Mit ‘Biopic’ getaggte Beiträge

Mein Review zum dieser Tage auf DVD erscheinenden Prequel der vor drei Jahren gestarteten IP MAN-Reihe, IP MAN ZERO, steht jetzt online.

Paul Schrader ist es mit seinem Film gelungen, dass ich Yukio Mishima nun mit anderen Augen sehe.

991914887_0b568456_Mishima-A%2BLife%2BIn%2BFour%2BChapters28198529[1]Das erste Mal las ich über Mishima in Javier Marias‘ ausgezeichnetem und hiermit empfohlenem Buch „Geschriebenes Leben“: Der kurze Text über den japanischen Dichter faszinierte mich so sehr, dass ich mir direkt im Anschluss Mishimas autobiografischen Roman „Geständnis einer Maske“ zu Gemüte führte. Die Geschichte dieses radikalen Ästheten, der eine Einheit von Leben und Werk anstrebte, sein Leben dazu permanent ästhetisierte und 1970 im Alter von 45 Jahren mit dem Ritual des Seppuku aus dem Leben schied, nachdem er mit seiner Privatarmee in eine japanische Kaserne eingedrungen war, mutet wie die Geschichte eines Irren an, dient als eindrückliches Beispiel dafür, welche kuriosen Blüten eine fehlgeleitete Sozialisation treiben kann. Mishima übte auf mich die Faszination aus, die auch Tyrannen oder Serienmörder auslösen. Und ich fand die Vorstellung eines Intellektuellen, der seinen Körper stählt, sich auf homoerotischen Fotos in Szene setzen lässt und eine Privatarmee williger Jünger unterhält, mit der er Japan zu verbessern gedenkt, geradezu haarsträubend komisch.

Schrader gelingt das angesichts dieser Prämisse keineswegs kleine Kunststück, mit seinem Film ein tieferes Verständnis für diesen Mann zu wecken und die seiner Geschichte inhärente Tragik greifbar zu machen. Dennoch ist MISHIMA: A LIFE IN FOUR CHAPTERS mehr als ein vermeintlich sichere biografische Daten sinnstiftend aneinanderreihendes  Biopic. Schraders Film besteht aus drei Erzählsträngen, die kunstvoll ineinander verwoben sind, sich gegenseitig spiegeln, kommentieren und ergänzen und so ein kaleidoskopartig fragmentiertes Bild von Mishima zeichnen. Der Gegenwartsstrang verfolgt Mishima während jenes denkwürdigen letzten Tages seines Lebens; ein in schwarzweiß gehaltener Strang zeigt uns Schlüsselereignisse aus Mishimas Leben und gibt Hinweise, wie dieser Mann zu dem werden konnte, was er war; der dritte Strang schließlich, in prächtigen Farben gehalten und in artifiziellen, theaterhaft anmutenden Settings spielend, visualisiert Szenen dreier Werke Mishimas („Temple of the Golden Pavillion“, „Kyoto’s House“ und „Runaway Horses“), deren Protagonisten ihren Schöpfer auf bestimmten persönlichen Entwicklungsstufen repräsentieren und deren Handlung entscheidende Ereignisse seines Lebens vorwegnimmt. Schrader zollt mit dieser Verquickung der Ebenen Mishimas eigentlichem Antrieb Tribut, eins mit seinem Werk zu werden: Er schrieb sein Leben in seinen Büchern fort, lebte nach denselben ästhetischen Prinzipien, nach denen er auch seine Romane verfasste. Und auch in Schraders Film gibt es kein „innen“ und kein „außen“, alles ist eins; das Große ist im Kleinen enthalten und umgekehrt.

Mishima ist aber auch die für das 20. Jahrhundert so typische Geschichte eines Mannes, der zu spät geboren und von der Zeit überholt wurde. Der strenge Kodex der Samurai, nach dem Mishima lebt, ist im modernen Japan ein Anachronismus. Als er den Soldaten am Ende seine Vorstellung von der japanischen Armee vorträgt, sie als den Hüter im Untergang begriffener japanischer Werte  beschreibt, wird er verlacht und beschimpft. Für die radikale Konsequenz, mit der Mishima sein Leben lebt, ist einfach kein Platz mehr. Sein Schicksal erinnert so an die zahlreichen Helden des Spätwesterns, des Gangster-, Polizei- und Actionfilms (Mishima selbst inszenierte solche und agierte in ihnen) – und natürlich an andere Charaktere aus Schraders Filmen. Dass MISHIMA: A LIFE IN FOUR CHAPTERS ästhetisch dennoch aus seinem Werk hervorsticht, betont die Bedeutung des japanischen Dichters für den US-Regisseur und lässt seinem Film eine für sein Schaffen paradigmatische Rolle zukommen.

nixon (oliver stone, usa 1995)

