Mit ‘Bernie Casey’ getaggte Beiträge

In den USA startete BACKFIRE gleich im Fernsehen, während er hierzulande auf Video ausgewertet wurde – und mir in Form eines schön reißerischen Trailers mehrfach über den Weg lief: In Deutschland reüssierte der Film als FINAL NIGHT. Der technisch über jeden Zweifel erhabene Neo Noir von Gilbert Cates gewinnt zwar garantiert keine Originalitätspreise, dennoch vermisse ich die Zeit, als solche erstklassig besetzten, erwachsenen und gimmickfreien Thriller gedreht wurden, von Filmemachern, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hatten und sich in einer filmischen Tradition sahen. Cates zum Beispiel merkt man die Begeisterung für den Noir der Vierziger- und Fünfzigerjahre an und seine erzählerischen Innovationen ergeben sich organisch aus der Fortentwicklung dieser Traditionen, nicht aus irgendwelchen „krassen“ Ideen, die auf Gedeih und Verderb übergestülpt werden, um irgendwelche Trends zu befriedigen oder Kids ins Kino zu ziehen, die sich mehr für Comics, Videoclips oder Dating-Apps interessieren.

Der eigentlich Witz an BACKFIRE ist, dass er einen Noirstandard adaptiert und dessen Plotverlauf gewissermaßen doppelt. Der Film fängt an einer Stelle an, wo seine ideellen Vorläufer üblicherweise enden: Mara (Karen Allen) ist mit dem wohlhabenden Donnie (Jeff Fahey) verheiratet und wohnt mit ihm in einer riesigen Villa in seinem Heimatort. Alles könnte gut sein, doch Donnie wird die Schreckensbilder des Krieges nicht los, hat Albträume, trinkt, ist kaum noch unter Leute zu bringen – und paranoid. Als Mara ihn eines Abends allein zu Hause lässt, erleidet er einen besonders schlimmen Anfall – bei dem Mara gemeinsam mit ihrem Lover Jake (Dean Pal Martin) kräftig nachgeholfen hat, um ihn in den Selbstmord zu treiben und sich sein Vermögen unter den Nagel zu reißen. So weit so gut, doch der Plan geht doppelt schief: Nicht nur überlebt Donnie und sitzt nun im Stadium der Katatonie im Rollstuhl, eine Urkunde verdonnert Mara auch dazu, ihn zu pflegen, wenn sie einen Anspruch auf seinen Besitz haben möchte. Verbittert beißt sie in den sauren Apfel und bändelt nur wenig später mit dem drifter Reed (Keith Carradine) an, der wie aus dem Nichts im Ort auftaucht …

BACKFIRE ist ein morality play, dessen Crime-does-not-pay-Botschaft in Verbindung mit einigen drastischen Bildern etwas an die EC-Horrorcomics erinnert. Der Spieß wird im weiteren Verlauf des Films erwartungsgemäß zu Ungunsten von Mara umgedreht, wobei gerade Donnies Vietnamvergangenheit, die für seinen Absturz verantwortlich war, auch bei seiner Vergeltung eine wichtige Rolle spielt. Die Geschichte erhält ihre Ambivalenz aus dem Charakter Maras: Wir verstehen sie und sympathisieren in gewisser Weise mit ihr. Auch wenn ihr Plan, den Ehemann in den Selbstmord zu treiben, nicht gerade freundlich ist, wir erkennen sie eher als Getriebene: Donnie ist ein Waschlappen, unfähig, selbst einen Weg aus seiner Krankheit zu finden, aber auch nicht bereit, sich helfen zu lassen. Seine Unzufriedenheit lässt er dann immer wieder an seiner Gattin aus, für die kaum noch Raum zur Entfaltung bleibt. In der Enge des Heimatorts ist sie zudem immer noch die Schlampe aus ärmlichen Verhältnissen, die sich damals mit ihren Hexenkräften den „golden boy“ unter den Nagel gerissen hat, um von seinem Reichtum zu profitieren. Niemand kommt ihr zur Hilfe, auch wenn alle wissen, in welch erbarmungswürdigem Zustand sich Donnie befindet.

