Mit ‘Bernadette Peters’ getaggte Beiträge

the jerk (carl reiner, usa 1979)

Veröffentlicht: August 9, 2013 in Film
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So mit 13, 14 „verschuldete“ mein damals bester Freund eine heftige Steve-Martin-Phase. Er hatte dessen wichtigsten Filme auf Video und machte mich so mit dem Komiker vertraut, der zu diesem Zeitpunkt, Anfang der Neunzigerjahre, ja schon wieder auf dem absteigenden Ast war – L.A. STORY war noch einmal sehr fantastisch, sonst kam da eigentlich nichts mehr. Ich mochte DEAD MEN DON’T WEAR PLAID, obwohl ich dessen Pointe mangels weitergehender Filmkenntnisse noch gar nicht verstehen konnte, THE MAN WITH TWO BRAINS, ALL OF ME und natürlich THREE AMIGOS!, aber mein absoluter Liebling zu jener Zeit war Martins Debüt als Hauptdarsteller, THE JERK – zu deutsch REICHTUM IST KEINE SCHANDE. (Einzig THE LONELY GUY mochte ich nicht, glaube aber, dass ich den dringend mal auffrischen sollte.) Ich weiß nicht mehr, wie oft wir diese Verballhornung typischer Rags-to-Riches-Erfolgsmärchen damals geschaut und uns kaputtgelacht haben. Ich war mir sicher: THE JERK ist einer der lustigsten Filme aller Zeiten. Mich begeisterten die zahlreichen absurden Einfälle, Martins Over-the-Top-Darstellung des geistig minderbemittelten, aber gutmütigen Navin R. Johnson sowie die deutsche Synchronisation, die mit ihren kreativen Übersetzungen und einem schlicht brillanten Timing aufwarten konnte. Eine der ganz wenigen Komödien, deren O-Ton ich bis heute nicht kenne, aber nicht das Gefühl habe, dadurch etwas versäumt zu haben (ob das stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen). Das Wiedersehen nach vielen, vielen Jahren war demzufolge mit großer Vorfreude, aber auch einer gewissen Angst verbunden. Nicht selten erweisen sich große Erwartungen als extrem hinderlich, stellt man fest, dass ein einst innig geliebter Film mit einer ganz bestimmten persönlichen Entwicklungsphase verknüpft ist, außerhalb derer er nur noch als Erinnerungsstück funktioniert – oder auch, dass ein Film schlecht gealtert ist. Umso erfreuter bin ich, dass ich heute vermelden kann, dass THE JERK mir nicht nur den gewünschten Nostalgietrip beschert, sondern mich auch sonst wieder voll erwischt hat. Es war ein wunderbares Wiedersehen mit einer alten Liebe.

Navin R. Johnson (Steve Martin) ist – man muss das so deutlich sagen – ein Einfaltspinsel. Als Findelkind in einer Familie von Schwarzen aufgewachsen, fällt er aus allen Wolken, als er erfährt, dass er nicht das leibliche Kind seiner Eltern ist. Dabei waren die Zeichen schon vorher überdeutlich: Neben seiner merkwürdig blassen Hautfarbe hätte ihn spätestens die Tatsache, dass es ihm beim gemeinsamen Singen des Blues nie gelang, den Groove zu finden, stutzig machen müssen. Sein Erweckungserlebnis hat Navin dann auch, als er eines Abends beim Hören des örtlichen Easy-Listening-Senders den Rhythmus entdeckt. Das Zeichen ist klar: Er muss hinaus in die Welt, nach St. Louis, wo die Musik herkam. Sein Vater erklärt ihm noch schnell den Unterschied zwischen Scheiße und Schuhcreme, dann kann es losgehen, wenn auch erst einmal nur bis zum Ende des Lattenzauns. Navin entdeckt im Folgenden die Welt und das Leben, mit dem Hund „Lügenmaul“ findet er einen treuen Begleiter und er macht erste Karriereschritte als Tankwart. Er gelangt zu Berühmtheit, als sein Name im Telefonbuch abgedruckt wird, landet so aber nur auf der Abschussliste eines Amokläufers (M. Emmet Walsh). Er flüchtet auf einen Jahrmarkt, wo er als Gewichtsschätzer anheuert und als Lustsklave der dominanten Stuntfrau Patty (Catlin Adams) lernt, was es mit seiner „speziellen Aufgabe“ auf sich hat. Er verliebt sich in die brave Kosmetikerin Mary (Bernadette Peters) und wird schließlich zum Millionär, weil sich der vor Jahren von ihm erfundene „Optigriff“ als Verkaufsschlager erweist. Mit dem Aufstieg beginnt aber auch sein Niedergang: Navin fehlt einfach die Intelligenz, um mit dem Geld umgehen zu können und als ausgerechnet Regisseur Carl Reiner eine Millionenklage gegen ihn anstrengt, weil der Optigriff zu schweren Augenschäden geführt hat, findet sich Navin ganz schnell wieder als vereinsamter Single ohne Besitztümer und Freunde auf der Straße wieder …

