Mit ‘Brigitte Horney’ getaggte Beiträge

Vor Jahrzehnten gebar die wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt inhaftierte Amelia (Heidemarie Hatheyer) im Gefängnis den Sohn ihres verstorbenen Gatten, der ihr sofort abgenommen wurde. Heute lebt sie als Ehefrau des tyrannischen Landbesitzers Caleb Gare (Ewald Balser) und hat mit ihm zwei Töchter, Judith (Marisa Mell) und Ellen (Gertraud Jesserer), in der kanadischen Provinz Manitoba. Judith ist in den Cowboy Sven Sandbo (Horst Janson) verliebt, doch die Beziehung zu ihm ist Vater Caleb ein Dorn im Auge, verpasste ihm Svens Vater doch einst eine Kugel ins Bein. Die eh schon mehr als angespannte Atmosphäre im Hause des Patriarchen droht endgültig überzukochen, als ein Landvermesser namens Mark Jordan (Hans N. Neubert) auftaucht und sich in Judith verliebt. Amelia weiß, um wen es sich bei dem jungen Mann handelt …

RUF DER WILDGÄNSE ist in der Heimatfilm-Edition von Filmjuwelen erschienen und wird auf dem Backcover als Adaption von John Knittels berühmtem Roman „Via Mala“ ausgegeben. Während ersteres nur fragwürdig ist, ist letzteres schlicht falsch: Hans Heinrichs Film basiert auf dem Roman „Wild Geese“ der aus Norwegen stammenden US-amerikanischen Schriftstellerin Martha Ostenso, deren bewegtes Leben sie eben auch nach Manitoba führte. „Wild Geese“ erschien 1925, erntete große Anerkennung, wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt heute als herausragender Vertreter des kanadischen Realismus. Ob der Verleih mit seinem „Via Mala“-Hinweis hier schlicht geschlafen hat oder sich von der Erwähnung des in Deutschland ungleich bekannteren Romans größere Verkäufe versprach, sei mal dahingestellt. Vielleicht schwindelte man auch bloß, um die aus der Not geborene Kategorisierung als Heimatfilm mit „Fakten“ zu unterfüttern (in das Abenteuer- oder Historiensegment hätte der Film kaum besser gepasst), ist aber noch halbwegs nachvollziehbar und wirft einige interessante Fragen auf: Ist der Heimatfilm das deutsch-österreichische Äquivalent zum Western, den man umgekehrt durchaus als US-amerikanischen Heimatfilm bezeichnen könnte? Die Geschichte um die von der patriarchischen Vaterfigur geknechten Frauen ließe sich ohne Schwierigkeiten auch in die Bergwelt der Alpen verlagern, und die Besetzung der Amelia mit der Österreicherin Heidemarie Hatheyer macht die Vergleiche mit Rudolf Jugerts sehr ähnlichem Film DER MEINEIDBAUER fast unumgänglich. Letztlich ist die Beantwortung der Frage, in welche Schublade man einen Film denn nun am ehesten einsortieren kann, aber nicht nur müßig, sondern höchst unbedeutend, wenn nicht gar respektlos. Zumal RUF DER WILDGÄNSE sich solchen Zuschreibungen sowieso höchst störrisch widersetzt. Eine an Originalschauplätzen gedrehte österreichische Verfilmung eines kanadischen Romans? Der Mut, ein solches Projekt zu verwirklichen, hat Respekt verdient – erst recht, wenn das Ergebnis so ausfällt wie hier.

