Mit ‘Barbet Schroeder’ getaggte Beiträge

David Caruso ist ja mittlerweile aufgrund seiner eindimensionalen Rolle in CSI MIAMI zu einer Art besonnenbrilltem Running Gag verkommen, aber anno 1995 war der Star der Fernsehserie NYPD BLUE auf dem Sprung, auch im Filmgeschäft groß rauszukommen. Anlässlich dieses Films wurde sogar in der Splatting Image ein Interview mit ihm abgedruckt, in dem er Steve McQueen als sein großes Vorbild nannte: Er bewundere an ihm die mimische Ökonomie, das Talent, mit einem Minimum an Mitteln maximalen Effekt zur erzielen. In KISS OF DEATH zeigt Caruso, dass er die McQueen’sche Coolness tatsächlich gut zu adaptieren versteht – er muss keine beeindruckende Physis mitbringen oder Muskeln zeigen, um klarzumachen, dass man mit ihm besser keine Spielchen spielen sollte. In einem famos besetzten Film ist er das unumstrittene Zentrum, das menschgewordene Auge des Tornados. Schade, dass seine Filmkarriere nach einigen gescheiterten Anläufen baden ging. Zumal die Filme, die daran „Schuld“ waren, in einer gerechten Welt niemals gefloppt wären. KISS OF DEATH ist einer davon.

Das Remake des (mir noch unbekannten) gleichnamigen Noir-Klassikers von 1947 wurde von Barbet Schroeder als hochkonzentrierter Männerfilm auf die Leinwand gebracht. Schroeder interessiert sich dabei kaum für gängige Genremechanismen. Die sonst zentralen Actionszenen sind kurz, dafür aber umso drastischer, die Rache des gebeutelten Helden wird nicht zum blutigen Triumphzug ausgewalzt, sondern mit den Mitteln des Verstandes verübt und die überlebensgroßen, archetypischen Figuren lassen immer wieder Eigenschaften aufblitzen, die ihnen ungewohnte Tiefe verleihen. Es sind nicht so sehr die großen dramatischen Schlüsselszenen des Films, die haften bleiben, sondern eben die kleinen Momente, die von Schroeder nahezu gleichberechtigt behandelt werden. So sehr man es auch mit einem typischen Hardboiled-Stoff zu tun hat: KISS OF DEATH wirkt stets real und glaubwürdig, ohne dabei auf fragwürdige Authentifizierungsstrategien zurückgreifen zu müssen. Der Film ist selbst dann, wenn er Nicolas Cage eine Plattform zum Megaacting bietet, noch so down to earth wie sein Hauptdarsteller.

Der Autoknacker Jimmy Kilmartin (David Caruso) will nach verbüßter Haftstrafe ein normales Leben mit Frau Beverly (Helen Hunt) und gemeinsamer Tochter führen. Doch mit seinem in krumme Dinger verwickelten Cousin Ronnie (Michael Rapaport) klopft schnell die kriminelle Vergangenheit an die Tür. Ronnie bittet Jimmy, als Fahrer bei einer groß angelegten Autoschieberei zu fungieren, „Little Junior“ (Nicolas Cage) bringe ihn sonst um. Jimmy ist nicht der Typ, der seine Familie hängen lässt, also willigt er ein. Wenig später bereut er diese Entscheidung: Der Konvoi wird von der Polizei angehalten und weil sein Beifahrer das Feuer auf den Polizeibeamten Calvin Hart (Samuel L. Jackson) eröffnet und ihn verwundet, sieht sich Jimmy einer Anklage wegen versuchten Mordes gegenüber. Während er im Knast sitzt, kommt seine Gattin Beverly ums Leben – nachdem sein feiner Cousin sie ins Bett zerren wollte. Jimmy sinnt auf Rache, serviert er Ronnie mit einem gezielten Tipp beim aalglatten Staatsanwalt Zioli (Stanley Tucci) ab. Und der sieht in Jimmy ein geeignetes Werkzeug, die eigene Karriere voranzubringen: Nach seiner Entlassung soll der ihm helfen,  Little Junior hinter Gitter zu bringen …

