Mit ‘Bolo Yeung’ getaggte Beiträge

Geld und die menschliche Gier danach mag für viele Übel dieser Welt verantwortlich sein, aber ich danke Gott für die unzähligen Irrsinnigkeiten, die Filmproduzenten in ihrer ewigen Mission, Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, erdacht haben. Das kurzlebige Genre der Bruceploitation – Martial-Arts-Filme mit Bruce-Lee-Imitatoren, die infolge des frühe Todes des Superstars erschienen – ist einer dieser Kuriositäten und BRUCE LEE – SEINE ERBEN NEHMEN RACHE dürfte innerhalb dieses sich durch Dreistig- und Pietätlosigkeit auszeichnenden Genres der dreisteste und pietätloseste sein.

Der Fairness halber muss man erklären, dass die Grenze zwischen den echten Bruce-Lee-Filmen und den dreisten Klonen fließend ist, denn schon der letzte „echte“ Film mit der Martial-Arts-Ikone, Robert Clouses GAME OF DEATH, ist eine Mogelpackung, die allerdings aus der Not geboren war. Der Star verstarb, bevor der Film fertiggestellt war und stellte die Macher vor die Herausforderung, einen Film ohne seinen Hauptdarsteller zu Ende drehen zu müssen In bester Ed-Wood-Manier holte man sich ein Double, das man dann immer so vor der Kamera platzierte, dass der Schwindel nicht allzu offensichtlich war. Den Verrenkungen der Bruceploitation waren damit Tür und Tor geöffnet.

Joseph Kong, mit nicht weniger als acht Bruceploitern sowas wie der ungekrönte König des Genres, macht gar keinen Hehl aus seinem Etikettenschwindel, sondern holt ihn gleich auf die Ebene der Handlung: Nach dem Tod Bruce Lees, der nicht nur ein von den Massen verehrter Filmstar war, sondern darüber hinaus ein Top-Agent des FBI, wird ein schmierig grinsender, vollbärtiger Mad Scientist von einem FBI-Mann mit Topfschnitt damit beauftragt, Bruce-Lee-Klone zu kreieren, die die klaffende Lücke schließen und anschließend einem kriminellen Produzenten drittklassiger Kung-Fu-Filme, der darüber hinaus mit Weltbeherrschungsplänen schwanger geht, das Handwerk legen sollen. Das Klonen vollzieht sich innerhalb der ersten fünf Minuten des Films: Der Doc entnimmt dem toten Bruce Lee eine Spritze („Geben sie mir eine Fünfer-Kanüle!“) und  verfügt wenig später über drei Lookalikes, die er in einem Rollcontainer vor seinen riesgen Senso-Automaten schieben lässt, ihnen ein Nudelsieb mit Antennen auf den Kopf setzt und dann enthemmt an den Knöpfen er technischen Apparatur herumdreht. Fertig! Nach einer Trainingseinheit zum berühmten ROCKY-Score fordert Bolo Yeung zum ersten Kampf heraus („Na ihr zwei Stinkbären, zeigt mal was ihr könnt!“), dann schließt sich eine Keilerei an die nächste, bis man nicht mehr weiß, wo hinten und vorn ist.

Es ist bei asiatischen Filmen, die während der Hochzeit des Eastern- und später während des Videobooms auf den deutschen Markt gespült wurden, generell schwierig zu sagen, wie viel diese mit einem wie ach immer gearteten Original zu tun hatten, und das gilt umso mehr für solche frechen Low-Budget-Vehikel wie dieses. (Die Copy&Paste-Strategie, die ein Godfrey Ho für seine Ninja-Filme bemühte, trieb das dann sogar noch auf die Spitze.) Die Struktur von BRUCE LEE- SEINE ERBEN NEHMEN RACHE ist so chaotisch, seine Handlungsstruktur so episodisch, dass es mehr als wahrscheinlich scheint, dass hier Material aus verschiedenen Filmen zusammengeschnitten wurde: Tatsächlich erzählt der Film drei unverbundene Geschichten mit dem Mad Scientist als Bindeglied, was nahelegt, dass Kong vorhandenes Material um die nachgedrehten Klonszenen verband und neu auswertete. Dem Vergnügen tut das keinen Abbruch, im Gegenteil, es beflügelt erst den Wahnsinn dieses Films. Während er kaleidoskopartig in tausend Richtungen gleichzeitig explodiert, tut er gleichzeitig so, als sei das alles ganz normal. Der dissoziative Effekt ist beachtlich: Der Zuschauer sitzt da mit offenem Mund, unfähig, das Chaos, das sich vor ihm in äußerster Selbstverständlichkeit abspielt, zu begreifen.

mo (chih-hung kuei, hongkong 1983)

