Mit ‘Bo Derek’ getaggte Beiträge

bo-derek-posterDer Begriff des „Genies“ ist ein tückischer: Aus dem Griechischen stammend, bezeichnete er ursprünglich eine „erzeugende Kraft“, heute verwendet man ihn für „eine Person mit überragend schöpferischer Geisteskraft“. Jemanden ein „Genie“ zu nennen, ist so ziemlich die höchste Auszeichnung, die man Künstlern, Wissenschaftlern, Erfindern, Politikern und sonstigen Experten ausstellen kann – auch wenn man heute recht freigiebig mit ihm umgeht. Letzteres liegt vielleicht auch in der Tatsache begründet, dass mit der Verwendung des Begriffs latent egoistische Motive einhergehen. Jemanden überhaupt ein „Genie“ nennen zu können, setzt natürlich voraus, dass man selbst seine Kunst verstanden und Einblicke in sein Schaffen erlangt hat, die anderen verschlossen geblieben sind – und das teilt man eben implizit mit. Überspitzt könnte man sich zu der provokativen Aussage versteigen, dass es umso unwahrscheinlicher ist, dass es sich bei jemandem tatsächlich um ein Genie handelt, je mehr Menschen ihn für ein solches halten. Wie sollte ein „Normalsterblicher“ echtes Genie begreifen können, das doch den in einer bestimmten Zeit gültigen Standard übersteigt? Die meisten großen Denker wurden zu Lebzeiten verkannt.

Was hat das nun mit TARZAN, THE APE MAN zu tun? Nun, John Dereks Film um die populäre Figur, die Edgar Rice Burroughs in den Zehnerjahren des vergangenen Jahrhunderts erdachte, wurde bei seinem Erscheinen einhellig verrissen (erstaunlicherweise kam eine der seltenen positiven Bewertungen von Roger Ebert) und gilt heute noch als Heuler allererster Güte. Es hagelte Razzie-Nominierungen in den Kategorien „Schlechtester Film“, „Schlechtestes Drehbuch“, „Schlechtester Schauspieler“, „Schlechteste Regie“ und „Schlechteste Debütant“, aber nur Bo Derek durfte die Trophäe als „schlechteste Schauspielerin“ mit nach Hause nehmen. Auf IMDb kommt der Film derezit auf ernüchternde 3,2 Punkte. Trotzdem machte er ordentlich Kasse in den USA, wahrscheinlich nicht zuletzt wegen der damaligen Popularität der freizügigen Hauptdarstellerin und 25 Jahre jüngeren Gattin des Regisseurs, mittelfristig war er aber der Anfang vom Ende der Karriere der Dereks, das sich bereits mit der nächsten Kollaboration, dem unfassbaren BOLERO, vollzog.

TARZAN, THE APE MAN erzählt die bekannte Geschichte aus der Perspektive Janes (Bo Derek), die nach Afrika reist, um dort ihren Vater James (Richard Harris) zu besuchen, einen Abenteurer, der seine Familie sitzen ließ, als Jane gerade ein Jahr alt war. Sie begleitet ihn auf einer Expedition, bei der sie schnell Bekanntschaft mit dem mystischen „weißen Affen“ macht, einem verwilderten, unter Tieren im Urwald lebenden Mann (Miles O’Keeffe), der sich in die blonde Schöne verliebt und sie schließlich entführt. Papa James sprüht vor Zorn, will den Wilden erlegen, um sich seinen Kopf als Trophäe an die Wand zu hängen, doch der eilt den Weißen zur Hilfe, als sie von einem Kannibalenstamm gefangen genommen werden …

Anders als etwa im kurze Zeit später entstandenen GREYSTOKE: LEGEND OF TARZAN, KING OF THE APES geht es in John Dereks Adaption nicht darum, die Pulp-Erzählung Burroughs‘ zu authentifizieren oder zu historifizieren. Im Gegenteil: TARZAN, THE APE MAN ist ein farbenfroher Abenteuerfilm, wie man sie auch schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zu drehen pflegte, und mit derselben Blindheit für das dem Genre inhärente ideologische Konfliktpotenzial geschlagen. Afrika ist ein aufregender Kontinent voller auf den weißen Mann wartender Abenteuer, mitzunehmender Schätze, dankbarer Wasserträger, grunzender Wilder und pikaresk durchs Grün krauchender Bestien. Aber TARZAN, THE APE MAN ist eben auch ein Film mit Bo Derek, weshalb er auch ein Erotikfilm ist, zumindest nach dem Verständnis ihres Gatten. „The most beautiful woman of our time in the most erotic adventure of all times“, wie das Plakat vollmundig verspricht.

