Mit ‘Ben Kingsley’ getaggte Beiträge

shutter_island_ver2_xlgAls ich in den Neunzigerjahren begann, die Splatting Image zu lesen, gab es eine Textreihe von Bodo Traber, die sich mit dem sogenannten „Paranoia-Film“ beschäftigte. Ich wusste zwar, was sich unter dem Begriff der „Paranoia“ verbarg, aber die Methode, Filme quasi motivisch zu sortieren, war mir neu. Was sollte das sein, ein „Paranoia-Film“, was hatten die doch sehr unterschiedlichen Filme, die Traber besprach, miteinander gemein? Mit den Jahren verstand ich besser, dass der Paranoia-Film keine willkürlich erfundene Kategorie war, sondern dass tatsächlich viele Genres und Subgenres ganz natürlich um das Gefühl einer alles niederdrückenden, zermalmenden Angst kreisen: Horrorfilme, Science-Fiction- und Invasionsfilme, Psychothriller, Serienmörderfilme, Monster- und Katastrophenfilme, Kriegsfilme und etliche mehr. Trotzdem war Paranoia ein Thema, dass mit dem Leben, wie ich es kannte, nur wenig zu tun hatte. Das hat sich in den letzten 15 Jahren massiv gewandelt und heute neige ich fast zu der These, dass der Verfolgungswahn und die Angst, von einem übermächtigen, nicht greifbaren Feind bedroht zu werden, zu einer Art Volkskrankheit geworden sind.

Die Leute, die meinen, dass ihnen „Ausländer“ die Arbeitsplätze wegnehmen, der Islam sich anschicke, den Kopftuchzwang in Deutschland einzuführen oder Homosexuelle ihre Kinder schwul machen wollen, gehören ja erstaunlicherweise noch zu den gemäßigteren Vertretern einer Spezies, die ihre empfundene Machtlosigkeit zum Anlass nimmt, immer wüster ins Kraut schießende Verschwörungstheorien zu entwickeln. Die jüdische Weltverschwörung, Chemtrails, Illuminaten, Reichsbürgertum und was da sonst noch so kreucht und fleucht: Alle diese Theorien haben den Vorteil, dass sie durch den Widerspruch nicht zum Einsturz gebracht, sondern im Gegenteil noch verstärkt werden. Wer nicht an Chemtrails glaubt, hat nicht etwa die besseren Argumente, er ist lediglich selbst ein hoffnungsloses Opfer der Staatspropaganda. Die Verschwörungstheorie ist ein autopoietisches System: Wenn sie einmal „implementiert“ ist, vereinnahmt sie alles in ihr Theoriegebilde. Sie ist nicht falsifizierbar. Sehr praktisch für Leute, die sich ihren Solipsismus nicht durch lästige Fakten kaputt machen lassen wollen.

Scorseses SHUTTER ISLAND, seit CAPE FEAR der erste Ausflug des Regisseurs ins Gefilde des Horrorfilms, enttäuscht zunächst einmal damit, dass er ins 2010 schon etwas angegraute Subgenre des „Mindfuck“-Movies eingemeindet werden muss und damit hoffnungslos rückständig wirkt – zumindest für einen Film eines sogenannten Meisterregisseurs. Die Auflösung, die zwei Drittel des Films zur Wahnvorstellung eines psychisch Kranken macht, sieht man schon von Weitem heraufziehen, und richtig originell ist diese Entscheidung auch nicht. Bis dahin strengt sich SHUTTER ISLAND kräftig an, möglichst viele pulpige Geschmacklosigkeiten in kürzester Zeit abzuhaken. Kindsmord, Nazis, Konzentrationslager, Kommunistenjäger, Menschenexperimente, Hardboiled-Cops, augenrollende Irre und eiskalte Psychologen in einer verfallenen Irrenanstalt: SHUTTER ISLAND hat alles und noch dazu eine von der Welt vergessene Insel im grauen, wettergepeitschten Ozean. Der US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) reist hier mit seinem neuen Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) an, um eine unter mysteriösen Umständen aus ihrer Zelle verschwundene Kindsmörderin zu finden. Der Anstaltsdirektor Dr. Cawley (Ben Kingsley) gibt sich kaum Mühe, sein diabolisches Grinsen zu verbergen und als dann auch noch ein deutscher Arzt (= Nazi) namens Dr. Naehring (Max von Sydow) auftaucht, ist eigentlich alles klar. Doch dann gibt Daniels seine Rolle als objektiver Beobachter auf, offenbart seine ganz individuelle Verstrickung in die Geschichte: Er sucht unter den Insassen den Mann, der einst den Tod seiner Frau verursachte.

