Mit ‘Beryl Reid’ getaggte Beiträge

Der Erfolg des Vorgängers machte ein Sequel wohl unausweichlich – angeblich existierten sogar Pläne für eine Trilogie sowie diverse Drehbuchentwürfe für einen dritten Teil. Eine TV-Serie soll ebenso im Gespräch gewesen sein wie ein Konfrontation von Phibes mit dem anderen Frühsiebziger-Horrostar der AIP, Count Yorga. Letztlich entstand dann aber nur noch DR. PHIBES RISES AGAIN, den zu sabotieren sich die Produzenten von AIP aus unerfindliche Gründen alle Mühe gaben. Es ist ein Wunder, dass der vorliegende Film dennoch einigermaßen vergnüglich geraten ist und zumindest einen Teil des Charmes des Vorgängers bewahrt – der ihm aber trotzdem meilenweit überlegen ist.

Die Handlung dreht sich um den Wettlauf des wiederauferstandenen Dr. Phibes (Vincent Price) mit seinem Widersacher Darius Biederbeck (Robert Quarry). Beide wollen in Ägypten das Geheimnis des ewigen Lebens in ihre Gewalt bringen: Phibes, um mit seiner Gattin wiedervereint zu sein, Biederbeck, weil der Vorrat des Jugendserums, das ihn am Leben hält, langsam aber sicher zu Neige geht. In der Wüste schlagen beide ihr Quartier auf und Phibes bringt ein Mitglied von Biederbecks Forscherteam nach dem anderem auf seine originelle Art und Weise um.

Die Geschichtsbücher berichten, dass das Drehbuch aus Budgetgründen zusammengestrichen werden und ca. zehn Minuten des Films der Schere zum Opfer fielen. Das Drehbuch selbst wurde von Regisseur Fuest als „schizophren“ bezeichnet, weil er die finale Version in einer transatlantischen Kollaboration mit Robert Blees erarbeitete, aber auch von diesem Drehbuch ist auf der Leinwand nicht mehr viel zu sehen, wenn man Tim Lucas glauben darf (wovon ich ausgehe), der den informativen Audiokommentar zur Blu-ray-Veröffentlichung von Arrow beisteuerte. Wenn man darauf achtet, fallen etliche Ungereimtheiten und Holprigkeiten auf, der Film ist voll von Aufnahmen und Einfällen, die von etwas Größerem, das die Schere entfernte, übrig geblieben sind und um die Lücken zu füllen und sicherzustellen, dass das Publikum noch mitkam, wurden Voice-overs eingefügt, die sehr unelegant erklären, was eigentlich gezeigt werden sollte. Zu allem Überfluss hassten sich die beiden Hauptdarsteller Price und Quarry und die Stimmung am Set war gespannt und unangenehm. Als DR. PHIBES RISES AGAIN dann veröffentlicht wurde, sank sein Stern schnell: Nicht nur, dass das Sequel mit der Originalität des Vorgängers nicht mithalten konnte, die Kinos sahen auch eine neue Generation von Horrorfilmen, gegenüber denen die Erzeugnisse der AIP gnadenlos überkommen wirken mussten.

Ich mag DR. PHIBES RISES AGAIN, aber seine Verfehlungen sind kaum zu übersehen. Das ist auch deshalb so tragisch, weil man den Film, der das Sequel hätte sein können, sein sollen, immer noch durchschimmern sieht: Das Zusammenspiel von Price und der neuen Vulnavia (Valli Kemp) ist wunderbar, das Setting ist enorm vielversprechend, einige Morde sind inspiriert und das Finale entschädigt für viele ungenutzte Chancen. Diese Ansätze ergeben zusammen genommen zwar immer noch keinen wirklich guten Film, aber sie stellen sicher, dass ich für DR. PHIBES RISES AGAIN dennoch ein Plätzchen in meinem Herzen reserviert halte, ihn alle paar Jahre gern mal wieder auffrische und darüber nachdenke, was man mit der Figur noch für tolle Filme machen könnte.