Die schöne Jane zieht demnach schon gleich zu Beginn blank, auf dem Schiff, das sie zu ihrem Vater bringen soll, und taucht vor den grinsenden Eingeborenen in die Fluten, fällt dann, nach ihrer Ankunft gleich noch einmal voll bekleidet ins Wasser, damit auch der fesche Harry Holt (John Phillip Law) ihre Nippel bewundern kann. Ihrem Vater liest sie kurz darauf die Leviten, macht ihm unmissverständlich klar, dass sie genug Geld habe, um ihn und alles, was ihm gehört, zu kaufen. Sie ist ein selbstbewusstes – und äußerst attraktives Persönchen -, unbeeindruckt von puritanischen Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Konvention, zumindest erweckt die Exposition diesen Anschein. Aber so ist das nicht. Jane ist nämlich noch Jungfrau und als ihr dann der muskelbepackte Tarzan gegenübersteht, ist es mit der weiblichen Souveränität vorbei, zeigt sie ihr wahres Gesicht: das der vor Erregung und Unsicherheit bebenden Knospe, die von erfahrenen, starken Männerhänden geöffnet werden will, auf das sie ihren süßen Nektar aus dem feuchtwarmen Blütenkelch schöpfen und begierig ausschlürfen. Der Film ist gnadenlos in der Zurschaustellung seiner Hauptdarstellerin, erfindet die absurdesten Tableaus, um sie in ihrer ganzen Pracht zeigen zu können, und plätschert ansonstens so vor sich hin. Richard Harris, der seine Zeilen deklamiert als würde er pro Wort bezahlt, soll wohl darüber hinwegtäuschen, dass das ganze Gelatsche und Geklettere eigentlich vollkommen uninteressant ist. Schön anzusehen ist es, ja, ein bisschen wie ein Reiseprospekt, der ja auch in erster Linie verkaufen will, und der Score schwelgt wie in alten Zeiten.

Da springt die feucht glänzende Jane ins Meer, erst nackt, dann – wahrscheinlich war ihr kalt – nur mit einem durchscheinenden Hauch von Nichts bekleidet, als plötzlich ein Löwe durch den weißen Sand angestapft kommt: ein guter Grund, etwas länger im Wasser zu bleiben. Und beim ersten Annäherungsversuch von Tarzan geht sein fachkundiger Griff mit großer Zielsicherheit direkt an die Geldanlage der Dereks: ihre Brüste. Da sage noch einer, man schaue einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Denkwürdig auch die Szene, in die nackte, auf allen vieren hockende Jane in Zeitlupe von den bösen Kannibalen abgeduscht wird. (Überhaupt der Einsatz von Zeitlupen: Der Kampf Tarzans gegen eine Riesenschlange dauert gefühlte 5 Minuten, in denen man vor lauter Überblendungen rein gar nichts erkennt.) Der Film endet nach sage und schreibe zwei Stunden mit den Credits, die mit einem Ringkämpfchen zwischen der (natürlich) barbusigen Jane, ihrem Lover Tarzan und einem frechen Orang-Utan unterlegt sind, einem echten Familienidyll gewissermaßen, wo alle nackt sind und schwitzen und sich überall hinlangen dürfen, ohne dass man deshalb die Nase rümpfen muss.