Man kann nicht sinnvoll über KISS OF DEATH sprechen, ohne auf seine Schauspieler einzugehen. Schroeder kitzelte selbst aus Idi Amin eine unfassbare Performance heraus, kein Wunder, dass er die Riege herausragender Darsteller zu Glanzleistungen motivierte, die den eher ruhigen Film zum Strahlen bringen. Zu Caruso habe ich mich schon geäußert, aber Cage, Tucci, Jackson und Rapaport sind kaum weniger großartig. Ersterer gibt seinen Junior als Trainingsanzug-Proleten mit Asthma und Abneigung gegen Metallbesteck. Seine Auftritte sind kurz, aber unvergesslich, prägnante Beispiele seines berüchtigten Megaactings: Nach dem Tod seines Vaters tanzt er autoaggressiv zu Kirmes-Techno, er macht Gewichtheben mit einer Tänzerin seines Stripclubs, möchte sich mit Jimmy in einem Anfall von Introspektion über „life and shit“ unterhalten, gibt sich motivierende Akronyme („it helps you to visualize your goals) und hat sich dabei für „B.A.D“ entschieden, was für „balls, attitude, direction“ steht. Jimmys Vorschlag „F.A.B“ – „Fucked at Birth“ – ist ihm hingegen entschieden zu negativ. Ich gehe davon aus, dass ein Großteil dieser Dialogzeilen sowie Einfälle wie die Besteckabneigung auf Cages eigene Improvisation zurückgehen – und erstaunlicherweise zerreißen diese tonal krass herausstechenden Momente den Film nicht, sondern fügen sich wunderbar ins Bild. Es sind diese superspezifischen Details, die Little Junior – eigentlich ein echter Kintopp-Schurke – gegen jede Wahrscheinlichkeit zu einer runden, lebendigen Figur machen. Eine Überraschung ist auch Samuel L. Jackson: Agiert er seit Jahren als Karikatur seines vor 20 Jahren etablierten „big black motherfuckers“, hat er hier eine überraschend differenzierte Rolle bekommen. Der Cop, der von seiner Schussverletzung ein tränendes Auge und Migräneanfälle davongetragen hat und dessen Zorn auf Jimmy sich in echte Sympathie verwandelt, als er bemerkt, dass der genauso ein Opfer seiner Umwelt ist wie er, ist in KISS OF DEATH ein emotionales Zentrum neben dem Zentrum. Diese Wandlung eines Nebencharakters zur echten Identifikationsfigur ist nur eine der zahlreichen unerwarteten Überraschungen, die Schroeder bereithält. Unbedingt ansehen!

Ohne viel Tamtam: Meine persönlichen Barbet-Schroeder-Wochen enden vorerst mit diesem Text. Viel Spaß!

Mitten hinein in meine völlige Immersion in die Jahrhundertserie THE SOPRANOS platzte Barbet Schroeder mit der soeben auf DVD erschienenen Dokumentation L’AVOCAT DE LA TERREUR, auf gut Deutsch: IM AUFTRAG DES TERRORS, und es ist ihm gelungen, mich kurzzeitig auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. In Zeiten, in denen ein ätzender Selbstdarsteller wie Michael Moore mit seiner Propaganda als Intellektueller gelten darf, ist ein Filmemacher wie Barbet Schroeder umso wertvoller. Meinen Text gibt es – wie fast immer – hier zu lesen.

barfly (barbet schroeder, usa 1987)

Veröffentlicht: Oktober 12, 2009 in Film
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Mit Koch Media hat sich endlich ein Label gefunden, das BARFLY hierzulande auf DVD veröffentlicht. Die von Charles Bukowski gescriptete, autobiografisch angehauchte Cannon-Produktion kann einen brilliant agierenden Mickey Rourke in seiner Hochphase in den mittleren Achtzigern, eine famose Kamerarbeit von Robby Müller, einen herrlich stimmungsvoll-rauchigen Soundtrack voller Blues- und Jazz-Stücke und die dezente, aber umso nachhaltigere Regie von Barbet Schroeder vorweisen. Die DVD gehört mithin in jedes Regal, am besten in der Doppel-DVD-Edition, die als Bonus noch Schroeders Charles-Bukowski-Doku „The Charles Bukowski Tapes“ enthält. Mehr von mir zum Film auf F.LM.

