Mit ‘Bikerfilm’ getaggte Beiträge

Zwei Indianer im Zweikampf, hinter ihnen felsige Wüstenkulisse. Sie stürzen sich aufeinander, vielleicht im Kampf um eine Frau oder um den nächsten Häuptling zu ermitteln. Schließlich lassen sie auf einen Ruf voneinander ab. Sie stehen nebeneinander, jemand hat etwa gesehen. Die Kamera fährt an ihren Gesichtern entlang. Einer von ihnen trägt eine Sonnenbrille. Er nimmt sie ab und zeigt blaue Augen hinter den dunklen Gläsern. Ihr Blick geht zur Landstraße, auf der sich eine Kolonne von Bikern nähert.

Der Anfang von Richard Rushs THE SAVAGE SEVEN, einem Beitrag zum Bikerfilm-Genre, dass sich in der zweiten Hälfte der Sechziger großer Beliebtheit erfreute, zeigt, dass sich der Regisseur des konzeptionellen Kniffs seines Films sehr bewusst war: Die Verbindung von Bikern und Indianern erlaubt nicht nur eine Modernisierung klassischer Westernmotive inklusive der gesellschaftskritischen Implikationen, die damit einhergehen, sie ermöglicht auch den Blick auf ein im Kino abseits der Pferdeopern völlig marginalisiertes Volk. THE SAVAGE SEVEN bezieht seinen größten Reiz aus der Zeichnung einer indianischen Enklave im Nirgendwo, eine Ansammlung von behelfsmäßigen Wellblechhütten, Holzverschlägen und maroden Wohnwagen, die um eine Kneipe und einen kleinen Gemischtwarenladen gruppiert sind. Das Setting des Indianerdorfes ist faszinierend und niederschmetternd zugleich und Rush, der den Film als Quasi-Sequel zu seinem erfolgreichen HELLS ANGELS ON WHEELS inszenierte, um dafür im Gegenzug den LSD-Film PSYCH-OUT machen zu dürfen, gelingt es, das alles sehr authentisch wirken zu lassen. Was durchaus beachtlich ist für einen Low-Budget-Film, der innerhalb von knapp 14 Tagen abgedreht werden musste.

THE SAVAGE SEVEN zeigt, wie die Indianer von dem fetten Geschäftsmann Fillmore (Mel Berger), der auch als ihr Arbeitgeber fungiert, und seinen Lakaien ausgebeutet und unterdrückt werden. Die Biker bringen mit ihrer Ankunft alles durcheinander und obwohl ihr Anführer Kisum (Adam Roarke) mit den unterdrückten Indianern sympathisiert, lässt er sich von Fillmore schließlich mit dem Scheckbuch ködern. Den Bikern fehlt ein klarer Wertekodex: Sie lassen sich von ihren Trieben bestimmen  oder gehen da, wo es Geld und Freibier gibt. Kisum, der sich in die Indianerin Marcia (Joanna Frank) verliebt, die Schwester des heißblütigen Johnnie (Robert Walker Jr.), der sich als einziger gegen Fillmore auflehnt, damit aber auf verlorenem Posten kämpft, kommen Zweifel, doch er kommt zu keiner echten Entscheidung. Schließlich lassen sich die erhitzten Gemüter allesamt ins Bockshorn jagen: Fillmore hetzt die Parteien aufeinander. Der Showdown, in dem das Dorf dem Erdboden gleich gemacht wird, ist unglaublich, voller halsbrecherischer Stunts, Flammen und durch die Luft fliegender Motorräder, völliger Irrsinn. Und leider merken die Kämpfenden viel zu spät, dass man sie manipuliert hat.