Veröffentlicht: Februar 9, 2009 in Film
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nixon1„Jeder ist politisch.“ Das ist einer der Schlüsselsätze aus Oliver Stones zweitem „Präsidentenfilm“ nach JFK (den ich hier zugegeben recht frei aus dem Gedächtnis zitiere) . Ausgesprochen wird er von Richard Nixon (Anthony Hopkins) als Entgegnung auf seine Ehfrau Pat (Joan Allen), die nach der Wahlniederlage ihres Gatten in der Präsidentschaftswahl gegen John F. Kennedy genug vom Politgeschäft hat – noch mehr aber von den Selbstzerfleischungen ihres Ehemannes, die unweigerlich auf jeden Rückschlag folgen. Die Aussage, alles sei politisch, ist nun keine Erfindung Stones, sie gehört vielmehr zu den Allgemeinplätzen politischer Diskussion und will meist sagen: Alles, was wir tun, hat weitreichende Konsequenzen. Wer diesen Satz in aufklärerischer Manier äußert, will den Gegenüber an seine staatsbürgerliche Verantwortung in der Demokratie erinnern, ihn zu reflektiertem Handeln ermahnen. In Stones NIXON wird dieser Satz nun bis zur äußersten Konsequenz gedacht: Der Mensch ist nicht nur auch dann politisch, wenn er es gar nicht sein will, er sich nicht darüber bewusst ist, politisch zu sein, er ist vielmehr mit jeder Faser ein Mitglied des Staates, auch mit jener, die er am liebsten verbergen möchte. Als Individuum ist jeder unentwirrbar an seine Herkunft, seinen Staat und damit auch an das politische Handeln gebunden. Der Staat als Konstrukt und der Mensch als dessen kleinster Bestandteil stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung, sie befruchten sich ständig gegenseitig, ob sie das nun wollen oder nicht. Politisch zu sein, ist keine freiwiliige Aktivität: Es ist eine dem Menschen eingeschriebene Eigenschaft, eine Eigenschaft die ihn grundlegend konstituiert. Nixon hat als Politiker – als Präsident der USA, als wichtigster Staatsmann der Welt also!  – gehandelt und Entscheidungen getroffen, politische Relevanz hat Nixon nach Stones Film aber vor allem aufgrund seines Wesens. Oder in den Worten seines Nixons: „Wenn ihr JFK anseht, seht ihr, was ihr gern wärt, seht ihr mich an, seht ihr, was ihr seid.“

Stones Nixon ist ein von Minderwertigkeitsgefühlen getriebener Wadenbeißer. Ein Mann aus einfachen Verhältnissen, erzogen in einer streng religiösen Familie, früh mit einem Schuldkomplex beladen und sich immer der Tatsache bewusst, nur zweitklassig zu sein und somit für jeden Erfolg doppelt so hart arbeiten zu müssen. Dass er es dennoch zum Präsidenten gebracht hat, erfüllt ihn nicht mit Stolz, es ist ihm unangenehm – auch weil dafür der Tod seiner Mitkonkurrenten nötig war: Erst starben seine beiden Brüder an TBC, dann wurden sowohl John F. Kennedy als auch dessen Bruder Bobby ermordet. Und diese Komplexe beeinflussen auch seine Entscheidungen. Die Liebe der Massen ist es, die er sucht und die sein gesamtes Handeln bestimmt, die er jedoch nie bekommt, egal, was er tut. Je stärker sein Drängen wird, umso härter trifft ihn die Ablehnung. Während sein großer Konkurrent John F. Kennedy das Glück hatte, dass jede seiner Entscheidungen im Glanze seines Ansehens erstrahlen konnte, mithin auch seine Fehler noch den Anschein von Heldentaten hatten, musste Nixon stets damit leben, dass sein Handeln von seiner unpopulären Erscheinung überschattet wurde. Das hat sich bis heute nicht geändert: Erinnern wird man sich an ihn nicht etwa, weil er erste wichtige Schritte hin zu einer Entspannung des Kalten Krieges machte, sondern weil er untrennbar mit dem Watergate-Skandal verbunden ist. „Tricky Dick“ ist der große Verräter im Weißen Haus, der Schurke shakespeareschen Ausmaßes. Stone versucht auch, diesem Schurken die Menschlichkeit zurückzugeben: Tatsächlich ist Hopkins’ Nixon ein mitleiderregender Charakter, der noch nicht einmal von seinen eigenen Untergebenen Respekt bekommt, ein tragischer Held, der einen aussichtslosen Kampf mit sich selbst führt.