af_1041Wenn es Idi Amin Dada nicht wirklich gegeben hätte, ein Filmemacher hätte ihn erfinden müssen. Der ehemalige Schwergewichtsboxer und General der ugandischen Armee, der durch einen Putsch im Jahr 1971 die Macht an sich riss, in den folgenden Jahren ein blutiges Regime aufbaute und sein Land darüber in eine schwere wirtschaftliche Krise stürzte, bevor er 1978, als die Geduld seiner Landsleute und Nachbarn endgültig aufgebraucht war, schließlich fliehen musste, verkörperte den tyrannischen, größenwahnsinnigen und narzisstischen Despoten in den wenigen Jahren seiner Herrschaft nahezu in Reinkultur. Dada geriet so geradezu zwangsläufig in den Blick des öffentlichen Interesses: Mit THE RISE AND FALL OF IDI AMIN widmete sich einer der schönsten Exploiter der Siebziger- und Achtzigerjahre dem selbsternannten „Conqueror of the British Empire“, gleich mehrere Filme thematisierten die Ereignisse auf dem Rollfeld in Entebbe, als ein israelisches Sonderkommando Geiseln aus der Hand palästinensischer Flugzeugentführer befreite und den Antisemiten Idi Amin international blamierte, zahlreiche Bücher kolportierten Gerüchte darüber, dass Amin ein Kannibale und Frauenmörder sei und trugen so ihren Teil dazu bei, den Herrscher eines weltpolitisch eigentlich unbedeutenden afrikanischen Staates auf Überlebensgröße aufzublasen und an der Legendenbildung zu stricken.

Barbet Schroeders Dokumentation zeigt aber, dass Idi Amin durchaus auch selbst daran interessiert war, sich zum großen Filmschurken zu stilisieren und es ist dieses Interesse Amins, dass Schroeders Film zu einem solch faszinierenden Erlebnis macht, mehr als jedes inszenatorische Geschick des Regisseurs. Im Untertitel heißt Schroeders Film „Selbstporträt“ und das ist kaum gelogen: Der Regisseur begnügt sich damit, Idi Amin die Plattform für dessen Selbstdarstellung zu liefern, ihm das Gefühl zu geben, sich so präsentieren zu können, wie er sich selbst gern sehen würde, greift nur an ein, zwei Stellen kommentierend ein und bringt den Despoten so letztlich dazu, sich selbst zu demontieren. Idi Amin präsentiert im schicken Tarnfleckanzug ein Militärmanöver, bei dem die Eroberung der israelischen Golanhöhen geübt wird; er lacht, als er auf seine Äußerung, Hitler habe zu wenig Juden umgebracht, angesprochen wird, und sagt, man solle doch lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit schauen; er lädt palästinensische Flugzeugentführer und Terroristen zu sich ein und verspricht ihnen Amnestie; er behauptet, jeder, der eine israelische oder US-amerikanische Maschine besteigt, sei selbst Schuld, wenn er Opfer einer Entführung werde; er mahnt seine eifrig mitschreibenden Minister in einer Kabinettsitzung dazu, das eigene Volk zu lieben; er lobt die Wirtschaftsmacht seines längst am Boden liegenden Staates; er spielt bei einem Fest Akkordeon und liefert den Soundtrack zu Schroeders Film. Das Gruselige an Schroeders Film: Amin ist nicht unsympathisch. Seiner tiefen, aber weichen Stimme mit dem afrikanischen Akzent hört man gern zu, auch wenn einem das, was er sagt, die Kinnade herunterklappen lässt. Sein Lachen ist ansteckend, er verfügt über Humor und versteht es, sich zu verkaufen. Mit seiner imposanten Erscheinung und den riesigen Händen wirkt er manchmal wie ein knurriger Tanzbär. Doch über all dem schwebt die Auftaktszene von Schroeders Film, in der eine Erschießung gezeigt wird. Mehrere 100.000 Menschen sollen Amins Regime zum Opfer gefallen sein. Während der Kabinettsitzung beklagt sich Amin über Fehler seiner Minister. Eine Einblendung verrät, dass einer der Anwesenden dieser Sitzung wenige Wochen später tot sein wird.

Schroeders Film ist nicht nur ein Film über eine offen ausgeübte Militärdiktatur, er behandelt vor allem das Klima der Angst, einer Angst, die sich hinter einem aufgesetzten Lächeln verbirgt. Die ugandischen Bürger, die Amins Anwesenheit bei einem öffentlichen Auftritt feiern, sind nicht freiwillig dort, wie wir erfahren. Der Blick der Piloten von Ugandas kläglicher Luftwaffe bei einer Ansprache Amins verrät, dass sie hoffen, niemals einen Befehl ihres Führers ausführen zu müssen. Doch die Angst breitet sich in einer Diktatur nicht nur in eine Rcihtung aus: Am Ende zeigt Schroeder Amin bei einer Diskussionsrunde mit ugandischen Ärzten, der intellektuellen Elite seines Landes, und zum ersten Mal während der 90 Minuten weicht das selbstzufriedene Lächeln aus dem Gesicht des Popanzes. Amin rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum, sein Blick zuckt gehetzt im Saal umher, seine Finger verkrampfen sich ineinander. Er weiß: Diese Menschen kann er nicht für dumm verkaufen. Er weiß: Diese Menschen sind klüger als er. Er weiß: Sein Land und er sind auf ihr Wissen, ihre Bildung und ihr Handwerk angewiesen. Er weiß: Sie sehen geradewegs hindurch durch seine Fassade. Wir hören seinen Atem. Er hat Angst. Der stolze „Eroberer“ ist zum Opfer der eigenen Macht geworden.

