Mit ‘Billy Bob Thornton’ getaggte Beiträge

Machen wir es kurz: INTOLERABLE CRUELTY ist der zehnte Film und die erste Hollywood-Auftragsarbeit der Coens. Das Drehbuch von Robert Ramsey und Matthew Stone wurde von den Coens fertig gestellt und kursierte dann mehrere Jahre durch Hollywood, wo es unter anderem von Ron Howard und Jonathan Demme adaptiert werden sollte, bevor es schließlich wieder bei den Coens landete, deren teuerste Produktion der Film wurde.

Man kann die Handschrift der Brüder herauslesen, am meisten in den rasanten, von der Screwball-Komödie beeinflussten Dialogschlachten, aber auch in der generell eher desillusionierten Haltung zu Liebe und Ehe, doch am Schluss wirkt der ganze Film vor allem schrecklich kompromittiert. Die Idee, einen zynischen Scheidungsanwalt die Liebe finden und gegen jede Vernunft eine notorische Heiratsschwindlerin ehelichen zu lassen, ist eigentlich sehr schön und George Clooney und Catherine Zeta-Jones sind zumindest auf dem Papier die Idealbesetzung für den Stoff. Aber dann ist alles eine ganze Nummer flacher und platter, als es in einem „echten“ Film der beiden wohl gewesen wäre. Der Funke springt einfach nicht recht über, vieles bleibt in Ansätzen stecken, der Film versagt dabei, seine Charaktere glaubwürdig zu gestalten und die zynischen Impulse der Coens mit der romantischen Botschaft zu versöhnen. Es gibt keinen richtigen Flow und es fehlt der Rhythmus, der bei einer solchen Komödie absolut entscheidend ist. Eine klischeehafte und schmerzhaft peiliche Szene wie jene, in der Clooneys erfolgreicher Anwalt Massey bei einem Kongress von Scheidungsanwälten statt einer Eröffnungsrede ein flammendes Plädoyer auf die Kraft der Liebe hält und nach verhaltenem Applaus schließlich der ganze Saal in stehende Ovationen ausbricht, kann unmöglich auf dem Mist der Coens gewachsen sein. Und auch die Gastauftritte von Geoffrey Rush und Cedric the Entertainer haben etwas unangenehm Marktschreierisches, das die Brüder sonst immer sehr geschickt vermieden haben.

Ich mochte INTOLERABLE CRUELTY damals tatsächlich ganz gern und frage mich heute, was ich wohl an dem Film gefunden habe. Sicher, er ist immer noch besser als 95 Prozent der RomComs, allein die Fotografie vonRoger Deakins hebt ihn schon über den Durchschnitt, aber im direkten Vergleich mit dem sonstigen Output der Coens treten seine Mängel gnadenlos hervor. Schade, denn ich glaube, das hier definitiv mehr drin gewesen wäre. So bleibt es eben eine zu vernachlässigende Auftragsarbeit, die nicht ganz und gar missraten ist und die man daher ganz gut ignorieren kann.

 

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THE MAN WHO WASN’T THERE war der dritte Coen-Film in Serie, den ich damals im Kino gesehen habe. Die Erinnerungen sind verblasst, ich weiß aber noch, dass ich während meines Studiums allein im Metropol in Düsseldorf saß und nach dem Film den Eindruck hatte, ein ungewöhnliches, eher experimentelles, enigmatisches, vielleicht gar avantgardistisches Nebenwerk der Brüder gesehen zu haben. Das kann ich zwar heute, nach dem ersten Wiedersehen seit damals so nicht bestätigen, wohl aber lässt sich konstatieren, dass THE MAN WHO WASN’T THERE die dunkle Tragik, bleischwere Traurigkeit und grimme Grausamkeit, die in den Filmen der Coens meist mit einer dicken Schicht absurden, comichaften Humors bedeckt ist, ganz offen zu Tage trägt. Die Brüder sind hier dank der wunderschönen Schwarzweißfotografie ihres Stamm-Kameramanns Roger Deakins ganz nah dran am „echten“ Noir, dessen existenzialistische Dimension sie ungefiltert durchbluten lassen (THE MAN WHO WASN’T THERE gilt als lose Adaption von Camus‘ berühmtem Roman „Der Fremde“). Es ist der erste Film von ihnen, der wrklich in alles umfassender Schwärze endet. Dass der Protagonist, sie mit offenen Armen empfängt, macht es nicht besser. Im Gegenteil.

