Mit ‘Bela Lugosi’ getaggte Beiträge

glen-or-glenda-movie-poster-1953-1020143849Ed Woods wahrscheinlich persönlichster Film zeigt sehr gut, warum das geläufige Narrativ, nach dem er der „schlechteste Regisseur aller Zeiten“ sein soll, nur etwas für minderbemittelte Einfaltspinsel mit einem fragwürdigen Verständnis von (Film-)Kunst ist. Nur ein Filmemacher mit einem ausgeprägten eigenen Stil und einer höchst singulären Charakterstruktur konnte GLEN OR GLENDA drehen, ein wunderbar naives, stilistisch holpriges, aber dennoch hoch aufrichtiges, zudem tief empfundenes Plädoyer für grenzenüberwindende Liebe, für Verständnis und Toleranz – und natürlich ganz spezifisch für das männliche Bedürfnis, Frauenkleider zu tragen. Wahrscheinlich war GLEND OR GLENDA seinerzeit eine Nummer zu klein und obskur, um wirklich Einfluss auszuüben, und psychologisch ganz gewiss zu unbedarft, um als abschließende Stellungnahme zum Thema Transvestitismus gelten zu können, doch Woods Mut, sich in den Fünfzigerjahren, als Rollenverständnis und Geschlechterbild noch fest betoniert waren, für etwas einzusetzen, was für viele seiner Landsleute eine geradezu teuflische Perversion darstellte, sich noch dazu mehr oder weniger selbst zu outen, kann man gar nicht hoch genug bewerten.

Natürlich wäre Ed Wood nicht Ed Wood, wenn er nicht auch noch in einem Aufklärungsfilm über Transvestiten Platz für seinen Freund Bela Lugosi gefunden hätte. So hockt der ehemalige Dracula in seinem drittletzten Film in einem dunklen Raum voller Plastikskelette und anderer anheimelnder Requisiten, guckt – von unten evil angeleuchtet – finster in die Kamera, deklamiert in seiner unnachahmlichen Art allerlei unlaubliche Drehbuchzeilen über „snips and snails and puppy-dog tails“, zaubert Leute herbei und wieder weg, als sei das in diesem Rahmen selbstverständlich. Im „narrativen“ Teil des Films lässt sich Inspector Warren (Lyle Talbot), der eben den Selbstmord eines Transvestiten erfasst hat, von einem Psychiater (Timothy Farrell) in die Geheimnisse jener noch unerforschten sexuellen Spielart einweisen und hört zu diesem Zweck die Geschichte von Glen (Edward D. Wood jr.), einem vordergründig ganz normalen Mann, der eine unerklärliche Vorliebe für Frauenkleidung, besonders flauschige Angorapullis, hat. Seine Verlobte, die flotte Blondine Barbara (Dolores Fuller) weiß nichts davon und je näher die Heirat rückt, umso größer wird die Angst von Glen, sie durch ein Geständnis zu verlieren. Doch es hilft nichts und weil die Liebe stark ist zwischen den beiden, steht Dolores nach seiner Enthüllung und einem kurzen Moment der Regeneration auf, öffnet ihren Angorapulli und überreicht ihn aus dominanter, aber großzügiger Position ihrem sehnsüchtig und dankbar nach oben blickenden Glen. GLEN OR GLENDA kommt erwartungsgemäß nicht ganz ohne rührend unfreiwilligen Humor aus und auch wenn er selbst nach Akzeptanz strebt, tritt er mit der Anmut eines Elefanten in so manches Fettnäpfchen, das der amerikanische Puritanismus ihm stehen gelassen hat. Das Frauenbild des Films ist von frappierender Eindimensionalität und so ganz kann er sich auch nicht von dem Gedanken lösen, das Transvestitismus „geheilt“ werden müsse. Aber das ist egal, denn die oben beschriebene Szene, die in diesem absolut unsterblichen und zudem hocherotischen Bild kulminiert, ist pure Kinomagie, ein Moment für die Ewigkeit, der Ed Wood allein einen Platz in der Ruhmeshalle bescheren sollte.

GOG

Vielleicht ist es ein Fehler, dass GLEN OR GLENDA nicht mit dieser Szene endet, sondern danach noch etwas redundant weiterläuft und in den letzten zehn Minuten eine zweite Fallgeschichte präsentiert, die in eine Geschlechtsumwandlung mündet. Andererseits wäre Ed Wood eben nicht der Filmemacher, der er ist, wenn er sich als herausragender Editor erwiesen hätte. Sehr, sehr bizarr ist auch eine etwa zehnminütige Traumsequenz, in der ein Teufel mit hochtoupierten Augenbrauen den großen Versucher mimt und eine dunkelhaarige Schöne im Negligee sich wollüstig auf der Couch aalt. So richtig verstanden habe ich das nicht, aber das ist ja das Tolle an Ed Wood: dass er sich eben nicht irgendwelchen narrativen oder formalen Konventionen verpflichtet sah, sondern lediglich seinem – sehr eigenwilligen – Instinkt. GLEN OR GLENDA ist ein Monument, und wer wirklich meint, das sei hilfloser Trash, minderwertig oder sonstwas, der ist für wahre Schönheit hoffnungslos verloren.