Aber es geht Oliver Stone in NIXON nicht allein darum, diesem Nixon, der die USA in die größte Verfassungskrise seiner Geschichte stürzte, die Absolution zu erteilen. Wie auch JFK ist NIXON hochgradig spekulativ und suggestiv; Stone tützt sich zwar auf Fakten und Zeitzeugenberichte, knüpft diese aber zu einer sich jeglicher Chronologie verweigernden Assoziationskette, die man nicht mit der Realität verwechseln sollte. Unzweifelhaft bleibt nach Betrachtung seines in jeder Hinsicht beeindruckenden und buchstäblich überwältigenden Films, der in der letzten halben Stunde von seiner eigenen Komplexität vollkommen zerrissen wird und harscharf am Rande des Scheiterns wandelt, aber die Erkenntnis, dass der Anstoß für jegliches politisches Wirken nicht im Individuum allein zu suchen ist. Auch der mächtigste Mann der Welt ist nicht die erste Ursache, sondern vor allen Dingen Wirkung. Er ist nur der Repräsentant dessen, was ist, ein Vertreter eines unbeherrschbaren, unberechenbaren Systems, das in einer schönen Sequenz als wildes, unzähmbares Tier beschrieben wird. Es konnte damals keinen anderen Präsidenten geben als Nixon. Die USA brauchten ihn, den Schurken.  Nixon ist ebenso sehr Opfer seiner eigenen Disposition wie der seines Landes, ein Mann der all die Widersprüche in sich vereinte, die die USA zu zerreißen drohten; ein Mann, der diesen Widersprüchen eine Gestalt gab und sie somit bannte: ein Monster dem ursprünglichen Wortsinn nach. Somit hallen in NIXON auch die Worte wider, die Stone zehn Jahre zuvor in seinem Drehbuch zu De Palmas SCARFACE Tony Montana in den Mund legte: „You need people like me. You need people like me so you can point your fuckin‘ fingers and say, ,That’s the bad guy.‘ Die Nation bekommt immer den Präsidenten, den sie verdient: So konnte dann auch ein halbes Jahrzehnt später mit Ronald Reagan ein ehemaliger Westernheld Präsident werden, um der Nation das verlorene Selbstbewusstsein zurückzugeben. Dass dessen Politik des Kalten Krieges und der Aufrüstung weit hinter die des verhassten Nixons zurückfiel, tat seinem Erfolg keinen Abbruch.

Dewey Cox (John C. Reilly) wächst in den Vierzigerjahren in den amerikanischen Südstaaten auf und zieht früh den Zorn des strengen Vaters auf sich, weil er aus Versehen den ungleich talentierteren Bruder umbringt. Dem Auszug aus dem Elternhaus mit 14 folgt ein beispielloser Aufstieg im Musikbusiness, der aber ebenso nahtlos in einen durch Drogen und künstlerische Fehlentscheidungen verursachten Absturz übergeht. Kann Dewey seine inneren Dämonen am Lebensende noch einmal in einem Song befreien?

Wunderproduzent Judd Apatow versucht sich mit WALK HARD an einem problematischen Genre – und gewinnt. Parodien waren in den vergangenen Jahren aus filmischer Perspektive als kaum mehr als minderbemittelt zu bezeichnen und folgten immer noch dem Rezept, das das Zucker-Abrahams-Zucker-Team irgendwann in den Siebzigerjahren ersonnen hatte: Ergebnis dieses Ideenklaus sind sowohl die SCARY MOVIE-Filme als auch jüngere Exemplare wie MEET THE SPARTANS, EPIC MOVIE, DATE MOVIE oder SUPERHERO MOVIE (man beachte auch die generischen Titel der letzten drei); allesamt Filme, denen es weniger um echte Qualität oder Stil geht, als vielmehr um erkennbare Referenzen. Der Witz besteht einzig darin, dass man seine Quelle erkennt. Kasdan und Apatow verabschieden sich mit WALK HARD von diesem längst erschöpften Konzept und liefern eine Parodie, die eher an die Filme von Edgar Wright und Simon Pegg erinnert, denn an genannte Rohrkrepierer. WALK HARD folgt zu Beginn der Vorgabe des Cash-Biopics WALK THE LINE, verabschiedet sich aber schon bald von dieser und schwingt sich zur Musikerfilm-Parodie empor, die alle durch dieses Genre vorgegebenen Klischees aufgreift: Nach der traumatischen Kindheit steigt Dewey Cox zum Ruhm auf und gleitet schließlich ab in den Exzess aus Sex und Drogen, der ihn schließlich nach Indien führt, wo er die Beatles trifft (Jack Black, Paul Rudd, Jason Schwartzman und Justin Long go nuts mit dem Cockney-Akzent der Liverpooler). Nach seinen Erfahrungen mit LSD verliert er sich in Visionen von unanhörbaren „Meisterwerken“ samt Ziegenblöken und Aborigine-Einsatz, protestiert mit rätselhaften Lyrics gegen Vietnam und die Diskriminierung Kleinwüchsiger, feiert ein Comeback mit einer miserablen Fernsehshow und einer Diskofizierung seines Welthits „Walk Hard“: Wem einige dieser Elemente bekannt vorkommen, der hat in den vergangenen Jahrzehnten seine Hausaufgaben gemacht, neben WALK THE LINE auch etwa Stones THE DOORS oder McBrides GREAT BALLS OF FIRE gesehen, die beide wichtige Referenzen für Kasdan darstellen. Zentrale Szenen dieser und anderer Biopics geben sich in WALK HARD in rascher Abfolge die Klinke in die Hand, verleihen ihm Tempo und hohe Gagdichte, ohne ihre Rolle als Elemente der Narration zu verraten. Das Spannende an der Biografie-Pastiche von WALK HARD ist, dass er sich mit seiner Strategie längst nicht nur über den Musikerfilm lustig macht. Vielmehr schält er die inhärenten Strukturen einer typischen Rockerkarriere heraus und wirft die Frage auf, wie es all den Stars gelingen konnte, ein und dasselbe Leben zu führen. Neben einer Huldigung auf das selbstzerstörerische Leben des Rockers, das an eine Odyssee gemahnt, ist WALK HARD auch der Abgesang auf eine Kultur, die solche Figuren hervorbringt. Aber selbstredend ist WALK HARD vor allem urkomisch, nicht zuletzt Dank der Entscheidung, die tongue in cheek zu halten und auf allzu großen Klamauk zu verzichten. WALK HARD stellt den einzelnen Gag nie über das Gesamte, bleibt stets auf dem Teppich und überzeugt, weil er seinen Helden nie bloßstellt, sondern ihn zum tragischen Helden verklärt. Am Ende ist man fast traurig, dass Dewey Cox eine Erfindung ist. Zumal Stars wie Eddie Vedder, Jewel, Ghostface Killah, Jackson Browne und Lyle Lovett in Gastauftritten unmissverständlich klarmachen, was die Welt an ihm zu vermissen hat. Klasse!