Ed Crane (Billy Bob Thornton) ist Barbier im Geschäft seines geschwätzigen Schwagers (Michael Badalucco). Zu Hause empfängt ihn seine Frau Doris (Frances McDormand): Die Ehe „funktioniert“, aber Liebe oder Leidenschaft gibt es nicht zwischen den beiden. Dafür läuft es umso besser mit ihrem Chef Big Dave Brewster (James Gandolfini), der ein großes Kaufhaus leitet, das wiederum seiner Gattin gehört. Ed sieht in der Affäre seine große Chance, etwas aus seinem Leben zu machen, aus der Alltagsödnis auszubrechen. Er schreibt einen Erpresserbrief und fordert 10.000 Dollar von Brewster, die er in das Dry-Cleaning-Geschäft des ekligen Creighton Tolliver (Jon Polito) investieren will. Die Geldübergabe klappt, aber dann kommt Brewster Ed auf die Schliche, stellt ihn zur Rede und stirbt bei der folgenden Auseinandersetzung. Wenig später stehehn zwei Polizisten bei Ed im Barbershop: Sie erklären ihm, dass Doris wegen Mordverdacht verhaftet wurde …

Wenn THE MAN WHO WASN’T THERE ein Noir aus den Vierzigerjahren wäre, würde die Thornton-Rolle vielleicht von Fred McMurray gespielt werden: ein nicht unsympathischer oder unattraktiver, aber eben ein eher durchschnittlicher, ein bisschen langweiliger Typ. Ed Cranes herausstechendste Eigenschaft ist seine Einsilbigkeit: Zweimal beschwert er sich darüber, dass Arbeitskollegen zu viel reden, ebenso oft gesteht er, dass er nicht gerade zum Entertainer geboren sei, auf die Frage, was seine Frau an ihm am meisten schätze, antwortet sie einst, dass er nicht viel rede. Er ist nicht dumm, im Gegenteil sieht man ihm an, dass ihm ständig tausende von Gedanken durch den Kopf schießen, er seine Umwelt ganz genau beobachtet. Manchmal durchzuckt ein Blitzen seine Augen und man vermutet, wie ihm eine perfide Boshaftigkeit eingefallen ist, die er wie alles andere auch für sich behält. Als er seinen Gedanken einmal völlig gegen seine Gewohnheit freien Lauf lässt, sagt er etwas sehr bizarres über unsere Haare, wie sie immer weiterwachsen wie etwas lebendiges, wir sie aber einfach abschneiden und wegwerfen. Sein Schwager reagiert verständlicherweise verstört. Aber da ist Ed bereits zum Erpresser und Mörder geworden.

