Mit ‘Barry Sullivan’ getaggte Beiträge

Commissario Betti (Maurizio Merli) ist kaum in Neapel angekommen, da wird schon ein Mordanschlag auf ihn verübt, quasi als kleiner Willkommensgruß, damit er weiß, worauf er sich einstellen kann. Urheber ist der „General“ (Barry Sullivan), der das organisierte Verbrechen der Stadt kontrolliert, einen Sumpf, den Betti trockenlegen soll, auch wenn es das letzte ist was er tut.

Über Maurizio Merli liest man häufiger mal, dass er eine verblüffende Ähnlichkeit mit Franco Nero aufweise: Nun gut, beide sind attraktiv, tragen einen Schnurrbart und sind blond, aber da enden für mich die Gemeinsamkeiten auch schon. Merli versteckt ein etwas gewöhnliches Pfannkuchengesicht hinter seiner Oberlippenbürste und diese Verwundbarkeit, die Franco Neros Augen vermitteln, sucht man bei Merli vergebens. Er ist glattgeschmirgelte Oberfläche und auch sein Spiel hat gegenüber seinem vermeintlichen Doppelgänger, der in ganz unterschiedliche Rollen eintauchen konnte, immer etwas gebremstes, selbst wenn er inmitten eines Amoklaufes steckt. Er ist weit davon entfernt, ein großer Mime zu sein, aber er ist in gewisser Hinsicht die Idealbesetzung für diesen Typus des von Dirty Harry inspirierten italienischen Cops, den er immer wieder porträtierte: Keiner verkörpert diese bürgerliche Mittelmäßigkeit, den „gerechten Zorn“ des Konservativen, die Beschränktheit des Staatsdieners, der sein Leben dafür riskiert, die Maschine am Laufen zu halten, anstatt die richtigen Fragen zu stellen, so überzeugend wie er. In Merlis vor Wut vibrierendem Schnäuzer steckte stets mehr Leben als im Menschen, der dranhängt. Und weil Merli fast immer diesen Typen spielte – zumindest verdankt er seinen Ruf seiner Mitwirkung in zahlreichen Polizeifilmen -, ist es nur zu verlockend anzunehmen, dass er mit seinen Bettis, Bellis und Ferros identisch war und dieser Identität seine Überzeugungskraft und Unreflektiertheit verdankte. Merlis Blindheit ermöglicht es uns als Zuschauern aber gerade, Distanz zum Gezeigten aufzubauen. In dem Maße, wie seine Polizisten meinen, sie seien mit ihrer Law-and-Order-Politik im Recht, begreifen wir, dass sie im Unrecht sind.

Dass die Welt in den Polizieschi so dermaßen aus den Fugen ist, macht es den Merlizisten zugegebenermaßen nicht gerade leichter: NAPOLI VIOLENTA hat kaum Zeit, eine kohärente Geschichte zu erzählen, weil alle naselang ein Vergewaltiger, Schutzgelderpresser, Bankräuber oder Schläger auf der Bildfläche erscheint, der Böses im Schilde führt und von Betti festgesetzt werden muss. Aber der Film zerfasert nicht so sehr in Episodenhaftigkeit als dass die Episoden sich zu einem Film auftürmen: Dass alle diese einzelnen Geschichten am Ende doch irgendwie zusammenhängen, ist nicht der Genialität des Drehbuchautors geschuldet, sondern der Tatsache, dass Neapel irgendwie ein Dorf ist, die Infrastruktur des Verbrechens eng geknüpft und alle Spuren sich zum „General“ oder seinem aufmüpfigen Adjutanten Capuano (John Saxon) zurückverfolgen lassen. Bettis Kampf ist kein wohlkalkulierter Feldzug, sondern ein vielarmiges Austeilen in alle Richtungen, in der Hoffnung, dass wenigstens einige der Schläge ihren Weg ins Ziel finden. Sie tun es, weil in dieser Stadt tatsächlich an jeder Ecke ein Ganove steht, Geduld und Zurückhaltung diesen Verbrechern ein Fremdwort ist und sie einfach nicht davon lassen können, diesen Betti immer wieder herauszufordern. Wenn er am Ende seinen vorläufigen Sieg feiern darf, mag man ihm das nur mit viel gutem Willen anrechnen: Man muss ja nur das Haus verlassen, um über einen Mörder mit gezückter Waffe zu stolpern. Und dass Betti seinem Vorgesetzten ein Dorn im Auge ist, liegt nicht so sehr daran, dass er sich in der Wahl der Mittel vergreift, wie er selbst es glaubt, sondern dass sein Vorgehen von intolerablen Kollateralschäden gesäumt ist, die vermieden werden könnten, wenn er sich nur hier und da mal an die Regeln halten würde. Als Scharfrichter ist er ganz brauchbar, als Kriminalist allerdings eine Katastrophe.

Es gibt einen wunderschönen Zirkelschluss in NAPOLI VIOLENTA, der ihn zum Ende hin wunderbar aushebelt: Irgendwann zu Beginn des Films beobachtet Betti einen kleinen Jungen, der mit gespieltem Humpeln über eine Ampel schleicht, die ungeduldigen Autofahrer zum Warten zwingt und ihnen dann eine lange Nase macht, als er auf der anderen Seite ankommt und sich als kerngesund offenbart. Am Ende ist sein Humpeln echt, er geht an Krücken, nachdem er bei einem Anschlag auf die Werkstatt seines Vaters eine schwere Oberschenkelfraktur erlitten hatte. Es gibt nun kein Lachen mehr für ihn, er ist ein Krüppel, von den prekären gesellschaftlichen Zuständen im Land gezeichnet. Dieses Ende ist einerseits unglaublich schamlos, weil es einen kleinen behinderten Jungen zur Affektsteuerung missbraucht, dann aber dient es auch dazu, die Selbstherrlichkeit Bettis gnadenlos bloßzustellen: All sein egotrippiges Gemeckere über die Schlappschwänzigkeit des Gesetzes kann nicht verbergen, dass auch er keine Antworten auf die nagenden Fragen hat. Nur eine locker sitzende Knarre, deren „peng peng“ keine Nachhaltigkeit schafft.

 

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