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Interessant: MAN ON FIRE, das Original zu Tony Scotts ziemlich geilem Denzel-Washington-Remake, hätte eigentlich damals schon vom mittlerweile verstorbenen britischen Filmemacher gedreht werden sollen. Die Produzenten machten dann aber einen Rückzieher, weil Scott ihnen noch nicht profiliert genug war – was angesichts der Tatsache, dass der heute völlig vergessene Chouraqui auch nur vier Filme in der Hinterhand hatte, eine etwas seltsame Begründung ist. Ursprünglich waren sogar mal Sergio Leone und Robert De Niro für den Film vorgesehen, bevor dann Scott ins Spiel kam, der die Hauptrolle gern mit Marlon Brando oder Robert Duvall besetzt hätte. Am Ende wurde mit Chouraqui und Glenn eine etwas preisgünstigere Variante gewählt, aber dem fertigen Film tut das keinen Abbruch. MAN ON FIRE war lange Zeit nur schwer erhältlich, einer jener Titel aus den Achtzigerjahren, die damals – wohl auch aufgrund fehlender Superstars – unter dem Radar geflogen waren und die das Pech hatten, dabei keinen Kultstatus eingeheimst zu haben, der so vielen seiner Zeitgenossen mit dem Aufkommen der digitalen Medien einen zweiten Frühling bescherte. Ich war bei meiner jetzigen Erstsichtung ziemlich überrascht, denn ich hatte MAN ON FIRE immer für einen US-Film gehalten. Tatsächlich spielt der Film nicht nur ausschließlich in Italien – gedreht wurde an Originalschauplätzen in Rom, Mailand und am Comer See sowie in Cinecittà -, es handelt sich um eine italienisch-französische Co-Produktion, deren Hauptrollen aber mit einem ziemlich beachtlichen englischsprachigen Cast besetzt sind – der dann aber mit Ausnahme von Glenn nicht allzu viel zu tun bekommt. MAN ON FIRE bildet einen kulturellen Crossover, der ihn schon per se einmal spannend macht: Die Story könnte man als „amerikanisch“ beschreiben, aber die melancholische Stimmung, die die von Gerry Fisher eingefangene Bildwelt zusammen mit dem tollen Score von John Scott evoziert, sind sehr europäisch. Wer einen harten, schnellen Reißer erwartet, dürfte eher enttäuscht werden, zumindest sofern er nicht empfänglich für diese sehr besondere Atmosphäre des Filmes ist oder aber die Bereitschaft mitbringt, sich umzustellen.

Die Geschichte ist der von Scotts Remake – wie könnte es auch anders sein – sehr ähnlich: Der kriselnde Ex-CIA-Mann Creasy (Scott Glenn) wird von einer reichen italienischen Familie angeheuert, die zwölfjährige Tochter Samantha (Jade Malle) zu bewachen. Creasy, der nie eine Tochter hatte, und aus Angst vor einem Versagen davor zurückscheut, emotional zu sehr involviert zu werden, wird schließlich zum engsten Vertrauten und Freund des Mädchens, das von den schwer beschäftigten Eltern stark vernachlässigt wird. Als Verbrecher Creasy das Mädchen förmlich aus den Händen stehlen, zerreißt es ihn fast: Es setzt alles auf eine Karte, um Samantha aus den Händen der Kidnapper zu befreien.

