Mit ‘Bertrand Tavernier’ getaggte Beiträge

Französisch-Westafrika im Jahre 1938: Lucien Cordier (Philippe Noiret) ist der Polizist des kleinen Örtchens Bourkassa, aber keine Respektsperson. Seine Frau Huguette (Stéphane Audran), die Bordellbesitzerin, betrügt ihn offen mit Nono (Eddy Mitchell), zwei Zuhälter, von denen Lucien Schmiergeld-zahlungen empfängt, nutzen diese Begegnungen, um ihn auf offener Straße zu demütigen, und seiner Arbeit nachzugehen, Menschen zu verhaften und tatsächlich einmal für „Ordnung“ zu sorgen, ist ihm viel zu lästig: Er faulenzt sich durch seinen Job, immer unter dem Vorsatz, nirgends anzuecken, bis ihm sein Vorgesetzter die Idee einpflanzt, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Cordier ermordet die beiden Zuhälter kaltblütig und entdeckt, einmal auf den Geschmack gekommen, eine ganz neue Seite an sich  …

Betrand Tavernier adaptierte gemeinsam mit Jean Aurenche den US-amerikanischen Pulproman „Pop. 1780“ von Jim Thompson und verlegte dessen Geschichte aus den USA von 1910 in eine französische Kolonie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und liefert einen bissigen Kommentar zu Kolonialismus und Rassismus, aber auch zu menschlicher Niedertracht ganz allgemein. Sein Held, vordergründig ein trauriger Clown, mit dem man Mitleid empfindet, entpuppt sich mit laufender Spielzeit immer mehr als gewissenloser Opportunist ohne jegliche Prinzipien. Er ist der klassische Mitläufer, der die großen Ideen, philosophischen und weltanschaulichen Thesen anderen überlässt, diese dafür aber ganz wörtlich nimmt und so jede Verantwortung von sich weisen kann. Kurz bevor er einen armen Schwarzen erschießt, als würde er ein benutztes Taschentuch wegwerfen, erklärt er diesem die Welt: „Wer ist Schlimmer? Der Blinde, der aus dem Fenster pinkelt, oder der Witzbold, der ihm gesagt hat, es sei ein Urinal?“ Cordier ist der Blinde in diesem Bild und so fühlt er sich bei jedem seiner skrupellosen Morde immer auf der sicheren Seite. Er hat die Regeln schließlich nicht gemacht. Aber er hält sich an jede von ihnen.

Was an Taverniers Film beeindruckt, das ist die völlige Abwesenheit einer  bevormundenden Stellungnahme oder auch nur einer klaren Perspektive. So wie es die Steadicam unmöglich macht, Position zum Geschehen zu beziehen, COUP DE TORCHON zwischen beschwingter Komödie, düsterem Drama und brutalem Crimefilm schwankt, wird man auch als Zuschauer einer emotionalen Wechseldusche unterzogen, bei der man nie genau weiß, was man von den Charakteren und ihren Handlungen halten soll. Nun ist es fast schon ein Klischee, Filmen zu unterstellen, sie verweigerten einfache Antworten: Doch meist ist im Gegenteil selbst bei solchen sehr klar, welche Haltung sie einnehmen (man denke etwa an Oliver Stones „bösen“  NATURAL BORN KILLERS, der im Übrigen von der Kameraarbeit von Taverniers Film durchaus beeinflusst scheint). Das ist bei COUP DE TORCHON tatsächlich anders: Gut und Böse, Richtig und Falsch sind hier keine fixen Größen mehr, sondern ständig in Bewegung. Seine Charaktere  sind keine bloßen Gesinnungsstellvertreter mehr, handeln eben nicht nach festen moralischen Grundsätzen, sondern gemäß ihres Charakters und der äußeren Umstände und sind somit immer zu beidem fähig. Und das spiegelt sich eben auch im Blick des Films wider.

COUP DE TORCHON wurde von einem zeitgenössischen Kritker laut Tavernier einmal in völliger Übertreibung – aber trotzdem gar nicht mal so unzutreffend – als (sinngemäß) „größte Beleidigung der weißen Rasse“ bezeichnet. Die Menschen kommen wirklich nicht gut weg, trotzdem bleibt der Film immer ambivalent und nimmt niemals den bitteren Zynismus so vieler anderer filmischer Abrechnungen an. COUP DE TORCHON schreit förmlich nach Mehrfachsichtungen – und Taverniers letzter, IN THE ELECTRIC MIST, erscheint im direkten Vergleich gleich nochmal so enttäuschend.