Hans Heinrich verfolgt keinen geradlinigen Plot, vielmehr scheint er immer wieder von der eindrucksvollen kanadischen Landschaft oder seinen Charakteren abgelenkt zu werden. RUF DER WILDGÄNSE ist gleichermaßen kompakt wie er seltsam diffus bleibt. Der zentrale Konflikt – eigentlich eine Vielzahl von Konflikten – wird nicht sauber aufgelöst, der Film läuft nicht auf den einen Endpunkt zu, stattdessen befasst sich Heinrich mit dem inneren Kampf der von Caleb unterdrückten Frauen, ihrem Hadern mit einer Entscheidung, dem langsamen Heranreifen der Gewissheit, das Schicksal in die eigene Hand nehmen zu müssen. Am Ende gelingt das Judith als erster, sie durchbricht die Herrschaft des Vaters, wahrscheinlich für immer, aber Heinrich gibt keine Antwort auf die Frage, was mit ihm, mit Amelia und Ellen weiter passiert Es geschieht viel in RUF DER WILDGÄNSE, aber nur wenig davon gerichtet und intendiert. Handlung vollzieht sich eher an den Figuren, weniger durch sie: Auch Judith ergreift „nur“ die Flucht, sucht nicht die Konfrontation. Das alles führt dazu, dass man RUF DER WILDGÄNSE beiwohnt wie ein Wanderer, der von einem erhöhten Standort die sich ihm zu Füßen ausbreitende Landschaft bewundert. Und Heinrich ist ein guter Landschaftsgärtner: Vor allem die sexuellen Spannungen, die da im Hause Gare Wellen schlagen, fängt er gut ein (es hilft ihm natürlich, dass Marisa Mell geradezu vibriert vor unerfüllter Lust). Ziemlich zu Beginn erzählt Judith von einer Bärenfamilie, die immer mal wieder die Vorratskammer plündere und die Marmeladentöpfe ausschlecke. Und der brave Mark, der mehr als nur ein Auge auf die Schönheit geworfen hat, antwortet höchst eindeutig, dass er es ihnen gern einmal gleichtäte. Später gibt es eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Judith und ihrem Vater, bei der sie ihn nur knapp mit dem Beil verfehlt. Und als Antwort darauf bindet er sie, sadistische Dominanz ausstrahlend, mit einem Seil in der Scheune fest. Gibt Ewald Balser den Patriarchen als unverrückbaren Fels in der Brandung, als unbarmherzigen Popanz, zerfließt Heidemarie Hatheyer neben ihm in passiver Leidensfähigkeit, als Gesicht der Reue und Selbstbestrafung. In diesem Kontrast und dem jugendlichen Dazwischenpreschen von Sven, Mark und Judith zeichnet sich – wenn man RUF DER WILDGÄNSE eben als Western, als Pioniergeschichte begreift – auch das Voranschreiten von Geschichte ab, nicht als zielstrebig, zwechkgerichtet, hegelianisch, sondern im Wesentlichen als von menschlichem Begehren und Schmerz bestimmt.

Episode 031: Hals in der Schlinge (Alfred Vohrer, 1977)

Die erwachsenen Geschwister Heli (Helga Anders) und Ingo (Willi Kowalj) erleben eine böse Überraschung, als sie eines Abends nach Hause kommen: Ihr Vater hat sich auf dem Dachboden erhängt. Auch wenn alles auf einen Suizid hindeutet, ist Helga davon überzeugt, dass es sich nur um Mord handeln kann, und bittet Derrick, entsprechende Ermittlungen aufzunehmen. Der Oberinspektor ist beeindruckt von der Beharrlichkeit der jungen Frau und stößt schon bald auf erste Widersprüchlichkeiten: Niemand im Bekanntenkreis des Toten will irgendwelche Anzeichen einer Depression bemerkt haben, das Seil wurde mit einem professionellen Seemannsknoten geknüpft, die geschäftlichen Probleme, die vom engen Mitarbeiter Ludemann (Peter Fleischmann) als möglicher Grund für die Verzweiflungstat angeführt werden, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so schwerwiegend. Und dann gibt es da jemanden, dem der Tod des Geschäftsmannes sehr gelegen kommt: Der kurz vor dem Konkurs stehende Bauunternehmer Kless (Günter Strack) war nämlich auf ein Baugrundstück angewiesen, das ihm der Tote partout nicht verkaufen wollte …

