Mit ‘Barry Stokes’ getaggte Beiträge

Die junge Chris Miller (Marisol) kehrt von ihrem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zurück in das Haus ihrer Stiefmutter Ruth (Jean Seberg). Die kämpft immer noch mit dem Zorn auf ihren Ehemann, Chris‘ Vater, der beide Frauen vor einem Jahr ohne Angabe von Gründen sitzen lassen hat. In die komplizierte Beziehung zwischen den beiden Frauen platzt der Musiker Barney (Barry Stokes): Der will eigentlich nur Unterschlupf finden, wird von Ruth jedoch erst vernascht, dann verjagt, als nächstes schließlich auf die Stieftochter angesetzt. Will Ruth die labile Chris aus Rache an ihrem Ehemann verletzen? Und ist Barney möglicherweise der umgehende Serienmörder?

LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER ist ein Thriller, der als Modernisierung einer klassischen Märchenprämisse verstanden werden darf: Die schöne Tochter bekommt es mit der bösen Stiefmutter zu tun, wird unter dem Deckmantel der Fürsorge nach und nach korrumpiert, wie der Titel verrät. Einen schönen Prinzen gibt es auch, nur ist nicht so ganz klar, ob es sich bei diesem nicht doch um den Wolf im Schafspelz handelt. Juan Antonio Bardem, der Onkel des Oscar-Preisträgers Javier Bardem, lässt diese Frage lange offen, erkundet in der ersten Filmhälfte zunächst die Beziehung zwischen Ruth und Chris, bevor er den männlichen Protagonisten in die Wagschale wirft. Die Entscheidung im sich langsam entwickelnden Psychoduell, in dem Ruth die treibende Kraft ist, wird jedoch recht abrupt kurz vor der Eskalation vertagt, weil sich der Film nun dem Killer zuwendet, von dem immer noch nicht klar ist, ob es sich bei diesem um Barney handelt. Die Sequenz, in der sich der Unhold in das Haus einer nichts Böses ahnenden Familie einschleicht, ist für sich genommen zwar durchaus spannend geraten, kostet letztlich aber vor allem Zeit, die dann am Ende fehlt, um die Geschichte um Ruth, Chris und Barney zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Es geht plötzlich alles etwas hopplahopp, wo zuvor noch Geduld oberste Priorität hatte, und der finale Twist ist etwas zu banal, um als Höhepunkt durchzugehen. Bardem hätte lieber auf den sich dann noch anschließenden, merkwürdigerweise wieder aufreizend langsam entwickelten Epilog verzichtet, der so gar nichts bringt.

Auch wenn LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER also kein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk ist, darf man ihn Freunden des mediterranen Spannungskinos als leicht überdurchschnittlichen Vetrreter empfehlen. Bardem gelingt es ganz gut, die Spannung zwischen den drei Protagonisten auf die Spitze zu treiben; die erste Hälfte des Films verspricht letztlich mehr, als die zweite einzulösen weiß, aber ein Versagen muss man ihm auch nicht attestieren. Bei der Recherche zum Film habe ich erfahren, dass Jean Seberg der Film, den sie aus rein pekuniären Gründen gedreht hat, angeblich eher unangenehm gewesen sein soll. Das finde ich reichlich übertrieben. Gut, für jemanden, der in Godards À BOUT DE SOUFFLE mitwirken durfte, einem der vielleicht einflussreichsten Filme des 20. Jahrhunderts, mag LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER tatsächlich wie nichtswürdiger Schund aussehen, etwas Humor und die Fähigkeit, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, könnten da aber Wunder wirken. Wenn man bedenkt, was andere, weitaus berühmtere Schauspieler für Leichen im Keller haben … Naja, für die Seberg kommt diese Anmerkung natürlich ein paar Jahrzehnte zu spät. Zugutehalten muss man ihr, dass man ihrem Spiel die Abneigung nicht anmerkt: Lediglich ihre fürchterliche Frisur, eine Art Vokuhila für Hausfrauen, könnte man als kleinen Sabotageakt deuten.

Nächste Station auf meiner Weltreise: Italien.