Das unumstrittene Highlight von BACKFIRE ist die opulente Kameraarbeit von Tak Fujimoto, der immer wieder das prachtvolle Anwesen umkreist, die Natur des nordamerikanischen Nordwestens im Hintergrund einfängt und dem es wunderbar gelingt, die emotional-sexuell aufgeladene Atmosphäre in gleichermaßen heiße wie kalte Bilder zu übersetzen. Gleiches gilt für den Score von David Shire, dessen orchestrale Pracht das private Drama zum Lehrstück über die Conditio humana erhebt. Der Mensch ist des Menschen Wolf und wenn man kein Glück hat, kommt meist auch noch Pech dazu: Gut, wenn man einen Buddy aus Vietnam hat. BACKFIRE hat mich nicht zuletzt nostalgisch gestimmt: Leute wie Allen, Carradine oder Fahey würden heute wahrscheinlich maximal eine Nebenrolle in einer Fernsehserie angeboten bekommen – und da kann man mir erzählen, was man will: Formal spielen die in einer anderen, nämlich tieferen Liga. Zugegeben, BACKFIRE repliziert einige heute etwas überkommen scheinende Rollenklischees: Carradine darf den geheimnisvollen drifter als tequilatrinkenden, markige Sprüche reißenden man’s man interpretieren, der dem Fettsack in der Truckerkneipe die Fresse poliert und die leading lady mit seinem sehnigen Körper in den Wahnsinn treibt. Und Fahey weiß zweifellos, was seine stahlblauen Augen wert sind. Selbst als sabbernder Wachkompatient sieht er noch makellos aus – der einzige echte Haken des Films. Als Maras Lover ist Dean Paul Martin zu sehen, Dean Martins Sohn, der kurze Zeit nach Ende der Dreharbeiten mit seinem Kampfflugzeug an einem Berg zerschellte. Er begleitete meine Jugend mit der hübschen, aber kurzlebigen Serie MISFITS OF SCIENCE, die als DIE SPEZIALISTEN UNTERWEGS auf RTL lief. MIttelpunkt des Geschehens ist aber eindeutig Karen Allen. Man kennt sie ja in erster Linie als kulleräugige Freundin von Indiana Jones in RAIDERS OF THE LOST ARK, aber hier zeigt sie, dass sie auch in einer ambivalenten Rolle als Schurkin zu überzeugen weiß. Ein wirklich schöner Film.

steelejusticeIch weiß nicht genau, wie lange ich diesem Film schon hinterherjage: Es war ein Screenshot des mit Tarnfarben bemalten Martin Kove, der in meinem jugendlichen Selbst den unbändigen Wunsch wachsen ließ, STAHL-JUSTIZ (wie er hierzulande in einer fast Ernstjünger’schen Interpretation des Originaltitels heißt) zu sehen. Dummerweise ist er mir in all den Jahren nie über den Weg gelaufen, weder als VHS-Tape noch als DVD. Umso größer die Freude, als ich ihn vor kurzem endlich, endlich auftreiben konnte. Wie STEELE JUSTICE nun eigentlich ist, verkommt angesichts dieses jahrzehntelangen Vorlaufs fast zur Nebensache. Ich sage es mal so: Der Film reicht an sein arschgeiles Poster („You don’t recruit John Steele, you unleash him.“) nicht ganz heran, aber als begeisterter Fan des Achtzigerjahre-Actionkinos nimmt man auch etwas biederere Ware wie diese gern mit, sofern der Spirit stimmt und es ordentlich was auf die Mütze gibt. Und das ist hier durchaus der Fall.