Von diesem Moment an dauert es nicht mehr lange, bis SHUTTER ISLAND seine angesprochene 180-Grad-Wendung vollzieht. Eine echte Überraschung ist diese Entwicklung, wie oben erwähnt, nicht. Das hat strukturelle Gründe, liegt aber auch an Scorseses eigener Haltung zum Stoff. Er selbst glaubt seinem Protagonisten nicht, kann ihm nicht glauben, weil er ja weiß, was mit ihm los ist, und es gelingt ihm nicht, sich dessen Wahnvorstellung zu eigen zu machen. Scorsese wird und wurde von vielen seiner Kritiker als kaltschnäuzig bezeichnet, die Gewaltdarstellung in Filmen wie TAXI DRIVER oder besonders GOOD FELLAS, hatte immer eine sehr dunkle, verlockende Komponente, auch SHUTTER ISLAND geizt nicht mit grellen Geschmacklosigkeiten (wobei die abstoßendeste Szene die grauenhaft kitschige CGI-Vision der langsam verbrennenden Gattin ist), aber hier ist es die spürbare Empathie für diesen Daniels, die den Effekt des „Twists“ unterminiert. Scorsese will seine Heilung. Und zu dieser treibt er ihn mit dem unermüdlichen Schwung eines Actionfilmers. Langweilig ist SHUTTER ISLAND nicht.

Womit wir wieder am Anfang wären: Daniels ist kein Spinner wie die Leute, die dem Kopp-Verlag die Bücher aus den Händen reißen oder auf Chemtrail-Kundgebungen rumlaufen. Er ist krank. Aber wie die ganzen Verschwörungstehoretiker hat auch er sich eine Welt aufgebaut, die immun ist gegen den Versuch, sie zum Einsturz zu bringen. Warum? Weil die Wahrheit zu schmerzhaft für ihn ist. In seiner Welt ist er ein Cop auf der nimmermüden Suche nach dem Mörder seiner Frau, der von skrupellosen mad scientists, Kommunistenhassern und Ex-Nazis gedeckt wird, in Wirklichkeit aber ein armer Tropf, dem das Schicksal ganz übel mitgespielt hat. Man muss mit ihm fühlen, etwas, was mir bei oben genannten Trotteln beim besten Willen nicht gelingen mag. Und ich habe auch meine Zweifel, ob sie sich in diesem Daniels wiedererkennen würden.

 

 

jungle_bookEs war klar, dass der vielleicht beliebteste unter den Walt-Disney-Filmen irgendwann ein Remake als „Realfilm“ erfahren würde: Nicht nur der Fortschritt der Effekttechnik und das Aus-der-Mode-Kommen klassisch gezeichneter Trickfilme machte das unabwendbar: Das Original von Wolfgang Reithermann legte es schon mit seiner nahezu elliptischen Erzählweise nahe, dass jemand das Bedürfnis verspürte, die Lücken zu füllen. Jon Favreau, der sich mit IRON MAN nicht gerade als großer Künstler, wohl aber als relativ sorgfältiger Verwalter eines beliebten Franchises erwiesen hat, ist wahrscheinlich die ideale Wahl für ein Unterfangen wie dieses. Im Zentrum von THE JUNGLE BOOK steht keine neue erzählerische Idee, sondern vor allem der Wunsch, tiefer in den Urwald vorzudringen, diese geheimnisvolle, von wilden Tieren bevölkerte Welt zu neuem, vor allem authentischem Leben zu erwecken. Also tatsächlich in die dritte Dimension vorzudringen, während sich der Originalfilm nur in zweien abspielte. Wie immer, wenn ein Film sich dermaßen auf den vermeintlichen Realitätsgrad seiner CGI verlässt, gibt es hier und da Anlass zu meckern, wenn die Illusion mal missglückt, aber im Großen und Ganzen ist THE JUNGLE BOOK die angepeilte Augenweide, der Plan ist also aufgegangen. Man bekommt ziemlich genau das geliefert, was sich im Original immer nur in den stilisierten Hintergründen andeutete: tiefen, unergründlichen Urwald voller Geheimnisse und Wunder – und einer bunten, großartig animierten Fauna.