Eskalofrío (Spanien 2008 )
Regie: Isidro Ortiz

Der Schüler Santi (Junio Valverde) leidet unter einer Sonnenallergie und zieht deshalb mit seiner Mutter in ein kleines Pyrenäendorf, auf das schon früh am Tag die Schatten der Berge fallen. Neben dem Misstrauen, mit dem die Dörfler den Neuen begegnen, macht Santi noch etwas anderes zu schaffen: Nachts hört er ein Poltern auf dem Dachboden. Und den im Wald gefundenen ausgeweideten Schafen folgt bald auch ein menschliches Opfer. Irgendetwas treibt im Wald sein blutiges Unwesen – und Santi steht schließlich sogar unter Mordverdacht …

ESKALOFRÌO besticht vor allem durch sein stimmungsvolles Pyrenäensetting, das dem Film viele schöne Aufnahmen beschert und für unheimliche Atmosphäre sorgt. Auch die Idee, ein verwildertes Mädchen als „Monster“ zu bescheren, darf durchaus als originell bezeichnet werden. Leider stehen dem Erfolg des Films einige Mängel im Weg: Das Drehbuch ist lückenhaft und gönnt sich ein paar Ungereimtheiten. So scheint die Sonnenallergie eine etwas sehr extravagante Beigabe, wenn man bedenkt, dass dieser keine weitere Funktion zukommt, als den Ortswechsel und das Außenseitertum Santis zu begründen – für den weiteren Verlauf der Handlung spielt sie keine Rolle. Und auch die Figur des Mädchens ist schlampig konstruiert und letzlich unglaubwürdig: Sie müsste viel länger in der Wildnis gelebt haben, als es der Film vorgibt, um diesen Grad der Degenerierung zu erreichen. Und was wohl noch schwerer wiegt: Ortiz versagt völlig dabei, sein Monster auch als Opfer zu zeigen, dem Empathie gebührt. Das Ende deutet durchaus an, dass dies das Ziel des Regisseurs war, aber seine Versuche wirken zaghaft und bleiben letztlich erfolglos. Als Horrorfilm für zwischendurch ist ESKALOFRÌO dennoch zu empfehlen. Und origineller als das 112. Remake eines US-Horrorfilms ist er allemal.

The Strangers (USA 2008 )
Regie: Bryan Bertino

Es war alles anders geplant: Nach dem erfolgreichen Heiratsantrag auf der Hochzeitsfeier des Freundes wollte James (Scott Speedman) seine Kristen (Liv Tyler) zu einer romantischen Nacht im familieneigenen Ferienhaus entführen, von wo aus am nächsten Morgen eine gemeinsame Reise angetreten werden sollte. Stattdessen hat Kristen den Antrag abgelehnt und die eh schon angespannte Stimmung wird auf die Spitze getrieben als einige unbekannte Vermummte beginnen, ihr böses Spiel mit dem Pärchen zu treiben …