In den Sümpfen von New Iberia, Louisiana, findet Detective Dave Robicheaux (Tommy Lee Jones) den verstümmelten Leichnam einer jungen Prostituierten. Der örtliche Mafiosi und Daves Jugendfreund Julie „Baby Feet“ Balboni (John Goodman) scheint ebenso in den Fall involviert wie die vor Ort gastierende Filmproduktion, die von Balboni mitfinanziert wird. Als der Schauspieler Elrod Sykes (Peter Sarsgaard) in der Nähe des Sets die Leiche eines vor mehr als 30 Jahren ermordeten Schwarzen findet, wird auch Robicheaux persönlich in den Fall hineingezogen, denn er war damals als Augenzeuge anwesend …

Taverniers IN THE ELECTRIC MIST ist ein ruhiger, träumerischer Film, der sehr von der geheimnisvollen Sumpflandschaft Louisianas profitiert und diese immer wieder dekorativ ins Bild rückt. Es ist eine Landschaft, die zu leben scheint und in die sich die Ereignisse der Geschichte – die Verwüstungen von Hurricane Katrina, der bis in die Sechzigerjahre akute Rassenhass und schließlich die Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs – unauslöschlich eingeschrieben haben, sodass sie auch in der Gegenwart immer noch Spuren hinterlassen. Die Suche nach dem Mörder der jungen Prostituierten wird für Robicheaux so auch zu einer Konfrontation mit der eigenen befleckten Vergangenheit, die zu der Erkenntnis führt, dass Schuld nicht verjährt und auch Jahrzehnte später noch ihren Tribut fordert. Tavernier erzählt diese Geschichte sehr unaufgeregt, nimmt sich für seine Inszenierung der lakonischen Ruhe seines Protagonisten an, der von Tommy Lee Jones gewohnt souverän verkörpert wird. Robicheaux weiß, dass es manchmal der Ruhe und der Geduld bedarf, um zum Ziel zu kommen, dass man in dieser so empfindlichen und belasteten Region Vor- und Rücksicht walten lassen muss, auch wenn es den inneren Empfindungen widerstrebt. Die Geister der Vergangenheit sind im Nebel der Sümpfe lebendig und einer von ihnen wird Robicheaux dann auch mit Rat und Tat zur Seite stehen, ihm dabei helfen, den richtigen Weg zu finden, die Erkenntnisse in die richtige Perspektive zu bringen.

IN THE ELECTRIC MIST ist ein Film, dem man die große Erfahrung und die damit einhergehende Gelassenheit seines Regisseurs, dessen Spielfilmdebüt L’HORLOGER DE SAINT-PAUL gleich ein veritables Meisterwerk war, in jeder Einstellung anmerkt. Keine Einstellung ist vergeudet, kein dummer Einfall zerstört den ruhigen Fluss des Films, jedes Wort des Drehbuchs ist wohl überlegt und sitzt an der richtigen Stelle. Leider hat diese Routine hier aber etwas Lähmendes, weil die klassische American Gothic von IN THE ELECTRIC MIST längst schon zum Klischee geworden ist und so überraschungsarm auf ihr vohersagbares und unspektakuläres Ende zuläuft. Die Auflösung des Kriminalfalls ist egal, weil es um sie eh nicht wirklich geht (der Killer ist dann auch einfach irgendeine Figur des Inventars; nicht zu offensichtlich gewählt, aber auch nicht wirklich überraschend), der fantastische Strang um die Geister jederzeit als abgegriffene Metapher erkennbar und die Erkenntnis, dass die Vergangenheit ihre Arme in die Gegenwart streckt, hatte man auch schon vorher. John Sayles hat mit LONE STAR einen inhaltlich ganz ähnlichen Film gemacht, der seiner Americana durch die genaue Herausarbeitung der sozialen Verflechtungen seines texanischen Grenzortes aber etwas Neues abgewann, einfach präziser und genauer beobachtete. Nun geht es Tavernier offenkundig nicht darum, ist er mehr an Stimmungen und Emotionen interessiert als an Soziologie. Aber die Zydeco- und Blues-getränkte Melancholie trägt IN THE ELECTRIC MIST einfach nicht über 110 Minuten, man vermisst neue Impulse und einen gewissen Enthusiasmus, der einem vermitteln würde, was Tavernier an seiner Geschichte eigentlich interessiert hat. Den Film hier zu kritisieren ist undankbar: weil ich ihn so gern mögen wollte und weil er natürlich keineswegs schlecht ist, irgendwie ja auch ein Gegenmittel zum hektischen Hollywood-Einerlei. Aber das einzige Wort, dass meine Gefühle für ihn beschreibt, ist ein herber Schlag: IN THE ELECTRIC MIST ist bieder.

