Mit ‘Boaz Davidson’ getaggte Beiträge

p_4-2Wir müssen an dieser Stelle über ein ausgestorbenes Genre sprechen: die Militärklamotte. Einst war sie ein wichtiger Bestandteil burlesker Tradition und ein beliebtes Mittel der „einfache Leute“, sich über die hohen Tiere lustig zu machen, denen sie meist als Schlachtvieh dienten. Noch in den Siebzigern war sie bei unseren italienischen Freunden überaus beliebt, weil sie doch Gelegenheit bot, prallen Klamauk mit frivolen Späßen und nackter Haut in Verbindung zu bringen. Auch in den Achtzigern gab es noch einige Produktionen, die man als Ableger der alten Tradition bezeichnen konnte: Ivan Reitmans STRIPES etwa oder eben den vierten Teil der EIS AM STIEL-Reihe. Aber heute scheint es kaum noch vorstellbar, dass Wehrdienst oder gar der akute Einsatz im Kampfeinsatz irgendjemandem als geeigneter Komödienstoff erschienen, zumal die sich anbietenden Gags heute nicht mehr so ganz zeitgemäß scheinen. SAPICHES greift auf alle denkbaren burlesken Standards zurück, bildet innerhalb der Filmreihe ein einerseits logisches Kapitel – zum Coming-of-Age gehört eben auch der Wehrdienst -, andererseits aber auch einen deutlichen Exkurs (der dann sogar zu einem Spin-off in Form des unfassbaren Zachi-Noy-Vehikels SABABA führte, das hierzulande als HASENJAGD 2 vermarktet und wahrscheinlich back-to-back gedreht wurde).

Nachdem sich Benny (Yftach Katzur), Momo (Jonathan Segal) und Johnny (Zachi Noy) ein letztes Mal in bewährter Manier die Hörner abgestoßen haben (an Bea Fiedler) – was bedeutet, dass Momo ein Rohr verlegen durfte und der ihm folgende Johnny mal wieder in flagranti vom gehörnten Ehemann erwischt und mit blankem Arsch auf die Straße getrieben wurde -, winkt der Militärdienst, an dem die Freunde kein rechtes Interesse haben. Unter dem Schneid und Machismo vorgaukelnden, in Wahrheit aber furchtbar trotteligen und völlig unter dem Pantoffel seiner feisten Geliebten (Devora Bakon) stehenden Ausbilder Ramirez (Joseph Shiloach) bahnen sich die erwartbaren Scherze an. Da versuchen die Jungs sich vom Arzt einen Urlaubsschein zu erschleichen, was immer wieder zu lustigen Prostataabtastungen und homophoben Schwulenwitzchen führt, müssen sie einen Auftritt in Frauenkleidern absolvieren und die folgenden Avancen der nichts ahnenden Männer abwehren, stürzt der arme Johnny in die Latrinengrube und startet Benny eine Liebelei mit der nebenan bei den Frauen stationierten Rina (Sonja Martin).

Der Hang zum Klamauk ließ sich schon im vorangegangenen dritten Teil nicht mehr verleugnen, doch wurde der da noch durch ernsthafte, in der Tradition der ersten beiden Teile stehende Passagen abgefedert. Hier nun kracht die Schwarte endgültig im Minutentakt und die klischierte Liebesgeschichte um Benny und Rina ist kaum mehr als eine Fußnote, die in erster Linie dazu da ist, die schöne Sonja Martin einmal wie Gott sie schuf in einem nach Langnese-Eis schreienden Strandszenario abzulichten. In der wohl besten Szene des Films taucht die grobschlächtige Freundin von Ramirez bei Bennys Eltern auf, die schockiert sind, weil sie die unmögliche Person für Bennys Zukünftige halten, zieht eine Kanne Bier auf Ex weg und rülpst danach mit Inbrunst. Da wird der ganze Witz des Films auf wenige Sekunden verdichtet. Ansonsten zieht Joseph Shiloach Davidsons letzten Serienbeitrag mit seiner irrwitzigen Darbietung an sich und Erik Schumanns delirierende Synchronarbeit setzt dem Ganzen eine leuchtende Krone aus bunt glasiertem Kot auf. HASENJAGD ist einer dieser Filme, bei denen die Logik und der gesunde Menschenverstand schon einmal völlig ausgeschaltet werden, nur um eine vollkommen hirnrissige Pointe zu setzen. Alles für den Jokus, dann geht’s in den Lokus. Unfassbar, dass dieser Schwachsinn mit SABABA sogar noch getoppt wurde. Mehr dazu in Kürze.