Den Grundstein für diese morbid-melancholische Stimmung, die den Film am ehesten charakterisiert, legt Chouraqui schon in den ersten Sekunden: Der tote Creasy spricht aus dem Jenseits zu uns, während Journalisten und Polizisten in Zeitlupe um ihn herumreiten und Vorhänge wie Trauerschleier im Wind wehen, und er liefert uns die Geschichte seines Schicksals in einer langen Rückblende. MAN ON FIRE ist ein Film über den Tod, das zeigt sich in den Bildern verfallender Renaissance-Villen, durch die ihre Bewohner ziellos schlafwandeln, der maroden italienischen Städte und des Regens, der das bucklige Kopfsteinpflaster zum Glänzen bringt. Der Held ist kein charmanter oder wenigstens positiv exzentrischer Enthusiast, sondern ein widerwilliger Eigenbrötler, der mit jeder Faser seines Körpers zum Ausdruck bringt, dass er sich am falschen Platz fühlt, sich selbst nicht mehr vertraut und das ganze Leben als Enttäuschung und Belastung empfindet. Scott Glenn, dessen Qualitäten eher nicht in ausufernden Gefühlsausbrüchen liegen, sondern in dieser stählernen Unterkühltheit, ist die Idealbesetzung für Creasy, einen Mann, der so viel Scheiße gesehen hat, so viele dreckige Jobs erledigen musste, dass er sich selbst dafür hasst, Und Chouraqui findet einen Inszenierungsstil, die seinem Hauptdarsteller wie auf den Leib geschneidert ist. MAN ON FIRE Ist ein einziger slow burn, ein Film der diesen einen Moll-Akkord so lange und ausdauernd anschlägt, bis er zum hypnotischen Mantra wird. Es dauert lang, bis es zum Rachefeldzug kommt, den der Titel verkündet, und auch dann wird MAN ON FIRE nicht zum krawalligen, temporeichen, kathartischen Spektakel. Die Befreiungsaktion vollzieht sich eher unspektakulär und Creasy walzt nicht mit der Autorität eines Steven Seagal oder Schwarzeneggers durch den Film: Es sind nicht Unbesiegbarkeit und Unverwundbarkeit, die ihn auszeichnen, er ist kein Superheld und man muss ihm sogar unterstellen, dass er arg unvorsichtig und sorglos vorgeht: Ihm ist es einfach scheißegal, was mit ihm passiert, ob er angeschossen oder abgestochen wird. Er wird einfach so lange weitergehen, bis er Samantha gerettet hat. Er hat nichts zu verlieren außer diesem Mädchen.

Chouraqui schuf mit MAN ON FIRE ein Stück Ambient-Action, das in seinem Bereich nicht allzu viel Konkurrenz hat und sehr anmutig auf dem schmalen Grat zwischen Slickness und Dreck wandelt. Man kann die Melodramatik von MAN ON FIRE ganz sicher auch hochgradig kitschig finden, aber ich finde, das der Regisseur nicht zuletzt dank seines Casts sehr gut die Kurve kriegt. Unterschwellig ist das Teil sogar kompletter Wahnsinn: Da agieren Akteure wie Pesci, Pryce, Aiello, Adams oder Shenar in Bit Parts in einem edel aussehenden Prestigefilm, der Mitte der Achtziger aber vollkommen an jedem Publikum vorbeizielte. Geil, dass es ihn gibt.

SHOCK WAVES schiebe ich nun schon seit ziemlich genau zwei Jahrzehnten vor mir her. Grund für die Zurückhaltung waren die doch eher verhaltenen Rezensionen, die den Film stets als eher ereignisarm und für einen Zombiefilm vor allem unblutig bewerteten. Vor allem letzteres war gerade in meiner Jugend noch ein schwer wiegender Makel und im Grunde genommen Ausschlusskriterium. Heute ist das zum Glück anders und da schätze ich an Wiederhorns Film vor allem dieses Understatement, die irgendwie unfreundliche, albtraumhafte, nicht richtig greifbare Atmosphäre, die sein SHOCK WAVES verströmt, und die manch Unbedarfter, dessen Antennen nicht richtig justiert sind, als „Langeweile“ und „Blutarmut“ bezeichnen mag.

Heute werden Nazis im Film ja regelmäßig grotesk überzeichnet und so sehr die realen Vorbilder dies mit ihrer bizarren, Science-Fiction- und Okkultismus-Ansätze verbindenden Philosophie von Menschenzucht und Selektion, den SM-Uniformen und der Vorliebe für schnarrenden Akzent und markige Sprüche auch nahelegen mögen, der Horror, den sie mehr als ein Jahrzehnt lang in Europa verbreiteten, tritt hinter solchem Firlefanz dann doch immer wieder in den Hintergrund. Filme wie der nervige DØD SNØ oder IRON SKY (lieber schneide ich mir was ab, als den zu gucken) benutzen Nazis als popkulturelle Ikonen, die ein diffuses Gemisch unterschiedlicher Signale aussenden: irgendwie komische Typen, mit einem gewissen Stilbewusstsein und einem Hang zu Perversion, One-Liner und creative killings ausgestattet, eine ideale Kombination für die Gorebauern-Schlachtplatte. In SHOCK WAVES kommen die Nazis hingegen deutlich abstrakter, enigmatischer daher: Ja, sie tragen Uniformen, sind allesamt platinblond, gehen ihrem Mordhandwerk mit schweigsamer Effizienz nach und sind das Ergebnis von makabren Experimenten, aber als Witzfiguren taugen sie überhaupt nicht.

