Mit ‘Bradley Cooper’ getaggte Beiträge

american-sniper-posterDass es hitzige Debatten um AMERICAN SNIPER geben würde, war vorprogrammiert und wahrscheinlich einer der Gründe, warum man die Biografie des Texaners Chris Kyle, des „erfolgreichsten“ Scharfschützen in der Geschichte des US-Militärs,  überhaupt verfilmte. Kyle, der nach vier Kriegseinsätzen im Jahr 2013 von einem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidenden Veteran in der Heimat erschossen wurde, hatte es während seiner Einsatzzeit im Irak auf unfassbare 160 bestätigte Tötungen gebracht und wurde nach seinem Tod von vielen Amerikanern als Märtyrer gefeiert. Eastwood durfte mit seinem Film den größten Erfolg seiner Regielaufbahn feiern, sah sich aber auch heftiger Kritik liberaler Kräfte ausgesetzt. AMERICAN SNIPER betreibe Geschichtsklitterung, weil er die „wahren Gründe“ für den Krieg im Irak verschleiere, er stilisiere den kaltblütigen Mörder Kyle zum Helden, rechtfertige die auf Kriegsführung basierende amerikanische Außenpolitik, sei rassistisch und faschistisch. Hier in Deutschland hatte man natürlich ähnliche Vokabeln parat, auf den antiamerikanischen Reflex ist eben immer noch Verlass.

Ich war auf Einiges gefasst, als ich mich gestern dazu entschloss AMERICAN SNIPER zu schauen und bin nun vor allem überrascht darüber, dass man anscheinend nicht gewillt war, diesen Film als das zu sehen, was er ist: als Antikriegsfilm eines Mannes, dem Slogans wie „Kein Blut für Öl“ als bekennendem Republikaner eher fremd sind und von dem man gewiss auch nicht die Verdammung amerikanischer Soldaten erwarten sollte. Das Problem, das Kritiker hatten, ist m. E. nicht Eastwoods Ideologie, sondern eher, dass AMERICAN SNIPER zu wenig der „richtigen“ Ideologie vertritt. Eastwood schwingt keine pazifistischen Reden, er zeigt den Krieg zunächst mal sehr nüchtern als Extremsituation, die zu bewältigen es eines ganz bestimmten Menschentyps bedarf, der dann aber auch nicht in der Lage ist, mit den Konsequenzen seiner Taten umzugehen. Sein Chris Kyle (Bradley Cooper) ist kein Mörder, kein Schurke, sondern jemand, der durch seine Erziehung in den Glauben versetzt wurde, es gäbe Menschen, die böse sind – „Wölfe“, wie sein Vater sich ausdrückt -, und die Bestrafung durch die „Guten“  – die „Schäferhunde“ – verdienen. Außerdem kann er verdammt gut schießen. Dies, verbunden mit dem Wunsch, etwas von Bedeutung zu leisten, führt ihn zum Militär, wo er als Navy Seal ausgebildet und als Scharfschütze in den Irak geschickt wird. Dort findet er sich in einer Situation wieder, die es von ihm erfordert, binnen Sekundenbruchteilen Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen, Menschen mit einem Zucken seines Zeigefingers zum Tode zu verurteilen, darunter auch Kinder, die von der Gegenseite als Todesengel eingesetzt werden. Kyle, der ja felsenfest davon überzeugt ist, das Richtige zu tun, kann das alles weder verarbeiten noch kommt ihm überhaupt in den Sinn, irgendeine Konsequenz zum Schutz der eigenen Gesundheit ziehen zu müssen. Als einer seiner Armeekameraden ihm gegenüber Zweifel an der Richtigkeit ihrer „Mission“ äußert, begreift er gar nicht, wovon der andere spricht. Und als ein Arzt ihn zurück in der Heimat mit der Tatsache eines dauerhaft am oberen Anschlag befindlichen Blutdrucks konfrontiert, beteuert er nur mantrahaft, dass „alles gut“ sei.

