Mit ‘Bo Svenson’ getaggte Beiträge

Als die Festivalleiter vor einigen Wochen ankündigten, dass Bruno Matteis Actionhobel DER KAMPFGIGANT als deutsche 35-mm-Kopie auf dem Terza Visione laufen werde, da stand mein persönlicher Klimax des Programms schon fest. Die italienischen Actionfilme aus den Achtzigern liebe ich alle mit besessener Inbrunst, und ein echter Mattei ist ohnehin immer ein ganz besonderes Erlebnis. Miles O’Keeffes legendäre Hölzernheit musste auf der großen Leinwand einfach eine Bewusstseinsgrenzen erweiternde Wirkung auf einen solch leicht zu beeindruckenden Mann wie mich haben. Meine eh kaum noch zu bändigende Vorfreude wuchs während der einführenden Worte, die der wunderbare Pelle Felsch dem Film widmete, buchstäblich ins Unermessliche. Würde es Mattei gelingen, meinen turmhohen Erwartungen – wahrscheinlich war ich zuletzt 1998 bei Terence Malicks Comeback THE THIN RED LINE so auf einen Film gespannt gewesen – gerecht zu werden? Waren diese Erwartungen überhaupt noch erfüllbar? Man unterschätzt sowohl Matteis schier übermenschliches Talent in der Schöpfung berauschender filmischer Psychopharmaka als auch meine Begeisterung für Filme, in denen muskulöse Supersoldaten mit dicken Wummen Vietnam aufräumen, wenn man die Möglichkeit einer negativen Antwort auf diese Frage auch nur in Erwägung zieht. DER KAMPFGIGANT entwickelte sich – nicht nur für mich – zu einem Festivalhöhepunkt und einem jener lautstark zelebrierten Gottesdienste, die derzeit wahrscheinlich nur in Nürnberg stattfinden.

1987 direkt im Anschluss an den kaum minder unfassbaren STRIKE COMMANDO – bzw. COBRA FORCE – gedreht, widmete sich Mattei bereits zum zweiten Mal einem Re-Imagining von Cosmatos‘ RAMBO: FIRST BLOOD PART II und interpretierte den Stoff zu einem bewegenden Vater-Sohn-Drama um. O’Keeffe – dem der unvergleichliche Sano Cestnik nach der ohne Zwischenfälle gelungenen Projektion eine „unglaubliche Präsenz“ auf der Leinwand bescheinigte – ist Robert „Bob“ Ross (nicht zu verwechseln mit dem buddhistischen Fernsehmaler gleichen Namens), seines Zeichens bester Soldat von Amerika und Überlebender von sage und schreibe sechs Himmelfahrtskommandos. Weil er die eindrucksvolle Kulisse Südostasiens nicht mehr missen möchte, nachdem er die wohl schönste und produktivste Zeit seines Lebens dort verlebt hat, vermuten die Russen, angeführt von Colonel Calckin (Bo Svenson), dass es sich bei ihm um einen CIA-Agenten handelt, dabei sucht Ross in Wahrheit nur nach einer Gelegenheit, seinen mit einer mittlerweile nicht mehr unter den Lebenden weilenden Vietnamesin gezeugten Sohn „nach Hause“ zu bringen. Die Amerikaner – vertreten durch den asthmatischen Senator Blaster (Donald Pleasence) – bieten sie ihm, wollen aber im Gegenzug, dass Ross für sie einige nordvietnamesische Terroristen kaltstellt; in Wahrheit spekulieren sie natürlich darauf, dass er im Dschungel krepiert, diese Schweine.