Das muss eine Gruppe Schiffbrüchiger erfahren, die auf einer anscheinend verlassenen Insel landen. Ein alter deutscher SS-Mann (Peter Cushing), der einzige Bewohner, klärt sie dort darüber auf, dass die Gewässer um die Insel von dem von ihm im Zweiten Weltkrieg befehligten „Toten Corps“ heimgesucht werden, einer Nazi-Spezialeinheit, die zum Überleben unter Wasser speziell für den U-Boot-Krieg modifiziert wurden. Diese Unterwasser-Nazis, mittlerweile zombifiziert, freuen sich über die neuen Opfer, die sie nun nacheinander zu sich ins nasse Grab zerren. Das ist eine zugegebenermaßen schwer schluckbare Prämisse, die aber genau deshalb funktioniert, weil Wiederhorn sich gar nicht lang damit aufhält, sie weiter zu erklären und vergeblich glaubhaft zu machen. Richtig unheimlich sind die Nazis nicht, dazu ist das Bild ihrer aus dem Wasser auftauchenden Blondschöpfe dann doch etwas zu grell, aber es ist eben die Unterkühltheit und Distanziertheit, mit der sie inszeniert werden, die SHOCK WAVES ausmacht. Die Erlebnisse der Schiffbrüchigen werden als Erinnerung der einzigen Überlebenden in Rückblende erzählt und das legt von Anfang an einen eisigen Schleier über den Film. Die Musik von Richard Einhorn, die ich hier mal vorsichtig als „europäisch“ bezeichnen würde, trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, dass SHOCK WAVES entgegen seines Comic-Plakats und der nach Slapstick-Humor schreienden Grundidee tatsächlich sehr unfreundlich, ungemütlich und irreal rüberkommt. Kein vergessenes Meisterwerk, dafür ist er in seiner ganzen Plotabwicklung dann doch zu stromlinienförmig, aber ein hübscher kleiner Querschläger, der mehr mit den italienischen Karibikfilmen von Joe D’Amato gemein hat als mit dem typisch US-amerikanischen Scareflick für die Halloween Season.

Als der Lehrer Johnny Smith (Christopher Walken) nach einem Autounfall aus dem fünfjährigen Koma erwacht, ist nichts mehr wie vorher: Seine Partnerin Sarah (Brooke Adams) hat ihn verlassen, er muss erst wieder lernen zu laufen und außerdem hat er eine neue Fähigkeit: Er kann in die Zukunft der Menschen schauen, wenn er ihnen die Hand reicht. Doch mit dieser Gabe geht auch eine große Verantwortung einher: Was soll man tun, wenn man weiß, dass der Politiker Greg Stillson (Martin Sheen), der sich derzeit anschickt, Senator zu werden, in der Zukunft den Dritten Weltkrieg auslösen wird? Für Johnny gibt es nur eine Antwort auf diese Frage …