 

eis_am_stiel_iiiMit dem dritten Teil der EIS AM STIEL-Reihe klinkten sich deutsche Produzenten in das Erfolgsgeschäft ein – und trieben die Verflachung weiter voran. Die Eröffnungssequenz gibt gleich einen guten Vorgeschmack auf das Kommende: Beim Spannen kracht der dicke Zachi Noy durch das Dach eine Duschbaracke, auf der Flucht vor den aufgebrachten Frauen fällt er am Strand in eine von seinen Kumpels ausgehobene Grube, die ihn sogleich einbuddeln und seinem Schicksal überlassen. Sie sind kaum verschwunden, da kommt auch schon ein Dreikäsehoch des Weges und pinkelt dem armen Tropf ins hilflos aus dem Sand guckende Gesicht. Ein Auftakt nach Maß.

EIS AM STIEL 3: LIEBELEIEN setzt verstärkt auf flache Zoten und frivole Späße, die die eigentliche Story über weite Strecken des Films völlig vergessen lassen. Benny (Yftach Katzur) ist glücklich mit der süßen Sally (Ariella Rabinovich) liiert, als ihm die kirschmundige Nikki (Orna Dagan) begegnet und ihm den Kopf verdreht. Nach einer Affäre ist Schluss mit Sally, doch Nikki entpuppt sich als echtes Luder, das Benny ständig mit anderen Typen provoziert. Benny, vorher der sensibelste und vernünftigste seiner Clique, tritt hier in die Fußstapfen seines Freundes Bobby (Jonathan Segal), der in den Filmen zuvor noch Momo hieß, diesen Namen aber aus unerfindlichen Gründen an Zachi Noy abtreten musste, welcher zuvor noch Johnny genannt ward: Eine Extravaganz, die die deutsche Synchro exklusiv hat. Das bedeutet, Benny benimmt sich Sally gegenüber wie ein Arsch und markiert ständig den eiskalten Hund, dem alles egal ist. Ironischerweise muss ihm ausgerechnet der Egofucker und Chauvi Bobby die Leviten lesen und ihm die Augen für Nikkis miesen Charakter öffnen: Wahrscheinlich, weil er sich selbst in ihr wiedererkennt. Ich hatte ja schon vorher angemerkt, dass die EIS AM STIEL-Reihe sehr ausschließlich aus männlicher Sicht erzählt ist, was sich nicht zuletzt darin äußert, dass Typen, die Frauen wie bessere Matratzen behandeln, echte Kerle sind, Frauen, die das gleiche tun, aber Huren. Nun ja. Hier und da blitzt Herz auf, meist in den Szenen zwischen Benny und Sally, ansonsten geht der dritten Installation sowohl der Realismus des Originals wie auch die Wärme des Sequels ab.