THE SAVAGE SEVEN zeigt immer wieder sein immenses Potenzial, aber er hat auch kaum zu übersehende Mängel, die bei einem Projekt wie diesem wohl unvermeidlich sind: Dass die Biker die nominellen Hauptfiguren sind, führt vor allem im Mittelteil, in dem Kisum sich nicht entscheiden kann, auf welcher Seite er nun eigentlich steht, zu erheblichem ideologischen Magendrücken. Es ist aus heutiger Perspektive einfach unmöglich, die Sympathien für die Motorradgang aufrecht zu erhalten, wenn sie Frauen vergewaltigen und die Indianer demütigen. Dazu kommt ist das emotionale Hin-und-Her zwischen Kisum und seinem Love Interest, das auch für den Betrachter anstrengend ist: Warum eine Frau einem solchen Arschloch erliegen sollte, ist nur schwer nachzuvollziehen. Der oben bereits gelobte Showdown bleibt von all dem nicht unangetastet: Was hat etwa ein lustiger Toilettengag inmitten eines Gemetzels, das wir als unfassbar tragisch betrachten müssen, zu suchen? Und dass der eigentliche Bösewicht am Ende sein Fett weg bekommt, ist angesichts der vielen, vielen unschuldigen Toten ein schwacher Trost. THE SAVAGE SEVEN findet nie so recht die Balance zwischen anspruchslosem Actionspektakel fürs Drive-in-Publikum und seinem gesellschaftskritischen Impetus und hat mit enormen tonalen Schwankungen zu kämpfen, die den ganz großen Erfolg verhindern.

Trotzdem: Seine positiven Eigenschaften reichen aus, um ihn aus der Flut meist unambitionierter Bikerflicks hervorstechen zu lassen. Der Verdienst von Richard Rush, einem Regisseur, dem mal eine große Karriere vorausgesagt wurde, der dann aber zwischen die Zahnräder des Business geriet: erst, als man ihn zehn Jahre warten ließ, um ihn sein Traumprojekt THE STUNT MAN ins Kino zu bringen, nur um dem Film dann jegliche Unterstützung zu versagen, später, als man ihm AIR AMERICA wegnahm, dann schließlich, als man seinen Erotikthriller COLOR OF NIGHT fürs Kino verstümmelte. Es bleiben ein paar sehenswerte Exploiter aus den Sechzigerjahren, GETTING STRAIGHT, FREEBIE AND THE BEAN und eben THE STUNT MAN. Rush wird in diesem Jahr 91.

Man weiß, dass man das beste Hobby der Welt hat, wenn man abends in einem Düsseldorfer Kino sitzt, vorsichtshalber beschließt, sich vom Namen Kuei Chih-hungs nicht zu sehr blenden zu lassen und vom dann auf der Leinwand explodierenden Sleaze- und Gewaltgewitter komplett weggebügelt wird. WU FA WU TIAN FEI CHE DANG wirkt wie ein Liter Espresso, den man sich intravenös injiziert, und mit einer zur Sicherheit hinterhergezogenen, kantholzbreiten Linie Crystal Meth „abrundet“, um das Herzkammerflimmern zu betäuben. Der Film geht über nahezu die volle Distanz ein solch absurd hohes Tempo, dass es ganz schön schwerfällt, ruhig im Kinosessel sitzenzubleiben und sich in die passive Rezipientenrolle zu fügen. Es ist zwar ein Klischee, scherzhaft darüber zu spekulieren, was irgendwelche Regisseure, Musiker, Schriftsteller oder andere Künstler intus hatten, als sie ihre Kunst schufen, aber hier scheint es wirklich schwer vorstellbar, dass Kuei Chih-hung und Co. bei Dreh und Postproduktion nicht bis unter den Scheitel mit hochpotenten Scharf- und Schnellmachern vollgedröhnt waren.

Die deutsche Synchro trägt noch ihren Teil zum Chaos bei, lässt die Hundertschaft von wilden Rockern kakophonisch durcheinanderquatschen, grölen, krakeelen, lachen und grunzen wie präpotente Viertklässler im Colarausch, sodass man sich in einem katastrophal geschmacksentgleisten Altman-Film wähnt. Wenn die Rachemär im letzten Akt dann endgültig in eine entfesselte Gewaltorgie mündet, bei der sich die Protagonisten in einen wahren Blutrausch hineinsteigern, ist Polen endgültig offen. Die Dreharbeiten müssen ein einziger Terror gewesen sein, man sieht förmlich vor sich, wie die Akteure am Ende eines Drehtages vollkommen erschöpft in Ohnmacht fielen, und wenn der Film zu Ende ist, ähnelt das dem unsanften Runterkommen nach einem radikal durchgefeierten Wochenende.