Veröffentlicht: Juli 27, 2017 in Film
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Wenn man einmal in die weite, wundersame Welt des fernöstlichen Genrefilms eingedrungen ist, weiß man, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die unser beschränktes westliches Fassungsvermögen weit überfordern. MO bzw. THE BOXER’S OMEN, wie der internationale Verleihtitel lautet, lässt nun selbst die irrwitzigsten, konfusesten, schrillsten und beknacktesten Horrorfilme Hongkong-chinesischer Provenienz wie nüchtern-sachliche Übungen in braver Gediegenheit erscheinen. Superlative sind immer so eine Sache und sie werden umso problematischer, je mehr Erfahrungen man sammelt, aber ich kann mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass MO zu den absolut wahnsinnigsten Filmen zählt, die ich je gesehen habe. Es vergeht kaum eine Szene, ohne dass man sich vor Unglauben die Augen reibt, vor Lachen den Bauch hält oder vor Ekel den Blick abwendet. Meistens sogar alles zusammen in kurzer Abfolge.

MO verbindet Elemente des Martial-Arts- mit jenen des Horrorfilms: Zu Beginn wird ein chinesischer Kämpfer nach seinem Triumph über den bösen Thaiboxer Bu-bo (Bolo Yeung) von diesem noch im Ring zum Krüppel getreten. Chan Hung (Philip Ko), der Bruder des Unglücklichen, fordert den Bösewicht zur Revanche heraus – und hat das Glück, dass er vom Geist eines Shaolin-Mönches dazu auserkoren wird, einen Fluch von ihm zu heben. Nebenbei lernt er diverse Zauberkunststückchen, die ihm auch im Kampf gegen Bu-bo hilfreich sein werden. Nun, es kommt tatsächlich zum großen Fight und Chan Hung triumphiert mithilfe der Magie und übermenschlicher Kräfte trotz fieser Tricks gegen den Schurken – allerdings ist das nicht etwa das Finale des Films, der danach noch eine gute halbe Stunde weitergeht. Es war der Zeitpunkt, wo ich aufgegeben habe, der Geschichte zu folgen und mich stattdessen voller Staunen dem ganzen sich vollziehenden Wahnsinn hinzugeben.

Es wird viel gezaubert in MO und wenn man die Mühe, den Aufwand und die Entbehrungen betrachtet, die die Magier aufbringen, muss man zu dem Schluss kommen, dass Harry Potter und Konsorten verwöhnte Schnösel sind, denen alles in den Schoß fällt. Zauberei in MO bedeutet, dass man mit glibberigen Leichenteilen hantieren muss, manchmal sogar Eingeweide verschlingen, nur um sie wieder auszukotzen und nochmal zu essen. Der Magier zum Beispiel, der den Mönch in einer ellenlangen Rückblende behext, lagert in seinem Keller hunderte von riesigen Tonkrügen, in denen sich die abscheulichen Zutaten befinden, die er benötigt. Die Palette reicht von halb verwesten Schädeln, in denen noch die Glotzaugen stecken, bis hin zu Gekrösepampe, in der die Würmer zucken. Kein Spaß! In einer anderen Zauberszene wird ein Krokodil aufgeschlitzt und eine Mumie hineingelegt, die sich nach ausführlichem Kotzzauber in einer Frau verwandelt. Für dieses Kunststück sind sogar drei Zauberer nötig, die nicht nur eklige Sachen essen, auskotzen und wieder essen, sondern ihre Kotze auch noch an den nächsten weitergeben, der sie seinerseits mit neuen ekligen Leckereien vermengt, auskotzt und weitergibt. Hmjam! Es ist schwierig, einen Höhepunkt zu benennen, denn es gibt keine Normalität in MO, dafür aber bizarre Geburtszenen wie diese: Einem bedauernswerten Tropf wird die Haut abgezogen wie ein Pyjama, woraufhin er sich dann in einem Gummiadern-Anzug auf dem Boden herumwälzt. Dann läuft ihm blauer Schleim zwischen den Beinen heraus und wenig später entsteigen ihm drei Föten samt Gebärmutter, die rasend schnell wachsen und schließlich als Erwachsene der transparenten Hülle entkommen. Und das geht den ganzen Film so!

Ich könnte tatsächlich Seitenmit Beschreibungen der abstrusen Einfälle und kruden Effekte füllen, unbedingt müssten die Auftritte knuffiger Plüsch-Fledermäuse, -Spinnen und -Raupen erwähnt werden oder der fliegende Kopf, aus dessen Halsstumpf die Nervenstränge und Gefäße heraushängen wie Tentakeln (tatsächlich ein „Standard“ des asiatischen Horrorfilms), aber ich denke, der geneigte Leser weiß, worauf ich hinauswill. MO ist ein einmaliges, unvergleichliches Spektakel, von den Shaw Brothers zudem aufwändig produziert, mit tollen Bauten und Settings. Man hat für die seltsame Boxermär keine Kosten und Mühen gescheut und ist für den Showdown sogar nach Nepal gejettet, um ein paar tolle Bilder einzufangen. Hier gilt der überstrapazierte Satz wirklich: Muss man gesehen haben, um es zu glauben.