Martin Kove – bekannt für THE KARATE KID und RAMBO: FIRST BLOOD PART II – ist in einer seltenen Hauptrolle als ausgebrannter Vietnamveteran John Steele zu sehen, der es 12 Jahre nach dem Krieg in der Heimat mit seinem alten Rivalen General Kwan (Soon Teck-Oh) zu tun bekommt. Jener ist mittlerweile nicht nur ein angesehener Geschäftsmann, sondern auch Chef der vietnamesischen Mafia. Als Steeles alter Kamerad, der Kriminalbeamte Lee (Robert Kim), samt Ehefrau bei einem Anschlag der Mafia das Leben lassen muss, begibt der sich mit freundlicher Genehmigung von Polizeichef Bennett (Ronny Cox) auf einen zerstörerischen Rachefeldzug.

STEELE JUSTICE ist, wie man dieser Zusammenfassung unschwer entnehmen kann, streng genommen Dutzendware und Regisseur Robert Boris fehlt es deutlich an Finesse und Profil, um seinem Film das Epigonale, Fernsehhafte auszutreiben. So richtig wehtun will er keinem: Großkalibrigen Ballereien mit reichlich Aderlass stehen süßlich-kitschige Szenen mit der jugendlichen Tochter von Steeles totem Kumpel sowie humorige Momente gegenüber, die sich um die Lebensunfähigkeit des Protagonisten drehen und sein raubeiniges Gammlertum zur liebenswerten Marotte verklären. Wie so viele Actionfilme um Vietnamveteranen handelt auch STEELE JUSTICE eigentlich von posttraumatischem Stress, von den tiefen Wunden, die die Erfahrung des Krieges hinterlässt, von der Unfähigkeit der Betroffenen, danach zur Normalität zurückzukehren. Aber eine echte Auseinandersetzung mit diesem Thema findet erwartungsgemäß nicht statt, es scheint noch nicht einmal das Bewusstsein für diese krankhafte Disposition vorhanden zu sein. Stattdessen trauert Steele im Verständnis des Films dem Krieg nach, weil er da noch seinen Freund hatte, sich nicht ständig vor dem Gesetz verantworten oder vor der strengen Ex-Frau rechtfertigen musste.

Robert Boris – größte Leistung: das Drehbuch für Mark L. Lesters EXTREME JUSTICE – hat eher seichte Unterhaltung im Sinn, garniert seinen Film dann auch mit den damals gängigen Trainings- und Videoclip-Montagen, ohne jedoch jemals an die visuelle Raffinesse anknüpfen zu können, die Filmemacher vom Schlage eines George Pan Cosmatos oder Michael Mann bei solchen in die Waagschale warfen. Kove macht seine Sache gut, aber er ist als Typ etwas zu durchschnittlich, um einen solchen Film als Hauptdarsteller tragen zu können. Nicht zuletzt wegen ihm wirkt STEELE JUSTICE ein bisschen wie der Pilotfilm für eine nie in Produktion gegangene Serie. Auch andere, etwas alberne Elemente tragen dazu bei: So hat Steele als Haustier stets eine giftige Schlange bei sich, die trotz offensichtlich wenig artgerechter Haltung nicht nur satte 12 Jahre lang, vom Vietnamkrieg bis in die Gegenwart des Films, bei ihm überdauert, sondern am Ende auch einen der Schurken abräumt (die kurze Netzrecherche ergab, dass es sich bei der Schlange um eine völlig ungiftige Königsnatter handelt). Das Finale erinnert mit dem Superpanzer in der Fabrikhalle nicht wenig an Andrew Davis‘ CODE OF SILENCE, sein Einsatz bleibt aber ebenso antiklimaktisch wie der hüftsteife Schwertkampf gegen Kwan. Wie dem auch sei: STEELE JUSTICE ist leider nicht der von allen vergessene Klassiker der Eighties-Action, aber doch ein sehenswerter Vertreter des Genres, der so etwas wie die gehobene Mittelklasse verkörpert.