Eastwood zeigt sehr unmissverständlich, was Krieg noch mit den bestausgebildeten Spezialisten anrichtet, dass die spätere Betreuung mangelhaft ist, Veteranen bei der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse weitestgehend auf sich allein gestellt sind. Seinem Protagonisten steht er mit einer Mischung aus Mitleid, Bewunderung und Befremden gegenüber, zeichnet ihn als höchst ambivalentes Geschöpf irgendwo zwischen (tragischem) Held und Monster. Wofür sich Eastwood hingegen rein gar nicht interessiert, ist Politik: Wer eine Verurteilung des Irakkriegs erwartet, einen kritischen Kommentar zu amerikanischer Außen- und Interventionspolitik, der sieht sich enttäuscht. Das wurde AMERICAN SNIPER dann ja auch vorgeworfen, ich hingegen würde sagen, dass gerade dieser Verzicht Eastwoods humanistische Gesinnung erkennen lässt. Die Chris Kyles dieser Welt haben seine Empathie, weil sie von ihren Staaten – seinem Staat – gnadenlos verheizt werden, nur um dann nach ihrem Tod mit allerlei nationalistischem Tamtam zu Grabe getragen zu werden. Den Abspann, der Bilder der Feierlichkeiten rund um den Tod des echten Chris Kyle zeigt, hat demnach auch weniger huldigenden als dokumentarischen und anklagenden Charakter: Es ist einfach verlogen, einen 160-fachen Killer als Helden zu verehren, wenn doch offensichtlich ist, dass man es mit einem seelischen Krüppel zu tun hat, der professioneller Hilfe bedarf.

Aber AMERICAN SNIPER ist kein makelloser Film und bleibt streitbar – wenn auch aus anderen Gründen. Eastwood findet keinen richtigen Ansatz für seinen Stoff, ergeht sich über weite Strecken in der distanzierten Abbildung der blutigen Kriegshandlungen, was angesichts seines Themas kontraproduktiv ist. Der innere Konflikt Kyles ist ihm nicht ausreichend, es muss noch ein äußerer hinzukommen, das erbitterte Fernduell gegen einen feindlichen Scharfschützen, den der Protagonist im Finale mit einem unmöglichen Meisterschuss beseitigt, der das Ende seiner persönlichen Mission bedeutet. Angesichts solcher konventioneller dramaturgischer Kniffe scheint die Kritik dann wieder verständlich, wenngleich sie Eastwoods Intention Unrecht tut. Der Regisseur fällt hinter die Modernität der Diegese zurück, in der etwa die Mobilfunkverbindung zwischen Kyle und seiner Gattin ein wichtiges – und verblüffendes – Erzählelement ist. Die stärksten Momente von AMERICAN SNIPER sind tatsächlich die ruhigen, unspektakulären, etwa jener, als Kyle zu Hause von einem anderen Soldaten erkannt wird, der dem Protagonisten das Leben verdankt und ihm voller Bewunderung und Dankbarkeit gegenübertritt. Kyle findet nicht die Mittel, diesen Einbruch seines Berufs in den sonst so sicheren Alltag zu verarbeiten, steht stammelnd vor dem jungen Mann, speist ihn mit Floskeln ab, die seine Unsicherheit und auch die allgegenwärtige Angst erkennen lassen. Jede Erinnerung an den Krieg ist für ihn wie der Schluck aus der Pulle für den Alkoholiker.

 

failure-to-launch-movie-poster-2006-1020340533Das Paradoxon der RomCom: Um den unschätzbaren Wert der romantischen Liebe zu proklamieren, muss sie das Beziehungs- und Liebesleben als tückisches gesellschaftliches Spiel voller Fallstricke und -gruben, schwachsinniger Konventionen, ernüchternder Erfahrungen, vergeudeter Zeit, emotionaler Narben und zu erleidender Demütigungen zeichnen. Meist sind ihre Helden/Heldinnen für die Romantik verloren, desillusioniert, gezeichnet und bereit für die auf rationalen Erwägungen basierende Vernunftheirat, bis dann der Prinz/die Prinzessin vorbeikommt und sie vor einem voller Tristesse rettet. Die RomCom ist ein Genre voller Soziopathen, psychisch zerrütteter Egoisten und Autisten, deren „liebenswerten“ Marotten ihnen im echten Leben die berechtigte gesellschaftliche Geißelung, Unverständnis und die ein oder andere Ohrfeige einbrächten, im Film aber Ausdruck einer originellen, spritzigen Persönlichkeit sein sollen und nur etwas Liebe bedürfen, um abgestellt zu werden. Oft genug sind die Liebesbeziehung, die da zum Happy End eingegangen werden, Bündnisse des Schreckens, Verbindungen von Monstren, deren schlimmsten Charakterzüge sich zur potenziellen Gefährdung all ihrer Mitmenschen potenzieren werden. Man muss sich nur das Poster zu FAILURE TO LAUNCH anschauen, um zu wissen, dass das zweifellos ein solcher Film ist: McConaughey voll cooler Selbstgefälligkeit, wissend, dass er sich in jeder Situation auf seinen ihm angeborenen Charme verlassen kann, die Parker weibgewordener Enthusiasmus im Stechschritt auf die Züchtigung des Unbeugsamen zumarschierend.