WU FA WU TIAN FEI CHE DANG verquickt Elemente des Biker- mit denen des Terror- und Rachefilms, beschleunigt diese auf Hochtouren und setzt sie dann mit jener kindlichen Energie in die Tat um, die alles auf einmal und sofort will, weil Warten und Mäßigung einfach scheiße sind. Ein Mann reist mit Ehefrau und Schwester für einen Wochenendtrip auf eine Insel, wo sie sich mit einem gemeinsamen Freund (Danny Lee) treffen und es mit einer Schar von vergnügungssüchtigen und frontalasozialen Rockern zu tun bekommen, die sich benehmen wie ein Rudel brünftiger Wildschweine mit offener Hose. Nach den üblichen „lustigen“ Belästigungen und kreativen Verbalinjurien kommt es erwartungsgemäß zum Gewaltausbruch und den zwangsläufigen weiblichen Todesopfern. Die männlichen Helden schlagen daraufhin mit aller Macht zurück und sorgen für die endgültige Eskalation.

Es ist erstaunlich, dass diese Dramaturgie so gut funktioniert, denn von einem „langsamen Spannungsaufbau“ kann hier keine Rede sein. Kuei Chih-hung geht mit Minute eins in die Vollen, lässt die Rocker gleich zu Beginn über eine der armen Protagonistinnen herfallen und lauthals „Muttermilch“ skandieren, bevor sie sich, auf der Insel angekommen, ihren anderen Hobbys widmen: ohne Rücksicht auf Verluste in der Gegend rumbrettern, wüst rumprotzen, vögeln, sich gegenseitig auf die Fresse hauen oder aber Dinge kaputtschlagen sowie einem Humor frönen, der mit „zurückgeblieben“ noch freundlich umschrieben ist. Der Wahnsinn nimmt kein Ende und eine Szene, in der die gepeinigten Städter mit glitschigen Seegurken attackiert werden, ist nur die Spitze des uringelben Eisberges. Man muss es wirklich selbst sehen, um es zu glauben.

Ich bin Marc und Christian vom Mondo Bizarr unendlich dankbar dafür, diese mir bislang noch unbekannte Granate programmiert und damit einen wahrhaft unvergesslichen Abend beschert zu haben. Es ist doch ungemein beruhigend zu wissen, dass es auch nach über 20 Jahren des Watens durch den Exploitationsumpf immer noch Filme gibt, die sich wie eine Entjungferung anfühlen und einem klar machen, warum man diesen Quatsch so liebt. WU FA WU TIAN FEI CHE DANG ist einer der besten, asozialsten, abseitigsten, irrwirtzigsten und schlicht schnellsten Sleazehobel der Welt. Hier vergeht wirklich keine Minute, ohne dass einem die Kinnlade runterkracht und scheppernd auf den Solarplexus schlägt. Absolutes Pflichtprogramm und ein heißer Kandidat für mein Filmerlebnis des Jahres. Einziger Wermutstropfen: Der anschließend gezeigte APOCALISSE DOMANI, ein ewiger Lieblingsfilm von mir und nun auch nicht gerade für seine Zurückhaltung bekannt, wirkte nach Kuei Chih-hungs Amoklauf geradezu gemütlich.

 

angels_die_hard_poster_01Biker- und Rockerfilme gab es zwar auch schon vor EASY RIDER und THE WILD ANGELS, doch für die Renaissance des Genres zum Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre waren diese beiden natürlich maßgeblich. Man sieht das an ANGELS DIE HARD, der die wesentlichen Elemente beider Filme – den Kampf mit den Spießern und ein wenig christliches Rockerbegräbnis – aufgreift, sie mit einem dünnen roten Faden verbindet und den Rest der Zeit mit Impressionen des wilden Rockerlebens auffüllt.

