), kann man aus der Ferne sogar einen Blick auf die nackten Brüste der sich in einer Lagune verlustierenden Frauen werfen. Ansonsten werden natürlich alle Gerneklischees versammelt, aber irgendwie gelingt es Böttger trotzdem, den Absturz in die Formelhaftigkeit zu verhindern. EIN TOTER HING IM NETZ hat sich seine immense Spritzigkeit bis heute bewahrt. Und warum nur sehen Frauen heute nicht mehr so aus wie hier?