 

Da ist die Schauspielerin June Buckridge (Beryl Reid): eine ältere, rundliche, aber überaus robuste, forsche Dame. Als patente Krankenschwester „Sister George“ begeistert sie die Zuschauer der BBC-Soap-Opera „Applehurst“, die vom Leben in einem kleinen gleichnamigen britischen Dörfchen erzählt. Und sie weiß ganz genau, dass sie der Star der Show ist. Am Set geht sie keinem Disput aus dem Weg und wenn sie sich nicht angemessen behandelt fühlt, stürmt sie auch schon einmal wutschnaubend mitten während der Dreharbeiten vom Set, um sich nebenan im Pub einen Drink zu gönnen. Sie hat das, was man eine „Schnodderschnauze“ nennt und höllischen Spaß daran, Leuten die Meinung zu geigen. Aber man ahnt, dass diese Angriffslust vor allem als Schutzwall dient, hinter dem sich ein äußerst verletzlicher Mensch verbirgt.

Als June nach einem wieder einmal im Streit beendeten Arbeitstag nach Hause kommt, wartet da eine junge, blonde Frau in einem rosafarbenen, ärmellosen und ultarkurzen Mini-Tüllkleidchen auf sie. Es ist offensichtlich Junes Mitbewohnerin, aber neben der gänzlich unglamourösen, kleinbürgerlich wirkenden Schauspielerin sieht sie wie eine Karikatur aus. Wie der Fantasie eines Fetischisten entsprungen. Die ganze Situation in der rustikal eingerichteten Londoner Wohnung ist seltsam daneben: auch weil beiden Frauen gar nicht auffällt, dass die Situation, in der sie sich befinden, aussieht wie die Versuchsanordnung eines teuflisch kreativen Sozialwissenschaftlers. Die junge Frau entpuppt sich dann im weiteren Verlauf des Films tatsächlich als Junes Geliebte Alice (Susannah York), doch die Beziehung der beiden Frauen zueinander bleibt rätselhaft. Alice wird von June in einer Mischung aus großmütterlicher Herablassung und zärtlicher Liebkosung „Childie“ genannt, und die Ambivalenz, die sich hinter diesem Namen verbirgt, ist paradigmatisch für die ganze Partnerschaft, die beständig zwischen den Extremen „Bewunderung“ auf der einen und „Verachtung“ auf der anderen Seite hin und her pendelt. Was „Childie“ an June gefunden haben mag, erschließt sich während des ganzen Films nie so ganz. Respekt jedenfalls erfährt sie nicht. Wie Junes Kollegen wird sie von der Schauspielerin – die sie nur „George“ nennt, als sei ihr ganzes Leben ein Spiel – herumkommandiert und schikaniert und wie eine überaus ansehnliche, aber sonst uninteressante Trophäe behandelt. Auch wenn die Interaktion zwischen beiden auffallend körperlos bleibt, kommt man kaum umhin, sadomasochistische Züge in ihrem Miteinander zu diagnostizieren. Alice findet sich bereitwillig ein in die Rolle des entmündigten Spielzeugs, das als belebtes Eye Candy durch Junes Wohnung scharwenzelt, nimmt jede Demütigung geduldig hin – kümmert sich aber insgeheim rührend darum, dass ihre „Gönnerin“ vor lauter narzisstischer Kränkung nicht versäumt, ihr Leben zu organisieren. Und June genießt es natürlich, ein so hübsches Ding ihr eigen nennen zu können. Es ist ein merkwürdige Partnerschaft, die die beiden da leben, aber sie funktioniert. Noch.

Doch die eigenartige Zweckgemeinschaft gerät ins Wanken, als sich das Ende von „Sister George“ in „Applehurst“ ankündigt. Das schwierige Verhalten Junes und die sinkenden Popularitätswerte von Sister George beim Publikum begünstigen die Entscheidung der Produzenten, die Figur ableben zu lassen. Eine Katastrophe für June, die sich aufs Abstellgleis verfrachtet fühlt. Sie muss dieselbe Erfahrung machen wie vor ihr Baby Jane: Was es bedeutet, wenn die Scheinwerfer den nächsten Star umschmeicheln, die Gunst des Publikums ein neues Objekt findet und man plötzlich schonungslos mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert wird. Das ist dann auch die unverkennbare Ursache hinter Junes Marotten, ihrer Aggressivität und Uneinsichtigkeit: Sie kann nicht akzeptieren, eine alte Frau zu sein, fürchtet sich davor allein zu sein – und zu sterben. Und diese Angst vor dem Unausweichlichen sorgt dafür, dass sie sich mit aller Gewalt an dem festhält, was sie hat; und gegebenenfalls wie ein kleines Kind mit Tobuschtsanfällen zu reagieren, um ihren Willen durchzusetzen, wenn sie sich bedroht fühlt.