THE JERK ist mit seiner Protagonisten-Karikatur, der rasanten Abfolge immer absurder werdender Episoden, seiner Mischung aus Slapstickklamauk, Parodie und Gesellschaftssatire ein breiter Humor-Rundumschlag, der die Komödienexzesse der Achtzigerjahre und die Spin-offs von Saturday-Night-Live-Charakteren vorwegnimmt. Was ihn von diesen unterschiedet, ist sein ehrlicher Humanismus. Navin R. Johnson, so überzeichnet die Figur auch ist, liegt dem Zuschauer am Herzen. Es ist Empathie, die uns mit ihm verbindet, weil wir wissen, dass wir ihm nicht unähnlich sind. Die wenigsten von uns werden zu Reichtum gelangen und wenn doch, stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir uns dabei ähnlich ungeschickt anstellen wie Navin. Carl Reiner zerrt die oft verschwiegenen Schattenseiten des amerikanischen Traums ans Licht. Ja, es mag möglich sein, sich vom „Tellerwäscher zum Millionär“ hochzuarbeiten, doch dieser Weg ist nicht allen Menschen vorherbestimmt. Mancher ist mit seinem kleinen, dabei keinesfalls schlechteren Leben sehr viel besser dran. Die Schönheit von THE JERK besteht auch darin, wie er die denkbar unwahrscheinliche Geschichte Navins zur quasimythologischen Erzählung erhebt. Er folgt Navin auf einer Reise, die ja nicht zufällig an uramerikanischen Orten wie der Tankstelle und dem Jahrmarkt haltmacht, bevor sie in der Geschmacklosigkeit und Dekadenz von Beverly Hills endet. Und auf diesem Weg wird Zeit eine völlig vernachlässigbare Größe: Es ist, als hätte man in den 90 Minuten von THE JERK einem ganzen Leben beigewohnt, gleichzeitig scheint sich das alles innerhalb weniger Wochen abzuspielen. Der Film macht sich die naive, unverstellte Sicht Navins zueigen, die sinnlichen Sensationen laufen ineinander und überfluten den Mann, der dabei ganz und gar die Orientierung verliert und doch immer wieder am richtigen Ort landet, auch wenn er dort denkbar falsch ist. Der Mythos der Overnight-Sensation bewahrheitet sich für diesen Mann, der ohne jeden Plan vorgeht, in Rekordzeit beschreitet er einen Weg, den sich zu bahnen andere vor ihm Jahrzehnte gebraucht haben. THE JERK steht auch in der Tradition alter Schelmenstücke, die die Leichtigkeit, mit der ihre Protagonisten auch die schwierigsten Hindernisse nahmen, immer mit einem wissenden Augenzwinkern begleiteten. Wie unwahrscheinlich der Karriereverlauf Navins ist, aber auch wie zwingend und folgerichtig, zeigt sich in der wunderbaren Amokläufer-Episode: Es ist das pure Glück, das Navin so verlässlich führt wie ein Kompass. Auch wenn nicht alles glatt geht, so gehören diese Pannen zu seinem wie an der Schnur gezogenen Lebenslauf. „Scheiße. Schuhcreme.“, erklärt ihm sein Vater den wichtigsten Unterschied, den man begreifen muss, um es zu etwas zu bringen. „Scheiße. Schuhcreme.“, wiederholt Navin. Und latscht dann voll in den Kuhfladen.

Weil das südkalifornische Städtchen Elk Hills nach der Eröffnung einer neuen Ölbohranlage von einer Schwemme raubeiniger Arbeiter überflutet wird, die nach ihrem Feierabend keinen Stein auf dem anderen lassen und für bürgerkriegsartige Zustände sorgen, rekrutiert Ben Arnold (Jan-Michael Vincent) auf Geheiß des Bürgermeisters (Brad Dexter) seinen Bruder Aaron (Kris Kristofferson), einen Kriegshelden, der sich in seinem gegenwärtigen Job nur langweilt. Mit seinen Männern und ebenso einfachen wie effektiven Methoden sorgt Aaron schnell für Ordnung, doch dann beginnt er seinen Status als Sheriff gnadenlos auszunutzen. Unversehens wird der Ordnungshüter selbst zum Tyrannen. Ben bleibt nichts anderes übrig, als den Kampf gegen den eigenen Bruder aufzunehmen …