Der Film beginnt mit einer von Grund auf fragwürdigen Prämisse: Tripp (Matthew McConaughey), ist 35, gut aussehend und durchaus erfolgreicher Bootsverkäufer. Er hat immensen Schneid bei den Frauen, landet Nacht für Nacht mit einer anderen in der Koje, die er, wenn er keine Lust mehr hat, nur mit der Tatsache konfrontieren muss, dass er noch bei seinen Eltern (Terry Bradshaw und Kathy Bates) lebt. Genauso halten es seine beiden Freunde Ace (Justin Bartha) und Demo (Bradley Cooper), mit denen Tripp seine Freizeit in einem Zustand der verlängerten Jugend verbringt. Kurz: Tripps Leben ist der Himmel auf Erden. Auftritt Paula (Sarah Jessica Parker), die ihr Geld damit verdient, Nesthocker wie ihn durch Vorgaukeln einer Liebesbeziehung zur Selbstständigkeit zu „erziehen“. Sie wird von Tripps Eltern engagiert, den Sohn zu verführen und somit flügge zu machen. Ihre Strategie erinnert frappierend an das Drehbuchschema, auf das nahezu jede RomCom aufbaut, doch die Chance eine Meta-RomCom wird natürlich fahrlässig liegen gelassen. Es kommt, wie es kommen muss: Tripp verliebt sich in Paula und kommt just in dem Moment hinter ihre wahren Motive, als sie ihrerseits Gefühle für den unwissenden Klienten entwickelt. Dem Zerwürfnis folgt die Intervention der Freunde und Eltern, die die beiden zur Vernunft bringen und also verkuppeln wollen. Und wie gelänge das besser, als ihn gefesselt und in geknebelt in einen Schrank zu sperren und sie mit ihm einzuschließen?

Das Problem des ganzen Konstrukts liegt natürlich auf der Hand. Zuerst ist die Figur, die McConaughey da verkörpert, total unglaubwürdig, aber das ist noch nicht einmal das schlimmste Vergehen des Film: Warum sollte Tripp sein wunderbares Leben gegen eine Beziehung mit einer Schreckschraube wie Paula eintauschen wollen? Mit einer intriganten, manipulativen Lügnerin, die nichts ahnenden Männern Liebesbeziehungen vorspielt, wo ausschließlich finanzielles Interesse ist? Einer verabscheuungswürdigen Kreatur also, die noch dazu wie Sarah Jessica Parker und mithin wie der Welt hässlichste Transe aussieht? Aber er ist ja nicht der einzige, der auf sie hereinfällt. Paula lebt in einer WG mit Kit (Zooey Deschanel), einer misanthropischen Eigenbrötlerin, die den ganzen Film über mit einem Singvogel kämpft, der sie mit seinem ständigen Gezwitscher in den Wahnsinn treibt. Eine Person wie Kit würde jemanden wie Paula verachten und die „Freundschaft“, die die beiden da unterhalten, kann nur in einem idiotischen RomCom-Drehbuch aus Hollywood existieren. Genauso wie die Beziehung, die Kit dem netten, aber auch etwas dämlichen Ace eingeht, einem gutmütigen Tölpel, dem der Konvention solcher Filme entsprechend maximal eine kurzsichtige Schreckschraube, gewiss aber kein It-Girl wie Zooey Deschanel verfallen dürfte. Die eigentliche „Romanze“, also der zentrale Teil des Films, funktioniert überhaupt nicht, aber was FAILURE TO LAUNCH gegenüber einer Totgeburt wie THE WEDDING PLANNER wenigstens halbwegs erträglich macht, sind das Zusammenspiel der drei männlichen Hauptdarsteller, die sonnige Urlaubskulisse und der genervte Zynismus der Deschanel, den man auch als Reaktion auf die Spießigkeit des Endprodukt und die Ernsthaftigkeit, mit der sich Sarah JessicaParker in ihre Rolle wirft, werten kann. Ach ja Kathy Bates und Terry Bradshaw sind als alterndes, kernentspanntes Ehepaar ebenfalls ein Lichtblick in diesem Film, den ich mir noch um einiges schlimmer vorgestellt hatte.

Das Hypebeast des vergangenen Jahres, der Film, der allen Nerds kollektiv feuchte Höschen bescherte und sie endlich die Renaissance des Feelgood-Popcorn-Genrefilms ausrufen ließ, die sie schon hinter den letzten ca. 325 Comic- oder Computerspielverfilmungen sehnsüchtig vermutet hatten, nur um sich dann angesichts des nächsten ihre Kindheitsträume schändenden, zutiefst kompromittierten Rohrkrepierers doch wieder schmollend in ihre mit verklebter Lara-Croft-Fan-Fiction übersäter und mit Anime-Porn ausstaffierter Onanierecke verkriechen zu müssen.

