Mit ‘Batman’ getaggte Beiträge

Normalerweise versuche ich mich von Zahlen ja nicht beeindrucken zu lassen, aber im Falle von Nolans Fortsetzung seiner 2005 mit BATMAN BEGINS begonnenen Filmserie möchte man ihnen eine gewisse Relevanz nicht absprechen. Während andere schwindende Zuschauerzahlen beklagen, hat Warner mit THE DARK KNIGHT mächtig abgeräumt. Man könnte kritisch einwenden, dass die Zuschauer, die für den Film gezahlt haben, ihn zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht kannten, ihre bloße Präsenz also noch nichts über die Qualität dessen Films aussagt, noch nicht einmal darüber, ob ihnen der Film denn dann auch gefallen hat. Die absurd hohen Wertungen in der IMDb sprechen aber eine deutliche Sprache …

Aber der Reihe nach: Anders als BATMAN BEGINS ist THE DARK KNIGHT kein Film, der sich schon durch seinen Vordergrund aufdrängt: Die braun getünchte Düsternis des Vorgängers ist einem Blaugrau gewichen, dass man fast schon als naturalistisch bezeichnen möchte. Tatsächlich erinnert nur noch die Anwesenheit Batmans selbst daran, dass dies hier ein Comicverfilmung ist, ansonsten ist es Nolan und Goyer gelungen, alle im Vorgänger noch vorhandenen Reste von Fantastik zu kappen und THE DARK KNIGHT als realistische Großstadt-Crime-Oper erscheinen zu lassen. Damit gewinnt der Film Plausibilität, Relevanz und Glaubwürdigkeit, gleichzeitig opfert er aber auch den für einen solchen Eventfilm nicht ganz unwichtigen Aspekt der Überwältigung. Es gibt keine bahnbrechenden Effekte, keine sich aufdrängenden Gimmicks, kein sich unauslöschlich einbrennendes Bild. Selbst der Titelheld wird beinahe an den Rand des Films gedrängt. Vielleicht ein Vorteil, denn Oberflächenreize nutzen sich in der Regel schnell ab: Nolans Interesse gilt nicht der Filmisierung von Comicbildern, sondern der Geschichte, er zielt auf Substanz, nur ist die eben nicht immer bei Erstsichtung zu erkennen und entsprechend zu würdigen. Und dann: Die Geschichte um den dunklen Rächer im Fledermauskostüm mag geschickt aktualisiert worden sein – THE DARK KNIGHT thematisiert die Frage, wie man einem Verbrecher begegnet, der kein rationales Ziel verfolgt, dessen Handlungen auf keinem logisch aufgebauten Wertesystem fußen, der also nicht erpress- und einschüchterbar ist – aber letztlich ist es doch immer die gleiche Geschichte um das Recht, das man nicht ohne Verluste einfordern kann, um die Ambivalenz des Vigilanten, der das Gute will und dabei unweigerlich das Böse schafft, um das Heldentum, das sich nicht immer in der großen Tat, sondern oft in der Verweigerung einer solchen zeigt. Versteht man THE DARK KNIGHT als Reaktion auf gegenwärtige reale Bedrohungen, so stellt sich zudem die Frage, ob man diese nicht unterschätzt, wenn man ihnen unterstellt, ihnen ginge es nur darum, „die Welt brennen sehen“ zu wollen. Selbst die Psychose des Jokers wird hergeleitet: Sein Amoklauf ist letztlich die Rache für in der Kindheit erlittene Misshandlungen, Ausdruck eines aus den Fugen geratenen Moralempfindens.

Dass THE DARK KNIGHT von den Fans auf Gedeih und Verderb zum modernen Klassiker hochgepusht werden soll, wird nirgends so offensichtlich wie in der Würdigung, die Heath Ledger für die Darstellung des Jokers erfährt. Sein trauriges Schicksal, das ihn auf Ewig mit dem grinsenden Psychopathen mit dem Clownsgesicht verbinden wird, lässt einen unweigerlich an Brandon Lee denken (sogar das Make-Up erinnert an THE CROW), und das verleiht jeder Sekunde seiner Präsenz den Ruch von Legende. Seine Leistung ist gut, aber bestimmt nicht der Geniestreich, als der sie ausgerufen wird – vieles erledigt die einmalig effektive Maske für ihn. Das wird auch daran deutlich, dass Nolan die Ausbrüche des Jokers mit einem texaschainsawmassakeresken Quietschen auf der Tonspur unterlegt, um die unberechenbare Bedrohung zu suggerieren, die Ledgers Joker leider vermissen lässt. Das sich immens schnell abnutzende Schmatzen und Lippenlecken hat er sich wohl von Kinski abgeschaut, sein Gehabe zwischen geckenhafter Clownerie und rasendem Choleriker diversen anderen Kinopsychopathen: Der Gary Oldman der Neunzigerjahre fällt einem dabei etwa ein. Das führt mich zu dem Schauspieler, der vielleicht das unbemerkt schlagende Herz des Films ist. In seiner Leistung zeigt sich zum einen, welchen Wandel ein Schauspieler vollziehen kann, zum anderen, dass große Leistungen auch (und vor allem) in vermeintlich kleinen, unspektakulären Rollen möglich sind. Dem hinter seiner Brille und dem ausgefransten Schnurrbart unscheinbar dreinblickenden Lt. James Gordon verleiht er eine Menschlichkeit und eine Größe, die solchen Figuren für gewöhnlich nicht einmal annähernd zukommt. Im Schatten der großen tragischen Figuren des Films – Batman, Joker, Harvey Dent – ist er derjenige, an dem sich die inneren Kämpfe des Gesetzeshüters am nachdrücklichsten zeigen, gerade weil er die große Geste vermeidet.

Ich möchte es diesem Film hoch anrechnen, dass er mich fragend aus dem Saal entlassen hat, mir die Möglichkeit gegeben hat, an ihm zu zweifeln, anstatt mich mit seiner Finanzkraft zu überrollen. Wenn ich etwas mit Sicherheit weiß, dann dass THE DARK KNIGHT mehr als andere Filme die Möglichkeit offenbart, mit weiteren Sichtungen zu wachsen, sich zu entfalten. Für den Moment muss ich aber eingestehen, dass ich nicht weiß, was all die Menschen, die diesen Film schon jetzt zum Film des Jahres oder gar zum besten Film aller Zeiten küren, in ihm gesehen haben, das mir so komplett entgangen ist.