Aldrich hat einen bemerkenswerten Film über Homosexualität, das Altwerden und das Showgeschäft gedreht. Und wie auch schon der unmittelbare Vorgänger THE LEGEND OF LYLAH CLARE ist er nur schwer zu fassen – aber dennoch ganz anders. THE KILLING OF SISTER GEORGE ist – zumindest vordergründig vordergündig – konservativer inszeniert: Er basiert auf einem Theaterstück und das schlägt sich in seiner Struktur und seinem Szenenaufbau nieder. Dialoge treiben die Handlung voran, die sich in einer überschaubaren Anzahl von Settings – fast ausschließlich Innenräume – abspielt. Seine Dynamik verdankt der Film bis zum Schluss, als sich die Ereignisse überschlagen, der Disposition seiner Protagonisten, die Aldrich mithilfe seines Stammautors Lukas Heller mit der ruhigen Hand des Chirurgen seziert. Und hier hat es sich dann auch mit dem vermeintlichen Konservatismus: Die Selbstverständlichkeit und Offenheit, mit der er etwa das Thema „Homosexualität“ angeht, ist auch heute längst noch nicht Standard. Das Wort „lesbian“ fällt ein einziges Mal, kurz vor Schluss, und dann wird es als offene Beleidigung verwendet; vorher verzichtet Aldrich gänzlich darauf, die sexuelle Ausrichtung von June und Alice explizit zu erwähnen oder gar zu problematisieren. Die Liebe der beiden Frauen ist einfach da, ihr wird nicht mehr Beachtung geschenkt als einer heterosexuellen Beziehung: Sie definiert die Charaktere nicht, ist nur eine Facette ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten. Man ist als Zuschauer beinahe etwas vor den Kopf gestoßen, wenn sich das Geschehen für eine längere Sequenz in eine Lesben-Bar verlagert und das, was zuvor greifbar zwar, aber unausgesprochen im Raum stand, Fakt wird. Überhaupt diese Szene: Keine Spur von dem kink, mit dem Homosexualität in Hollywood-Filmen gern aufgeladen wird. Stattdessen Durchschnittsfrauen aller Altersklassen, die an diesem Ort Gleichgesinnte und Zärtlichkeit finden. Als June die eisige Produzentin Mercy Croft (Coral Browne) dorthin einlädt, rechnet man mit dem Eklat, dem unausweichlichen „Skandal“, der June die Karriere kostet, doch der bleibt aus. Stattdessen bekommt die Croft den Hinweis darauf, wie sie June endgültig zerstören kann …

Ich hoffe, es ist aus dieser recht ausführlichen Zusammenfassung hervorgegangen, was mir sonst nicht so recht gelingen will: zu zeigen, was für ein vielseitiger Film THE KILLING OF SISTER GEORGE geworden ist. Es ist unmöglich, ihn auf einen Hauptaspekt zu reduzieren, weil seine einzelnen Themen unauflösbar verzahnt sind. Tonal ist der Film kaum weniger differenziert: Urkomische und gelöste Szenen gehen Hand in Hand mit niederschmetternd bitteren Momenten. Im Zentrum steht June Buckridge, in der die vielen Widersprüche des Films zu einer Sinneinheit zusammengeführt werden: ein Charakter, den der Zuschauer gleichzeitig lieben und hassen kann, über den er lacht, mit dem er mitleidet und für den er sich schämt. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Beryl Reid leistet Übermenschliches. Der Film ist ohne sie überhaupt nicht denkbar. In einer gerechten Welt würde ihr Name für diese Dabietung allein in einem Atemzug mit den Großen des Metiers genannt werden. Coral Browne steht ihr in nichts nach, ist kaum weniger „echt“ in ihrer Rolle als eiskalt berechnende Produzentin. Dass es Aldrich gelang, diese beiden komplexen Charaktere nicht nur so kongenial zu besetzen, sondern auch solche Jahrhundertperformances aus seinen Darstellern herauszukitzeln – aus Darstellern zudem, die eben nicht ganz oben auf der Liste der üblichen Verdächtigen standen – zeigt, was für ein brillanter Regisseur er war. Wenn es denn dieses Beweises überhaupt noch bedarf. Einer der besten US-Filme seines Jahrzehnts und ein Film, den man unbedingt ausfindig machen sollte, wenn man ihn noch nicht kennt. Es geht nicht besser.