Der neueste Beitrag zum expandierenden (und demnächst ja auch um Spider-Man bereicherten) Marvel-Filmuniversums basiert auf einer vergleichsweise aktuellen Heftserie aus dem Jahr 2008 (die aber die Fortsetzung einer bereits in den Sechzigerjahren gestarteten Reihe ist). Möglicherweise war das auch der Grund für den Erfolg dieses Films: Anders als Spider-Man, Captain America, Hulk, Iron Man oder Thor sind die Helden von GUARDIANS OF THE GALAXY noch nicht zu popkulturellen Ikonen herangereift, mit denen nahezu jeder potenzielle Zuschauer etwas verbindet und an deren Umsetzung im Film er daher notgedrungen gewissen Erwartungen knüpft. Regisseur James Gunn, dessen Retro-Science-Fiction-Schleimer SLITHER mir seinerzeit sehr viel Spaß bereitet hatte, geht recht unbekümmert mit seinem Stoff um, ohne Ehrfurcht vor einem comicliterarischen Erbe, das ja noch gar nicht besteht, inszeniert mit Verve und Tongue in Cheek und befreit GUARDIANS OF THE GALAXY so von auch der etwas nervtötenden Ernsthaftigkeit, die die Marvel-Verfilmungen manchmal so anstrengend macht. Dankenswerterweise versucht er nicht, den zugrunde liegenden Comic auf Gedeih und Verderb in Richtung Seriosität und Relevanz umzubiegen, sondern konzentriert sich ganz auf Spaß und bunte Bildchen. Das Design bietet viele Schauwerte, ohne überkandidelt zu wirken, und der schmissige Pop-Soundtrack – wenn auch nicht die Neuerfindung des Rades, zu der ihn viele nach Sichtung des Films gemacht haben – trägt ebenfalls seinen Teil zum aller Weltraumapokalypse zum Trotz fröhlich-vergnügten Ton des Films bei. Die Darsteller lassen sich davon sichtlich anstecken, ganz gleich, ob sie nun mit vollem Körper- oder aber nur Stimmeinsatz agieren. Der Schlüssel zum Erfolg sind sicher die Figuren: kein Tross von der Schwere ihrer Verpflichtung niedergedrückter Übermenschen, sondern ein bunch of misfits, kleinkriminelle Halunken mit seltsamen Marotten. Drax, the Destroyer (Dave Bautista) begreift das Konzept von bildlicher Rede nicht, der Baummensch Groot (Vin Diesel) verständigt sich mittels unterschiedlicher Betonung ein und desselben Satzes („I am Groot.“), der genetisch manipulierte Waschbär Rocket (Bradley Cooper) ist ein cholerischer Sadist. Das verändert die Dynamik des Films gegenüber etwa THE AVENGERS, bei dem die Kameradschaft der einzelnen Teammitglieder eher ein Nebenaspekt war. Die Verlierer in GUARDIANS OF THE GALAXY müssen ihre Animositäten erst überwinden, um zu Helden zu werden.

Ich habe den Film zweimal gesehen: Beim ersten Mal bin ich pünktlich zum Showdown eingeschlafen und war danach eher unterwältigt. Bei der Zweitsichtung ohne Einschlafen gefiel mir der Film deutlich besser. Er ist gewiss nicht das makellose Wunderwerk, das hysterische Nerds aus ihm machen wollen: Wie fast alle jüngeren Marvel-Comicverfilmungen krankt auch dieser etwas an seinem gesichtslosen Plot, in dem es mal wieder um ein weltenvernichtendes device geht, ein denkbar gesichtsloser McGuffin, der nur dazu da ist, den bunten Reigen von Actionsequenzen anzustoßen. Erwartet man wirklich zu viel von einem Superheldenfilm, wenn man sich nur einmal eine richtige Geschichte wünscht? Auch warum ein solches Werk dann trotzdem mindestens zwei Stunden Laufzeit haben muss, erschließt sich mir nicht. Aber gut, die Zeiten von knackigen 80–90-Minütern scheinen ja eh vorbei zu sein und offensichtlich fällt es unter Value for Money, die Zuschauer auf Gedeih und Verderb für 120 Minuten an den Kinositz zu fesseln. GUARDIANS OF THE GALAXY wird so streckenweise redundant und aufgebläht, was so gar nicht zu seinen eher bescheidenen Heldenfiguren passen will, genauso wenig wie das unvermeidliche Pathos, das am Ende sein hässliches Haupt erhebt, nachdem Gunn es zuvor erfolgreich auf Distanz gehalten hatte. Ich musste nach der Sichtung mehrfach an den zuletzt wiedergesehenen STARCRASH, der im Spirit durchaus verwandt ist mit GUARDIANS OF THE GALAXY, aber diese Flüchtigkeit, die der Kern von Popkultur ist, auch in seiner äußeren Form bewahrt. Aber das war eine andere Zeit und Bescheidenheit passt wohl nicht mehr zum heutigen Verständnis von Kino. Aber genug des Meckerns, GUARDIANS OF THE GALAXY hat mir Spaß gemacht und das ist mehr, als von den letzten Marvel-Filmen sagen kann.