Henry Chinaski (Mickey Rourke) ist Säufer aus Passion und Poet. Tag für Tag hängt er in den Spelunken von
L. A. zwischen anderen Nachtschattengewächsen und gesellschaftlichen Randexistenzen herum und lässt sich volllaufen, der Höhepunkt eines jeden Abends ist die Schlägerei mit dem fiesen Kneipenbesitzer Eddie (Frank Stallone). Als Henry die Alkoholikerin Wanda (Faye Dunaway) kennen lernt und die Herausgeberin einer Literaturzeitschrift ihn „entdeckt“, kommt Abwechslung in sein Leben …

Mit der Produktionsfirma Cannon verbindet man in erster Linie Actionreißer der Marke MISSING IN ACTION oder AMERICAN FIGHTER, dabei hatten Menahem Golan und Yoram Globus durchaus Größeres im Sinn. Neben den Mainstream-Kassenmagneten wollten sie große Kunst produzieren, nahmen Polanski, Cassavetes, Godard und andere renommierte Filmemacher unter Vertrag, die dem unabhängigen Studio Prestige einbringen sollten. Die Geschichte ist bekannt: Aus den großen Plänen wurde nix, Missmanagement, groteske Fehleinschätzungen und das eigene Image standen dem Erfolg letztlich im Weg. Dass es durchaus auch anders hätte kommen können, wird unter anderem an BARFLY offensichtlich, einem ebenso ungewöhnlichen und mutigen wie künstlerisch anspruchsvollem Film, inszeniert vom vielseitigen Weltenbummler Barbet Schroeder. BARFLY, nach einem Drehbuch vom Urvater der Gossenpoeten Charles Bukowski inszeniert, verweigert sich der typischen Dramaturgie vom unaufhaltsamen Abstieg, zelebriert vielmehr die alternative Lebensphilosophie seines Protagonisten, ohne jedoch zu beschönigen, und hat mich damit bei der Erstsichtung mit Freund Funxton, einem langjährigen Verehrer des Films, vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt. BARFLY, das ist neben der aufopferungsvollen Darstellung des damals gerade 31-jährigen Mickey Rourkes – den man, auf dem kurzen Zenith seiner Popularität, kaum wiedererkennt – vor allem die wunderbare Fotografie von Robby Müller, der das neonglimmende Nachtleben abseits der schicken kalifornischen Flaniermeilen in Bilder schimmligen Triumphes hüllt und der heimelige Score voll mit knarzig-verrauchtem Bar-Blues und Jazz. Eine kurze Flucht aus dem Dreck gibt es gegen Ende, wenn die Redakteurin Tully Sorenson (Alice Krige) versucht, „ihre“ Entdeckung in einem Anflug messianischen Übereifers zu retten, Henry die Freuden des Reichtums und der Sicherheit schmackhaft zu machen. Das ist nichts für Henry, dessen Lebensphilosophie lautet, dass jeder nüchtern sein kann, es zum Säufer aber Ausdauer, einer gewissen Disziplin bedarf. Schroeder gelingt es in BARFLY – der sich über die Zukunft Henrys und Wandas keinen Illusionen hingibt – die Utopie in der Dystopie zu finden. Es ist letztlich egal, wie kaputt und versifft man ist, solange man das Leben lebt, das man leben will und dabei noch Mitstreiter und Freunde hat. Aber wenn man die Entscheidung über dieses Leben getroffen hat, muss man es auch mit allen Konsequenzen leben: leere Geldbörse, aufgeschlagene Fingerknöchel und eine ausgesprochen übersichtliche Lebensperspektive eingeschlossen. BARFLY ist – das ist das Herausfordernde an diesem Film – auf eine beinahe romantische Art und Weise behaglich. Dem Dahingleiten seiner Protagonisten im immerwährenden Rauschzustand könnte man noch lang über das Ende des Films hinaus zuschauen. Vielleicht ist es gut, dass sich die Tür zum Golden Horn, Henrys Lieblingskneipe, nach 95 Minuten wieder schließt und dem Zuschauer den Blick verwehrt, auf das, was dann noch kommt. Es würde wohl zu großer Leidensfähigkeit bedürfen, der Geschichte bis zum Ende zu folgen. Aber Henry weiß ja, worauf er sich eingelassen hat. Sein Leben ist eben nicht für jeden.