Vor zwei Jahren lief auf dem Festival ein französischer Horrorfilm namens ILS, zu deutsch: THEM, der zumindest als Inspirationsquelle gedient haben dürfte, wenn man THE STRANGERS nicht gar als Remake begreifen muss. Doch Bertino nimmt sich einige Freiheiten mit dem Ausgangsmaterial, die seinem Film leider nicht immer zum Vorteil gereichen. Wo die Bedrohung in ILS lange Zeit immateriell blieb und sich erst spät in der Gestalt von marodierenden Armutskindern manifestierte, rückt Bertino seine menschlichen Buhmänner schon relativ schnell ins Bild und nimmt damit früh die Spannung raus. Die unheimlichen Masken, die Tatsache, dass man nie die Gesichter der Peiniger sieht, fängt dies nicht vollkommen auf. Auch wenn Bertino einige sehr beunruhigende Bilder gelingen, die mehr als einmal an Carpenters HALLOWEEN erinnern, läuft THE STRANGERS irgendwann ins Leere. Leider mindert dies auch die Wirkung, die Bertinos Auflösung haben könnte, die eine weiteren wesentlichen Unterschied zu ILS ausmacht. Jener verschenkte mit aufgesetzt wirkender und reaktionärer Sozialkritik Punkte. THE STRANGERS bleibt demgegenüber offener: Wer die Mörder sind, was ihr Motiv ist, darüber darf spekuliert werden, weil es nur wenige Anhaltspunkte gibt. Unter anderen Umständen absolut wünschenswert, aber nachdem sich THE STRANGERS aufreizend lang in Wiederholungen des Immergleichen ergangen hat, hätte man sich doch einen Knalleffekt zum Schluss gewünscht (das angeklebt wirkende und vollkommen überflüssige – aber verzeihliche – shock ending gilt nicht). Streckenweise ist Bertino wirklich ein effektiver Schocker gelungen, der auch ohne große Splattereien äußerst unangenehm ist. Eigentlich wäre nur ein wenig Feintuning nötig gewesen, um aus einen richtig großen Horrorfilm vorzulegen. Das macht sein Versagen aber umso ärgerlicher.

JCVD (Frankreich/Belgien/Luxemburg 2008 )
Regie: Mabrouk El Mechri

Ein Abstecher in seine Heimatstadt führt den Filmstar Jean-Claude Van Damme (Jean-Claude Van Damme) in die Filiale einer Postbank, die just in diesem Moment von drei Verbrechern überfallen wird. Diese nutzen die sich bietende Chance und lassen den Schauspieler nach außen als Drahtzieher des Coups erscheinen. Als hätte der freundliche Van Damme nicht genug Probleme, nachdem er den Kampf um das Sorgerecht seiner Tochter verloren hat …

Vielleicht basiert die Idee für JCVD auf dem vor ein paar Jahren erschienenen NARCO: Schon in jenem spielte Van Damme sich selbst und trat als Muse eines hoffnungslosen Karatekünstlers auf. Aber auch so hatte der belgische Schauspieler mit seinen letzten Werken (u. a. die ausgezeichneten WAKE OF DEATH und UNTIL DEATH) angedeutet, dass er einen zweiten Frühling erleben könnte. Diese Hoffnung bestätigt sich nun mit JCVD. El Mechris begeht zum Glück nicht den Fehler, sich auf den selbstreflexiven Aspekt des Films zu kaprizieren und ihn mit In-Jokes zu überladen. JCVD begnügt sich nicht mit dem Gimmick, dass die Muscles from Brussels sich selbst spielen. Vielmehr hat El Mechri eine bewegende Tragikkomödie gedreht, die die Schattenseiten des Daseins als Actionstar thematisiert und geeignet ist, den gegenwärtigen Stand des Actionkinos und dessen Ruf, der irgendwo zwischen der Einschätzung als hirnloser Unterhaltung und Gewaltverherrlichung pendeln dürfte, zu reflektieren. Van Damme liefert eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab, angesichts derer auch einige formale Fehler verzeihlich sind. El Mechri greift nämlich mit beiden Händen in die technische Wunderkiste der Postproduction und nicht immer kommt das, was er da herauszieht, dem Film zugute. So ist JCVD etwa in ein schmutziges Braungrün gehüllt, dessen Funktion sich nicht ganz erschließt. Eine etwas naturalistischere Umsetzung hätte dem Film besser zu Gesicht gestanden. Letztlich ist JCVD aber viel zu originell, ungewöhnlich und intelligent und hält mit einem langen, direkt in die Kamera gesprochenen Monolog Van Dammes einen wunderschönen, geradezu magischen Moment bereit. Zusammen mit KUNSTEN A TENKE NEGATIVT der bisher beste Film des Festivals.

Lady Blood (Frankreich 2008 )
Regie: Jan-Marc Vincent

Dieses verspätete Sequel des 18 Jahre alten BABY BLOOD ist wohl ohne Übertreibungen einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe. Schon nach fünf Minuten habe ich aus Gründen des Selbstschutzes das Hirn ausgeschaltet und mich ganz der miserablen Fotografie hingegeben. Die Settings sind von erlesener Hässlichkeit und Charaktere werfen gern fette Schlagschatten an die mit Festbeleuchtung ausgeleuchteten Wände. Gefährliche Mafiosi fahren im Kleinwagen durch die Gegend und eine noble Nacktbar sieht aus, als habe man sie in einer Schanghaier Hafenklause eingerichtet. Absoluter Bodensatz, nahezu unansehbar und viel zu öde, um irgendwelche Meriten als Baddie zu haben.