Lustige Frisuren vom Minipli über den quer über die Glatze gekämmten Klebescheitel und das exzentrische Minizöpfchen bis hin zur kunstvoll hochgetürmten Lockenmähne; dazu geschmacklose Designeranzüge, dunkel getönte Sonnenbrillen, tief ausgeschnittene Kleider, Absatzschuhe für beide Geschlechter und sich in der wie eine Auszeichnung zur Schaue getragenen Brustbehaarung verfangende Goldamulette; krampfhaft auf mondän getrimmte Wohnungseinrichtungen wie aus dem Handbuch der Pornofilm-Requisite; ein Soundtrack mit Discohits, Glam- und Seventiesrock und dazu Schauspieler, die mit Verve an die Grenze ihrer etablierten Persona gehen – Bale als verfetteter, kahlköpfiger eitler Geck, Cooper als zähnebleckender Koksegomane, Adams als innerlich zerrüttete Männerfängerin und Lawrence als zurückgelassenes und gelangweiltes Hausmütterchen. Auf den ersten Blick ist AMERICAN HUSTLE ganz Vordergrund und Oberfläche, ein die Stichworte von Klassikern wie GOODFELLAS, CASINO oder BOOGIE NIGHTS aufgreifendes Stück Ausstattungskino, das sich über die porträtierte Epoche (und ihre Repräsentanten) ebenso sehr lustig macht wie es leise Nostalgie im Betrachter heraufbeschwört. Aber es steckt mehr dahinter, wenngleich Russell auf die überdeulichen Signifikanten von Gesellschaftskritik und Hochkultur sowie auf Subtext unmissverständlich signalisierendes Zwinkern weitestgehend verzichtet. Sein Film darf im Herzen Komödie bleiben, seine Figuren bewahren ihre Würde auch im Moment des Sündenfalls, anstatt lediglich eine Funktion zur erfüllen, der Film isngesamt die Leichtigkeit, die ihn vom „wichtigen“, aber letztlich abfälligen filmischen Statement wohltuend abhebt.

AMERICAN HUSTLE basiert lose auf der ABSCAM-Operation, mit der die New Yorker Abteilung des FBI Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre erst dubiose Kunstfälscher, dann schließlich korrupte Politiker auf frischer Tat erwischen wollte. Trotz des Erfolges – insgesamt wurden etwa zehn Politiker aus Kongress und Repräsentantenhaus überführt – stießen die angewendeten Methoden auf Kritik: Als Lockvogel und Berater akquirierten die Staatsdiener einen Betrüger für ein Amnestie-Versprechen und machten immense Geldbeträge locker, um die Zielpersonen, gegen die das FBI bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts in der Hand hatte, in die Falle zu locken. Mit Verbrechensbekämpfung im herkömmlichen Sinn hatte die ganze Unternehmung wohl nur noch am Rande zu tun. Russell interessiert sich aber gar nicht so besonders für eine historisch akkurate Protokollierung des Skandals, vielmehr dient sie ihm als Grundlage für eine humanistische Auseinandersetzung mit menschlichem Erfolgs- und Machtstreben, Identitäts- und Idealverlust. Alle seine Figuren sind es so sehr gewöhnt, Rollen zu spielen, dass sie irgendwann ihre wahre Identität aus dem Auge verlieren. Alle rennen sie von kurzfristigem Ruhm und Reichtum benebelt einem Ziel hinterher, dessen Bedeutung für ihr persönliches Glück längst nicht gesichert ist. Alle sind sie in beengenden, zweckgerichteten Beziehungen gefangen, die sie geradezu krank machen, ohne jedoch aus ihnen befreien zu können. Es sind Neurotiker und Fehlgeleitete, ganz sicher, aber ihre Beweggründe bleiben menschlich und nachvollziehbar. Sydney Prosser (Amy Adams), bei der man bis kurz vor Schluss nicht genau weiß, ob sie gerissene Fadenzieherin oder doch hilfloses Opfer ist, kann ihre persönliche Krise auf eine einfache Formel bringen, deren selbstanalytische Klarheit absolut erschütternd ist: „“My dream is to become anyone else than who I was”. Die Menschen in AMERICAN HUSTLE sind so sehr von den Erfolgsversprechen des Amerikanischen Traums infiltriert, dass sie sich selbst darüber längst vergessen haben. Es geht ihnen um Erfolg um des Erfolgs willen.