 

Die Criterion-DVD der ersten offiziellen Verfilmung von H. G. Wells‘ Roman „The Island of Dr. Moreau“, Erle C. Kentons ISLAND OF LOST SOULS ist kurz vor Ende des Jahres ein heißer Kandidat für den Titel „DVD des Jahres“. Der seltene Film gilt zu Recht als vergessener Klassiker des US-amerikanischen Horrorfilms dess Golden Age of Hollywood: Die Kameraarbeit von Karl Struss, der vorher mit Murnau zusammenarbeitete und später mit Chaplin, das pointierte Spiel von Laughton, die tollen Masken und ein Drehbuch, das so dicht ist wie ein Diamant, machen den Film zu einem Genuss und die DVD zu einem Pflichtkauf. Wer mehr über den Film lesen will, kann das auf Filmgazette.de nachlesen, wo eine Rezension von mir erschienen ist. Klick hier.

658857699_a92275b470[1]Was bleibt von diesem Film: bleierne Schwere, das Schwarz einer ewigen Nacht, unüberbrückbare Distanz. Ulmers sehr frei nach Poes Kurzgeschichte erzählter Film verbildlicht so gleichermaßen die niederdrückende Last einer nie vergoltenen Schuld wie die peinigende, niemals zu löschende Erinnerung an ein unbeschreibliches vergangenes Leid, verkörpert durch die beiden Protagonisten, den Stararchitekten Dr. Hjalmar Poelzig (Boris Karloff) und den Psychologen Dr. Vitus Werdegast (Bela Lugosi).

Das Ehepaar Alison (Julie Bishop und David Manners) lernt auf der Reise mit dem Orientexpress durch Ungarn Dr. Werdegast kennen. Nach einem Autounfall, bei dem Joan Alison leicht verletzt wird, landen sie im futuristischen Haus von Dr. Poelzig, den mit Werdegast eine gemeinsame Vergangenheit verbindet: Poelzig war einst Kommandant der Festung Marmaros, während des Krieges Schauplatz einer fürchterlichen Schlacht, in die auch Werdegast verwickelt war und danach – durch Poelzigs Mitschuld – 15 Jahre in einem Kerkerloch verschwand. Seine Frau hat Werdegast seit 18 Jahren nicht mehr gesehen: Er vermutet sie bei Poelzig, der sein Haus just an dem Ort errichtete, an dem einst die Festung stand …

Es wird bei Betrachtung des Films sofort evident,warum Theodore Roszak den Exilanten Ulmer als Referenzpunkt für seine fiktive Alternativ-Filmgeschichtsschreibung „Flicker“ (zu deutsch „Schattenlichter“) verwendete, in der das Medium Film die Erfindung einer Templersekte ist, die ihr als Instrument zur Unterjochung der Menschheit via Massenhypnose dienen soll. In Ulmers Film – das wollte ich mit meinem Eingangssatz zum Ausdruck bringen – lösen sich die Bilder von ihrem faktischen Inhalt, dem Zweck, den sie innerhalb der Geschichte einnehmen, und entfalten eine Präsenz, die nur schwierig in Worte zu fassen ist. Da gibt es diese eine Szene, in der Poelzig sich neben seiner Frau Karen (Lucille Lund) – es handelt sich dabei um Werdegasts Tochter – auf dem Bett niederlässt und ihr zärtlich über das Gesicht streichelt. Was daran so befremdlich ist, ist dass Karloffs Hand das Gesicht seiner Partnerin gar nicht berührt: Es sieht aus, als habe Ulmer an dieser Stelle mit einer Rückprojektion gearbeitet, aber auch das ist nicht der Fall. Es gibt mehrere solcher merkwürdiger Bildeffekte, die zunächst ganz unscheinbar sind: Der Blick von Werdegast aus dem Zugfenster ins Dunkel, in dem man den vorüberziehenden Dampf der Lokomotive und erst danach die Spiegelung von Werdegast Gesicht in der Fensterscheibe sieht, so als sähe man ihn durch den Rauch. Später eröffnet eine Szene mit dem Blick auf eine dunkle Steppdecke, die Peter Alison über sich zieht und die wie eine über dem Zuschauer zusammenbrechende Welle aussieht. In einer anderen Sequenz fährt die Kamera unter Verwendung diverser Überblendungen durch die verschiedenen Räume des Kellers von Poelzigs Haus, untermalt von dessen Erläuterungen gegenüber Werdegast, dem er sein Haus vorführt. In dieser Sequenz verwandeln sich die beiden Protagonisten allein durch die Inszenierung in die Geister, die sie seit dem Krieg sind, werden von Ulmers Regie und der Kameraarbeit vollkommen entkörperlicht.

Zwar steht dies alles durchaus im Dienste der Geschichte, aus der man unschwer Ulmers Haltung zu den Ereignissen herauslesen kann, die Europa und die Welt aus dem Ersten geradewegs in den Zweiten Weltkrieg führten und die durch den Konflikt der beiden Hauptfiguren Poelzig und Werdegast repräsentiert werden. Aber mehr als durch Worte oder den Plot entbirgt sich diese Haltung in den Bildern von THE BLACK CAT: Man sieht sie, aber mehr noch fühlt man die bleierne Schwere, das Schwarz der ewigen Nacht und unüberbrückbare Distanz.