Dieses Ausbreiten des Stoffes birgt auch Gefahren: Favreaus THE JUNGLE BOOK dickt an, wo Reithermann Dinge wegließ. Mowgli (Neel Sethi) erhält nun eine Backstory, Shere Khan (Idris Elba) hat einen persönlichen Grund, ihn zu hassen, und das Menschenkind ist zwischen den charakterstarken Tieren keine austauschbare Gestalt mehr wie zuvor, sondern das klare Zentrum, das am Ende beinahe messianische Fähigkeiten zugesprochen bekommt. Die Perspektive des Films ist eine andere. Während der Mensch in Reithermanns Klassiker durch die Augen der Tiere betrachtet wurde, Mowgli im Grunde ein universeller Repräsentant der Menschheit „an sich“ war, geht es in Favreaus Film eher darum, dass sich Mowgli als Individuum von bzw. vor den Tieren emanzipiert und behauptet. Bagheera und seine Wolfsfamilie versuchen ihm das „Menschliche“ bzw. das Individuelle auszutreiben, damit er einer von ihnen sein kann; etwas, das Mowgli sichtlich schwer fällt. Erst zum Ende des Films kann er seinen tierischen Freunden beweisen, dass seine genuin eigenen Fähigkeiten nicht etwa Mängel, sondern Stärken sind, die es zu bewahren lohnt: Auch und gerade für die tierische Gemeinschaft. Er geht auch nicht zu den Menschen, sondern bleibt als nun akzeptierter „Sonderfall“ bei seiner Wolfsfamilie. Kurz: Das Original forderte vom Zuschauer, sich selbst aus der Distanz von außen zu betrachten, ohne am Ende eine „Lösung“ zu offenbaren. Es akzentuierte einen natürlichen Lauf der Dinge, die Herausbildung der Persönlichkeit als universellen Prozess, der immer gleich abläuft. Favreaus Remake hingegen macht es dem Betrachter wesentlich leichter: Mowgli darf, ganz der Disney’schen Philosophie zufolge, bei ihm etwas Besonderes sein und damit auch das Maß der Schöpfung bleiben – vor der der Mensch aber natürlich Respekt haben sollte.

Wenn aber auch die intellektuelle Offenheit fehlt, die den Klassiker auszeichnete, so heimst Favreau Sympathiepunkte ein: Vor allem natürlich, weil THE JUNGLE BOOK einfach wunderschön anzuschauen ist und zumindest meine Knöpfchen sehr zielgenau zu drücken verstand. Der Film ist spannend, witzig und im richtigen Moment anrührend. Dass und wie er die unsterblichen Originalsongs adaptiert, hat mir ebenfalls gut gefallen.  Außerdem steuert Favreau immer wieder gegen, bevor es allzu formelhaft wird, und bewahrt dann die Mystik des Originals, vor allem natürlich in den Episoden um die geheimnisvolle Kaa (Scarlett Johansson) und den gigantischen King Louis (Christopher Walken). Letztere Besetzung mag auf dem Papier zunächst unorthodox und fehlgeleitet erscheinen, aber sie erweist sich als wahrhaft inspiriert. Die Louis-Episode ist dann auch der Höhepunkt des Films. Klar, das ist den Anforderungen des heutigen Eventkinos entsprechend alles sehr over the top und überschreitet im Affentempel die Grenze zum Horror- oder Monsterfilm, aber es funktioniert eben. Da sind Dinge auf der Welt, die der Mensch nicht versteht, die älter sind als er, mit denen er nichts zu tun hat. Bagheera hatte schon Recht. Auch wenn Disney das anders sehen mag.