Mit seiner Verfilmung des Stephen-King-Bestsellers – seiner ersten Studioproduktion, die einen wichtigen Karriereschritt bedeutete – reiht sich Cronenberg in die nicht allzu große Riege von Filmemachern ein, denen die Umsetzung eines Romans des Meisters auf die Leinwand ohne Abstriche gelang. THE DEAD ZONE gehört meiner Meinung nach zu den drei mit einigem Abstand besten King-Adaptionen (zusammen mit CARRIE und THE SHINING) und das ist ohne Zweifel der inszenatorischen Klasse Cronenbergs zuzuschreiben – auch wenn der hier als auteur etwas in den Hintergrund tritt, sich dem Stoff unterordnet. Im Zentrum des Films steht ganz eindeutig Christopher Walken als Johnny: Vom für ihn ungewohnten Typ „Schwiegermutters Liebling“ der ersten Minuten verwandelt er sich im weiteren Verlauf ganz allmählich in den grüblerischen, charismatischen, geheimnsivollen, körperlich enorm raumgreifenden Charakter, den man von ihm gewohnt ist und es ist eine Freude, ihm dabei zuschauen zu dürfen. Wenn er als Johnny mit dem Gehstock spazierengeht, seine enorme Schrittlänge dabei deutlich macht, wie sehr er die Krücke wegschleudern möchte, wie sehr er versucht, sie einfach zu vergessen, dann ist das genau jener tänzerische, verspielte Walken, der einem mit seiner Elvis-Impression in Ferraras KING OF NEW YORK fast zur Homosexualität bekehrt hätte. Es ist sein Verdienst, dass das Schicksal Johnnys einen so enormen emotionalen Nachhall findet.THE DEAD ZONE ist niederschmetternd.

Cronenberg ist nicht unbedingt für besonders warme oder gar liebevolle Filme berühmt geworden. Wie er die Neurosen seiner Protagonisten seziert, das hat immer auch etwas Mitleidlos-Wissenschaftliches. Den wenigsten von ihnen hat er ein glückliches Ende geschenkt und auch für Johnny darf man sich keine allzu großen Hoffnungen machen, das ist schon recht früh klar. THE DEAD ZONE, das ist auch eine Erlösergeschichte: Da opfert sich jemand, damit die Menschheit weiter bestehen kann. Cronenberg inszeniert diese Geschichte erwartungsgemäß ohne großes Pathos, ohne Tearjerking und tränenreiche Abschiede. Bewegend ist sein Film trotzdem, weil seine Sachlichkeit klar macht, dass hier jemand eine Verantwortung aufgebürdet bekommt, die er zwar nicht tragen will, zu der er aber trotzdemvollkommen bekennt. Kings Roman beschäftigt sich mit philosophischen Fragestellungen um Schicksal, Vorhersehung, Determinismus und den moralischen Folgen, die daraus erwachsen, aber Cronenberg streift diese Fragen allenfalls, er verhandelt sie nicht. Ihm geht es vor allem um die Konsequenzen, die Johnnys Begabung für ihn ganz persönlich hat. Kein Wunder also, dass THE DEAD ZONE ambivalent bleibt: Zwar hat Johnny dank seiner Fähigkeiten die Welt vor dem Nuklearkrieg bewahren können, doch für ihn selbst kann es keine Rettung mehr geben.Es ist auch diese utilitaristische Strenge, die den Film so schockierend macht.

Dominik Graf hat in seinem prächtigen Text zu THE DEAD ZONE, der in dem Buch „David Cronenberg“ von Bertz & Fischer erschienen ist (zu dem ich ja auch etwas beisteuern durfte), die großartige Besetzung des Filmes hervorgehoben, deren Leistungen Cronenberg durch seine episodische Inszenierung noch unterstreicht: Herbert Lom ist wunderbar als väterlich-fürsorglicher Arzt, Tom Skerritt leidet als Sheriff sichtbar darunter, einen Serienmörder nicht fassen zu können, Anthony Zerbes wachsam funkelnde Augen brennen sich durch den Bildschirm hindurch und Martin Sheen lässt einem als reaktionär-krimineller Politiker die Galle hochkochen. In der Abfolge dieser Episoden erweckt Cronenberg tatsächlich den Eindruck, einem Leben zu folgen: Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder. Jeder ist für einen kurzen Moment ein wichtiger Begleiter Johnnys, bevor das Leben ihn weiterzieht, dem unausweichlichen Ende entgegen. Insofern ist Johnny Smith – das sagt ja schon sein Name – ein ganz normaler Mensch: Er mag eine besondere Begabung haben, doch wichtig sind vor allem die die Entscheidungen, die er trifft, die Konsequenzen, die er zieht und das Schicksal, das er wählt. Die spannende und beängstigende Frage, die der Film aufwirft: Würden wir auch so handeln wie er?