Für seinen dritten Spielfilm holte Writer/Director George Armitage in den Siebzigerjahren so populäre Selbstjustiz-Thema aus den dunklen Straßenschluchten solcher Metropolen wie New York oder Los Angeles ins sonnig-provinzielle Südkalifornien. Dieser Tapetenwechsel schlägt sich in der gesamten Stimmung seines Films nieder, der der dystopischen Zivilisationsskepsis der Vorreiter über weite Strecken eine heitere, weitaus weniger fatalistische Weltsicht entgegensetzt. Von den marodierenden Arbeitern geht keine echte Bedrohung und schon gar keine zersetzende Kraft für den Staat aus; das ganze Szenario vergnügungs- und trunksüchtiger Latzhosenträger, denen die Kleinstadt nicht gewachsen ist, ist denkbar weit davon entfernt, zur apokalyptischen Untergangsvision zu taugen. Somit richtet sich das Interesse Armitages eher auf die Vigilanten unter der Führung des Vietnamveterans Aaron, dessen Entwicklung als Beleg des bekannten Acton-Zitats „absolute power corrupts absolutely“ dienen mag. Für seine „Heldentaten“ in Vietnam dekoriert, verdient der All-American-Man seine Brötchen mit einem miesen Wachjob, bei dem er von seinem Vorgesetzten auch noch ständig schikaniert wird. Das Angebot Bens, in Elk Hills als Sheriff für Ruhe und Ordnung zu sorgen, dafür gut bezahlt zu werden und nebenbei auch noch den Respekt der Bewohner zu gewinnen, muss für jemanden wie Aaron verlockend klingen; zu verlockend, um den Platz nach getaner Arbeit einfach wieder freizumachen. Und weil Aaron weiß, dass seine Arbeitgeber wehrlos sind – das war schließlich der Grund, warum sie ihn überhaupt rekrutierten -, kann er sich ihnen gegenüber alles erlauben.

Spätestens diese Wendung macht klar, dass Armitages VIGILANTE FORCE eher in der Traditionslinie des Westerns denn in der des urbanen Selbstjustizfilms zu sehen ist: Elk Hills ist mit seiner sprudelnden Ölquelle das zeitgenössische Pendant zu den Boomtowns der Pionierzeit, die randalierenden Arbeiter das Gegenstück zu den berittenen Gangsterbanden und Aaron schließlich ein Nachfahre jener Revolverhelden, denen man einen Sheriffstern anheftete, um sie mit dem Gesindel aufräumen zu lassen, nur um danach festzstellen, dass man sich damit ein noch viel größeres Problem geschaffen hatte. Kris Kristofferson, der kurz zuvor den Westernhelden Billy the Kid für Meister Peckinpah gegeben hatte, ist die Idealbesetzung für Aaron, der mit seinem graumelierten Bart, dem gut ausdefinierten hardbody und dem grummeligen drawl jede Wortäußerung zu einem Manifest der Auf- und Ablehnung erhebt. Wenn er sich mit seiner Bande in einem lerstehenden alten Gebäude in den Bergen verschanzt und Ben und seine Leute den Angriff über die Hügel proben, werden die Westernassoziationen, die Armitage mit seinen sonnendurchfluteten, staubdurchwehten Settings sowieso schürt, noch einmal besonders evident. Daran kann auch das WHITE HEAT-Zitat, in dem Aaron zum Schluss den Tod findet, nichts ändern: Vielmehr zeigt es, dass auch der Gangsterfilm nur eine Verlängerung des Westerns entlang der Zeitachse bedeutete.

VIGILANTE FORCE ist kein Pflichtfilm, kein vergessenes Masterpiece, keine Oldschool-Gewaltgranate, kein Muss für jeden Exploitation- oder Actionfreund, sondern ein beinahe gemütlicher, wohlgeformter kleiner Film, dessen Meriten nicht in vordergründigen Effekten oder in einer superoriginellen Geschichte zu suchen sind, sondern in der Ruhe und Gelassenheit, mit der er sich entfaltet. Armitage ist ein guter Mann, musste nach dem Flop dieses Films aber satte 14 Jahre warten, bis er wieder einen Kinofilm inszenieren konnte: MIAMI BLUES ist dann auch gleich ein kleiner Klassiker des sarkastischen Detektivfilms geworden.