Wenn man die Ansprüche etwas zurückschraubt und einen vielleicht sogar nostalgische Bande an den Film ketten, ist er trotzdem ganz OK: Am besten sind eigentlich die Szenen mit Bennys Eltern (Menashe Warshavsky & Dvora Kedar), die besonders viel Screentime bekommen: Ich mochte die Szene, in der die Mama mit Benny in einem Bekleidungsgeschäft ist und mit dem alten Verkäufer über „Albert Pressler“ schwadroniert und um den Preis einer Hose feilscht. In einer langen Episode buhlen sowohl Benny als auch sein Vater um die Gunst der feschen Nichte Trixie (Sibylle Rauch), die dann in einer eher ekligen Szene wieder einmal von Momo und Bobby benutzt wird. Eine andere Episode dreht sich um eine nymphomane Klavierlehrerin und endet – ebenfalls ein beliebter Standard der Reihe – damit, dass der Dicke Haue bekommt, weil er sich an der Falschen vergreift. Der Film huscht so an einem vorbei, ohne wirklich anzustrengen: Durchaus eine Leistung, aber sein größter Fehler ist wohl, dass er gegenüber den Vorgängern einen merklichen Rückschritt bedeutet, er seine Charaktere nicht weiterentwickelt, sondern in ihrem pubertären Status verharren lässt – was sie nicht eben sympathischer macht. Benny wirkt mit seiner ausdruckslosen Trauermine beinahe wie ein Psychopath und die süße sommersprossige Sally kann einem beinahe Leid tun, dass sie am Schluss doch wieder auf ihn reinfällt. Ein bitterer Zerrspiegel des Endes vom ersten Teil.

 

 

 

 

10312Zum zweiten Teil der EIS AM STIEL-Reihe habe ich einen Schwank aus meiner Jugend parat: Als er im Fernsehen ausgestrahlt wurde, war ich mit meinen Eltern zu einer Feier bei einem Arbeitskollegen meines Vaters eingeladen. Blöderweise hatte ich vergessen, den heimischen Videorekorder zu programmieren, also fragte ich den Gastgeber, ober er etwas für mich aufnehmen könne. „Hahaha, wohl EIS AM STIEL, was?!“, lachte er nur, sofort wissend, was einen 14-Jährigen am Fernsehprogramm interessieren musste, Mir war das ein bisschen peinlich, aber ich habe den Film dann direkt dort gucken dürfen, wenn ich mich recht entsinne.

Mit der Auffrischung des Sequels erklärt sich auch meine Überraschung angesichts des dorch recht unerquicklichen Tonfalls des Vorgängers. Mit FESTE FREUNDIN vollzieht Davidson den Schritt hin zu den eher harmlosen Teeniekomödien, die ich aus der Erinnerung heraus mit der Reihe assoziierte. Dramaturgisch ist alles viel runder, geformter, weniger episodisch, die Charaktere sind hinsichtlich ihrer Funktion zurechtgeschliffen, alles ist vorhersehbarer, aber auch etwas konsumierbarer als noch zuvor. Benny (Yftach Katzur) rückt noch mehr ins Zentrum, Johnny (Zachi Noy) wird endgültig zum tragischen Clown und Momo (Jonathan Segal) ist nun ein gänzlich unentschuldbares Arschloch, sodass es einen wundert, wie man ihn noch sechs weitere Teile dabei behalten konnte. Nachdem es in ESKIMO LIMON noch um den ersten Sex ging, steht nun nichts weniger als die große Liebe im Mittelpunkt, die Benny erwischt, als er eines Tages die schöne Tammy (Yvonne Michaels) trifft.

Seine Bemühungen, sie zu eine Date zu überreden, sind tatsächlich sehr süß und charmant, aber natürlich gibt es bald die ersten Probleme. Es ist schon erstaunlich, wie fix die Jungs hier mit Ohrfeigen um sich schmeißen, überhaupt muss man jederzeit damit rechnen, dass der Chauvi aus ihnen herausbricht. Unangenehmer Höhepunkt des Films ist die Episode, in der Bobby seine Kumpels bei seiner Eroberung einschleust und das nichts Böses ahnende Mädchen mitten in einer Numme „übergibt“. Das ist schon eine ziemlich abgefuckte und niederträchtige Idee, zumal die drei die Entrüstung des Mädchens nur so halb verstehen, wenn überhaupt. Aber solche Misstöne – die den ersten Teil noch prägten – sind hier eher rar und nach 85 Minuten gibt es dann so ein richtig herzerwärmendes Happy End. Kein Vergleich zur deprimierenden Frustration von ESKIMO LIMONs Schlussakkord. Emotionaler Höhepunkt ist für mich aber Johnnys Zusammenbruch, als er erfährt, dass sein bester Freund es mit seiner Martha getrieben hat: Wer Zachi Noy immer für einen fetten Witzbold ohne Talent gehalten hat, wird von seiner Darbietung eines besseren belehrt. Ein schöner Film, nicht so eigenständig wie das Original, aber dafür deutlich herzlicher.