In Anbetracht meiner derzeitigen musikalischen Präferenzen schien mir ein Hip-Hop-Film-Special ganz gut geeignet, meiner derzeitigen Filmfaulheit entgegenzuwirken. Gestern habe ich drei relativ aktuelle Filme dieses Subgenres angeschaut: die beiden fiktionalisierten Künstlerbiografien 8 MILE und GET RICH OR DIE TRYIN‘ sowie HUSTLE & FLOW, der der aus Memphis stammenden Crunk-Music ein Denkmal setzt. Die Reihe wird – so mich der Mailorder nicht im Stich lässt – demnächst fortgesetzt: Die Klassiker WILD STYLE sowie BREAKIN‘ und BREAKIN‘ 2: ELECTRIC BOOGALOO sind bestellt, außerdem werde ich mit dem abominablen Dipset-/Cam’Ron-Vehikel KILLA SEASON etwas im Bodensatz der selbstproduzierten DTV-Rap-Filme rühren. Los geht’s!

Jimmy Smith jr. (Eminem) steht nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens: Weil er sich von seiner Freundin getrennt hat, lebt er wieder im Trailerpark bei seiner Mutter (Kim Basinger), die eine Affäre mit einem alten Klassenkameraden von Jimmy laufen hat. Sein kärgliches Gehalt verdient er sich in einem Stahlwerk und seine großspurig vom Charterfolg sprechende Hip-Hop-Crew Three One Third scheitert schon kläglich an den ersten Karriereschritten. Doch für Jimmy – Bunny Rabbit oder B-Rabbit, wie er genannt wird – ist Rap die einzige Möglichkeit, etwas von seinen Frustrationen loszuwerden und sich zu beweisen. Allerdings hat er mit rassistischen Vorurteilen zu kämpfen. Und mit seiner Angst: Bei einem Battle bringt er kein Wort über die Lippen …

Eminem hat seine Biografie schon früh zum Thema seiner Songs gemacht. Die Trunksucht seiner Mutter, seine Zugehörigkeit zum White Trash eines Detroiter Trailerparks und die Hassliebe zu Kim, der Mutter seiner Tochter, wurden von ihm ebenso wort- wie bildreich thematisiert und bedurften daher kaum noch einer Filmisierung. Zum Glück versteht sich 8 MILE dann auch nicht als klassisches Biopic. Zwar ist unschwer zu erkennen, wer sich hinter der Figur des Jimmy verbirgt, haben einige Details von Eminems Biografie Eingang in den Film gefunden, doch der bezieht seinen Reiz nicht daraus, den Werdegang eines Popstars nachzuerzählen. Der von der Handlung abgedeckte Zeitrahmen ist im Gegenteil relativ eng gesteckt und der Film endet, noch bevor Rabbits/Eminems Erfolgsgeschichte beginnt. Damit emanzipiert sich Hansons Film auch von der klassischen „Aufstieg des Underdogs“-Dramaturgie, die sich im Hip-Hop-Kontext meist als materialistisches Coming of Wealth umschreiben lässt – siehe etwa 50 Cents GET RICH OR DIE TRYIN‘, aber dazu später mehr. Das Rappen ist für Jimmy nicht Mittel zum materialistischen Zweck, sondern Selbstzweck. Wenn er sich vor dem Battle besinnt, dann den Beat in sich aufnimmt, sich in den richtigen mindset versetzt, bevor die Worte aus ihm heraussprudeln, erkennt man die meditative Wirkung seiner Tätigkeit. Jimmy ist kein extrovertierter Charakter: Es dauert lang, bevor man ihn rappen hört und seine Texte scheinen vor allem für ihn zu sein, auch, weil Zweifel an ihm nagen. Erst im Battle erlangt er das Selbstbewusstsein, die Identität und Ganzheit, die ihm der Alltag verwehren. Vollkommen konzentriert, in the zone, überwindet er kraft seiner Worte rassistische Vorurteile (er ist als Weißer Außenseiter in einer von Schwarzen geprägten Kultur), Demütigungen und Schmerz. So ist es ein kluger Schachzug von Hanson und Drehbuchautor Scott Silver, dass Jimmy seinen Erzfeind gerade nicht durch Selbstüberhöhung und Beleidigung bezwingt, sondern im Gegenteil durch Selbsterkenntnis und -akzeptanz. Es ist ein großartiger Moment, wenn Rabbit triumphiert, weil er alle Beleidigungen, mit denen sein Gegner ihn überziehen könnte, antizipiert und diesem vorweg- und damit sozusagen und sprichwörtlich aus dem Mund nimmt. Doch damit ist Jimmy noch lang nicht am Ziel: Er hat nur einen Kampf gewonnen, bevor er sich wieder ins Stahlwerk begibt, um die Nachtschicht zu beenden.