In einer kalifornischen Kleinstadt wird die Rockergang um Tim (William Smith) in eine Massenkeilerei mit entrüsteten Rednecks verwickelt. Der Sheriff verweist sie des Ortes, behält nur Seed (R. Michael Stringer) zurück, den er zwei Tage später aus dem Knast entlässt. Doch Seed  erreicht seine Kumpels nicht mehr: Kurz hinter der Countygrenze wird er von seinem Chopper geschossen. Der Wunsch, ihn angemessen zu beerdigen, führt die Rocker zurück ins County, wo man nur auf sie gewartet hat. Auch ihre Hilfsbereitschaft, als es darum geht, einen Jungen aus einem Minenschacht zu befreien, kann an der grundsätzlichen Ablehnung der Bürger nichts ändern. Als auch noch die Tochter des Sheriffs verletzt wird – nicht von den Bikern, sondern von ihrem eifersüchtigen Freund – eskaliert die Situation …

Die allgemeine Feindseligkeit der Spießer gegenüber den freiheitsliebenden Rockern, die mit bürgerlichen Wertvorstellungen nichts am Hut haben, führt im Bikerfilm regelmäßig zu lynchmobartigen Szenen, feigen Exekutionen und hinterhältigen Schuldzuweisungen. Mit dem organisierten Verbrechen, in das die Hell’s Angels bekanntermaßen involviert waren, haben die Protagonisten dieser Filme selten etwas zu tun. Zwar geht es bei ihnen etwas rauer zur Sache, eine zünftige Prügelei gehört zur Freizeitgestaltung ebenso dazu, wie die stets in Reichweite befindliche Bierdose und natürlich der abgenudelte Joint, dessen kargen Überreste im „Notfall“ mit schlafwandlerischer Sicherheit aus der Jeansjackentasche geborgen werden, aber im Grunde ihres Herzens sind es gute Typen. Ihr Leben ist eine Utopie mit dem Makel, dass sie keinen eigenen, autonomen Raum besitzt. Schon ihre bloße Existenz wird somit von den „Normalos“ als Provokation empfunden. Das war in EASY RIDER so und ist auch in ANGELS DIE HARD nicht anders, der sich kaum Mühe macht, den etablierten Motiven etwas eigenes hinzuzufügen. So wird Comptons Film weniger von klassischer Narration als von dokumentarischem Impressionismus und Improvisation charakterisiert, die über die gesamte Laufzeit mehr als nur etwas ermüdend sind. ANGELS DIE HARD ist ein Zeitdokument, nicht zuletzt, weil es sich um den ersten Film von Cormans neu gegründeter Produktionsschmiede New World Pictures handelte, dessen Bedeutung sich einem heute aber kaum noch erschließen mag. Erstaunlich hingegen ist der Sprung, den der Regisseur zwischen diesem, seinem zweiten Film und dem nur ein Jahr später folgenden, um Lichtjahre besseren WELCOME HOME, SOLDIER BOYS hinlegte. Man mag kaum glauben, dass da derselbe Mann verantwortlich zeichnete.

 

stray_cat_rock_female_boss2028197029Die Motorradfahrerin Ako (Akiko Wada) macht Bekanntschaft mit Mei (Meiko Kaji), der Anführerin einer Girl-Gang und kommt dieser zu Hilfe im Kampf gegen eine rivalisierende Bande, woraufhin sie zur neuen Anführerin avanciert. Zeitgleich versucht Meis Freund Michio (Kôji Wada) sich Zugang zur rechtsnationalen Seiyu Group zu verschaffen, indem er ihnen verspricht, seinen Kumpel, den Boxer Kelly (Ken Sanders), dazu zu überreden, einen Kampf zu schmeißen. Als Ako an Kellys Ehre appelliert, fasst er sich ein Herz und besiegt seinen Kontrahenten. Michio muss nun um sein Leben fürchten und die Mädels um Mei und Ako sich gegen die Gangster der Seiyu Group zur Wehr setzen.