lemon-popsicle-movie-posterA trip down memory lane: Es muss so ’89, ’90 rum gewesen sein, als RTLplus die Filme der EIS AM STIEL-Reihe komplett ausstrahlte und meinem damals 13-, 14-jährigen Ich viele schöne Stunden vor dem Fernseher bescherte. Die Filme waren mir schon ein Begriff aus der Videosammlung meines Großonkels, auch meinen Eltern waren sie bekannt. Mit acht zwischen 1978 und 1988 erschienenen Teilen war die von Menahem Golan und Yoram Globus initiierte Reihe nicht nur ein Megaerfolg gewesen, sondern ein echtes popkulturelles Phänomen, dass das hierzulande sonst eher unbeachtete Filmland Israel in den Blick der Massen rückte. Einen gute Ruf genoss EIS AM STIEL hingegen nie: Das waren Softsexfilmchen mit derbem Humor, die man als seriöser Filmkritiker natürlich nicht gut finden durfte.

Das Wiedersehen nach gut 25 Jahren war von Ent-Täuschung geprägt: In Erinnerung behalten hatte ich EIS AM STIEL als sommerlich-liebenswürdigen, relativ zahmen Coming-of-Age-Film. Der mit Bubblegum-klebrigen Fünfzigerjahre-Hits bis an den Rand vollgepackte Soundtrack, damals ein kaum zu unterschätzender Erfolgsfaktor, begünstigte die Sinnestäuschung. Aber wahrscheinlich ist sie auch der damaligen Seherfahrung zuzuschreiben: Als 14-Jähriger war ich damals auf einer Ebene mit den Protagonisten und selbst, wenn ich nicht wie sie in den Fifties in Israel aufwuchs, so waren viele Probleme, mit denen sie sich rumschlugen, und Erfahrungen die sie machten, doch relativ identisch mit den meinen. Momo, Benny und Johnny waren Indentifikationsfiguren, die man als Junge sofort verstand. Heute war ich doch einigermaßen erstaunt darüber, wie unsympathisch – eben alterstypisch – die drei teilweise agieren: Der schöne Momo (Jonathan Segal) sowieso, ein Womanizer ohne Skrupel, aber auch der eigentliche Protagonist Benny (Yftach Katzur), ein Zögerer und Zauderer, der erst spät wirklich einmal Stellung bezieht. Johnny (Zachi Noy) ist der arme Dickwanst, dem meist übel mitgespielt wird, aber wie er jeden Pfennig, den er seinen Kumpels leiht, sofort in seinem Notizbuch vermerkt und seine Komplexe mit großen Sprüchen überspielt, lässt auch ihn in keinem allzu guten Licht dastehen. EIS AM STIEL ist exklusiv aus Männerperspektive erzählt und die Mädchen und Frauen, die darin vorkommen, bleiben als Menschen völlig unergründet, sie sind keine Charaktere, lediglich Gesichter: hübsche, und dann auch interessant als potenzielle Sexualpartner, oder weniger hübsche, und dann betrachtet Davidson sie kaum freundlicher als seine Protagonisten. Ich habe keinen direkten Vergleich, aber auch die deutsche Synchro sorgt nicht für Differenzierung, im Gegenteil. In einer relativ bitteren Szene, wenden sich die drei Jungs aus lauter sexueller Frustration an eine Protituierte und landen mit dieser in einer ranzigen Abstellkammer, wo sie den Akt auf einer traurigen Holzpalette vollziehen, die behelfsmäßig mit einem schmutzigen Laken bedeckt ist. Benny, der seine Jungfräulichkeit in diesem alles andere als romantischen Szenario verliert, übergibt sich danach, während Johnny unbeeindruckt seinen Platz einnimmt und einige saftige Sprüche ablässt, die nicht recht zu Situation passen wollen, eher der damaligen Synchromode geschuldet scheinen.