Wahrscheinlich noch nie wurde in einem Film so viel so richtig gemacht wie hier: Matteis Perfektionismus macht noch nicht einmal bei der Titeleinblendung Kompromisse: Ross – mit verschwitztem, freiem Oberkörper, glänzend zurückgeschleimter Matte und einem Blick, der gar nichts sagt, das aber eindrucksvoll – reißt sich gerade die nächste Dose Budweiser auf, da knallt der monumentale Schriftzug „Der Kampfgigant“ ins Bild wie ein Fleischpeitschenhieb. Es stimmt einfach alles: O’Keeffe macht beim Schleichen durch den Busch eine herausragende Figur und beweist pantherhafte Agilität. Mattei erreichte dies durch einen wahrhaft kubrickesken Schachzug: Die Hosen, die er O’Keeffe für die Auftaktsequenz anfertigen ließ, waren drei Nummern zu eng und verlangten dem Mimen alles ab. Als er für den Hauptteil des Films endlich in großzügiger geschnittene Armeehosen schlüpfen durfte, dankte er es dem Regisseur mit einer grazilen Jahrhundertleistung. Die Wunder werden nicht alle in diesem Epos: Nachdem Ross mit dem U-Boot im Zielgebiet abgesetzt wurde, wird er sofort entdeckt, bekommt aber von einem Hai Hilfe, bevor er diesen in zwei Hälften sprengt. Sein „Kontakter“ ist der lebhafte Toro (Ottaviano Dell’Acqua), der die einzigartige Gabe hat, Terroristen durch bloßes Ansehen zu erkennen. Die beiden verstehen sich sofort super und haben eine Mordsgaudi bei der Infiltration eines russischen Camps und der anschließenden Flucht auf einem Motorrad mit Beiwagen, die Mattei inszeniert wie in einem alten Slapstickfilm. Man sollte Krieg einfach nicht so ernst nehmen. Später taucht auch noch Luciano Pigozzi in der Rolle auf, auf die er in jenen Jahren abonniert war: rauschebärtiger Zausel mit goldenem Herz im Urwald. Hier wird ihm auch noch eine blonde Tochter angehängt, die Ross mit dem stählernem Blick des Beziehungsexperten als passende Mama für seinen Sohn ausmacht. Sie ist dafür nicht zuletzt deshalb prädestiniert, weil sie das Problem, das der Junge mit seinem zurückgekehrten Papa hat, messerscharf analysiert: „Der Junge mag dich nicht.“ Das wird sich natürlich zum Finale hin ändern, wenn der undankbare Bastard merkt, dass seine Antipathie nicht ausreicht, um den Vater auf Geheiß der Russen zu exekutieren, und er sich deshalb für bedingungslose Liebe zu ihm entscheidet. Es ist aber auch wirklich schwer, diesen Ross nicht zu mögen: Wie er da von einem Hubschrauber gejagt jede Pfütze mitnimmt, die sich ihm darbietet, in zehn Zentimeter tiefen Mulden Deckung sucht und sich am Ende kurzerhand einen Berg hinunterrollen lässt, offenbart er das Potenzial zum Superpapa, der dem Sohnemann auf dem Bolzplatz mit eisernen Schienbeinschonern zur Seite steht und alles abräumt, was sich ihm in den Weg stellt. Ein Mann zum Pferdeäpfel stehlen.

DER KAMPFGIGANT, untermalt von einem treibenden Synthiescore von Stefano Mainetti, der einem nicht übel Lust macht, selbst loszuziehen und eine Bananenrepublik zu erobern, ist voller Details, die ihn unvergesslich machen: In der „Schaltzentrale“ der US-Einsatzkräfte sitzen nicht nur gelangweilte Hartz-IV-Empfänger rammdösig über bedeutungsschwer blinkenden Lämpchen, an der Wand hängt auch eine Porträtzeichnung von Ronald Reagan, die der Staatschef wahrscheinlich beim Besuch der Rüdesheimer Drosselgasse von einem Straßenkünstler anfertigen ließ. Donald Pleasence versucht bei all seinen Auftritten verzweifelt, sich hinter einem Inhalator zu verstecken, auf dass man ihn nicht bemerkt. Massimo Vanni hat eine unfassbare Szene, als er mit einem Jeep ins Bild kommt, aussteigt, um seinem Chef Bericht zu erstatten, aber dabei offensichtlich vergisst, die Handbremse zu ziehen. „Achtung Jeep!“ brüllt Svenson, als sich das Gefährt wie von Geisterhand in Bewegung setzt. Vanni handelt geistesgegenwärtig: Er dreht sich um, springt in das Auto und fährt einfach ab. So inszeniert man temporeiche Filme! Ganz toll auch der Abwurf einer Bombe aus einem Hubschrauber, der nicht etwa automatisch erfolgt, sondern dadurch, dass der Pilot die Tür öffnet und das gute Stück, das anscheinend im Cockpit rumlag, einfach von Hand rausschmeißt. Die allergrößte Leistung Matteis ist es aber gewiss, Mike Monty, der seine Karriere als Darsteller von Befehle gebenden Soldaten mit genau einem perfekt ausgefeilten Gesichtsausdruck bewältigte („angespannt-besorgt“), hier einen waren Gefühlsausbruch zu bescheren. Den enthemmten Luftsprung, den der Veteran macht, als er erfährt, dass Ross noch am Leben ist, vollführte auch mein Herz während der traumhaften 100 Minuten DER KAMPFGIGANT, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde.