Ausgerechnet der Trickbetrüger Irving Rosenfeld (Christian Bale) und der korrupte Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) reifen zum moralischen Zentrum des Films: Ersterer bemerkt früh, dass ihn der mephistophelische Deal mit dem überambitionierten FBI-Mann Richie DeMaso (Bradley Cooper) viel tiefer in die Scheiße reitet, als all die krummen Dinger, von deren Schuld er sich mit seiner Kooperation befreien soll, und Polito hat als einer der Wenigen in AMERICAN HUSTLE nicht nur sein eigenes Wohl im Kopf – auch wenn er die Regeln natürlich übertritt. Sein Fall ist doppelt tragisch: Nicht nur, weil Russell und Renner in nur wenigen Sekunden glaubhaft andeuten, dass hier ein Familienglück schmerzhaft zerschellt, sondern auch weil es Rosenfeld nicht gelungen ist, den einzigen Menschen, der ihn nicht von vorn bis hinten manipuliert hat, zu retten. Alle anderen ringen mit sich selbst und nicht allen gelingt es, ihre inneren Konflikte zu lösen. Gewinner gibt es am Ende nicht, nur mehr oder weniger Gezeichnete. Es mag angesichts dieser Beschreibung verwundern, aber AMERICAN HUSTLE hat mich mit seiner Leichtigkeit überrascht – und vielleicht etwas auf dem falschen Fuß erwischt. Es ist aller ausgefeilten Ausstattung zum Trotz ein Ensemblefilm und kommt als solcher vor allem dank seiner begnadeten schauspielerischen Leistungen und genauer Beobachtungen auf den Punkt, mehr als durch grandiose formale Würfe. Was unter weniger sensibler Führung leicht zur zynischen Freakshow verkommen wäre, bleibt hier in Menschlichkeit geerdet. Herausstechend waren für mich Amy Adams, deren abgezocktes material girl unerwartete Abgründe offenbart und unsere uneingeschränkte Empathie auf sich zieht, genauso wie die als „verwöhnte Schlampe“ nur höchst unzureichend charakterisierte Rosalyn von Jennifer Lawrence. Jeremy Renner beeindruckt mit einer Nahbarkeit und Verletzlichkeit, die ich ihm nicht zugetraut habe, und Louis C. K. brilliert in einer Nebenrolle, die keinesfalls bloße Sideshow ist, sondern das Wesen des Films in einer parabelartigen Episode destilliert.

 

Okay. Ich spare mir ausnahmsweise mal die Inhaltsangabe. Erstens weil ich gerade keine Lust habe, zweitens weil sie übermäßig kompliziert werden würde (THE A-TEAM hat einen ziemlich breit angelegten Plot, der mehrere Jahre abdeckt) und drittens weil diese Handlung letztlich natürlich trotzdem völlig irrelevant ist. Niemand schaut sich THE A-TEAM an, weil er großes Drama, ausgereifte Charaktere und geschickt konstruierte Twists und Turns erwartet.

Ich fange von hinten an: Ich bin mir unsicher, wie ich den Film finden soll. Und das ist eigentlich schon mehr, als ich erwartet habe: nämlich dass ich mich nach dem Film entweder gut, aber anspruchslos unterhalten fühlte oder aber eher indifferent sein würde. Ich hatte eigentlich gedacht, THE A-TEAM wird einer dieser typischen aktuellen Hollywood-Eventfilme, bei denen so lange gebrieft, geresearcht, gebrainstormt, revidiert, und gestreamlined wird, bis am Ende ein völliges Entertainment-Neutrum steht. Ein Film, den man zehn Minuten nach den Credits schon wieder völlig vergessen hat, der einen solange es dauert aber mit bunten Bildchen und regelmäßigen Attraktionen bei Laune hält. Stattdessen muss ich Carnahan zugute halten, dass er offensichtlich mehr im Sinn hatte: Streckenweise ist THE A-TEAM richtig ernst und ambitioniert inszeniert. Während des ersten richtigen Einsatzes des A-Teams gibt es eine schöne Parallelmontage, bei der vom Missionsbriefing immer wieder zur Ausführung geschnitten wird, und auch im Look ist der Film längst nicht so cartoony, wie ich es vermutet hatte, sondern orientiert sich eher an dem Maßstab, den die BourneFilme gesetzt haben. Natürlich hält der Film das nicht durch und da beginnen dann die Probleme. THE A-TEAM kann sich nicht wirklich entscheiden, was er sein will.