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PARTING SHOTS trägt einen mehr als passenden Titel, beendete Michael Winner mit dieser schwarzen Komödie doch eine über 30 Jahre andauernde Regiekarriere. Ob das so beabsichtigt war, weiß ich nicht. Winner hatte noch andere Interessen und machte sich bis zu seinem Tod im Jahr 2013 noch einen Namen als Kolumnist und Buchautor (er hatte sich schon in seiner Jugend und während des Studiums als Journalist verdingt). Liest man seine Autobiografie „Winner takes all“ und beschäftigt sich mit seiner Filmografie, wird man den Eindruck, Film war für ihn nur Mittel zum Zweck, nicht ganz los. Seine Arbeiten sind unverwechselbar, aber mehr als Kunst zu schaffen, scheint es ihn interessiert zu haben, zu provozieren und Debatten anzuregen. Film war aufgrund der Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird und sicher auch des Wohlstands, den er ermöglichte, der beste Weg, das zu erreichen. Möglicherweise beschloss er nach PARTING SHOTS – er war damals immerhin schon 63 Jahre alt -, dass es nun Zeit war, sich einer etwas entspannteren Ausdrucksform zu widmen. Vielleicht waren es aber auch die vernichtenden Resonanzen, die ihn dazu bewogen, das Filmedrehen aufzugeben.

PARTING SHOTS wurde bei Erscheinen in seltener Eintracht verrissen und die Journalisten überschlugen sich fast mit ihren Superlativen. Man unterstellte dem Film, den Stand des britischen Kinos um 20 Jahre zurückzudrehen, bezeichnete ihn als „Folter“, als „abstoßend“, „menschenverachtend“ , als „schlechtesten britischen Film aller Zeiten“ und einen der schlechtesten Filme überhaupt. Nun ist PARTING SHOTS (den ich nur in einer deutsch synchronisierten Fassung gesehen habe) gewiss nicht gerade der Film, den man einem einst gefeierten Regisseur zum Karriereabschluss wünscht. Er wirkt ein bisschen wie ein Fernsehfilm, ein ambitionierter zwar, aber eben doch wie ein Fernsehfilm und es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass sich Winner damals allzu viele Gedanken machte. Der Film wirkt hingeworfen und inhaltlich widmet er sich wieder einmal dem Thema der Selbstjustiz, fast so, als wäre Winner nichts mehr eingefallen, aber als könnte er sich immerhin noch daran erinnern, dass man den weichgespülten Liberalen damit ordentlich ans Bein pissen kann. „Lazy“ ist wohl der richtige Ausdruck für Winners Haltung als Regisseur dieses Werks. Aber: So ganz unsympathisch, wie ihn die Rezensenten darstellten, fand ich PARTING SHOTS nun auch wieder nicht.

Der Hochzeitsfotograf Harry Sterndale (Chris Rea) erfährt, dass er Krebs im Endstadium und nur noch knappe sechs Wochen zu leben hat. Weil nun eh alles egal ist, beschließt er, alle Menschen, die ihm übel mitgespielt haben, umzubringen. Als erste muss seine Ex-Frau Lisa (Diana Rigg) dran glauben, danach der schurkische Anlageberater Layton (Bob Hoskins), der Harry einst um sein ganzes Vermögen geprellt und so den Zusammenbruch seiner Ehe eingeleitet hatte. Beim Mord an Layton lernt er dessen Sekretärin Jill (Felicity Kendal) kennen und die beiden verlieben sich sofort. Sie hilft ihm bei seinen weiteren Racheakten, er will ihr eine stattliche Versicherungssumme zukommen lassen, indem er einen Killer (Oliver Reed) anheuert, ihn umzubringen. Doch dann kommt ihm die Polizei auf die Schliche …