NORA-NEKO ROKKU: ONNA BANCHô ist der Auftakt zu einer fünfteiligen Filmserie, die das Studio Nikkatsu als Konkurrenzprodukt zu Toeis ganz ähnlich gelagerter Reihe ZUBEKÔ BANCHÔ konzipierte, welche wiederum wesentlich von Roger Cormans THE WILD ANGELS inspiriert war. Biker- und Juvenile-Delinquents-Filme waren seit den Fünfzigerjahren ein Riesenthema in den USA, erlebten in der Zeit von Hippies, freier Liebe und Flower Power aber einen zweiten Frühling, an dem man sich auch in Fernost erfreuen wollte. Der Nikkatsu-Nachzieher erwies sich am Ende gar als erfolgreicher: Zwischen 1970 und 1972 entstanden fünf Filme um die weibliche Rockergang, von denen Yasuharu Hasebe die ersten drei inszenierte, bevor er von Toshiya Fujita abgelöst wurde, bei Toei war hingegen schon nach vier Filmen und ein Jahr früher Schluss. Wer die Filme unter ihrem internationalen Verleihtitel sucht, unterliegt akuter Verwechslunsgefahr: Der erste Teil von Toeis Reihe firmiert als DELINQUENT GIRL BOSS: BLOSSOMING NIGHT DREAMS, das Pendant von Nikkatsu, um das es hier geht, hingegen unter STRAY CAT ROCK: DELINQUENT GIRL BOSS, ALLEYCAT ROCK: FEMALE BOSS oder auch FEMALE JUVENILE DELINQUENT LEADER: STRAY CAT ROCK. Puh. (Die Existenz der SUKEBAN-Filme, die international GIRL BOSS heißen, verkompliziert die Sache noch weiter.)

Ich wollte ONNA BANCHÛ wirklich gern mögen, muss aber doch eingestehen, am Ende ziemlich enttäuscht gewesen zu sein. Man merkt dem Film deutlich an, dass er ein eilig rausgehauenes Kommerzprodukt ist, mit dem Hasebe – der sich einige Jahre später mit drei berüchtgten Pinkus einen ebensolchen Namen machte – offenkundig nicht so viel anzufangen wusste. Alles beginnt recht schwungvoll, mit tollen Impressionen aus den weniger glitzerigen Vierteln Tokyos und geilen Inszenierungsideen des Regisseurs. Meiko Kaji ist ein echter Hingucker mit ihren langen schwarzen Haaren, der Sonnenbrille und dem Wildleder-Outfit, Popstar Akiko Wada überrascht mit ihrer tiefen Stimme und darf im Verlauf des Films auch ein paar melancholische Lieder singen. Aber irgendwann versumpft die Geschichte bald im nur wenig involvierenden Gerangel und es scheint, als habe auch Hasebe recht schnell das Interesse verloren. ONNA BANCHÔ schleppt sich seinem Finale entgegen, Ako steigt wieder auf ihren heißen Ofen und fährt davon. Eigentlich sollte sie der Star der Serie werden, doch das Publikum machte da nicht mit und erkor stattdessen die scharfe Mei zu seinem Liebling. Die hatte am Ende von ONNA BANCHÔ zwar ihr Leben lassen müssen, durfte für die Sequels demnach aber die Wiederauferstehung von den Toten feiern. Mal sehen, wann ich die nachschiebe.

 

satans-sadistsAl Adamson ist einer der großen Billigheimer der Exploitation-Filmgeschichte: Ein Regisseur, mit dem ich ganz gewiss sympathisiere, dessen Filme ich aber – ähnlich wie die seines Genossen Ted V. Mikels – selten wirklich inspirierend finde. SATAN’S SADISTS ist möglicherweise Adamsons Meisterstück, auch wenn man ihm ganz genau anmerkt, dass es längst nicht nur am Geld mangelte, sondern auch am inszenatorischen Geschick. Es knirscht gewaltig im Getriebe und nach einem geradezu fulminanten ersten Drittel versumpft der Film in unzähligen Lauf- und Fahrszenen, die keinen anderen Zweck haben, als die Geschichte auf kinotaugliche 80 Minuten zu strecken.Adamson wusste einfach nicht mehr weiter und alle potenziell interessanten Ansätze werden fahrlässig liegengelassen, um sich ganz auf jene Aspekte zu konzentrieren, die man eben für besonders zugkräftig hielt, allen voran natürlich Sex und Gewalt.

