Mit ‘Barry Foster’ getaggte Beiträge

b70-7517TWISTED NERVE erlangte dank Quentin Tarantino einen über den Status des damals 40 Jahre alten britischen Psychothrillers hinausgehenden Bekanntheitsgrad, als der sich dazu entschied, Bernard Herrmanns Titelthema, eine prägnant gepfiffene Melodie, prominent in seinem KILL BILL VOL. 1 einzusetzen. Es ist ein bisschen ungerecht, dass der Film seitdem – und schließlich auch hier von mir – immer in Zusammenhang mit dem Rachefilm genannt und im gleichen Atemzug durch die Fürsprache des amerikanischen Übernerds gewissermaßen „legitimiert“ wird. TWISTED NERVE, vom 1968 bereits seit 30 Jahren als Regisseur tätigen Veteranen Boulting inszeniert, hat das eigentlich nicht nötig und muss auch den Vergleich mit exponierteren Genrevertretern – Hitchcocks kurze Zeit später entstandener FRENZY drängt sich nicht nur wegen des gemeinsamen Darstellers Barry Foster auf – nicht scheuen.

Dabei erwischte er mich gestern auf dem falschen Fuß: Ich hatte einen deutlich exploitativeren, blutigeren, mehr dem Horrorgenre zugehörigen Film erwartet und war von der Subtilität und Ernsthaftigkeit von Boultings Psychogramm überrascht. Am ehesten verbindet ihn noch seine aus heutiger Sicht naiv anmutende Spekulation über die Wirkung von genetischen Defekten, der Glaube an eine Art „Mordgen“ und der Brückenschlag von Down-Syndrom (hier noch ganz politisch unkorrekt als „Mongolismus“ bezeichnet) zu mörderischer Psychose mit den spekulativeren Vertretern des Thrillerkinos. Jene Szenen, in denen ein herangezogener Wissenschaftler seine diesbezüglichen Thesen ausbreitet, sind dann auch die schwächsten des ganzen Films, der ganz gut ohne solch fragwürdige Verwissenschaftlichung ausgekommen wäre.

TWISTED NERVE lässt Martin (Hywel bennett), den Psychopathen mit dem Engelsgesicht – einen 21-Jährigen mit extrem ausgeprägtem Oedipus-Komplex – in das Haus von Mrs. Harper (Billie Whitelaw) einziehen, die dort mit ihrer hübschen Tochter Susan (Hayley Mills) und zwei männlichen Untermietern wohnt. Er gibt sich als zurückgeblieben aus und erntet das Vertrauen der beiden Frauen, die nicht ahnen, dass er insgeheim den Mord an seinem Vater plant. Diese Home-Invasion-Geschichte, die rund 20 Jahre später in verschiedenen Variationen ihre Renaissance in geleckten Hollywood-Thrillern erlebte, wird hier mit spürbarem Mitgefühl für den Protagonisten, gleichzeitig aber auch mit chirurgischer Präzision und Distanz erzählt. Alles entfaltet sich aufreizend langsam, und lange Zeit muten die Täuschungsmanöver Martins eher wie die fehlgeleiteten Streiche eines labilen, aber nicht wirklich gefährlichen Charakters an, nicht wie die minutiös ausgeführten Pläne eines Psychopathen. Es dauert lang, bis die sich kontinuierlich verfestigende Bedrohung schließlich konkretisiert und es zur Konfrontation zwischen Martin und „seiner“ Susan kommt. Boulting lässt sich dabei nicht vom Wege ableiten oder zu den ruhigen Verlauf empfindlich störenden Schocks verleiten: Die friedliche, fast heitere Atmosphäre, die er im Hause der Harpers etabliert, unterstützt durch die tolle, pastellige Fotografie von Harry Waxman (der auch THE WICKER MAN seinen visuellen Reiz verlieh), ist ein schöner Kontrapunkt, weil der Zuschauer natürlich weiß, dass der Friede nur von kurzer Dauer sein kann. Das macht TWISTED NERVE ziemlich nervenaufreibend. Leider wusste ich das gestern nicht 100-prozentig zu schätzen, da ich, wie gesagt,, etwas ganz anderes erwartet hatte. Trotzdem: Ein ausgezeichneter Film, dessen deutsche DVD-Auswertung zudem über eine hervorragende Bildqualität verfügt.