Nachdem die vorangegangenen Episoden den Rahmen des Formats gehörig erweiterten und die Konventionen bis zum Zerreißen ausdehnten, ist Vohrers „Hals in der Schlinge“ mal wieder „nur“ gutes Krimientertainment. Dennoch ist die Episode über dem Seriendurchschnitt anzusiedeln: Zum einen gefällt die Prämisse mit der sich auch von der Faktenlage nicht einschüchtern lassenden Tochter, die den alten Hasen überzeugt. Es entsteht eine interessante Beziehung zwischen Derrick und Heli, die aufgrund des 50-Minuten-Rahmens zwar nicht tiefer erforscht wird, aber gerade durch diese Vagheit besticht. Sie regt die Fantasie an, lädt dazu ein, sie selbst weiterzuspinnen, vielleicht zu einer Film-Noir-artigen Liebesgeschichte zwischen dem desillusionierten Bullen und der selbstbewussten, rund 20 Jahre jüngeren Frau. Es ist spannend, Derrick dabei zuzusehen, wie er beginnt an sich selbst zu zweifeln, den eigenen Professionalismus zu hinterfragen. In seinem Zweifel schwingt ja implizit das Wissen mit, bei zahlreichen Fällen zuvor möglicherweise nicht hartnäckig genug gewesen zu sein, nicht genug gebohrt, sich zu sehr auf das Vordergründige verlassen zu haben. Ja, „Hals in der Schlinge“ begeistert, weil es eine echte Derrick-Episode ist, eine Episode, die den Titelhelden schärfer konturiert, ihm mehr Platz einräumt, ihn als Charakter greifbarer macht und noch einmal die Essenz der Show herausarbeitet. Angestachelt von Heli, entwickelt Derrick einen neuen, heißen Furor gegen die Arrivierten, die Bonzen mit ihren Villen, die sich auf der Jagd nach immer mehr Geld und bei der Erfüllung ihres bedingungslosen Wunschs nach eigenem Vorwärtskommen ganz selbstverständlich über das Leben anderer hinwegsetzen und dabei noch nicht einmal Reue empfinden, Schuldbewusstsein entwickeln. Derrick ist wütend, er ist sehr wütend in dieser Episode und noch weniger als sonst macht er gegenüber den ätzenden Kapitalisten einen Hehl daraus, dass er sie verachtet. Das ist einfach großartig anzusehen.

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Bildschirmfoto 2014-01-29 um 21.37.35Episode 032: Eine Nacht im Oktober (Wolfgang Becker, 1977) 

Der Handelsvertreter Steinbrink (Traugott Buhre) kehrt auf einer seiner Touren in einer Diskothek ein: Er ist auf der Suche nach einem jungen Mädchen, mit dem er die Nacht verbringen kann. Es gelingt ihm, die hübsche Rosy (Iris Berben) dazu zu überreden, zu ihm ins Auto zu steigen. Wenig später liegt sie mit mehreren Messerstichen ermordet vor dem Eingang zum Haus ihres Arbeitgebers, des Anwalts Dr. Lechner (Bernhard Wicki). Derrick und Klein können den verdächtigen Steinbrink anhand von Zeugenbeschreibungen festnehmen, doch der Mann schwört, das Mädchen lebend aus dem Auto gelassen zu haben. Auffallend ist das Engagement von Dr. Lechner: Der scheut keine Mühen, um angebliche Beweise für die Schuld Steinbrinks heranzuschaffen. Die Ermittlungen nehmen eine Wendung, als Derrick erfährt, dass Lechner eine von seiner Gattin (Ella Büchi) geduldete Liebesbeziehung zu Rosy unterhielt. Und auch Lechners Mutter (Brigitte Horney) scheint etwas zu verschweigen …

Wolfgang Becker inszenierte mit dieser Episode einen echten „Sleeper“ oder auch einen „Grower“, wie man in polyglotten Kreisen vielleicht sagen würde: „Eine Nacht im Oktober“ scheint zunächst relativ konventionell zu verlaufen – eine ganz gewöhnliche Serienfolge eben. Selbst die obligatorisch „überraschende“ Wendung der Ereignisse folgt auf den ersten Blick nur der dramaturgischen Konvention. Doch dann entfaltet sich ganz unterschwellig eine Dimension des moralischen Verfalls, dessen Ausmaße auf den ersten Blick kaum zu erfassen sind. Der letzte Ton der bekannten Titelmelodie ist längst verklungen, da wirkt „Eine Nacht im Oktober“ immer noch nach. Man muss ein wenig Geduld haben mit dieser sehr „hecklastigen“ Folge: Schon nach 20 Minuten fragte ich mich konsterniert, was da eigentlich noch kommen sollte. Mit Steinbrink ist der vermeintliche Mörder schneller als erwartet gefasst, trägt mit seinem unerträglichen verbalen Rumlavieren nicht gerade dazu bei, den berechtigten Verdacht zu entkräften. Wenn dann Lechner auf den Plan tritt, wird Steinbrink vom Drehbuch fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, und das Spiel um die Überführung des Mörders geht von vorn los. Doch plötzlich verändert sich der Blick: Die Bilder werden künstlicher, ausdrucksstärker, bilden nicht mehr bloß Faktisches ab, sondern zeigen gerade das eigentlich Unsichtbare. Mit Lechners Mutter, von Brigitte Horney mit der ihr eigenen eisig-aristokratischen Autorität interpretiert, tritt eine Figur auf, die wie ein Blitz in den behäbigen Fernsehkrimi einschlägt. Plötzlich zerreißt der Dunst und sie kommt wieder zum Vorschein, die feine Gesellschaft, die unter ihrer auf Hochglanz polierten Fassade bis ins Mark verrottet ist. Autor Herbert Reinecker, um Kritik an der hohen deutschen Bürgerlichkeit bisher eh nicht verlegen, zeichnet eine besonders verschlagene Familienbande, die jedem Gothic-Horrorfilm zur Ehre gereichte. Doch natürlich sind diese feinen Herren und Damen viel zu schlau, als dass sie sich die Hände wirklich selbst schmutzig machten. Die Enthüllung des Mörders ist zunächst eine Enttäuschung, ein Unterlaufen der nun immens geschärften Erwartung. Man sollte sich davon nicht täuschen lassen: Das bürgerliche Gebälk ist bereits so zerfressen, dass es mit einem lauten Krachen in sich zusammenstürzen und alle mitreißen wird. „Eine Nacht im Oktober“ ist dann aber schon zu Ende.