Wer jetzt Lust auf dieses Masterpiece bekommen hat, kann ihn sich hier in der englischen Fassung anschauen.

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Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich der ehemalige, unter dem Decknamen „Icarus“ operierende KGB-Agent Eddie (Dolph Lundgren) eine neue Existenz als Geschäftsmann und Familienvater in Kanada aufgebaut. In Wahrheit ist er jedoch immer noch für die russische Mafia als Auftragskiller tätig, weil diese ihn in seiner neuen Heimat ausfindig gemacht und erpresst hat. Mit seinem Doppelleben hat er sich einigermaßen arrangiert, doch nach einem weiteren erfolgreich absolvierten Auftrag gerät er plötzlich selbst ins Kreuzfeuer. Die Suche nach dem Verantwortlichen führt ihn weit in die eigene Vergangenheit …

Nach dem von mir nach einer Sichtung eher als Spaßfilm eingestuften COMMAND PERFORMANCE kehrt Lundgren mit ICARUS wieder auf das ihm so gut zum verhärmten Gesicht stehende ernstere Terrain zurück und reanimiert das Genre des Killer- und Agentenfilms, das in den vergangenen Jahrzehnten etliche Metamorphosen durchlaufen hat. Lundgren bleibt sich jedoch insofern treu, als er mit ICARUS erneut das eigene Älterwerden thematisiert, seinen Killer Eddie zur – zunächst ungewollten – Selbstfindung führt und ihn die großen philosophischen Fragen nach dem Wesen von Charakter, Prägung, Bestimmung und Freiheit stellen lässt, die sich auch schon Melvilles Protagonisten einst stellen mussten, ohne darauf noch die Antwort finden zu dürfen. „They say life is about choices“, sagt Eddie zu Beginn, um den Satz nach einigen blutigen Einschüssen, die ein Flash-Forward auf das Ende des Films darstellen, mit den Worten fortzusetzen: „It seems like I didn’t make a lot of good ones“. Der Killer als Ergebnis einer Reihe von Fehlentscheidungen, also von Entscheidungen wider das bessere Wissen, wider das eigene Wesen? Nein, denn es folgt die unausweichliche Erkenntnis: „Now I know I never really had a choice.“ Das bedeutet zum einen, dass Eddie stets einem vorgezeichneten Weg namens „Schicksal“ gefolgt ist, von dem er allerhöchstens für eine kurze Strecke abweichen konnte, nur um schließlich wieder auf ihn zurückgeholt zu werden: “ That’s the funny thing about fate… if you don’t follow, it will drag you where it wants to go.“ Aber auch, dass Eddie immer eins mit seinen Handlungen gewesen ist, auch wenn sie sich im Rückblick als falsch erwiesen haben. Es stellt sich heraus, dass ausgerechnet die in ferner Vergangenheit liegende Verweigerung eines Mordbefehls ihn und seine Familie in der Gegenwart in Lebensgefahr bringt – und zwar ironischerweise durch genau jenen Mann, dem er mit seiner Verweigerung damals das Leben rettete. Es gibt aber keine Reue in Eddie, kein Bedauern über den vergangenen „Fehler“: Er musste damals so handeln wie er gehandelt hat, denn hätte er es nicht getan, dann wäre ihm jede Grundlage der Reflexion darüber entzogen. Er wäre dann nicht hier. Er muss seinen Weg bis zum Ende gehen und darauf hoffen, dass sein Schicksal von einem guten Autor verfasst wurde.

Das frischverliebte Pärchen Lisa (Jill Schoelen) und Clark (J. Eddie Peck) fährt geradewegs durch ein schlangenverseuchtes Atomtestgebiet. Bei einer Reifenpanne gelangt eines der Tiere ins Auto und beißt Clark wenig später in die Hand. Zwar ist ein hilfsbereiter Handelsvertreter zur Stelle, der ein Gegenmittel verabreicht, doch stellt sich dieses als wirkungslos gegen das Gift von Schlangen heraus, die radioaktiver Bestrahlung ausgesetzt waren und mutiert sind. Clark beginnt sich zu verändern: Erst wird er aggressiv, dann entwickelt sein befallener Arm ein reptileskes Eigenleben … 