Ed ist das Paradebeispiel des passiven, unmotivierten und ambitionslosen sad sacks, der eines Tages aufwacht, feststellt, dass er sich vom Leben in eine Sackgasse hat treiben lassen, und daraufhin zum ersten Mal die Initiative ergreift: Weil aber die Kraft für den langen Weg zurück längst nicht mehr reicht, muss natürlich eine bequeme Abkürzung genommen werden, die alles gnadenlos verschärft. Crane ist ein Feigling wie Lundegaard oder Lebowski, kein per se böser Mensch, aber einer, der für sich immer einen Sonderweg in Anspruch nimmt und in dem Moment, in dem er mit dem Rücken zur Wand steht, zu allem fähig ist (bei Lebowski ist das ein bisschen anders, aber der würde sich von seinem feinen Freund Walter zu jeder Schweinerei überreden lassen, bloß um nicht die „Linie im Sand“ ziehen zu müssen). Bei den Coens schlägt das Leben aber meist mit äußerster Perfidie zurück: Die Verkettung der Umstände, die Crane dann schließlich über Umwege doch noch auf den elektrischen Stuhl bringt, für einen Mord, den er nicht begangen hat, lässt auf einen ausgesprochen schadenfrohen Weltgeist schließen. Und fungiert als weiterer Beleg für die überbordende Fantasie der Coens, denen es wieder einmal gelungen ist, einen kunstvollen Noir-Plot zu entwickeln, der sich mit all seinen Exkursen wunderbar organisch anfühlt (und Tony Shaloub zum zweiten Mal nach BARTON FINK eine Spitzenrolle auf den Leib schreibt). Eine kurze, aus dem Rahmen fallende Episode über eine alien abduction, kommt völlig unerwartet, wird aber zu so etwas wie einem Leitmotiv, mit dem Bild einer sich drehenden Untertasse, das sich dann in einer fliegenden Radkappe spiegelt (und steht wieder im Einklang mit dem Brauch der Coens, US-Mythen aufzugreifen, so ihre Filmwelten zu authentifizieren und den Anspruch anzumelden, sich selbst in diesen Mythenschatz einzuschreiben). Das Leben geht seltsame Wege, nicht alle Kausalzusammenhänge lassen sich am Ende befriedigend entschlüsseln. Ed Crane ist fast zufrieden, als er hingerichtet wird. Immerhin hatte er eine gute Story zu erzählen (mit der ein oder anderen Länge, er wird schließlich pro Wort bezahlt).

Auch dieser Film der Coens wurde wieder ausgesprochen positiv aufgenommen – sogar vom Publikum, was ich schon etwas überraschend finde -, bedeutet aber auch so etwas wie eine Zäsur. Dem grimmigsten, düstersten Film der Brüder folgten mit INTOLERABLE CRUELTY und THE LADYKILLERS die beiden wahrscheinlich kommerziellsten (zumindest bis TRUE GRIT). Viele würden die beiden Genannten wahrscheinlich als Schwachstelle bewerten, THE LADYKILLERS erhielt, wenn ich das richtig erinnere, durchweg schlechte Kritiken und gilt allgemein als Fleck auf der weißen Weste: Ich mochte zumindest ersteren damas sehr gern und bin auf das Wiedersehen wie auch die Erstsichtung des Remakes des britischen Klassikers sehr gespannt. Festzuhalten bleibt, dass die Coens dem Noir mit THE MAN WHO WASN’T THERE ein wunderschönes Denkmal gesetzt und ihren vielleicht „reinsten“ Film gedreht haben.

Nach zehn Jahren Haft wird der Fluchtwagenfahrer (Dwayne Johnson) aus der Haft entlassen. Er hat nur ein Ziel: Die Männer zu finden, die ihm und seinen Partnern einst die Beute abgenommen und dabei seinen Bruder erschossen hatten. Während er seine Liste abarbeitet, sind ihm die zwei Cops (Carla Gugino & Billy Bob Thornton) und ein Auftragskiller (Oliver Jackson-Cohen), der aus dem Geschäft aussteigen will, dicht auf den Fersen …

Ein muskulöser, über und über tätowierter Mann tigert nervös in seiner Zelle auf und ab. Endlich wird er von zwei Wärtern abgeholt, bekommt noch einmal Handschellen angelegt. Die klugen Ratschläge des Gefängnisdirektors hört er gar nicht, sie werden übertönt vom Ticken der Uhr. „Haben Sie nich eine Frage?“ „Ja. Wo ist der Ausgang?“ Dieser Mann hat zehn Jahre gesessen und keine Zeit mehr zu verlieren. Kaum schließen sich die Pforten hinter ihm, rennt er los. Sein Ziel: ein Schrottplatz. Schnell findet er den Wagen, den ihm dort jemand bereitgestellt haben muss, im Handschuhfach liegen ein Revolver und mehrere Papiere, darauf eingekreist eine Kontaktperson und seine Adresse. Ohne zu zögern sucht der Mann, den der Film nur als „Driver“ vorgestellt hat, die Adresse auf – ein Bürogebäude, dringt in die Räumlichkeiten ein, findet den Mann, den er gesucht hat, erschießt ihn sauber durch die Stirn und verschwindet, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