PARTING SHOTS bedient all die Rachefantasien gegen missgünstige Eheweiber, eklige Betrüger, verlogene Chefs, arrogante Großmäuler und die Mitschüler, die uns die Schulzeit zur Hölle machten, die zumindest nach Winners Überzeugung in jedem schlummern. Dass Harry alles Recht der Welt hat, stellt der Film nie in Frage: Jedes einzelne seiner Opfer hat den Tod verdient und Winner/Harry zelebrieren ihn mit Genugtuung. Harry hingegen, ein liebenswerter Hänger, und seine neue Freundin, die brave, loyale Jill, werden von Winner ins moralische Recht gesetzt. Klar, Mord ist Mord, aber manchmal sollte man es eben nicht so genau nehmen mit dem Gesetz. Am Ende geht Harry tatsächlich straffrei aus, weil der gedungene Killer seine Morde auf sich nimmt. Als letzten Gefallen und Schlusspointe des Films bittet er Harry nur, seinen letzten Auftrag für ihn auszuführen. Alle lachen, Ende. PARTING SHOTS ist sicher in bad taste, vor allem, weil Winner alle Morde geradezu slapstickhaft inszeniert und die unschönen, blutigen Details im Off hält. Es gibt keine Konsequenz außerhalb der Genugtuung Harrys, seine Opfer sind Pappkameraden, deren Tod keinerlei Spuren hinterlässt, keinerlei trauernden Verwandten, und wenn doch, dann werden diese von Winner gleich mit lächerlich gemacht. Das darf man durchaus geschmacklos finden, aber es bestätigt ja streng genommen nur, was man von Winner eigentlich eh schon wusste.

Wenn ich PARTING SHOTS aber etwas eindeutig zugute halten möchte, neben der Besetzung, die zeigt, welches Gewicht Winners Name auch zu diesem späten Zeitpunkt seiner Karriere noch hatte, dann ist es die Rolle, die er Oliver Reed zuweist. Der Schauspieler war ein enger Freund Winners, hatte ihm seine Karriere zu verdanken und mit seiner Darbietung in THE SYSTEM, THE JOKERS und I’LL NEVER FORGET WHAT’S ‚ISNAME seinerseits einen Beitrag zum Aufstieg des Regisseurs geleistet. Hier bekommt er eine kleine, aber doch wichtige Rolle, die – ganz unabhängig von der fragwürdigen Qualität von PARTING SHOTS – ein schöner Abschluss seiner Karriere gewesen wäre. Wir wissen, dass es anders kam, dass Reed auch auf Anraten Winners dem Ruf Ridley Scotts ans Set von GLADIATOR folgte, bei dessen Dreharbeiten er dann ein Jahr später verstarb. Ich gönne es diesem großen Schauspieler und kompromisslosen Typen, noch einmal in einer großen Hollywood-Produktion agiert zu haben, von denen man ihm mehr gewünscht hätte, aber den schöneren Part, den hat er in PARTING SHOTS, der bestimmt nicht der schlechteste Film der Welt ist, aber ganz gewiss der schlechteste mit Schmuseblueser Chris Rea.

 

Die für das AVENGERS-Franchise obligatorische Post-Credit-Szene, die IRON MAN 3 nach über 2 Stunden abschließt, ist typisch für die Probleme, mit denen Shane Black im Besonderen und die Reihe um Tony Stark im Allgemeinen zu kämpfen haben: Multimillionär, Genie und Superheld Tony Stark (Robert Downey jr.) liegt auf einem Sessel, beendet soeben den Bericht der Ereignisse, die wir gerade gesehen haben.  Sein Zuhörer ist Dr. Bruce Banner (Mark Ruffalo) und er soll als eine Art Therapeut für den nach den Ereignissen aus THE AVENGERS unter Panikattacken leidenden Stark fungieren. Doch Banner hat gar nicht zugehört, ist vielmehr eingeschlafen, während ihm sein Kompagnon das Herz ausgeschüttet hat.  Als Stark das bemerkt und Banner zur Rede stellt, kann der den Grund für seine Unaufmerksamkeit nicht verbergen: Starks Geschichte war einfach nicht besonders interessant und vor allem viel zu lang und ausufernd. Man wünschte sich, die für IRON MAN 3 Verantwortlichen hätten diese Erkenntnis in der Phase der Pre-Production auch gehabt: Dem Zuschauer wäre ein langweiliger, zielloser, arroganter Zweistünder und die zynische, den Zuschauer verachtende Selbstdistanzierung am Ende erspart geblieben.