8 MILE erinnert mehr als an andere Musikfilme an John G. Avildsens ROCKY. Die verlassenen Ruinen und Trailerparks der Automobilstadt Detroits spiegeln die tristen Arbeiterviertel Philadelphias, die Schlachterei, in der Rocky Schweinehälften traktiert, wird durch das erwähnte Stahlwerk ersetzt, und wenn Jimmy vor dem Battle sein Antlitz im Spiegel einer verkommenen Toilette fixiert, erinnert er nicht nur wegen seiner abgewetzten Sportklamotten an den Boxer mit dem großen Herz. Aber in 8 MILE offenbart sich ein interessanter und offenkundiger Wandel des Antihelden: Seine Waffe ist nicht mehr die Kraft seine Hände, sondern sein mouthpiece. Die klassische Aktion wird durch Kognition ersetzt, der körperliche durch den geistigen Kampf. 8 MILE ist ein kontemplativer, ja beinahe resignativer Film, in dem sich ein großes Misstrauen, eine große Skepsis vor der Handlung zeigt, in dem die Protagonisten allesamt in ihren Verhaltensweisen und Lebensumständen gefangen und ohnmächtig sind. Und die Momente, in denen in 8 MILE doch die Physis regiert, sind Momente der Gewalt und der Niederlage.

Marcus‘ (Marc John Jeffries/Curtis „50 Cent“ Jackson) Mutter ist Drogendealerin. Eines Tages kommt sie von der Arbeit nicht mehr zurück: Ein Konkurrent hat sie kurzerhand ermordet. Vom einfachen Leben bei seinen Großeltern gebeutelt schlägt Marcus den Weg der Mutter ein. Mit großem Ehrgeiz steigt Marcus zum erfolgreichen Dealer auf, auf den bald schon die Gangsterbosse der Stadt aufmerksam werden. Doch was ihn antreibt, sind die Trauer um die verstorbene Mutter, die Wut auf den Mörder und die Sehnsucht nach dem Vater, den er nie hatte. Während eines Gefängnisaufenthalts entdeckt Marcus die reinigende Wirkung des Reimens und fasst den Entschluss, nie wieder Drogen zu verkaufen. Doch die alten Bekannten wollen ihn nicht so einfach ziehen lassen: Marcus wird Opfer eines Mordanschlags …

Die Strategie von 8 MILE ist Authentifizierung und Entglorifizierung, die von 50 Cents Biopic ist Mythifizierung. Der Schlüsselmoment von GRODT wie auch von 50s Leben ist der Anschlag auf sein Leben: Neun Kugeln muss er einstecken, die letzte schlägt in seinem Gesicht ein, verletzt seine Zunge, doch auch diese kann seinen Aufstieg zum erfolgreichsten Rapper der ersten Hälfte der 2000er nicht verhindern. Dass er sich nach diesem Ereignis als unzerstörbare Naturgewalt und als Monster versteht und inszeniert, verwundert wenig und erinnert an das Schicksal des Protagonisten aus Peter Weirs FEARLESS. Wenn Young Caesar, wie 50 Cent hier heißt, am Ende des Films nach dem Tod seines ärgsten Feindes die Bühne betritt, seinen steroidgemästeten und mit den Tätowierungen an einen Totempfahl erinnernden Oberkörper entblößt und zu rappen beginnt, soll das das Bild eines übermenschlichen Sieges sein. Doch der Zuschauer hat eher das Gefühl, dass der Rapper mit kugelsicherer Weste und Tank Top den letzten Rest Menschlichkeit abstreift und sich endgültig in die gefühllose Rapmaschine verwandelt. Das Spannende an diesem Film, der frappierende Ähnlichkeit mit einer Superheldencomic-Verfilmung aufweist, ist gerade sein Misslingen des Versuchs, seinen Helden als Menschen zu zeichnen. Aber genau das verleiht ihm paradoxerweise seine Tragik. Als Young Caesar nach überstandener Genesung seine Tracks aufnimmt und bemerkt, dass seine Stimme anders klingt als zuvor, ermutigt seine Geliebte ihn damit, dass sie sagt, sie trage nun mehr „pain“ in sich. Doch das bleibt leere Behauptung. Marcus bleibt wie sein alter ego menschliche Tabula Rasa, ein Mann, der alle Gefühle so tief ins sich eingeschlossen hat, dass sie auch in seinen vorgeblich tiefst empfundenen Gefühlsäußerungen nicht ans Licht dringen können. „Other people hide their feelings. You bury them.“, sagt seine Partnerin einmal treffend. Und Marcus fällt nichts anderes darauf ein als zu sagen: „You are you and I am me.“ 50 Cents Gesicht lässt erahnen, welcher Mensch sich hinter der Fassade verbergen könnte. Sein Lächeln ist spitzbübisch und kindlich, es passt nicht zu dem Rapper, der mit eiskaltem Kalkül jeden Konkurrenten mit Disses überzieht, Karrieren zerstört und auch vor Verbündeten nicht halt macht. Doch wie hätte sich das Kind entwickeln sollen, dass mit zwölf Jahren schon mit der ganzen Härte des Lebens konfrontiert wurde? Und welche Wärme kann aus der Dunkelheit der Isolationshaft heraus entstehen? Das ist die stärkste Szene des Films: Mit der Rasierklinge, die ihm in die Einzelzelle geworfen wird, damit er sich die Pulsadern öffnen kann, beginnt Marcus seine Lyrics in den Putz zu ritzen. Young Caesars Musik entsteht in der Einsamkeit als Mittel, um nicht wahnsinnig zu werden. Vielleicht war sie nie für andere bestimmt.