Aber das fällt bei diesem Bikerflick ehrlich gesagt gar nicht allzu negativ ins Gewicht, im Gegenteil: In der moralischen Ödnis, in der sich die Rockergang um den psychopathischen Anchor (Russ Tamblyn) niedergelassen hat, bleibt eben nicht mehr viel anderes übrig, als sich in der sengenden Sonne zuzudröhnen und orientierungslos über Stock und Stein zu stolpern. Dieses ziellose Mäandern hätte nach meinem Geschmack sogar gern noch länger zelebriert werden können, denn bevor sich der erwartete tranceartige Zustand einstellt, den solche Filme als angenehme Nebenwirkung mit sich bringen, findet SATAN’S SADIST dann doch auf seinen ursprünglich eingeschlagenen Plotpfad zurück und läuft auf sein recht erwartbares Ende zu. So gesehen liefert Adamson the best of both worlds: Feiste Asozialität, eimerweise Niedertracht und mit großen Augen und Speichel am Mundwinkel abgefilmte selbstzweckhafte Gewalt sowie eben diese spezielle Ästhetik und konzeptionelle Unterbelichtung des Ultra-Low-Low-Budget-Kinos. Einer wirklich überraschend schockierenden Szene, in der Anchor mitleidlos und völlig aus dem Nichts drei unschuldige Geiseln hinterrücks per Kopfschuss exekutiert, steht so eine andere gegenüber, in der Held Johnny (Gary Martin) mit der braven Tracy (Jacqueline Cole) durch die Berge flieht, sein Fernglas zückt, geschäftig am Schärferädchen dreht, angestrengt durch die Gläser schaut, nur weitere Berge sieht, feststellt, dass da nichts ist, sein Fernglas wieder einpackt und Tracy zum Weitergehen auffordert. Leistet die eine Szene also die totale Verdichtung, werden in der anderen zähe Minuten darauf verschwendet, die totale Bedeutungslosigkeit einzufangen.

Der Coup von SATAN’S SADISTS ist seine Besetzung: Russ Tamblyn, der einst in der WEST SIDE STORY das Tanzbein schwang, ist so untypisch wie überzeugend als psychopathischer Anführer auf misanthropischer Mission, und ihm zur Seite stehen einerseits spätere Exploitationfilmemacher wie Greydon Clark als dauerbreiter Acid und John „Bud“ Cardos als Firewater, mit aufgeklebter Glatze und Irokesenschnitt, andererseits die alten Hollywood-B-Film-Recken Scott Brady und Kent Taylor als Opfer.Die deutsche Synchro gibt sich alle Mühe, beim gebotenen Spektakel mitzuhalten, und schlägt sich beachtlich: Ganz fantastisch, wie ein BH einmal äußerst poetisch als „Puddingschüsseln“ bezeichnet oder Frauen mit dem liebevollen Kosenamen „Krücken“ belegt werden. Das Frauenbild verursacht eh heftigen Schluckauf: Die obligatorischen Vergewaltigungsopfer sind drei Geologie-Studentinnen, die aus der ernsten Wissenschaft einen herrlichen Schabernack machen und eigentlich selbst nicht so genau wissen, warum sie eigentlich Steine sammeln müssen. Aber immerhin haben sie es schon nach kurzer Zeit auf 27 verschiedenen Sorten gebracht, wie eine von ihnen zu berichten weiß. Und auch unter den Rockern gibt es eine Dame, nämlich Gina (Regina Carrol), die Freundin von Anchor, die verzweifelt seinen Zuwendungen hinterherläuft, jedoch ohne Erfolg. Anstatt diesen Penner in die Wüste zu schicken, fährt sie in der dramatischsten Szene mit dem Motorrad in den Freitod, während er sich in einer sehr zoomintensiven Tripszene mit den Geologinnen verlustiert. Ihr merkt schon: Es gibt eigentlich keinen Grund, sich SATAN’S SADISTS nicht anzusehen. Mir hat er gestern im Kino erneut großen Spaß gemacht.