Die Ernüchterung am Ende von Shane Blacks Film ist dabei nur der konsequente Tiefpunkt einer seit 2008 anhaltenden Abwärtsbewegung. Jon Favreaus IRON MAN hatte damals den bis heute unvermindert anhaltenden Boom von Marvel-Comicverfilmungen ausgelöst. Zwar gab es zuvor schon Raimis SPIDER-MAN- und Singers X-MEN-Filme sowie den weithin als gescheitert geltenden Versuch, den FANTASTIC FOUR zu einer Leinwandkarriere zu verhelfen, zeitgleich außerdem den mittlerweile beinahe wieder vergessenen THE INCREDIBLE HULK, doch erst der durchschlagende Erfolg von IRON MAN bereitete den Weg für das heute blühende Franchise rund um die AVENGERS. Die Fanboys und Comicfans freuten sich in bis dato ungeahnter Eintracht darüber, dass es einer ihrer Helden endlich einmal ohne Verlust vom Papier auf die Leinwand geschafft hatte, alle anderen über ein gelungenes Beispiel des Effekt- und Eventkinos. Der reichlich enttäuschende, völlig konfuse und mit angebrochenen Ideen zugemüllte zweite Teil wie auch das neueste Sequel machen jedoch frappierend deutlich, dass dieser Erfolg nicht zuletzt daher rührte, dass Favreau kaum nennenswerte Risiken einging. IRON MAN, über den auch ich damals nur lobende Worte verlor, seitdem aber nicht einmal mehr das Bedürfnis aufbrachte, ihn erneut zu sehen, ist ein auf Hochglanz poliertes Stück Eskapismus, das für die Dauer seiner Laufzeit ganz gute Unterhaltung bietet, darüber hinaus aber nichts, woran man auch nur einen einzigen weiteren Gedanken verlieren müsste. Abseits von Downeys Interpretation des Multimillionärs-gone-Superhero ist er weitestgehend charakterlos und leer. Das Werk eines Buchhalters.

Möglich, dass das Chaos, das IRON MAN 2 darstellt, auf das Bemühen zurückzuführen ist, dem Franchise die Leere durch ein Übermaß an Subplots auszutreiben. Ein Versuch, der gründlich scheiterte und die Frage aufwarf, ob die Figur des hedonistischen Genies Tony Stark, der in seiner von ihm selbst entwickelten Rüstung auf Schurkenfang geht, wirklich interessant genug für eine mehrteilige Filmserie ist. Auch IRON MAN 3, nun nicht mehr vom uninspirierten Handwerker Favreau, sondern vom Action-Drehbuchspezialisten Shane Black inszeniert, kann diese Ungewissheit nicht auflösen, verstärkt bestehende Zweifel stattdessen nur noch weiter. Blacks ironiedurchtriebener, dialoglastiger Stil mag dem von sich selbst überzeugten, arroganten Macho Stark endlich die richtige Stimme geben, aber leider wird dadurch nur noch deutlicher, was man schon vorher ahnte: Diese Figur gibt auf Dauer einfach nichts her, vielmehr wird sie einem mit jeder weiteren Minute, die man sie ertragen muss, unsympathischer. Was Superhelden über Kulturgrenzen hinweg so erfolgreich machte, war ihre Einfachheit: Jeder Held ließ sich auf ein simples Problem reduzieren, dessen Verkörperung er darstellte. Hinter den fantasievollen Kostümen steckten meist Menschen, deren Sorgen und Konflikte bekannt schienen, zumindest jedoch nachvollziehbar. Dem Multimillionär und Supergenie Tony Stark muss man schon einen Herzfehler andichten, um für die nötige Fallhöhe zu sorgen. Und eben reichlich lächerlich und unglaubwürdig anmutende Panikatattacken, die von seinen Erlebnissen in THE AVENGERS ausgelöst werden. Nichts davon wird wirklich organisch entwickelt, immer erkennt man hinter diesen Wendungen den Versuch, ein Identifikationspotenzial zu erzeugen, das die Figur als solche nicht hergibt. Stark ist schwerreich, kann in seinem selbst gebauten Anzug herumfliegen und Held spielen, hat ein Traumhaus, Traumautos und muss die Traumfrauen geradezu von sich fernhalten, damit die eigene Traumfrau nicht eifersüchtig wird: Der Mann braucht unsere Sympathie nicht. Er will sie gar nicht, wie mehrere Szenen des Films, in denen Stark seine zivilen Bewunderer abkanzelt, eindrucksvoll belegen.