CURSE II: THE BITE hat mit dem Vorgänger rein gar nichts zu tun, es sei denn, man wolle aus der Parallele, dass sich in beiden Filmen Menschen schleimig verwandeln, einen engeren inneren Zusammenhalt konstruieren. Er steht somit exemplarisch für die in den Achtzigerjahren zur vollen Blüte gereifte Sequelmanie, die noch jedem für den Videomarkt produzierten B-Film eine hübsche Ziffer in den Titel klebte und darauf hoffte, mit diesem genialen Marketingstreich ein ertragreiches Franchise erschaffen zu haben. Die CURSE-Reihe brachte es so immerhin auf drei „offizielle“ Teile, die durch das obligatorische Alternativtitel-Sequel (David Schmoellers CATACOMBS firmiert auch unter CURSE IV: BLOOD SACRIFICE, ist aber interessanterweise drei Jahre vor dem „echten“ dritten Teil entstanden) ergänzt werden. Unter diesen Voraussetzungen fällt es natürlich recht schwer, CURSE II: THE BITE besonders ernst zu nehmen, aber das ist zum Glück auch nicht nötig. Prosperis (unter dem Namen Fred Goodwin inszenierter und unter seinem echten Namen gescripteter) Film entpuppt sich von Anfang an als inhaltlich dusseliger, inszenatorisch zweckmäßiger, aber gar nicht mal so uneffektiver kleiner Horrorfilm, der alle bestehenden Klischees aufgreift und seine Erfüllung und Daseinsberechtigung vor allem im ekligen Finale findet, in dem sich Effektzauberer Screaming Mad George so richtig austoben durfte. Nach recht hübschem Auftakt – wirklich gelungen ist die Sequenz auf der über und über mit Schlangen übersäten Landstraße, über die die beiden Protagonisten kurzentschlossen drüberbrettern und so einen echten Schlangengenozid verursachen – verzettelt sich der Film leider etwas in dem gut gemeinten, aber misslungenen Versuch, echten Thrill und Drama zu erzeugen, und kommt dann erst zum genannten Showdown in einem Schlammloch wieder in Gang, bei dem fleißig Babyschlangen erbrochen werden, bevor der arme Clarke schließlich der Länge nach aufplatzt, um eine Superschlange zu gebären, der Bo Svenson (mit Nasenpflaster) dann schließlich die Birne wegpusten darf.

Vorher besteht ein nicht unbeträchtlicher Teil des Spaßes an diesem Timewaster jedoch vor allem darin, die Logiklöcher und Inszenierungsklischees zu zählen: Warum begnügen sich die um die bestehende Gefahr Wissenden (meistens Tankwarte) stets mit halbgaren Andeutungen, anstatt mit der ganzen Wahrheit rauszurücken, vor allem, wenn das wie in diesem Fall doch recht unverfänglich wäre? Warum haben junge Liebespärchen – Er Typ „angehendes, dann aber doch erfolgloses  Jeansmodel“, Sie Typ „selbstbewusste junge Frau, die sich aber doch nach dem Traumprinzen sehnt“ –  immer eine Klampfe dabei? (Antwort: Damit Sie darauf furchtbar schmierige Countrylieder darauf spielen kann, während Er fährt.) Worin soll eigentlich die „Liebe“ dieser nur nach körperlichen Attributen zusammegecasteten Hilfsschauspieler überhaupt bestehen? Chemie ist hier jedenfalls Fehlanzeige und so verwundert es auch nicht, als nach dem ersten Streit bereits Schicht im Schacht ist. Warum bekommt man als Fremder stets Ärger in Countrykneipen? Warum versteht sie nicht, dass es keineswegs völlig im Rahmen ist, wenn sie sich von einem schmierigen Redneck beim Tanzen am Arsch rumgrabbeln lässt? Und warum befindet sich das Männerpissoir in diesem Etablissement auf dem Flur vor den eigentlichen Toiletten? Warum glaubt man als Filmschaffender, dass es eine gute Idee sei, einer Schlange via Tonspur das Fauchen einer Katze zuzuschreiben? Warum lässt man sich von einem salbadernden Vetreter impfen, anstatt zu einem Arzt zu fahren? Diese Fragen scheinen aber letztlich hinfällig in einem Film über mutierte Schlangen, deren Gift nicht etwa zum Tode führt, sondern dazu, dass sich der Gebissene ebenfalls in eine Schlange verwandelt. Angucken, Spaß haben, vergessen. Oder einfach mal früher ins Bett gehen und auf einen kreativen Traum mit guten Production Values hoffen.