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Bildschirmfoto 2014-02-06 um 19.17.54Episode 033: Offene Rechnung (Alfred Vohrer, 1977)

Fünf Rentner – vier Männer, eine Frau – stehen dicht gedrängt auf einem U-Bahnsteig. Einer von ihnen ist verwundet, wird von den anderen gestützt, immer wieder zum Durchhalten ermuntert. Es dauere nicht mehr lange, versichern sie ihm, dann sind sie bei einem Arzt. Ein durchgeblutetes Tuch wird durch ein frisches ausgetauscht. Die umstehenden Passanten wenden sich angewidert ab: So alt und dann so besoffen, sagt einer, nicht ahnend, dass sich vor seinen Augen ein Drama um Leben und Tod abspielt. Nach der Bahnfahrt wird ein Taxi benötigt, doch nirgends ist eins in Sicht. Kurzentschlossen knackt einer der Männer ein Auto und alle brausen davon. An ihrem Ziel, dem Altenheim angekommen, legen sie ihren verwundeten Freund ab, schleichen sich ins Haus und alarmieren den Pförtner. Doch als der nach dem auf dem Boden liegenden Mann schaut, ist der schon tot …

Trist und herbstlich waren bisher fast alle DERRICK-Episoden: Dunkle Erdtöne dominieren meist ihre Farbpalette, thematisch drehen sie sich fast immer um das beengende Klima der Bürgerlichkeit, flankiert von konservativen Moralvorstellungen einerseits und hemmungslosem Egoismus andererseits. Im Zentrum steht oft der Konflikt zwischen den Bonzen und ihrem Streben nach Mehr und dem „kleinen Mann“, der durch und durch ersetzbar, zweitrangig ist, gnadenlos aus dem Weg zum vermeintlichen Glück geräumt wird, wenn er selbigen durch seine bloße Anwesenheit versperrt. „Offene Rechnung“ sublimiert dieses Thema, hebt es auf eine andere gesellschaftliche Ebene: Vohrer beleuchtet, wie die Alten, die nicht mehr leistungsfähig sind, aufgebraucht sozusagen, beiseite geschafft werden, wie man von ihnen erwartet, sich still und folgsam in ihr Schicksal zu fügen, das ein reines Warten auf den Tod ist. Wie man ihnen die Selbstständigkeit und Autonomie abspricht, wie man von ihnen verlangt, jedes Streben nach Glück und Erfüllung aufzugeben, sich in das ihnen zugedachte Dasein am Rande der Gesellschaft zurückzuziehen und dafür auch noch dankbar zu sein. Der Heimleiter (Alf Marholm) behandelt sie wie kleine Kinder oder sogar Haustiere, scheucht sie mit einem Händeklatschen vom Flur in ihre Zimmer, wie man das mit ungezogenen Hunden macht, und rechtfertigt sein Verhalten damit, dass es ihm doch nur darum gehe, zum reibungslosen „Ablauf“ ihrer verbleibenden Zeit beizutragen. Er sagt das, als handele es sich dabei um einen rein bürokratischen Akt, als betrachte er sie als verbrauchte Ware, die mit möglichst wenig Aufwand abgewickelt werden muss. Aber die Protagonisten dieser Episode wollen sich nicht damit abfinden, dass ihr Leben schon zu Ende sein soll und ergreifen die Initiative, machen gemeinsame Sache mit professionellen Einbrechern, stürzen sich in ein Abenteuer und bessern sich dabei ihre kärgliche Rente auf. Wenn man kein Geld hat, verkümmern die Flügel, sodass man nur noch auf der Stelle flattern kann, erklärt Berger (Rudolf Platte), der aufmüpfige Anführer der greisenhaften Outlaws. Geld lässt die Flügel wachsen, es hilft dabei, sich frei bewegen zu können. Er strahlt, während er das sagt, lebt auf, vergisst das gefängnisartige Altersheim, in dessen verwildertem Garten die Rentner ziellos umherirren wie Gespenster. Aber natürlich ist auch das nur eine Flucht, das Anprobieren eines Kostüms, das einfach nicht richtig passen will, so sehr man den Bauch auch einzieht. Es war schön, so lange wie es gedauert hat. Aber ob es den Tod ihres besten Freundes wert war? Am Ende gestehen sie in Derricks abgedunkeltem Büro ihre Schuld. Und lösen sich beinahe auf dabei, versinken mit ihren fahlen Gesichtern im Schwarz der Schatten.