Dass viele zeitgenössische Filme den Zugang über das Herz des Zuschauers überhaupt nicht anstreben, sondern ihm lediglich beipflichten in seiner politischen und ethischen Apathie und sich so als besonders abgezockt und cool geben, ist nichts Neues – seit Nolans DARK KNIGHT-Filmen auch nicht im ursprünglich einmal so empathischen Superhelden-Genre. Für Black, der schon immer ein eher distanziertes Verhältnis zu seinen Stoffen an den Tag legte, ist es wohl naheliegend, gerade das Arschlochig-Zynische von Stark zu betonen. Daran, dass einem das Geschehen so mit jeder Minute egaler wird, ändern auch die Anspielungen aufs mehr oder minder aktuelle Zeitgeschehen nichts, mit denen heute noch der letzte Heuler angebliche Relevanz vorgaukelt. Der Oberschurke Mandarin (Ben Kingsley) wird hier zum islamistischen Terrormessias umgemodelt, Bekennervideos im Bin-Laden-Style verschickenden auf antiamerikanischer Mission umgemodelt. Aber weil man ja längst weiß, dass der Feind im eigenen Land sitzt und da vor allem in den Rängen der Industrie, entpuppt er sich bald als reine Inszenierung, hinter der der Erfinder Aldrich Killian (Guy Pearce) steckt, der mittels Genmanipulation eine Spezies von Supersoldaten gezüchtet hat. Die ganze Geschichte wird mit allen Klischees, die solche Stoffe hergeben, dargereicht und reichlich gelangweilt abgespult. Erst im Finale kommt ein bisschen Stimmung auf, wenn es endlich rummst und Dutzende von ferngesteuerten Iron Men teuren Schaden anrichten, aber davon sollte man sich nicht blenden lassen. IRON MAN 3 ist eine ziemlich missratene Gurke, der es noch nicht einmal gelingt, ein Mindestmaß an Enthusiasmus für sich selbst zu entwickeln. Shane Black kann zu keiner Sekunde verhehlen, dass er diesen Film vor allem deshalb gedreht hat, weil ihn sonst ein anderer genauso gelangweilt gemacht hätte.

Acolytes (Australien 2008)
Regie: Jon Hewitt

Ein paar hastig hinuntergestürzte Biere und ein deftiges Schnitzel waren Schuld, dass ich bei ACOLYTES nach 20 Minuten vom Schlaf übermannt wurde. Verpasst habe ich einen Thriller, der vor allem visuell herausragend komponiert ist. Und mehr kann ich auch schon gar nicht mehr sagen.

Vikaren (Dänemark 2007)
Regie: Ole Bornedal

Aus Bornedals zweitem Festivalfilm wurde ich von der „Hyäne“ vertrieben: Einem der vielen ausgesprochen liebenswerten Festivalbesucher, die auch noch den letzten Kalauer mit einem kreischenden, übermotivierten Lachen würdigen, dass stets auch zu sagen scheint: „Schaut her, ICH habe den Witz verstanden und amüsiere mir den Arsch ab!“ Unerträglich. Nach 30 Minuten war VIKAREN damit für mich beendet. Danke, Hyäne!