Denn die ernsten, realistischen Ansätze werden von abstrusen Over-the-Top-Actionsequenzen konterkariert, die wie aus einem anderen Film wirken. Es sind die zwei Show-Stopper des Films, die ihn zerreißen: der freie Fall des A-Teams in einem Panzer (!), den die Helden mittels des Rückstoßes der Kanone zum Fliegen bringen (!!), und das Finale in einem Hafen, bei dem sich aus einem umstürzenden Schiff eine gewaltige Ladung Container über das Dock und die flüchtenden Protagonisten ergießt. Ist die Action vorher auch spektakulär und sicherlich alles andere als realistisch, so wird sie in diesen beiden Szenen völlig albern. Und die CGI-Überfrachtung beißt sich auch mit dem sonstigen Look des Films. Aber das ist nicht alles, was mich irritiert hat.

Man kann sicherlich nicht behaupten, die Fernsehserie habe sich durch ausgefeilte Charaktere hervorgetan, aber der Film weiß ihnen bei einer stattlichen Länge von zwei Stunden kaum etwas hinzuzufügen. Im Gegenteil: Die Mitglieder des A-Teams wirken trotz jeder Menge Background noch flacher. Liam Neeson ist keine schlechte Wahl für Hannibal, aber die spitzbübische Ferkelsfreude George Peppards vermisst man bei ihm. Seine Catchphrase „I love it when a plan comes together“ ist bei ihm nur ein loses Lippenbekenntnis. Quinton Jackson hat es als B.A. wahrscheinlich am schwersten, weil er es mit einer ikonischen Figur aufnehmen muss. War die Rolle einst ein unverhohlenes Showcase für Mr. T, würde Jackson noch nicht einmal bei einem Mr.-T-Lookalike-Contest auf den vorderen Rängen landen. Und dass die Figur zum Ausgleich tragisch aufgeladen wird, ist kein Ersatz dafür. Einzig Sharlto Copley überzeugt: Äußerte sich der Wahnsinn Murdocks in der Serie eher in harmlosen Marotten, schaltet er für den psychotischen Piloten in den Overdrive. Leider bekommt er zu wenig Screentime, wohl auch, weil er in dieser Form am wenigsten in das Konzept einer versuchten Authentifizierung passt. Der Abtörner des Films war für mich aber eindeutig Bradley Cooper als Face. Dirk Benedict legte ihn damals als weltgewandten Ladies‘ Man nach dem Vorbild eines Roger Moore an, war sowas wie das menschliche Zentrum der Serie und der Charakter, der am ehesten zur Identifikation taugte. Diese Aufgabe hat auch Cooper (ihm wird das Love Interest Jessica Biel angedichtet, die als FBI-Agentin Sosa hinter dem A-Team her ist, bis sie schließlich auf ihre Seite wechselt), aber statt dandyhaftem Charme wirft er nur eine stalkereske Date-Rape-Attitüde in die Waagschale, die von seinem diabolischen Grinsen und der wolfähnlichen Physiognomie noch unterstrichen wird. Er verleiht seinem Face solch manische Züge, dass zeitweise ist nicht ganz klar ist, ob er die Eigenschaften des an den Rand gedrängten Murdock gleich noch mitübernehmen soll. Ich fand ihn eklig und unsympathisch.

Hier und da wurde der campige Charme des Films gelobt. Klar, eine A-Team-Verfilmung ist per se schon Trash, aber da gibt es eben auch noch ein anderes Gesicht, das in Teilen der ersten Stunde zum Vorschein kommt. Demgegenüber steht dann das hirnrissige Deutschland-Bild (ja, der Film spielt zu einem nicht unerheblichen Teil in Deutschland): Nach der Flucht aus Mannheim in einem Flugzeug werden die Helden kurze Zeit später abgeschossen und landen im Wolgastsee, der in Mecklenburg-Vorpommern liegt. Und Frankfurt (hier gibt es die beste Actionszene) wird mit einem Luftbild eingeführt, auf dem man verdutzt den Kölner Dom zur Kenntnis nimmt. Nicht, dass mich das wirklich stören würde, aber es passt einfach nicht zu den epischen Ambitionen Carnahans. Und zumindest das Benedict-Cameo war in dieser Form überflüssig.

Ich habe jetzt übermäßig viel über den Film geschrieben und bin noch kein Stück klüger. Vielleicht liegen meine Schwierigkeiten auch darin begründet, dass ich den Film in drei Sitzungen gesehen und deshalb keinen wirklich kohärenten Eindruck von ihm habe. Teile haben mir sehr gut gefallen, andere überhaupt nicht. Immerhin wurden durchaus einige Risiken eingegangen, nicht einfach nach Schema F runtergekurbelt. Nur ist die Rechnung eben nicht aufgegangen. Ich wüsste allerdings auch nicht, wie eine Adaption dieser Serie idealerweise auszusehen hätte. Man sollte nicht vergessen, dass die Erinnerung an die Vorlage besser ist, als ihre einzelnen Folgen, die nun auch nicht gerade der Gipfel subversiven Entertainments waren. Vielleicht zeigt Carnahans Film auch einfach nur, dass man manche Dinge ruhen lassen sollte.

