Mit ‘Brian De Palma’ getaggte Beiträge

Für mich ist De Palma einer der All-Time-Greats und meiner Meinung nach hat der mittlerweile 79-Jährige noch keinen wirklich schlechten Film gemacht (WISEGUYS ist wahrscheinlich sein objektiv schwächster, REDACTED hat mich damals auch eher enttäuscht). Auch sein Spätwerk ist mit Filmen wie SNAKE EYES, FEMME FATALE, BLACK DAHLIA, mit Abstrichen auch PASSION oder jetzt eben DOMINO über jeden Zweifel erhaben, auch wenn diese Ansicht wahrscheinlich nicht allzu viele mit mir teilen. I’ll take De Palma over Scorsese, Scott or Polanski any day. (Nachdem ich vor über zehn Jahren mal eine umfassende Werkschau in meinem damaligen Filmforen-Tagebuch gemacht habe, werde ich mir ein paar seine Filme demnächst mal wieder zu Gemüte führen.)

Mit DOMINO, da müssen wir uns nichts vormachen, erfindet sich der Altmeister gewiss nicht neu, aber wenn er sich selbst kopiert, klaut er immerhin bei einem der besten. Einige seiner bewährten Tricks wirken hier, in einem Film, der mit einem geradezu lächerlichen Budget von knapp 8 Millionen Dollar ausgestattet ist, etwas weniger geschliffen und glamourös, als man es aus seinen besten Werken gewohnt ist, aber andere Filmemacher wüssten wahrscheinlich gar nicht, was sie mit einem solchen Betrag überhaupt anfangen sollten. DOMINO sieht ein bisschen wie ein TV-Film aus (allerdings ein schöner), wirkt manchmal eher zweckdienlich als elegant, was ihm dann auch einige Kritik eingebracht hat, aber mir ist ein solcher gut konstruierter, mit 85 Minuten wunderbar griffiger, angenehm altmodischer Reißer am Ende lieber als irgendwelcher High-Concept-Schmonzes, bei dem ich weiß, dass ein Drittel des Materials aus dem Rechner kommt.

Der dänische Cop Lars (Søren Malling) wird bei einem Einsatz von einem Afrikaner namens Ezra (Eriq Ebouaney) ermordet. der zuvor offenbar einen nordafrikanischen Waffenschmuggler gefoltert und hingerichtet hatte. Beim Versuch, ihn festzuhalten, verliert Lars‘ Partner und bester Freund Christian (Nikolaj Coster-Waldau) das Bewusstsein, sieht aber noch, wie Ezra von drei Männern entführt wird. Es stellt sich heraus, dass der CIA-Mann Joe Martin (Guy Pearce) einen ISIS-Anführer stellen möchte; und auf jenen Mann hat es eben auch Ezra abgesehen, weil der Terrorist seinen Vater umgebracht und seine Kinder verschleppt hatte. Christians und Joes Pläne kollidieren, denn während ersterer Ezra für den Mord an seinem Freund verhaften will, möchte Joe weitere Informationen. Aber noch eine vierte Person ist involviert: die Polizistin Alex (Carice van Houten), die eine Affäre mit dem verheirateten Lars hatte und ein Kind von ihm erwartet. Der Weg führt nach Almeria, wo der ISIS einen Terroranschlag plant.

DOMINO erinnert uns daran, dass der „War on Terror“ keine klinisch-saubere Mission auf der Ebene der Hochpolitik ist, sondern dass ganz normale Menschen in diese Schlacht involviert sind: Ezra nimmt keine Rücksicht, weil das Leben seiner Familie davon abhängt, dass er den Terroristenführer stellt. Christian kann wiederum weder Rücksicht auf diese noch auf Joes Motive nehmen, weil es für ihn darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Und Alex, die keiner auf der Rechnung hat, treibt noch etwas ganz anderes an. Der Terror spielt sich ebenso wenig wie der Kampf gegen ihn auf einer dem Alltag enthobenen Ebene ab: Er betrifft Menschen, die wiederum ihren eigenen emotionalen Ballast mit sich herumschleppen. Das Leben ist bei De Palma ja immer eine ziemlich unordentliche Angelegenheit, das zeigt sich auch hier. Lars‘ mürrische Art und das ständig verdreckte Innere seines Wagens sind Zeichen einer persönlichen Krise, von der weder seine Ehefrau noch sein bester Freund und Partner etwas wissen. Der Titel des Films bezieht sich natürlich auf die weitreichenden Folgen und die unvorhersehbare Kettenreaktion, die ein Verbrechen hier nach sich zieht.