EIS AM STIEL ist keine ausschließlich gut gelaunte Angelegenheit und wenn er dennoch mit dieser süßlichen Melancholie und Nostalgie aufgeladen ist, dann liegt das daran, dass er sich ganz in die Vorstellungswelt seiner drei männlichen Hauptfiguren begibt. Ja, Davidson kreiert einen greifbaren Sense of Place, und viele Szenen, in denen die Jungs einfach nur in ihrer Flipperhalle rumhängen, sich die Plakate amerikanischer Filmklassiker vor dem Kino anschauen oder durch die Straßen schlendern, sind wunderbar: Man spürt die Sonne auf der Haut und den Kitzel unendlicher Möglichkeiten, dieses Gefühl, das der Jugend exklusiv ist. Aber alles, was sich dann für sie ergibt, ist fürchterlich deprimierend und falsch, ganz gleich ob es die verzweifelt notgeile Seemannsbraut ist, die Jungs in ihre Wohnung lockt, um sich ihre Bedürfnisse befriedigen zu lassen, oder natürlich die große Liebesgeschichte zwischen Momo und Nili (Anat Atzmon), die mit einer ungewollten Schwangerschaft, einer feigen Trennung, Tränen und einer Abtreibung endet. Man weiß als Zuschauer, dass der edle Retter Benny nicht belohnt werden wird, ahnt, mit welcher Wendung der Film enden wird. Auch wenn EIS AM STIEL auf unzählige Klischees zurückgreift: Er fühlt sich meistens erschreckend echt an und rettet das wenigstens noch ins direkte Sequel hinüber. Dass die drei Freunde nach diesem Film und dem, was sie erlebt haben, immer noch zusammen rumhängen, ist schmerzhaft, aber wahr. Pubertierende Jungs sind schon ziemlich ekelhaft.

 

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HOSPITAL MASSACRE habe ich aus meiner Sturm-und-Drang-Phase als einen der schönsten Slasherfilme in Erinnerung behalten und war dementsprechend gespannt, wie sich das Wiedersehen nach rund 20 Jahren gestalten würde. Um das Resultat vorwegzunehmen: Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ttatsächlich erweist sich Davidsons Film als hoch origineller und eigenständiger Vertreter eines im Schnitt doch eher homogenen und oftmals tristen Subegenres, der akute Ermüdungserscheinungen im Schlussdrittel allerdings kaum verhehlen kann. Aber zurück zum Anfang.

HOSPITAL MASSACRE (bzw. X-RAY, in der deutschen Version zudem mit dem wunderbar schwülstigen Untertitel „Der erste Mord geschah am Valentinstag“ versehen, der die Erwartungen ins Unermessliche ansteigen lässt) beginnt handelsüblich mit einer Rückblende, die die Genese des Killers schildert. Als kleiner Junge musste er mitansehen, wie die von ihm verfasste Valentinstagskarte an die angebetete blonde Susan (Elizabeth Hoy) von dieser verlacht und zerknüllt wird. Der Schmerz sitzt so tief, dass sogleich Susans missgünstiger Bruder dran glauben muss. Von dieser Rückblende geht es 19 Jahre in die Zukunft bzw. in die Gegenwart: Susan (Barbi Benton) ist von der zierlichen Blondine zur Brünetten mit Playmate-Maßen gereift und besucht zum Valentinstag ein Krankenhaus, um nur kurz die Ergebnisse einer Routineuntersuchung abzuholen. Doch der Killer, der so lange auf seine Rache warten musste (?) hat andere Pläne mit ihr: Er tauscht die harmlosen Untersuchungsergebnisse gegen ein gesundheitliches Todesurteil aus, räumt alle, die ihm in die Quere kommen, beiseite und schickt Susan so in eine wahre Albtraumnacht.