Hustle & Flow
(Craig Brewer, USA 2005)

Memphis, Tennessee: DJay (Terrence Howard) ist in den mittleren Dreißigern, seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit dem Dealen von Weed und der Zuhälterei. Das Geschäft läuft eher schlecht: Shug (Taraji P. Henson) ist schwanger, die Stripperin Lexus (Paula Jai Parker) macht ihm das Leben schwer und Nola (Taryn Manning) ist zwar treu, aber auch etwas lethargisch. Und so sieht DJay sich auf dem Abstellgleis. Sollte sein Leben schon jetzt vorbei sein? Von der Crunk-Music erhofft er sich Zugang zu einer neuen, besseren Welt voller Wohlstand. In seinen Texten bündelt er seinen ganzen Schmerz, seinen ganzen Zorn, doch es fehlt ein Produzent. Da trifft er einen alten Schulfreund wieder, einen Tontechniker …

„Crunk Music“ bezeichnet ein Rap-Subgenre aus Memphis, das sich durch treibende Drumcomputer-Beats, vulgäre, grafische Lyrics, einen tiefen, rollenden Bassgroove, aber eine gegenüber klassischem Hip-Hop aufwändigere Instrumentierung auszeichnet und in den letzten Jahren die bis dahin dominierende East-Coast-Ästhetik abgelöst hat. In Craig Brewers ausgezeichnetem Film wird diese Musik als legitimer Nachfahre des Blues inszeniert, als Musik voller Schmerz, Angst und Zorn, voller ungezügelter und unvermittelt auf Tonträger gebannter Energie, letzte Möglichkeit der Unterprivilegierten, sich Gehör zu verschaffen, wozu nicht zuletzt die einfachen Produktionsbedingungen ihren Teil beitragen. Der Rapper wird zum Prediger seiner Hood, zum Gospelsänger, der die Dämonen exorziert. Zuerst die eigenen: DJay leidet an sich selbst, trauert dem Vater hinterher, den er mit zwölf Jahren verlor, den Träumen, die sich nie erfüllt haben, der Ungerechtigkeit der Welt, aber auch der Unfähigkeit, diese zu überwinden. All diese Gefühle wandern in seine Musik, die er gemeinsam mit dem in einem langweiligen bürgerlichen Leben gefangenen Key (Anthony Anderson) und dem schlaksigen weißen Loser Shelby (DJ Qualls) aufnimmt und die somit für ein ganzes Kollektiv zum Befreiungsschlag und Hoffnungsschimmer wird. Nachdem Shug den schmerzzerissenen Refrain zu „It’s hard out here for a Pimp“ (der oscarprämierte Titelsong wurde von DJ Paul und Juicy J geschrieben und produziert, ihrerseits Crunk-Veteranen der Three-6 Mafia) eingesungen hat, gesteht sie DJay: „It meant the World to me.“ In der Figur des Crunk-Superstars Skinny Black (Südstaaten-Rapper Ludacris) wird allerdings auch die Schattenseite des Geschäfts deutlich: Denn wenn der Erfolg kommt und der Schmerz kein Feuer mehr erhält, muss auch die Musik sterben. Skinny Black erweist sich als arrogantes Arschloch, das sich von seinen Wurzeln denkbar weit entfernt hat und auf einen Emporkömmling wie DJay nur mit Hohn und Verachtung blicken kann. Die Konfrontation mit ihm soll DJay, Key und Shelby den großen Erfolg bringen, doch sie endet mit der Inhaftierung für Djay, der im Knast immerhin den Siegeszug seines Songs „Whoop that Trick“ miterleben darf. Die Verwebung von Crunk und Kriminalität ist fast schon eine notwendige Bedingung für die Existenz der Musik.

Craig Brewer (der konsequenterweise einen Blues-Film folgen ließ: BLACK SNAKE MOAN) hat mit HUSTLE & FLOW einen Film vorgelegt, der bis auf die Knochen von der Hitze und Feuchtigkeit der Südstaaten durchzogen ist, ein Film, der schwitzen lässt und trotz aller euphorisierender Energie schwer auf den Schultern liegt. Im Memphis von HUSTLE & FLOW bewegt sich wenig, scheint schon das Sprechen nur unter Mühe vonstatten zu gehen (der Südstaatenslang des Films ist ein Gedicht), ist alles dazu verdammt, nach einem beschwerlichen Dasein elendig zu verrecken. Aber HUSTLE & FLOW ist kein Runterzieher, kein Film der den Schmutz ästhetisiert, und sein Publikum mit Elendsvoyeurismus bedient. Brewer erhöht sein Memphis vielmehr zum allegorischen, magischen Ort. Die zentrale Kompositionsszene ist eine der schönsten Darstellungen kreativer Euphorie, die ich je gesehen habe. Wenn die Beats zu DJays klagenden Texten einsetzen, ist das auch für den Zuschauer eine spürbare Befreiung. Und fast freut man sich, dass DJays Plan nicht ohne Reibungen aufgeht, denn so hat er noch länger Stoff für seine wunderbare Crunk-Music.