Sehr wichtig und De-Palma-typisch ist auch seine Thematisierung der Medien, die der ISIS ganz gezielt nutzt. Die obligatorische Splitscreen-Sequenz ist hier der mit zwei GoPros gefilmte Anschlag einer Terroristin während eines Filmfestivals: eine Kamera zeigt sie selbst und ihren gar nicht so triumphalen Gesichtsausdruck, die andere nimmt den Blick eines First-Person-Shooters ein und zeigt den Lauf ihres Maschinengewehrs, den sie auf verschiedene unschuldige richtet, bevor sie sich selbst in die Luft sprengt. Auch Handykameras und Drohnen kommen mehrfach zum Einsatz – letztere fungiert im doppelten Showdown unabsichtlich als tödliche Waffe – und in einer perfiden Verhörsequenz spielt De Palma geschickt mit verschiedenen Perspektiven. Auch wenn diese Stilmittel heute eher an Trademarks erinnern, die der Regisseur um ihrer selbst willen einsetzt, weil sie ihm vor rund 50 Jahren zu Weltruhm verhalfen, so macht ihre Anwendung im Rahmen des Films doch Sinn: Die mediale Inszenierung, die Macht über die eigene Darstellung durch das Filmbild sind integraler Bestandteil des Terrors als Organisation wie auch seiner Wirkung. Der „War on Terror“ ist ein Krieg der nicht zuletzt mit Bildern und um sie geführt wird.

 

Liegt es an mir oder sind es die anderen? Als PASSION rauskam, las ich überall, der Film sei fremdschämig und theatralisch, lediglich als übersteuerter Trash zu gebrauchen, wenn man denn versteht, sich darauf einzulassen. Nun ja, De Palma spielte auch schon in seinen Glanzleistungen der Siebziger- und Achtzigerjahre immer wieder mit den Versatzstücken aus Trivialkultur und Exploitation, war weniger an Realismus interessiert als daran, der Wahrheit durch gezielte Überhöhung, Übertreibung und Artifizialität auf die Schliche zu kommen. Wer meint, dass PASSION da aus der Art schlage, der hat bei SISTERS, DRESSED TO KILL, BODY DOUBLE oder RAISING CAIN ganz einfach nur nicht richtig hingesehen. Meine Meinung. Wenn ich seinem bislang letzten Film etwas vorwerfen möchte, dann in erster Linie, dass er ein bisschen zu typisch geraten ist, nichts wirklich neues ausprobiert, sondern nur das bietet, was man gemeinhin mit De Palma assoziiert: schöne Frauen, vermeintlich anzüglichen Sex, eine Prise Melodrama, gemeine Intrigen und Morde und das alles abgelichtet in erlesenen, doppelbödigen Bildern voller vordergründiger Reize und spiegelglatter Oberflächen. Auch eine der Splitscreen-Sequenzes, für die De Palma einst bekannt war, darf nicht fehlen. Hätte man den Begriff früher schon gekannt, man hätte De Palma nicht immer wieder als Hitchock-Epigonen diffamiert, sondern als amerikanischen Giallo-Botschafter bezeichnet. Bei PASSION, der in Europa entstand, sind die Parallelen nun überhaupt nicht mehr zu übersehen.

PASSION ist das Remake von Alain Corneaus letztem Film, dem nur zwei Jahre zuvor entstandenen CRIME D’AMOUR, in dem sich Ludivine Sagner und Kristin Scott-Thomas gegenüberstanden. De Palma vertauscht die Haarfarben und verringert den Altersunterschied zwischen den beiden Protagonistinnen, ändert aber sonst nur wenig (zumindest wenn man eine kurze Inhaltsangabe als Anhaltspunkt nimmt): Christine (Rachel McAdams), Leiterin des Berliner Büros einer internationalen Werbeagentur, unterhält eine kleine Affäre mit Isabelle (Noomi Rapace) einer aufstrebenden Kreativkraft – die zudem eine Liaison mit Christines Freund Dirk (Paul Anderson) unterhält. Als Christine eine von Isabelles Ideen als ihre ausgibt, um ihre Karriere voranzutreiben, bekommt die Partnerschaft erste Risse. Isabelle schlägt mit ihren Mitteln zurück und zieht den Zorn der intriganten Chefin auf sich. Als sie wenig später ermordet wird, fällt der Verdacht auf Isabelle, die jedoch beteuert, ein Alibi zu haben …

Wer keine Tiefe oder stilistischen Überraschungen erwartet und sich mit De Palma auf verlässlichem Autopilot abfinden kann, wird mit PASSION zufrieden sein. Nach dem gescheiterten Versuch, mit REDACTED etwas Neues zu versuchen, hat mir die Rückkehr auf sicheres Terrain sehr gut gemundet. Klar, nichts an PASSION gerät jemals in den Verdacht, eine ähnliche Wirkung wie seine großen Meisterwerke zu hinterlassen und selbst an Spätwerke wie den genannten RAISING CAIN oder FEMME FATALE kommt PASSION mit seinen holzschnittartigen Charakteren und seiner etwas beliebigen Thrillerstory nicht annähernd heran. Aber die stilistische Handschrift ist unverkennbar und ich kann mich an De Palmas Bildkompositionen, seinem Einsatz von Musik und dieser Mischung aus Subversion und Altersgeilheit einfach nicht sattsehen. Die beiden Hauptdarstellerinnen haben mir ausgezeichnet gefallen und die Ballettsequenz hätte ich gern im Kino bewundert. Wer sich über die neuen Argentos ärgert und sich nichts sehnlicher wünscht, als eine Rückkehr des Italieners zu seinen Wurzeln, der sollte es ruhig mal mit PASSION versuchen. Ich mochte ihn!