 

Der Rocker Gerd (Gerd Kruskopf) wird aus dem Knast entlassen und von seiner alten Gang frenetisch empfangen. Doch eigentlich will er ein neues Leben beginnen, auch, weil seine einstige große Liebe keine Lust mehr auf alkoholisierte Halbstarken und sich von ihm abgewendet hat. Ihr neuer Freund ist Uli (Paul Lys), selbst ein hoffnungsloser, zur Selbstüberschätzung neigender Kleinkrimineller. Nachdem der von einem Zuhälter wegen einer Bagatelle auf offener Straße erschlagen worden ist, trifft sein 15-jährigen Bruder Mark (Hans-Jürgen Modschiedler) schließlich auf Gerd. Und beide erkennen, dass sie sich trotz ihrer unterschiedlichen Lebenserfahrungen ziemlich ähnlich sind …

ROCKER ist nun also mit leichter Verspätung der Startschuss für meine bereits mehrfach angekündigte „Filmische Weltreise“, die mich (und damit auch euch) in den nächsten Wochen in Beschlag nehmen wird. Für mich persönlich ist ROCKER aber weniger Aufbruch als zunächst einmal eine Art Rückkehr: Lemkes Film ist nämlich einer der ganz wenigen der letzten Jahre, die ich gesehen habe, ohne anschließend einen Text dazu geschrieben zu haben. In diesem Fall war ich während der Sichtung vor rund eineinhalb Jahren zum einen etwas beeinträchtigt in meiner Wahrnehmung (ähem …), zum anderen hatte mich ROCKER auf dem falschen Fuß erwischt und deshalb etwas enttäuscht: Ich hatte etwas beschwingtes, lustiges erwartet, einen im positiven Sinne „dümmeren“ Film und nicht das aufgrund der Besetzung mit Laiendarstellern und improvisierter Szenen semidokumentarische Züge tragende existenzielle Drama, als dass sich ROCKER entpuppte. Ein Text wäre auf der Grundlage dieses Missverständnisses nicht nur unfruchtbar, sondern vor allem unfair geworden. Nach dieser zweiten Sichtung kann ich den vielen positiven Stimmen, die mich überhaupt erst dazu gebracht haben, mir den Film zuzulegen, nur beipflichten. ROCKER ist ein außergewöhnlicher Film. Außergewöhnlich, weil er sich seinem Sujet mit einer Unverkrampftheit und Einfühlsamkeit nähert, die im deutschen Kino alles andere als  eine Selbstverständlichkeit ist. Gleichzeitig bleibt Lemke stets auf Distanz: Es ist der Respekt vor seinen Charakteren, der ihn daran hindert, sie sich völlig zu eigen zu machen. Unter vielen anderen Regisseuren wäre die Geschichte um zwei soziale Außenseiter und ihre fruchtlosen Versuche, sich in die Gesellschaft einzugliedern, zur moralinsauren Sozialmoritat verkommen, doch nicht so bei Lemke. Der hält sich mit einem Urteil über seine Protagonisten nämlich völlig zurück, versucht vielmehr, sie zu verstehen, indem er genau hinsieht. Und wenn es ihm dennoch nicht gelingt, so hält er dies einfach aus, anstatt sich eine griffige Deutung zurecht zu hämmern. 