So beginnt FASTER und ließ mir damit kaum eine Chance, ihm nicht sofort mit Haut und Haaren zu verfallen – dass ein Teil jener atemberaubenden, unfassbar präzise getimten Sequenz von Goblins Oliver Onions‘ „Goodbye my friend“, dem Titelsong von Castellaris IL CITTADINO SI RIBELLA, untermalt wird, hat jeden Funken von Widerstand, der vielleicht noch glimmte, im Keim erstickt. So kann man sich irren: Der nur mäßig verheißungsvolle, etwas arg gewollt programmatisch klingende Titel, der zwar rundum sympathische, aber nun eben auch nicht für absolute Spitzenklasse bürgende Johnson, und Regisseur Tillman, gegen dessen MEN OF HONOR ich am liebsten eine Unterlassungsklage erheben würde, versprachen doch im besten Fall einen netten Timewaster. Doch FASTER weiß über weite Strecken richtiggehend zu begeistern, orientiert sich nicht an neumodischem Eventkäse, sondern am düsteren Copfilm, dem Noir, pulpiger Hardboiled-Literatur und eiskalten Rachethrillern wie Boormans POINT BLANK oder Siegels THE KILLERS. Nicht die schlechtesten Vorbilder. Dwayne Johnson, der den schweigsamen Racheengel mit steinerner Miene und eisernem Willen versieht, ist nicht nur eine beeindruckende physische Präsenz, man sieht ihm auch den Schmerz an, der ihn treibt. Und Billy Bob Thornton gibt einen heruntergekommenen, drogenabhängigen Cop kurz vor der Pensionierung, der nicht etwa Verachtung und Abscheu auf sich zieht, sondern Empathie und Mitleid. Es ist zwar ein Klischee, dass in dieser Spielart des harten Großstadtthrillers die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen, aber hier wird das noch einmal fühlbar gemacht. Und das, obwohl der Film mit seinen namenlosen Figuren (dem „Driver“ stehen der „Cop“ und der „Killer“ gegenüber) zunächst einer strukturellen Abstraktion verpflichtet scheint. Gewalt ist schmutzig und schmerzhaft und bringt am Ende niemandem etwas. Es mag schwer sein, zu vergeben, doch nur so lässt sich der ewige Kreislauf des Tötens durchbrechen.

Leider verhindert die Einbindung des Killers den makellosen Erfolg. Nicht nur, dass die Geschichte diese Figur nicht unbedingt gebraucht hätte: Immer dann, wenn der Killer die Szenerie betritt, fühlt man sich etwas ungut an jene Zeit in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre erinnert, als jeder Filmemacher meinte, Tarantino nacheifern zu müssen. Zwar werden keine kunstvollen Dialoge über Fast Food und Fußmassagen absolviert, aber der bittere Realismus des Films wird durch die Anwesenheit eines sexy Killerpärchens mit Sportwagen und Luxusvilla heftigst ausgehebelt. Und dass die Auflösung – die ohne Frage absolut richtig und notwendig ist – einem mit bedeutunsgvollem Tamtam präsentiert wird, passt auch nicht ganz zum unterkühlten, fokussierten Rest. Das ist ein bisschen schade, weil hier wie gesagt recht leichtfertig die Chance, ein kleines Meisterwerk zu schaffen, vertan wurde, aber die positiven Eindrücke überwiegen dann doch bei Weitem. FASTER ist schon ein ziemlich geiles Teil.