Mit ‘Brian G. Hutton’ getaggte Beiträge

Bildschirmfoto 2015-08-11 um 07.23.061968 konnte man diesen Film mit einigem Recht als „Relikt“ bezeichnen. Im Jahr zuvor hatten Warren Beatty und Arthur Penn mit BONNIE & CLYDE die Ära des New Hollywood eingeläutet, ein Jahr später ließ Dennis Hopper mit EASY RIDER keinen Stein auf dem anderen. Brian G. Hutton hingegen drehte einen aufwändigen, bunten, spektakulären Kriegsfilm mit überlebensgroßen Helden- und Schurkenfiguren, der – und das ist die Ironie – gerade heute wieder überaus modern wirkt. Sein Trick ist der Verzicht auf nahezu jede ausführliche Exposition: Nach einem kurzen Missionsbriefing gleich zu Beginn geht es in medias res, und anstatt den Zuschauer mit Informationen zu überfrachten, bleibt er ihm immer einen Schritt voraus. Major Smith (Richard Burton) weiß irgendetwas, was die anderen Mitglieder des Kommandos nicht wissen, nur was, das bleibt unklar – bis zum großen Plottwist …

Der Plottwist ist ja so etwas wie die Geißel des modernen Kinos geworden, weil sauberes Erzählen zugunsten der gezielten Zuschauerverarsche aufgegeben wird. Jeder noch so dumme Film zaubert pünktlich zum Finale die große Überraschung aus dem Hut, die  entweder meist wirkungslos verpufft, weil sie a) schon lang vorhersehbar und b) meist völlig arbiträr ist, oder – noch schlimmer  so manch ordentlichen Film total versaut. Der Twist In WHERE EGALES DARE aber ist gerade deshalb so wirkungsvoll, weil er nur das i-Tüpfelchen auf einem eh schon unverschämt spannendem Thriller ist und zu einem Zeitpunkt, wo man eigentlich das denouement erwartet, also die „Entwirrung des Knotens“, noch einen neuen Knoten bindet.

Der erwähnte Verzicht auf Exposition kommt dem Film über die gesamte Laufzeit zu Gute. Die „einfache“ Befreiungsaktion – es geht darum, einen General der Alliierten, der Kenntnis von den Invasionsplänen hat, aus einem uneinnehmbaren Schloss der Nazis zu befreien – gestaltet sich tatsächlich als „einfach“ im Sinne von „unkompliziert“: Die Männer um Smith und Schaffer (Clint Eastwood) schleichen sich das am Fuße des Schlosses liegende Örtchen ein, geben sich als Nazis aus und dringen mit einem Ritt auf der Gondelbahn in die Festung ein. Allein die Bedrohung durch die sie umgebenden Deutschen, die Gewissheit, dass sie in jeder Sekunde entdeckt werden könnten, macht die Spannung aus. Das eindrucks- und stimmungsvolle Setting, mit der drohend auf einem Felsen liegenden Burg, bringt genau das Maß an beinahe märchenhafter Überhöhung, das WHERE EAGLES DARE noch benötigt. Die Helden infiltrieren nicht bloß einen Stützpunkt, sie dringen wahrhaftig in die Höhle des Löwen, oder besser noch: eines legendären Drachen, ein. Die Nazis werden allein durch dieses Schloss noch gruseliger als sie es ohnehin schon sind.

Wenn ich oben von der Modernität des Films sprach, meine ich aber nicht nur seine Handhabung der Narration: WHERE EAGLES DARE ist als rund zweieinhalbstündiger Showdown angelegt, der ohne jeden Subplot, ohne auflockernde Romanze, ohne Entspannungsmomente auskommt. Und Hutton gelingt es vortrefflich, den Druck die ganze Zeit aufrechtzuerhalten, den Zuschauer mitzunehmen und nicht mehr loszulassen. Sein Film ist ein Spektakel im besten Wortsinn, ein Fest für die Augen, darüberhinaus begleitet von Ron Goodwins phänomenalem orchestralem Score. Man könnte kritisieren, dass man das Finale gut 10, 20 Minuten hätte kürzen können, weil die Luft nach zwei Stunden Hochspannung irgendwann raus ist, aber eigentlich möchte ich über ein solches Wunderwerk nichts Schlechtes sagen. WHERE EAGLES DARE war vor 50 Jahren toll und er ist es heute auch noch. Die Wiederentdeckung des Jahres?