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Bildschirmfoto 2014-02-07 um 18.40.53Episode 034: Tod des Wucherers (Zbynek Brynych, 1977)Bildschirmfoto 2014-02-07 um 18.54.37

Minsch (Peter Kuiper) lockt leichtgläubige Menschen via Zeitungsanzeigen mit dem Angebot günstiger Darlehen, um sie dann eiskalt mit mörderischen Zinsen abzuzocken. Klar, dass so ein Mensch Feinde hat, zumal er auch im Umgang nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse ist. Sein Buchhalter, der ängstlich-schüchterne, hypernervöse Erich Winterhammer (Gerd Baltus) muss unter seinen Launen genauso leiden wie die Auszubildende Hilde Hensch (Agnes Dünneisen), für die Winterhammer zarte Gefühle entwickelt. Als beide von Erledigungen zurück ins Büro kommen, finden sie nur noch die Leiche ihres Chefs vor, ein großer Geldbetrag wurde entwendet. Trauer über den Tod Minschs empfindet noch nicht einmal dessen Ehefrau (Ida Krottendorf), die noch am Abend seines Todes gemeinsam mit ihrer Mutter und einigen Freunden ein rauschendes, ausgelassenes Fest feiert. Derrick und Klein sind erstaunt über diese Ausgelassenheit. Während sich ihr Verdacht angesichts dieser Freude auf die Familie des Verstorbenen richtet, nimmt Winterhammer Hilde zu sich auf und kauft ihr ein Geschenk nach dem anderen …

Es ist keine allzu große Überraschung, dass die bis hierhin mit Abstand beste DERRICK-Episode auf das Konto von Zbynek Brynych geht. „Tod des Wucherers“ vereint alle Stärken seiner Regie und birst nahezu vor geballter Unfassbarkeit. In der schieren Anhäufung bizarrer Figuren, Plotentscheidungen und Bilder sprengt Brynych nicht nur den Rahmen einer Krimiserien-Episode, er macht so manchem Spielfilm Konkurrenz in Sachen Kreativität und Fantasie. Die Irritation beginnt schon mit dem brillanten, beinahe agitatorisch zu nennenden Titel: Der Begriff „Wucherer“ ruft Assoziationen zu mittelalterlichen Lynchmobs hervor, sofort sieht man karikaturesk verzerrte Gierschlünde mit scharfen Krallen und schwarz funkelnden Augen vor sich, die die armen Menschen aussaugen wie Vampire (vielleicht liegt es an mir, aber ich musste sofort an antisemitische Klischeefiguren wie Shakespeares Shylock denken). Peter Kuiper verkörpert den Wucherer dann auch mit Verve, verzeichnet ihn zur bösartigen Märchenfigur, die keinerlei Emotionen jenseits von Zorn und Schadenfreude kennt: ein Mensch, der es sich in der Niedertracht gemütlich gemacht hat. (Kuiper referenzierte seine eigene Glanzleistung ca. acht Jahre später mit der Rolle des Kredithais in OTTO – DER FILM.) Ihm gegenüber ist Winterhammer der tragische Clown, ein Mann, der zum Opfer geboren ist, ein menschgewordener Fußabtreter. Selbst Derricks Geduld wird von dessen Verpeiltheit massiv überstrapaziert, er kommt angesichts all der kleinen Pannen und Unsicherheiten gar nicht mehr aus aus dem Augenrollen raus. Doch das Erstaunen über die Irrwege der menschlichen Natur hört für die beiden Kriminalbeamten Derrick und Klein bei Winterhammer nicht auf: Im Hause Minschs begegnet ihnen das bürgerliche Grauen in Form zweier aufgetakelter Damen und ihrer illustren Gefolgschaft aus Anwälten und Ärzten. Alle vereint sie die Freude über den Tod des Halsabschneiders und sie sind sich so sicher über die Legitimität ihrer Empfindungen, dass sie auch vor der Polizei nicht hinterm Berg halten. Wir lernen: Jemand, der Menschen in die Pleite treibt, ist noch schlimmer als ein Mörder. Er ist das Niederste vom Niedersten.