Transsiberian (Großbritannien/Deutschland/Spanien/Litauen 2008)
Regie: Brad Anderson

Das Ehepaar Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer) reist nach karitativer Mission in China mit der transsibirischen Eisenbahn nach Moskau. An Bord lernen sie ein anderes Pärchen kennen, den undurchsichtigen Carlos (Eduardo Noriega) und seine Jahre jüngere Freundin Abby (Kate Mara). Als Roy bei einem kurzen Zwischenstopp den Zug verpasst und Jessie mit Carlos allein ist, zeigt dieser dann auch sein wahres Gesicht. Und so hat Jessie wenig später nicht nur einen Mord auf dem Gewissen, sondern auch eine Ladung Heroin im Rucksack …

Enttäuschender Thriller vom MACHINIST-Regisseur Brad Anderson, von dem man sich doch ein wenig mehr erwartet hätte als das typische Braves-Ehepaar-wird-bedroht-Szenario. Das schöne Lokalkolorit wird leider für eine recht hohle Russland-Paranoia missbraucht und die Handlungsentwicklungen der zweiten Hälfte locken nun wirklich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Enttäuschend.

The Chaser (Südkorea 2008)
Regie: Na Hong-jin

Zuhälter und Ex-Polizist Joong-ho (Kim Yun-seok) ist wütend: Ein Unbekannter scheint ihm seine Mädchen zu rauben, also begibt er sich auf die Fährte des Mannes, von dem er doch nur eine Telefonnummer hat. Was Joong-ho nicht weiß: Dieser Mann ist mitnichten ein Frauenhändler, sondern der fleißige Serienmörder Young-min (Ha Jung-woo). Joong-hos Initiative trägt zur Verhaftung Young-mins bei und tatsächlich gesteht dieser bereitwillig und für alle überraschend seine Morde. Doch äußere Umstände führen bald zu seiner Freilassung: Und Joong-hos Mädchen liegt noch immer in dessen Mordverlies. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt …

THE CHASER besticht vor allem in der ersten Hälfte durch einen exzellenten und sehr geduldigen Spannungsaufbau, der nicht nur die Charaktere glaubwürdig charakterisiert, sondern auch dem Handlungsort Konturen verleiht. Leider geht der Debütfilm in der zweiten Hälfte baden, entpuppt sich gar als ausgesprochen unangenehmes, spekulatives Manipulationsvehikel. Die Drehbuchvolten scheinen keinem anderen Zweck verpflichtet als Thrill zu erzeugen, für den Regisseur Na Hong-Jin wohl auch seine Mutter verkaufen würde. Seinen geschmacklosen Höhepunkt findet THE CHASER, wenn er sein weibliches Opfer nach filmlanger Tortur erst entkommen und dann doch sterben lässt. Letztlich soll dies nur die Rachegelüste des Zuschauers steigern und die wieder einmal als inkompetent dargestellte Polizei trägt ihren zur Eskalation dieses Wunsches bei. THE CHASER verwehrt zwar letztlich sowohl seinem Protagonisten als auch dem Publikum die Triebabfuhr, kann somit einige der geäußerten Vorwürfe abfangen, muss aber doch als ärgerliche Festivalenttäuschung durchgehen. Es wird Zeit, dass Genreregisseure ihr Gewissen wieder entdecken: Der Zynismus, von dem ein Großteil der Beiträge durchzogen ist, ist nicht mehr nur ein alter Hut, er dreht auch schlechte Filme wie diesen hier, der sein Potenzial leider vollkommen verschenkt.

Fazit:

Das Festival konnte nach das Niveau des herausragend besetzten letzten Jahres erwartungsgemäß nicht mehr erreichen, dennoch muss man das Programm als zufriedenstellend bezeichnen. Die Zahl der vollkommen missratenen Rohrkrepierer hielt sich arg in Grenzen, leider fehlten aber sowohl ein wirklich herausragender Titel als auch eine große Überraschung. Auffallend: Vor allem die reinen Horrorfilme waren für die Enttäuschungen verantwortlich. Hier mein Festival im Kurzabriss:

Highlights:
LAT DEN RÄTTE KOMMA IN
JUST ANOTHER LOVE STORY
JCVD
KUNSTEN A TENKE NEGATIVT
DOWNLOADING NANCY

Enttäuschungen:
EDEN LAKE
MARTYRS
MIRRORS
TRANSSIBERIAN
THE CHASER

Hoffnungslos:
LADY BLOOD

Spaß:
JACK BROOKS: MONSTER SLAYER
MY NAME IS BRUCE
THE RAGE