Der Uhrmacher Michel Descombes (Philippe Noiret) ist ein einfacher, aber nicht unzufriedener Mann: Tagsüber repariert er in einem kleinen Geschäft Uhren, abends trifft er sich mit seinen Freunden zum Essen und um einen Plausch zu halten. Eines Tages steht die Polizei bei ihm auf der Matte. Grund: Sein Sohn Bernard (Sylvain Rougerie) soll einen Mann, den Leiter einer großen Firma, ermordet haben. Für Michel bricht eine Welt zusammen, wird ihm doch schlagartig bewusst, dass sein Sohn, mit dem er immerhin unter einem Dach lebt, ihm völlig fremd geworden ist. Während der Vater versucht Kontakt zu seinem auf der Flucht befindlichen Sohn aufzunehmen und mehr über dessen Leben herauszufinden, schlachtet die Öffentlichkeit den Mordfall genüsslich aus und erhebt ihn zum Politikum …

uhrmacher.jpgAn einer Stelle mitten im Film erzählt Michel dem ermittelnden Inspektor Guilbould (Jean Rochefort) eine Anekdote. Er berichtet von einem fremden Nachbarskind, das eines Tages aufgeregt zu Michel gelaufen sei und ihm gesagt habe, er habe sich „fast gar nicht verändert“. Für den Inspektor ist das eine belanglose kleine Geschichte über ein wenig ernst zu nehmendes Kind, für Michel ist dies jedoch ein Ereignis von geradezu enormer Bedeutung. „Vielleicht hat mich niemand je so sehr geliebt wie dieses Kind“, so seine Bewertung. Diese kurze Sequenz beschreibt den Geist von Taverniers wunderbarem Film perfekt: Die Welt liegt am Boden zerrissen im Kampf von links und rechts, die Generationen entfremden sich von einander, die Straßen ersticken im Schmutz, die Welt entwickelt bedrohliche kafkaeske Züge. Doch es gibt noch kleine Oasen: das Restaurant, in dem sich Michel mit seinen Freunden trifft, Michels Werkstatt, in der er wieder und wieder das immer aufs Neue faszinierende Wunder vollbringt, diese winzigen Mechanismen wieder zum Laufen zu kriegen, der wilde Garten hinter dem Haus des Kindermädchens Madeleine, der leider einem Krankenhaus weichen muss. Das Schöne wird unwiederbringlich verschwinden, wenn man nicht aufpasst: Was einem wichtig ist, muss man festhalten, sonst verliert man es. In der Konfrontation mit dem Verbrechen seines Sohnes wird Michel nun direkt mit der Welt konfrontiert, deren Zuschauer er zuvor lediglich war: Er hört die Lügen im Fernsehen, die aus seinem Sohn einen linken Agitator machen wollen, die einschmeichelnden Versprechungen von Journalisten, die klugen Ratschläge der Anwälte und Polizisten. Doch Michel wird seinen eigenen Weg gehen, wird das festhalten, was auf dieser Welt das einzige ist, worauf man sich verlassen kann: das eigene Fleisch und Blut.

Taverniers L’HORLOGER DE SAINT-PAUL ist so ergreifend, so wunderschön und mit so viel echtem Mitgefühl inszeniert, dass man kaum glauben möchte, dass dies ein Debüt ist. Taverniers Film handelt nicht vom Mord und auch nicht von der Bekämpfung des Verbrechens, er handelt von Loyalität, Liebe, Vertrauen und väterlicher Verantwortung. Michel kann an der Strafe für seinen Sohn nichts ändern, aber er kann die Beziehung zu seinem Sohn wiederherstellen und diesem Rückhalt geben. „Ich erkläre mich mit meinem Sohn vollkommen solidarisch“ sagt Michel Descombes vor Gericht: Er wird auch die Gitterstäbe nicht mehr zwischen ihn und seinen Sohn treten lassen. L’HORLOGER DE SAINT-PAUL, so traurig dieser Film auch ist, steckt voller Hoffnung: Zwar steht am Ende kein überraschender Freispruch, aber mit seiner bedingungslosen Liebe überwindet der kleine Uhrmacher die Repressionen der Gesellschaft, nimmt er sein Schicksal mit voller Überzeugung an – und gewinnt. Für Michel und seinen Sohn bedeutet das Gerichtsurteil zwar eine Trennung, doch so fremd wie sie einander zuvor geworden waren, werden sie nie wieder sein. Am Schluss sitzen sich Vater und Sohn bei einem Gefängnisbesuch im Sprechzimmer gegenüber, durch Gitterstäbe getrennt, ohne jede Privatsphäre. Doch sie sind vereint. Ein spachlos machendes Meisterwerk.