ROCKER ist dann auch kein Film, der sich emotional aufdrängen würde. Viele Reaktionen wirken unterkühlt, fallen kleiner aus, als man es aus traditionelleren Spielfilmen kennt, immer wieder klaffen Lücken in der Szenenabfolge, die einen stolpern lassen, und oft bleibt einem nichts anderes übrig, als in die Gesichter der Charaktere zu blicken, ihnen genau zuzuhören und sich dann selbst zu überlegen, was in ihnen vorgehen mag, was ihre Motivationen sind, was sie antreibt. Das beste Beispiel für Lemkes Art der Beobachtung ist wohl das Schlussbild: Mark hat Gerd und seine Rockerkumpel auf die Zuhälter angesetzt, die seinen Bruder ermordet haben, und betrachtet nun den ungleichen Straßenkampf, in dem die Mörder bekommen, was sie verdienen. Er entfernt sich etwas vom Geschehen, als könne er nun mit allem, was er zuvor erlebt hat, abschließen, als wüsste er nun, wie er sein Leben leben will. Der Film schließt mit einem Freeze Frame auf Mark und sein Gesichtsausdruck – eine Mischung aus Freude und Ungewissheit – hält keine klare Antwort bereit. Wir wissen nicht, wie es mit ihm und Gerd weitergehen wird. Diese Haltung ist genau das Gegenteil von dem, was den Protagonisten von der Gesellschaft entgegengebracht wird. Alle wissen immer ganz genau, was gut für den anderen ist,  haben immer ein griffiges Urteil zur Hand, die Schublade geöffnet, in die sie den anderen hineinstecken können. Als Mark nach der Ermordung seines Bruders sturzbetrunken an seinem Ausbildungsplatz – einem Supermarkt – ankommt und sich an den Regalen vergreift, ruft seine Kollegin sofort die Polizei. Und Marks Schwester, seine Erziehungsberechtigte, hat nichts anderes für ihn übrig, als die üblichen verzweifelten Erwachsenensprüche. Nicht mit einer Silbe erkundigt sie sich nach seinem Befinden. Der sich betont asozial und hart gebende Gerd muss Eindruck auf Mark machen, doch der Zuschauer erkennt, dass dies auch nur eine Fassade ist, hinter der der Schmerz zahlreicher seelischer und körperlicher Verwundungen versteckt wird. Auch Gerd stößt bei seinen Versuchen, sein Leben zu ordnen, nur auf verschlossene Türen. Wen wundert es da, dass er sich immer wieder in Drohungen und Prahlerei flüchtet. Die Szene, in der er seine alte Flamme an ihrem Arbeitsplatz aufsucht und auf ihre Beteuerungen, sie wolle mit ihm und seiner Gang nichts mehr zu tun haben, sie ertrage das halbstarke Getue nicht mehr, nur mit der sie ultimativ bestätigenden und daher geradezu mitleiderregend inadäquaten Drohung, ihr eine zu knallen, antworten kann, spricht Bände. Gerd ist ein tragischer Held, ein in schwarzes Leder gekleideter Narr, jemand, dessen übersteigerte Selbstwahrnehmung das einzige ist, was er noch hat.

ROCKER ist natürlich auch ein umwerfendes Zeitdokument: Die Bilder bundesdeutscher Tristesse und eines zwar martialischen, aber im Kern ungemein naiven Aufmuckertums, scheinen heute wie aus einem anderen Universum zu uns heruntergefunkt worden zu sein. Man fragt sich unweigerlich, was aus Gerd und Mark wohl geworden ist. Ich befürchte das  Schlimmste, hoffe aber, dass sie sich ein Motorrad gekrallt haben und Richtung Horizont gefahren sind, Deutschland weit hinter sich lassend. Es war damals nicht ihre Welt und die heutige ist es wohl noch weniger.

Nächste Station: Belgien.

the savage seven (richard rush, usa 1968)

Veröffentlicht: Februar 12, 2011 in Film
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Für F.LM – Texte zum Film habe ich Richard Rushs THE SAVAGE SEVEN rezensiert, der dieser Tage unter dem deutschen Titel DIE GRAUSAMEN SIEBEN auf DVD erschienen ist: ein intelligenter Vertreter des Bikerfilm-Genres, wie es Mitte der Sechziger- bis Mitte der Siebzigerjahre populär war. Richard Rush hat später auch den bizarren THE STUNT MAN gedreht, den ich mir auch mal dringend wieder vorknöpfen sollte. Jetzt aber: Klick.