HOSPITAL MASSACRE zeigt eindeutig die Handschrift der Produktionsfirma Cannon: Das US-Poster rückt die Tatsache, dass „sensational centrefold sex symbol“ Barbi Benton mitwirkt, in den Fokus des Interesses, stellt sie als halbnacktes, auf einem Untersuchungstisch festgeschnalltes Opfer in High Heels dar und weckt in Verbindung mit der Tagline „The check-up that became a nightmare“ sogleich Hoffnungen auf zärtliche Abtastungen primärer und sekundärer Geschlechtsorgane, vielleicht gar auf einen gepflegten Einlauf. Der Film ist tatsächlich von einer unangenehm zudringlichen Grundschmierigkeit, die aber nie ganz explizit wird, sondern vielmehr im Dienste einer geschickten Affektstrategie steht. Der Horror von HOSPITAL MASSACRE fußt auf dem allgemeinen Unbehagen, das Krankenhäuser, Ärzte und Untersuchungszimmer auslösen, bedient die Angst, einer Situation ausgeliefert zu sein, in der man seinen Körper einem völlig Fremden überantworten muss. Da werfen sich Ärzte über den Röntgenbildern und Befunden vielsagende Blicke zu, beäugen sie die Protagonistin mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis, geben ihr gegenüber nur hohle Beschwichtigungen ab. Da wird eine Lampe genau so hinter einem Paravan platziert, dass sich die Gardemaße der Patientin als gestochen scharfe Silhouette auf dem weißen Stoff abzeichnen, verwendet der Doktor ein bisschen zu viel Zeit und Zärtlichkeit auf das Abtasten des üppigen Busens. Auf den Gängen wird Susan von senilen Alkoholikern oder verstörten Omas bedrängt, in den Zimmern schlafen Gipsmumien einen unruhigen Schlaf. Und die Kamera umgarnt Benton mit lüsternem Blick, ergötzt sich an ihrer Angst, begleitet sie auf ihrem Weg durch das geradezu kafkaeske Szenario. Passend dazu ist der Killer keine entmenschlichte Dampfwalze der Marke Jason, sondern ein heißblütiger Derwisch, den lateinische Choräle bei seinen hysterischen Metzelattacken begleiten und dessen Auftritte expressive Beleuchtungseffekte zur Performance-Art stilisieren. HOSPITAL MASSACRE etabliert eine unwirkliche, albtraumhafte Atmosphäre, die dann auch manch eher bescheuerten Einfall rechtfertigt (Susan Freund bleibt wirklich über Stunden bereitwillig wartend im Auto) und auch dem breiten, geschmacklosen Humor zum Erfolg gereicht, der in einem anders strukturierten Film jeden Anflug von Horror zunichte gemacht hätte, hier aber wahre Wunder wirkt.

Trotzdem kann Davidson der Dominanz des Schemas nicht über 90 Minuten entfliehen und deshalb versandet HOSPITAL MASSACRE genau ab jenem Moment, in dem die Fronten geklärt sind und sich das Final Girl einen Zweikampf mit dem Killer liefern muss. Dieser Konflikt ist leider der so ziemlich uninteressanteste Aspekt des ganzen Films, wohl auch, weil ja von Anfang an klar ist, wer sich hinter der Chirurgenmaske verbirgt. Trotzdem möchte ich HOSPITAL MASSACRE einen verdienten Sonderplatz in der Slasher Hall of Fame zuweisen: Nicht nur, weil er sich die Mühe macht, einen interessante, tatsächlich unangenehm berührende Geschichte zu erzählen und diese formal entsprechend affektiv umzusetzen, sondern weil er dem sonst so vordergründig-präpubertären Titten- und Arschgewackel eine schmierige, schmerzhafte, beunruhigende Seite der Sexualität entgegensetzt, der sich auch der solchermaßen befleckte Zuschauer nicht entziehen kann. HOSPITAL MASSACRE ist der D’Amato unter den Slashern.