Mit ‘Brigitte Grothum’ getaggte Beiträge

Ein Mann (Klaus Kinski) bricht aus einer Nervenheilanstalt aus. Es handelt sich um einen mehrfachen Frauenmörder, der allerdings weder ein Bewusstsein über seine Taten noch überhaupt über seine Identität besitzt. Auf seiner kopflosen Flucht landet er in einem kleinen Ort an der Grenze zur DDR, wo ihn Katrin (Brigitte Grothum), die Tochter des Schilfbauern Vollbricht (Jochen Brockmann), aufnimmt. Nicht nur aufgrund seines Namens – er nennt sich „Martin“ – fühlt sie sich sofort an ihren verschollenen Ehemann erinnert, auf dessen Rückkehr sie seit Jahren vergeblich wartet. Der junge Mann erfährt zum ersten Mal seit langem Zuneigung, die wiederum dem für Katrin schwärmenden Arbeiter Karl (Sieghardt Rupp) gar nicht passt. Doch es dauert nicht lang, da wird „Martin“ mit den dunklen Seiten seiner Persönlichkeit konfrontiert. Und auch die Polizei kommt ihm immer näher …

DER ROTE RAUSCH ist ein filmischer Glücksfall, begünstigt durch die Trends seiner Zeit, war seiner Zeit leider ein Stück zu weit voraus und geriet daher schnell wieder in Vergessenheit. Inszeniert von Wolfgang Schleif, der vor allem für sein Pferde-und-Mädchen-Opus DIE MÄDELS VOM IMMENHOF bekannt ist, war ihm weder bei der Kritik („Wir raten ab!“, schrieb der Katholische Filmdienst gewohnt apodiktisch) noch beim Publikum Erfolg beschieden und nach einer frühen Fernsehauswertung galt er 40 Jahre lang als ebenso verschollen wie Katrins Ehemann. Erst 2002 tauchte er wieder auf und liegt heute dank des verdienstvollen Labels „Filmjuwelen“ in schöner DVD-Edition vor, die jeder im Schrank stehen haben sollte. Dass dieser Film seinerzeit entstehen konnte (nach einem Hörzu-Fortsetzungsroman), war wohl nicht zuletzt dem Erfolg der Edgar-Wallace-Krimis zu verdanken: In Titel, Besetzung (Kinski, Grothum, Borsche, Brockmann) und Sujet bemühte man sich redlich, Parallelen zu der immens erfolgreichen Serie herzustellen. (Ein alternativer Bootlegtitel lautet sogar EDGAR WALLACE: DAS GEHEIMNIS DES ROTEN BAUMSTAMMES, was nun überhaupt nichts mit dem Film zu tun hat.) Fraglich, ob man dem Film damit nicht eher einen Bärendienst erwies, denn wer damals in Erwartung eines schaurig-schönen Krimis ins Kino ging, musste sich fast notgedrungen enttäuscht sehen. Schleifs Film ist ein durchweg ernstes, in der tristen bundesrepublikanischen Realität des Jahres 1962 angesiedeltes Psychodrama, das sich um Empathie und Verständnis für seine tragische Hauptfigur bemüht und dabei keinerlei Interesse an grellem Schange hat.

Kinskis Protagonist, dessen richtiger Name Josef Stief lautet, ist nicht nur ein Gefangener seiner eigenen Fantasien, über die er die Kontrolle verliert, sobald er eine rote Korallenhalskette erblickt, sondern auch einer Umwelt, die noch keinen Weg gefunden hat, mit ihm umzugehen. Sein Arzt, Professor Lindner (Dieter Borsche), wusste sich nicht anders zu helfen, als jede Erinnerung Josefs an seine Taten auszulöschen und ihn einzusperren. Die so friedliche Dorfgemeinschaft verwandelt sich in einen entfesselten Lynchmob, kaum dass sie weiß, wer sich da in ihrer Mitte niedergelassen hat. Auch die Polizei scheint nur auf seine Flucht gewartet zu haben, um das „Monster“ endlich umbringen zu können. So beginnt eine gnadenlose Hetzjagd, an deren Ende dem jungen Mann, der doch gar nichts Böses wollte, nichts anderes übrig bleibt, als zu dem Ort zurückzukehren, den er so sehr hasst: Am Schluss steht er vor der Pforte der Heilanstalt, aus der er zu Beginn geflohen war und in die er nie zurück wollte, und weist sich selbst ein. „Nummer 327“, antwortet er dem Pförtner auf die Frage, wer er ist, sein trauriges Schicksal in letzter Konsequenz annehmend. DER ROTE RAUSCH ist der Film einer Niederlage. Einer Niederlage für Josef und für die Menschlichkeit.

Schleifs Film zeichnet sich natürlich durch seinen Hauptdarsteller aus, der hier zum ersten Mal in einer Hauptrolle erahnen ließ, wozu er fähig war: Kinskis Josef ist ein verletzlicher, sensibler, verstörter Mann, ein Kind im Körper eines Erwachsenen, völlig orientierungslos in der Welt und ohne die Möglichkeit, sich irgendjemandem anzuvertrauen: Er weiß ja selbst nicht, wer er ist. Kinski wirft sich in diese Rolle, geht ganz in ihr auf, ja, verschwindet geradezu in ihr. Der Berserker mit dem gefährlichen Funkeln in den Augen, den vor allem Herzog immer wieder aus ihm herauskitzelte, der aufgedunsene Popanz seiner letzten Lebensjahre, er ist hier noch gänzlich abwesend. So wird DER ROTE RAUSCH zu einem bewegenden Film über Toleranz und Nächstenliebe, menschliche Qualitäten, die besonders da auf dem Prüfstand stehen, wo sie nicht mit Kusshand zu vergeben sind, sondern auf innere Widerstände stoßen. Gerade der, der am meisten Hilfe braucht, dem wird sie mit voller Härte entzogen, ja, der darf sich nur unseres Hasses gewiss sein. Eine bittere Lektion, die auch heute noch ohne Abstriche ihre Gültigkeit besitzt, wie man sehr leicht in hetzerischen Boulevardblättern nachlesen kann, wenn dort wieder einmal aufgefordert wird, einem „Kinderschänder“ die Eier abzuschneiden oder ihn am besten gleich am nächsten Baum aufzuknüpfen.

Was mir aber am besten an DER ROTE RAUSCH gefallen hat, das ist sein absolut ungewöhnliches Setting und sein starker sense of place. An einem nicht näher lokalisierten Ort an der noch recht jungen innerdeutschen Grenze angesiedelt, zehrt Schleifs Film von einer fast außerweltlichen Atmosphäre. Der Nebel schließt das in einem anscheinend unendlichen, unwirtlichen Flachland liegende Dorf ganz ein, schneidet es vom Rest der Welt vollkommen ab. Irgendwo hinter dem wogenden Schilf und hinter dem See (den man nie sieht) liegt irgendwo das, was von allen nur als das „Drüben“ bezeichnet wird. Angst schleicht sich in ihre Stimmen, wenn sie von diesem Drüben sprechen, von wo es keine Rückkehr zu geben scheint – nur Josef, der hat es wie durch ein Wunder geschafft. DER ROTE RAUSCH gewinnt so eine allegorische Kraft, die seine Geschichte eines singulären Schicksals plötzlich zu einer ganz allgemeingültigen Aussage über das Miteinander des Menschen macht.

In die Pagode des in China lebenden reichen Briten Joe Bray (Fritz Tillman) wird eingebrochen. Die chinesischen Täter versuchen, die „gelbe Schlange“ zu entwenden, ein wertvolles Relikt, werden aber von Brays Stiefsohn Clifford Lynn (Joachim Fuchsberger) daran gehindert. Er vermutet Brays Sohn Fing-Su (Pinkas Braun) und dessen Geheimorganisation „Die freudigen Hände“ dahinter, für die die Schlange das Symbol der Weltherrschaft ist. Zunächst reist Clifford nach London, wo er Joan Bray (Brigitte Grothum), die Pflegetochter von Joes Neffen Stephen Narth (Werner Peters) heiraten soll. Narth steht mit 50.000 Pfund bei Major Spedwell (Charles Regnier) in der Kreide und erhofft sich durch die Heirat eine rettende Finanzspritze. Wenig später taucht Fing-Su in London auf und bietet Narth seinerseits das Geld für Joan an, um ihn gefügig zu machen. In Wahrheit hat er aber noch finsterere Pläne: Er will mit seiner Organisation eine chinesische Weltherrschaft errichten …

DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE wurde von Artur „Atze“ Brauners CCC-Film produziert – aufgrund der streitbaren Geschäftspraktiken Brauners als „Cahle Ciemlich Cögerlich“ verballhornt – und startete Anfang des Jahres 1963 in den deutschen Kinos. Da auch Brauners Film, wie die Konkurrenztitel der Rialto, unter dem Siegel des Constantin-Verleihs erschien, konnte Brauner auf viele Exklusivstars von deren Wallace-Reihe zurückgreifen. Sein Film wurde sogar von den blutroten „Einschüssen“ und der bekannten Grußformel eröffnet. Regisseur Franz Josef Gottlieb feierte seine Wallace-Premiere und inszenierte nur wenige Monate später DER SCHWARZE ABT für die Rialto, der den Erfolg von DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE noch übertreffen sollte. Doch trotz all dieser gewollten Gemeinsamkeiten und Parallelen zu den unter Wendlandts Ägide entstandenen Titeln unterscheidet sich Gottliebs Film Debüt erheblich diesen: Es handelt sich bei DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE weniger um einen Krimi als vielmehr um einen Abenteuerfilm mit Science-Fiction- oder Fantasy-Einschlag, der mit seinem chinesischen Schurken und dessen Weltherrschaftsplänen deutlich an die Fu-Manchu-Filme angelehnt ist.

Es ist dann auch wenig verwunderlich, dass die Kritik entsprechend reagierte, „rassistische Vorurteile“ monierte und im Film-Dienst gar Vergleiche mit Goebbels zog. Das altbackene Geschlechterbild, das der Film seinen Bösewichtern unterjubelte, fiel dabei offensichtlich weniger ins Gewicht: In einer Szene werden Frauen als „Ware“ bezeichnet und mit Finanzposten verglichen, die man beliebig dahin schieben kann, wo sie den größten Gewinn bringen. Auch wenn es richtig ist, solche Dinge anzumerken: Ich tue mich schwer damit, dem Film ein tatsächlich rassistisches oder sexistisches Weltbild zu unterstellen. Gottliebs Problem ist wahrscheinlich, einen kolonialistisch geprägten Stoff ganz unreflektiert in die damalige Gegenwart zu übertragen, aber er ist weit davon entfernt, eine Aussage über die Welt treffen zu wollen. Die chinesische Weltherrschaft und die „gelbe Gefahr“, die er malt, sind ihm kaum mehr als pulpige Klischees, die einen für das damalige Publikum reizvollen Exotismus mit sich bringen. Aber klar: Heute wäre DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE in dieser Form kaum noch denkbar und das ist auch ganz gut so.

Was Gottliebs Film strukturell von den Rialto-Wallaces unterscheidet, ist der Verzicht auf einen zweiten Handlungsstrang: In den von Wendlandt produzierten Filmen gab es ja immer zwei parallel agierende Schurkenparteien mit vollkommen unterschiedlichen Motivationen, hier dreht sich alles um die finsteren Pläne Fing-Sus und auch das Gerangel um Joan ist nur ein Aspekt seines Coups. Obwohl DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE wahrscheinlich mit ganz ähnlichem Produktionsaufwand verbunden war wie die Konkurrenzprodukte, wirkt er aufgrund dieser Tatsache doch kleiner, übersichtlicher, weniger verspielt und abwechslungsreich. Er ist zumindest auf den ersten Blick ein wenig eindimensional. Doch dieses Nebeneinander der kleinen und der großen Auswirkungen von Fing-Sus Treiben – die politische Dimension seines Tuns auf der einen und das individuelle Schicksal Joans auf der anderen Seite – sorgt für ein interessantes Spannungsverhältnis und erdet den Film trotz seines reichlich absurden Inhalts. Dem innerhalb des Films sehr abstrakt und diffus bleibenden Plan Fing-Sus wird mit Joans Schicksal etwas ganz Konkretes, Menschliches gegenübergestellt, das gerade vor diesem megalomanischen Hintergrund besonders stark wirkt. Hier zeigt sich im Gewand eines stulligen Pulp-Films plötzlich sehr deutlich und klar, wer die eigentlichen Leidtragenden sind, wenn Männer ihre idiotischen Machtspielchen spielen. Ähnliches gilt für den Bruder- und Vaterkonflikt, der sich zwischen Clifford, Fing-Su und Joe entspinnt: Er lädt die Geschichte noch zusätzlich auf und verleiht ihr eine beinahe parabelhafte, mythische Qualität (lustigerweise hat mich das alles ein wenig an Isaac Florentines NINJA erinnert). Wenn Fing-Su am Ende von seinem Vater wie ein kleiner Junge zur Rede gestellt und zurechtgewiesen wird, bekommt der größenwahnsinnige Teufel plötzlich ein ganz menschliches Gesicht, erinnert Gottlieb daran, dass auch noch der größte Despot Sohn eines Vaters ist. Das alles hebt DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE positiv aus dem homogenen Korpus der Wallace-Filme heraus und macht ihn auch heute noch sehenswert. Ich kenne beileibe nicht alles aus Gottliebs umfangreichem Schaffen („Gott sei Dank“, möchte ich mit Blick auf seine Filmografie hinzufügen), aber dieser hier dürfte ohne Frage zu seinen besten Leistungen zählen.

London wird von einem Killer unsicher gemacht: Da er als Taucher unterwegs ist und seine Opfer bevorzugt mit der Harpune erlegt, gibt man ihm den Spitznamen „Hai“. Die Ermittlungen führen Inspektor Wade (Joachim Fuchsberger) in die am Ufer der Themse gelegene Mekka-Bar, die von der Sängerin Nelly Oaks (Elisabeth Flickenschildt) geführt wird. Sowie sie, als auch ihre Pflegetochter Leila (Brigitte Grothum) und der mysteriöse Gewürzhändler Gubanow (Klaus Kinski) scheinen etwas zu wissen, verschweigen es aber. Während der Hai weitere Opfer fordert, findet Wade heraus, dass Leila möglicherweise die verschwundene Tochter einer vor Jahren bei einem Brand ums Leben gekommenen, reichen Familie ist und die um ihr Wohl so besorgte Nelly, die sie schnellstmöglich an den Schiffskapitän Brown (Heinz Engelmann) verheiraten will, vor allem nach ihrem Erbe trachtet …

Auf DAS GASTHAUS AN DER THEMSE habe ich mich von allen Wallace-Filmen mit am meisten gefreut. Nicht nur, weil er erneut von Alfred Vohrer inszeniert wurde, sondern vor allem, weil sein Titel, wie schon DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, sofort reiche, detaillierte und stimmungsvolle Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen lässt. Er verheißt genau das, was ich mit den Wallace-Filmen assoziiere: den kalten Londoner Nebel, das schwarze Wasser der Themse, das sich durch die Metropole wälzt, dunkle, unfreundliche Orte, an denen sich Halsabschneider und andere zwielichtige Gestalten tummeln, einen nahtlosen Übergang von weltlichen Verbrechen hin zum Unfasslichen, Unheimlichen. Der Beginn des Films hält dann auch, was der Titel verspricht: In einer dunklen, nebligen Nacht wird ein Whiskeyschmuggler in seinem Ruderboot vom „Hai“ mit der Harpune ermordet. Sein Todesschrei zerreißt die Stille und während sein Leichnam im Bötchen die Themse hinuntertreibt, rückt am Ufer im Hintergrund ein heruntergekommenes Gebäude in den Blick, dessen Leuchtschrift es als „Mekka“ ausweist. Sogleich befinden wir uns im Inneren: Die Grand Dame Nelly Oaks haucht mit dunkler, geheimnisvoller Stimme das Lied „Besonders in der Nacht“, während die Gäste – kräftige Matrosen aus aller Herren Länder, ledergesichtige Säufer und gut gelaunte, leicht bekleidete Damen – sich fast bis unter die Decke des urigen Schuppens stapeln. Das Szenario suggeriert eine aufregende Parallelwelt abseits der touristisch erschlossenen Pfade der britischen Hauptstadt, ein wildere, zügellosere, aber auch eine, die nicht direkt abweisend, sondern eher einladend wirkt. Der hereinplatzende Wade, der sogleich beginnt, alle mit Fragen zu löchern und dabei nicht gerade freundlich ist, mutet auch dem Zuschauer wie ein Störenfried an.

Leider versäumt Vohrer im weiteren Verlauf des Films die Chance, sein wunderbares Setting auszuarbeiten und zu vertiefen, die Grenze zwischen Krimi und pulpigem Groschenheft-Grusel lustvoll zu überschreiten und zu verwischen, wie er das in seinen beiden vorigen Filmen (neben dem bereits genannten DIE TOTEN AUGEN VON LONDON inszenierte er noch DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN) so meisterlich geschafft hatte. DAS GASTHAUS AN DER THEMSE bleibt ganz in der Sphäre des Realen verhaftet und zahlreiche Szenen bei Tageslicht zerstören auch das Bild der Mekka-Bar als  dunkles, von Leidenschaften und Lüsten bestimmtes Reich: Sie ist eben doch nur eine ganz normale Pinte mit ein paar kriminellen Bediensteten. Aber da ist noch etwas anderes, was mich an diesem Film etwas enttäuscht oder gestört hat. Im Gegensatz zu den anderen Wallace-Filmen, die ihre eigentlich recht banalen Kriminalfälle stets mit einer Vielzahl an Verdächtigen, potenziellen Tätern und Opfern sowie skurrilen Randfiguren vollstopften, bis man hoffnungslos den Überblick verloren hatte, ist DAS GASTHAUS AN DER THEMSE geradezu aufgeräumt. Das Gothisch-Ornamentale, das die Reihe sonst auszeichnete, geht ihm weitestgehend ab, stattdessen wirkt er in seinem Handlungsverlauf deutlich moderner und, ja, auch realistischer. Die Suche nach dem Killer, die Frage nach seiner Identität und sogar seine Erscheinung erinnern am ehesten noch an den ersten der Rialto-Wallace-Filme, DER FROSCH MIT DER MASKE, der seinerseits eine geradlinige Räuberpistole erzählte und sich viele der später unverzichtbaren Marotten noch verkniff. Der hatte mir sehr gut gefallen, sodass meine milde Enttäuschung über DAS GASTHAUS AN DER THEMSE vielleicht unberechtigt ist. Vohrer hatte die Messlatte mit seinen beiden vorigen Filmen eben recht hoch gelegt und so fehlte mir an seinem dritten Beitrag zur Reihe einfach das Besondere, das Ausgefallene, das expressiv-exzessive Element. Hier gibt es weder eine andächtig Beethovens Fünfter lauschende Blindenschar, einen grunzenden, hünenhaften Killerfettsack, unsagbare Verbrechen in dunkeln Gewölben und auch keinen Mad Scientist mit Menschenaffe im Kellerverlies und irrwitzigen Weltbeherrschungsplänen. Es geht eben nur um ein paar Kriminelle, die einem unschuldigen Mädchen die Erbschaft abjagen wollen. Nachdem DAS GASTHAUS AN DER THEMSE so verheißungsvoll begonnen hatte, fand ich diese Enthüllung dann eher ernüchternd. Zu einem auch nur annähernd schlechten Film ist Vohrer aber natürlich nicht in der Lage. Vielleicht bewerte ich den Film deshalb beim nächsten Mal schon ganz anders.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (10. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (6.), Klaus Kinski (5.), Hans Paetsch, Friedrich G. Beckhaus und Jan Hendriks (3.), Brigitte Grothum, Elisabeth Flickenschildt, Hela Gruel, Siegfried Schürenberg, Rudolf Fenner, Manfred Greve, Gertrud Prey, Joachim Wolff und Frank Straass (2.). Regie: Alfred Vohrer (3.), Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (6.), Harald G. Petersson (2.) und Gerhard F. Hummel (2.), Musik: Martin Böttcher (2.), Kamera: Karl Löb (4.), Schnitt: Carl Otto Bartning (2.), Produktion: Horst Wendlandt (8.). 
Schauplatz: London, Scotland Yard, das Themseufer, die „Mekka-Bar“, die Londoner Kanalisation. Gedreht wurde in Hamburg.
Titel: Bezieht sich auf die Mekka-Bar, die im Zentrum der Ermittlungen steht. Zum dritten Mal taucht ein geografischer Bezug im Titel auf.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Wade und Damsel in Distress Leila Smith.
Schurke: Zuerst natürlich der „Hai“ sowie um ihn herum eine größere Gruppe zwielichtiger Gestalten, darunter die Kneipenbesitzerin Nelly Oaks sowie ihre Partner Roger Lane und der Kapitän Mr. Brown.
Gewalt: Morde durch Harpune, eine Unterwasser-Erdrosselung, Selbstmord durch Gift.
Selbstreflexion: Der Film eröffnet zum ersten Mal mit der Off-Stimme, die verkündet: „Hier spricht Edgar Wallace!“. Kinskis Rollenname ist mit dem Geburtsnamen des Produzenten Horst Wendlandt identisch.