Im Camp Firewood bricht der letzte Tag an, bevor alle – die Kinder wie die Betreuer – wieder bis zum nächsten Sommer in den Alltag zurückkehren. Wer es bis jetzt noch nicht geschafft hat, sich einen neuen Freund oder eine neue Freundin zu angeln oder wenigstens reuelosen Sex zu haben, für den wird es höchste Zeit …

WET HOT AMERICAN SUMMER habe ich vor zehn Jahren mal ohne größere Erwartungen für einen Bierabend in einer Videothek ausgeliehen – und war begeistert. Außer Janeane Garofalo (und vielleicht noch David Hyde Pierce) kannte ich damals keinen der Beteiligten, sodass mich der Film komplett unvorbereitet erwischen konnte. Das erste Wiedersehen seit damals war eine kaum weniger große Überraschung, weil sich der Film heute als eine Art Bewerbungsschreiben heute mehr oder weniger berühmter Comedy-Größen darstellt. David Wain drehte vor ein paar Jahren den unterschätzten ROLE MODELS, Bradley Cooper und Paul Rudd sind in Hollywood mittlerweile erste Wahl, wenn es darum geht, männliche Herzensbrecher zu besetzen, Amy Poehler hat den Sprung von der SNL-Bühne ins Filmgeschäft ebenso geschafft wie Molly Shannon, Elizabeth Banks kann sich über mangelnde Engagements ebenfalls nicht beklagen und Christopher Melonis Gesicht kennt jeder, der sich abends schonmal gelangweilt durchs Fernsehprogramm gezappt hat.

WET HOT AMERICAN SUMMER ist eine Parodie auf das in den Achtzigerjahren so beliebte Teeniefilm-Subgenre des Summercamp-Films, zieht sein Programm aber weitestgehend straight durch, anstatt in die dekonstruktivistischen Gefilde der Zucker/Abrahams/Zucker-Filme vorzudringen. Der Gag besteht in erster Linie darin, dass alle als Betreuer besetzten Darstellers viel zu alt für ihre Rollen sind, doch was sich auf dem Papier wie eine kaum tragfähige Idee liest, entpuppt sich als komödiantisches Gold. Janeane Garofalo spielt ihre Campdirektorin Beth als sozial unbeholfenen Sonderling, Paul Rudd ist der attraktive Rebell Andy, der völlig unfähig ist, sich Regeln zu unterwerfen und jedes Commitment als unerträglichen Eingriff in seine Freiheit empfindet, Bradley Cooper gibt den schwulen Ben, der zusammen mit der überehrgeizigen Susie (Amy Poehler) für die Talentshow am letzten Abend zuständig ist, Molly Shannon soll als Gail die Bastelgruppe leiten, rutscht aber vor Schmerz über ihre kaputte Ehe von einem Nervenzusammenbruch in den nächsten, Christopher Meloni spielt den Koch Gene, der einen Schaden aus dem Vietnamkrieg mitgebracht hat, und David Hyde Pierce einen Astrophysiker, der sein Häuschen auf dem Campgrundstück hat, sich in Beth verliebt und am Schluss schließlich den Tag rettet, als er mit einer Gruppe von Nerds den Einschlag eines Teils einer Raumstation vorhersieht und großen Schaden verhindert. Aus dieser Personenkonstellation holt Wain das Optimum raus und wo das nicht reicht, das besorgen die absurden Einfälle den Rest.

Da steigern sich die Betreuer beim Trip in die nächste Stadt von der Zigarette bis zum Schuss in einem ranzigen Hotelzimmer, wird eine hochdramatische Verfolgungsjagd zwischen einem Motorrad und einem Fußgänger (!) kurz vor der Entscheidung von einem auf der Straße liegenden Heuballen unterbrochen, überzeugt eine Konservendose den Koch Gene zu seinen  Perversionen zu stehen, die der dann prompt in einer pathetischen und frenetisch bejubelten Rede vor vollbesetztem Speisesaal gesteht, überwindet der liebenswerte Versager Coop (Michael Showalter) seinen Liebeskummer in einer obligatorischen Montage-Trainingssequenz, die sowohl FLASHDANCE als auch ROCKY III persifliert, und begeistert der Obernerd Steve (Kevin Sussman) das Auditorium bei der großen Talentshow damit, dass er durch Gedankenkraft einen Wirbelsturm entfacht.

Ich kann mir schon vorstellen, dass WET HOT AMERICAN SUMMER mit seinem merkwürdigen Humor nicht jedermanns Geschmack ist; ich finde ihn große Klasse.