Bildschirmfoto 2014-02-07 um 19.51.55Bildschirmfoto 2014-02-07 um 19.59.13Das faszinierendste Enigma einer durch und durch enigmatischen Episode ist aber die Figur der Hilde Hensch. Vermutet man in ihr zu Beginn die Femme Fatale mit dem Engelsgesicht, die ihren Charme spielen lässt und im Hintergrund die Fäden zieht, scheint sie diesen Verdacht im weiteren Verlauf zu bestätigen, wenn sie sich von Winterhammer aushalten lässt, gibt sie schließlich Rätsel um Rätsel auf: Das kulminiert im Auftritt einer Rockerbande, die sie aus Winterhammers Haus „befreien“ will. Plötzlich holt das fragile Persönchen aus und verpasst dem Rockerchef eine Backpfeife, die sich gewaschen hat und ihn reichlich dumm aus der Wäsche gucken lässt. Sie landet dann zwar doch in der Gewalt der bösen Buben, wird dann aber von Derrick buchstäblich rausgehauen, in einer Szene, in der Brynych ihn wie einen deutschen Dirty Harry inszeniert. Doch auch Hilde trägt einen Schaden davon: Ihr Gesicht wird zerschnitten und ihre letzte Szene zeigt sie mit bandagiertem Antlitz, wie eines der Opfer aus George Franjus LES YEUX SANS VISAGE. Dieser Subplot hat für die Handlung kaum mehr als tangentielle Bedeutung, aber gerade das macht ihn so faszinierend: Die Figur der Hilde erschöpft sich nicht in einem narrativen Zweck, sie geht nicht auf in der Geschichte, sondern führt in ihr ein Eigenleben, das Raum für weitere, kaum weniger spannende Episoden böte. Derricks Triumph über die Rocker bleibt aber das einzige Zeichen handfester männlicher Dominanz in einer Episode, die von undurchsichtigen Frauenfiguren bestimmt wird. Gegen ihren Zorn und ihre Entschlossenheit ist selbst ein Wucherer wehrlos. Winterhammer, der Weichling, hält in seiner chaotischen Wohnung mehrere Vögel in kleinen Käfigen, und hofft nun wohl auch, die schöne Hilde bei sich einsperren zu können. Aber sie ist eben kein kleines Vögelchen, auch wenn sie ebenso zart und fragil aussieht. „Sind sie verheiratet?“, fragt Derrick ihn einmal. Winterhammer antwortet nur wenig überzeugend: „Nein, es hat nie gereicht“. „Das kann ich mir denken“, entgegnet Derrick mit kaum verhohlener Ironie. Der Inspektor ist hier vielleicht der einzige Mann, der etwas zu lachen hat und er tut es ausgiebig, scharf und voller Verachtung für all die Versager und Feiglinge, die aus ihrem Herzen einer Mördergrube gemacht haben. „Tod des Wucherers“ zeigt die Bundesrepublik durch die Brille eines humorvollen, atheistischen, antikapitalistischen Hieronymus Bosch. Man wünschte sich, deutsches Fernsehen sei heute nur noch einmal halb so wild, so geheinisvoll, so irre, so rauschhaft, so erotisch und pervers. Es gäbe keinen Grund zu klagen.