Und jetzt schließt sich mein argumentativer Kreis, denn da habe ich mich dann eben gefragt, ob TARZAN, THE APE MAN wirklich nur das Ergebnis amoklaufender Hormontätigkeit eines unter Geschmackverkalkung leidenden Mittfünfzigers ist, oder nicht doch das Werk eines verkannten Genies. Ob diese offensive Scheißigkeit des Films – seine fatalen Übungen in Sachen Pennälerhumor, das Overacting Harris‘ sowie das Non-Acting Dereks und O’Keeffes, die haarsträubenden Dialogklunker, die Hirnrissigkeit des Drehbuchs – nicht einfach eine besonders abgezockte Form der Suversion ist, die nur niemand erkannt hat, weil sie ihrer Zeit voraus war. Im Grunde genommen ist TARZAN, THE APE MAN reine Prahlerei eines Mannes, der der ganzen Welt zeigt, was er jede Nacht für einen heißen Feger auf seine Bettstatt zerren kann, und sich diesen Spaß auch noch bezahlen lässt. Der exotische Schauplätze bereist, die Gattin splitterfasernackt seine Fantasien ausagieren lässt, sich abends mit Richard Harris besäuft, von allen ausgelacht wird, und trotzdem satte 36 Millionen Dollar einstreicht. Das Geläster von „Kritikern“ muss einem angesichts eines solchen Coups doch wie das Gestammel von unterbelichteten Neidhammeln vorkommen. Gemessen an den Errungenschaften der Filmgeschichte ist TARZAN, THE APE MAN ein Fiasko, die egomanische Nabelschau eines Kulturbanausen, die intellektuell selbst noch hinter die literarische Vorlage zurückfällt. Aber was, wenn Derek ganz genau wusste, was er tat? Man solllte sich dieses unglaubliche Teil wenigstens einmal in seinem Leben angesehen haben. Das kann ich längst nicht über jeden Film sagen.

affiche-mayo-boleroBOLERO ist einer dieser unglücksseligen Filme, über dessen Entstehung, Vermarktung und Rezeption mehr geschrieben wurde, als über das Werk selbst. Er fungierte in verschiedener Hinsicht als Sargnagel: Er beendete sowohl die Karrieren von Regisseur John Derek und seiner Gattin Bo (fünf Jahre später versuchten sie es noch einmal mit GHOSTS CAN’T DO IT, allerdings mit ähnlich wenig Erfolg) als auch die Zusammenarbeit der Cannon mit Vertriebspartner MGM. Schon während der Dreharbeiten kündigte sich das drohende Fiasko an, forderte Produzent Menahem Golan mehr Sexszenen von seinem Regisseur, der sich diesen Forderungen beharrlich widersetzte, ahnte MGM-Chef Yablans schon bald, dass nichts, aber auch gar nichts BOLERO jemals retten könnte. Auch das schadenfrohe Interesse der Presse oder die Tatsache, dass der Film unrated erschien, um das für Pornografie vorbehaltene X-Rating zu vermeiden, mithin viel nackte Haut versprach – es wurde gar lanciert, die finale Sexszene zweischen Bo Derek und Andrea Occhipinti sei nicht simuliert worden -, änderten etwas daran, dass BOLERO unterging wie ein Stein. Was blieb, waren böses Blut, sowohl aufseiten der Cannon und MGM, die sich vom Ehepaar Derek um einen potenziellen Hit betrogen sahen, als auch aufseiten der Dereks, die entsetzt feststellen mussten, dass ihre Produzenten privates Fotomaterial zur Verwendung für Promozwecke entwendet hatten. Erfolgreich war BOLERO nur, als es darum ging Häme und Spott einzuheimsen: Von neun „Goldenen Himbeeren“ gewann er satte sechs.

Oft zeigt solche Einhelligkeit ja nur, wie wenig die Gilde der Kritiker und natürlich die Zuschauer dazu bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen und sich mit Filmen auseinanderzusetzen, die sich den gängigen Konventionen verweigern (man denke an den meisterlichen SHOWGIRLS). Wie man aber einen rammdösig-selbstbesoffenen Stinker der Marke BOLERO retten könnte, fällt mir leider auch nicht ein, denn – mal abgesehen vom makellosen Körper seines weiblichen Stars – ist an diesem in den 1920er-Jahren angesiedelten Film wirklich alles falsch. Es geht um Lida McGilivery (Bo Derek), die nach ihrem Abschluss auf einem vornehmen britischen Mädcheninternat mit ihrer Freundin Catalina (Ana Obregón) in die Welt reisen und einen wohlhabenden, gutaussehenden Mann finden will, der ihr die Unschuld nimmt, sie an die Grenzen der Ekstase führt und sie am besten auch noch heiratet. Den Abschied von ihrem Mädchendasein feiert sie mit Stil, Dezenz und dem Beweis der erworbenen Reife: Indem sie nämlich vor den Augen der anwesenden Schülerinnen- und Lehrerschaft blankzieht und ein barbusiges Tänzchen (in Zeitlupe) aufführt. Nur die Intervention ihres peinlich berührten Chauffeurs Cotton (George Kennedy) verhindert schlimmere Ausfälle. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt ist Lida als Identifikations- und Sympathiefigur für den Zuschauer verloren: Sie ist ein verwöhntes, eindimensionales und naives Gör ohne jede Intelligenz oder Charme, dafür aber mit unerschöpflichem Vertrauen in die Anziehungskraft ihres von Gott gegebenen Körpers, der ihr alle Türen öffnen soll. Tatsächlich nennt sie zwei spektakuläre, natürlich gewachsene Brüste ihr eigen, die sie sich in einer unangenehm aufdringlichen Szene von einem Scheich in Marokko mit Honig übergießen und abschlecken lässt (in Zeitlupe). Bevor der Muselmane aber Vollzug melden kann, fällt er in tiefen Schlaf und Lida muss weiter nach ihrem Traummann suchen. Fündig wird sie in Spanien, wo sie dem ölig-südländischen Charme von Matador und Pferdezüchter Angel (Andrea Occhipinti) verfällt. Es beginnt ein nicht enden wollendes Hin-und-Her zwischen den beiden, bis sie sich endlich ineinander verkeilen. Doch das Glück wird auf eine harte Probe gestellt, als Angel beim Stierkampf einen Bullen in die Nüsse bekommt und mit ungewissem Ausgang für seine Potenz darniederliegt. BOLERO findet nach schier endlos erscheinenden 105 Minuten sein Ende in einer Hochzeit, aber natürlich nicht, ohne dass die beiden Liebenden, umwabert vom Rauch des Mythos (oder der Reibungshitze natürlich), noch einmal die Matratzenpolka tanzen.

Man muss wahrlich großen Respekt vor den Dereks haben, die mit BOLERO einen Film drehten, der wahrscheinlich wirklich niemandem außer ihnen selbst gefallen konnte. BOLERO existiert in seiner eigenen Paralledimension, in der Bo Derek die begehrenswerteste Frau der Welt ist, deren bloßer Anblick schon ausreicht, um in Menschen den Wunsch zu wecken, ihren Obolus an der Kinokasse entrichten und sich zwei Stunden lang zu Fuße ihres überlebensgroßen Leinwandabbilds sonnen zu können. Der in diesem Film zum Vorschein kommende Glaube an die Zugkraft des weiblichen Stars übersteigt jede Vernunft – und vor allem die Einsicht in die Notwendigkeit, irgendetwas anderes zu bieten als eine Bühne, auf der er den darbenden Massen dargeboten werden kann. Einen reinen Striptease-Film wollte John Derek aber auch wieder nicht drehen und so ist BOLERO ein einziger sadistischer und zielloser Tease. Die drei Sexszenen, die strategisch platziert am Anfang, in der Mitte und am Ende auf den Zuschauer warten, werden durch eine vollkommen hirnrissige, theatralische und konstruierte Groschenroman-Geschichte herausgezögert, deren einziger Zweck es eben ist, einen Anlass für diese drei Szenen zu schaffen. Es handelt sich bei BOLERO um eine pervertierte Form des Reißers, in dem selbstzweckhafte Sexszenen das Publikum bei Laune halten. Bei Laune hält hier aber gar nichts und wenn sich die beiden Protagonisten dann endlich zu ihrem quasireligiösen Betterlebnis herablassen, fühlt man sich als Zuschauer geradezu verhöhnt von ihnen. In Bos entrücktes Gesicht möchte man am liebsten reinschlagen, ein zünftiger Scheidenkrampf respektive erektile Dysfunktion ist eigentlich die Mindeststrafe, die die Dereks dafür verdient haben, den Zuschauer in dieser Art und Weise an ihren körperlichen Bedürfnissen teilhaben zu lassen. Ich hoffe, dass sich John nach seiner Scheidung von Bo noch ab und zu dazu herabließ, sich auf eine aus diesem überlangen Haufen filmgewordener Zeitverschwendung kompilierte Least-worst-of-Kompilation einen runterzuholen, denn das war wahrscheinlich von Anfang an der einzige Grund für BOLERO. Für Youporn ist er leider zu früh verstorben.