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Episode 036: Das Kuckucksei (Alfred Vohrer, 1977)

Der Transportunternehmer Eberhard Horre (Ralf Schermuly) muss am Telefon mitanhören, wie seine Gattin verstirbt. Sie kann ihm mit ihren letzten Atemzügen noch ihre Adresse mitteilen, eine ihm unbekannte Wohnung, die sie unter ihrem Mädchennamen gemietet hat. Vor Ort findet er sie mit der Polizei ermordet vor. Erste Ermittlungen ergeben, dass sie nebenbei als Prostituierte arbeitete. Horre ist fassungslos und mit ihm seine Familie, eine gruselige Ansammlung von Spießern, die keinerlei Mitgefühl mit dem Opfer zeigen, stattdessen ihrem Zorn über die über sie gebrachte „Schande“ ganz offen Luft machen. Doch für den Mord kommt niemand von ihnen in Frage. Derrick und Klein tappen im Dunkeln, bis sich ein alter Kunde der Toten meldet und berichtet, er würde erpresst werden …

Nach „Tod des Wucherers“ muss Vohrers Episode zwangsläufig abfallen. Sie begibt sich auf vertrautes Terrain, führt wieder einmal in ein zutiefst konservatives bürgerliches Milieu, dessen unmenschliche Abgebrühtheit einen zwangsläufig schaudern lässt. Jeder hier ist ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht, keiner positiven menschlichen Regung fähig. Eine Nutte in ihren Augen ein Mensch maximal dritter Klasse, des Lebens nicht wert. Die Jagd nach dem Mörder wird zweitrangig, weil eigentlich alle Verdächtigen bereuen, es nicht selbst getan zu haben. Als Kontrast zu den eiskalten Spießern – die noch einmal unangenehm und lebhaft daran erinnern, was 30, 40 Jahre zuvor in Deutschland geschehen war – fungiert der Kunde, der die Tote mit ausdrücklicher Erlaubnis seiner behinderten Frau aufsuchte. An Derricks Reaktion merkt man, wie selten ihm solche Offenheit begegnet, wie sehr die Menschen das Handeln anderer nach arbiträren moralischen Leitsätzen bewerten, anstatt die simple Frage nach dem Glück zu stellen. In einem Gespräch auf einem See geht es im Streitgespräch mit dem grausamen Spießervater erneut um die Moral. „Was ist das, ,Moral‘?“, fragt Derrick. Sie interessiert ihn nicht. Und welche Verletzung der Moral sollte überhaupt einen feigen Mord rechtfertigen? Die überraschende Auflösung zeigt wieder einmal: Nur Feiglinge morden und ihr Motiv ist nicht die Moral, sondern die eigene Schwäche. Moral ist nur die willkommene Ausrede.

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Bei den Ermittlungsarbeiten zu einem Raubüberfall fällt Inspektor Thompson (Allan Cuthbertson) in der Abtei bei Schloss Emberday einem Mörder zum Opfer. Sein Kollege Superintendent Cooper-Smith (Stewart Granger) macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Kollegen und kommt dabei dem kriminellen Treiben hinter Klostermauern auf die Schliche. Der ehrbare Nonnenorden ist nämlich vor allem am eigenen finanziellen Wohlergehen interessiert …

In meinem Text zu DAS VERRÄTERTOR hatte ich irrtümlicherweise behauptet, der nicht gerade erfolgreich gelaufene Film stelle die letzte internationale Koproduktion der Wallace-Reihe dar. Bei dieser Behauptung habe ich DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE unterschlagen, der ebenfalls mit britischer Beteiligung und unter Regie des Engländers Cyril Frankel ausschließlich auf der Insel gedreht wurde. Der Film setzt den mit DER BUCKLIGE VON SOHO eingeschlagenen Kurs zumindest formal mit seiner betörenden Farbgestaltung fort: Die Sonne strahlt vom blauen Himmel auf die in quietschbunte Kleider gehüllten Damen hernieder, Innenräume sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet und die Klosterwände künden mit sinnlichem Rosa von der Dominanz des Weiblichen, die auch inhaltlich zum Tragen kommt. Dabei scheint DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE trotz seines melodramatisch anmutenden Titels doch auf den ersten Blick vor allem eine Männersache zu sein: Der distinguierte Stewart Granger (der diesen Film anstelle des geplatzten zweiten Teils von OLD SUREHAND zur Erfüllung seines Vertrages mit Rialto machte) gibt den Charmeur alter Prägung und wickelt die Damen reihenweise um den wohlgebräunten und sorgfältig manikürten Finger, und statt heimtückisch ausgeklügelter Intrigen geht es hier um wenig zimperlich ausgeübte Raubüberfälle. Da kommen schwere Geschütze zum Einsatz, wenn ein in eine gelbe Schutzrüstung gehüllter Eddi Arent – in seinem letzten Wallace-Film zum dritten Mal in Folge in einer Schurkenrolle zu sehen – mit einer Riesenwumme eine Tresortür durchlöchert wie einen Schweizer Käse, während die im Kundenraum Anwesenden von den Verbrechern vergast werden. Doch die Drahtzieherin ist eben eine Frau (Brigitte Horney): Und die räumt Männer, egal ob Helfer oder Feinde, mit einer Gewissenlosigkeit und Entschlossenheit aus dem Weg, dass die gar nicht merken, wie ihnen geschieht. Brigitte Horney ist vollends überzeugend und verleiht ihrer Rolle – wie auch schon in NEUES VOM HEXER – eine Gravitas, mit der zuvor schon Gert Fröbe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE aufzuwerten vermochte.

Aber Frankel geht noch weiter: Der henchman der Räuberbande entpuppt sich am Ende als Trudy (Susan Hampshire), die Tochter der Schlossbesitzerin Lady Emberday (Cathleen Nesbitt), der man nachsagt, schon immer männlicher gewesen zu sein als ihr verweichlichter Bruder Luke (James Culliford). Der schlüpft gern in rosafarbene Fantasiekostüme, tobt mit dem Pappschwert durch den Park oder lässt sich von der Mama bemuttern. Als Trudy enttarnt wird, bricht es aus ihr heraus: Sie wollte immer der Mann sein, der Luke ist, aber offensichtlich nie sein konnte. Die „bösen“ Frauen des Films wollen sich nicht mit der ihnen zugedachten Rolle abfinden, und finden über ihre Verzweiflung und ihren Zorn zu einer Klarheit der Tat, die sie über die Männerwelt triumphieren lässt. Zumindest bis mit Scotland Yard die Ordnungsmacht anrückt und Cooper-Smith die Verhältnisse wieder klarstellt. Er greift dann zum vollkommenen Happy End auch noch die schöne, ganz ins Schema der hilflosen damsel in distress fallende Französin Polly (Sophie Hardy) ab – allerdings nicht, ohne von ihr vorher einen Stuhl über den Schädel gezogen bekommen zu haben. Das alte Machtgefüge der Welt ist in DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE schon gehörig ins Wanken geraten.

Das macht diesen wenig besungenen Beitrag zur Reihe zu einem der interessantesten – eine Tatsache, die er formal leider nicht ganz bestätigen kann. Schwungvoll inszeniert, lässt er den skurrilen Detailreichtum und die Freude am saftigen Effekt und der expressonistischen Überzeichnung, mit denen Alfred Vohrer seine Filme zu veredeln pflegte, vermissen. Cyril Frankel begnügt sich mit sauberer, pragmatisch gestalteter, aber eben auch effektiver Spannungsware, ordnet sich aber trotzdem qualitativ im oberen Drittel der Reihe ein. Guter Film!

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (21. Wallace-Film), Siegfried Schürenberg (11.), Brigitte Horney (2.). Regie: Cyril Frankel (1.), Drehbuch: Derry Quinn (1.), Stanley Munro (1.), Musik: Peter Thomas (14.), Kamera: Harry Waxman (1.), Schnitt: Oswald Hafenrichter (2.), Produktion: Horst Wendlandt (19.), Brian Taylor (1.), Ian Warren (1.)
Schauplatz: Schloss Emberday und das angrenzende Kloster, London. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in London und Umgebung.
Titel: Das zweite „Geheimnis“, zum sechsten Mal ein Farbwort. Das Geheimnis der weißen Nonne bezieht sch auf das Wesen iher kriminellen Tätigkeit.
Protagonisten: Superintendent Cooper-Smith.
Schurke: Die weiße Nonne und ihre zahlreichen Helfer.
Gewalt: Drei Ertränkungen (eine davon in einem Taufbecken), mehrere Tote bei einem Giftgaseinsatz, Erschießungen, einmal Tod durch flüssiges Gold.
Selbstreflexion: