Mit ‘Bruce Davison’ getaggte Beiträge

Den letzten vollwertigen Spielfilm von Rob Zombie, HALLOWEEN II, fand ich damals ziemlich unerträglich. Ich hatte bisher zwar noch kein Bedürfnis, den Film (den viele meiner Bekannten der schreibenden Zunft für ein veritables Meisterwerk halten) noch einmal zu sehen, um meine Meinung möglicherweise zu revidieren, aber mein Text ist mir heute dennoch etwas unangenehm – wie eigentlich fast alle Verrisse, zu denen ich mich hinreißen lasse, mir nach einiger Zeit peinlich sind. Nicht selten steht man nämlich wie ein Hornochse dar, wenn man später feststellen muss, bei Erstsichtung offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen zu sein oder aus anderen Gründen nicht in der Lage gewesen zu sein, den Film angemessen zu beurteilen. (Mal ganz davon abgesehen, dass man auch irgendwie drüberstehen können sollte, wenn einem etwas nicht gefällt. Sich von einem Film persönlich angepisst zu fühlen, ist ja irgendwie auch ein ziemlicher Egotrip.) Das gilt natürlich im umgekehrten Fall auch für ausufernde Begeisterung, wenn sich bei Zweitsichtung plötzlich Ernüchterung einstellt und man sich fragt, was man da eigentlich zuvor gesehen haben will. Insofern bin ich bei THE LORDS OF SALEM auf der sicheren Seite: Er hat mir ausgezeichnet gefallen, ohne mich total umzuhauen, das wenige, was mich an ihm gestört hat, bestätigt meine generelle Kritik an Rob Zombies Stil, das, was mich an ihm mochte, erklärt mir noch einmal, warum ich mit HALLOWEEN II damals eher nix anfangen konnte.

Heidi (Sheri Moon Zombie) genießt in Boston lokale Berühmtheit als Mitglied eines beliebten Radio-Moderatorenteams. Eines abends erhält sie eine Langspielplatte der unbekannten Band „The Lords“. Nachdem sie den darauf enthaltenen, überaus bedrückenden und seltsamen Song gehört hat, gehen beunruhigende Dinge mit ihr vor. Sie leidet an heftigen Albträumen und Halluzinationen, die in ihrer Schwere immer weiter zunehmen, sie erst an ihrem Verstand zweifeln lassen, dann schließlich ihren Rückfall in die Drogensucht begünstigen. Der Historiker Francis Matthias (Bruce Davison), der ein viel beachtetes Buch über die Hexenprozesse im nahe Boston gelegenen Salem geschrieben und den Song von „The Lords“ ebenfalls gehört hat, tritt zur selben Zeit seine Nachforschungen an und erfährt von einem Fluch, den die Hexe Margaret Morgan (Meg Foster) bei ihrer Verbrennung vor Jahrhunderten ausstieß. Ihr Peiniger war Reverend Jonathan Hawthorne (Andrew Prine) und der entpuppt sich als Vorfahre von Heidi …

Für den unabhängig und mit geringerem Budget realisierten THE LORDS OF SALEM musste Rob Zombie seine üblichen Impulse etwas zügeln: Verglichen mit seinen vorangegangenen Filmen ist sein Okkultismus-Grusler deutlich schlanker, kompakter, konzentrierter und auch stilistisch dichter, fokussierter. Sein bisher etablierter visueller Stil, ein Pastiche von Einflüssen aus alten Horror-, Monster- und Exploitationfilmen, Serials und Cartoons, True-Crime-Paraphernalia, Zirkus, Jahrmarkt und Gegenkultur, neigte bislang gern dazu, sich von den Geschichten, die Zombie erzählen wollte, zu emanzipieren. Seine Filme waren bis zum Bersten vollgestopft, was sie einerseits sehr reich, überbordend und unverkennbar machte, andererseits aber auch weniger überzeugenden Ideen Eingang verschaffte, von denen sich ein weniger eklektisch verfahrender Komponist spätestens am Schnittpult getrennt hätte. HALLOWEEN II entsprach einem audiovisuellen Ideen-Dauerbeschuss, der mir erst auf die Nerven ging, mich dann aber irgendwann völlig stumpf gegen seine dauernden Angriffe machte. Was in seinem Debüt HOUSE OF 1000 CORPSES noch funktionierte – weil der ganze Film auf wenig mehr als der Idee für ein Setting basierte und von diesem Ausgangspunkt einfach wild drauf los improvisierte – ging für mich bei HALLOWEEN II, der doch deutlich ambitionierter war, gründlich in die Hose. Irgendwann wollte ich nur noch, dass das Geschreie, Gefluche, Getrümmer und Gemorde endlich aufhört. Wozu Zombie ohne Zweifel fähig ist, wenn er sich zurücknimmt und seine Bilder atmen lässt, sieht man nun in THE LORDS OF SALEM. Inhaltlich eigentlich prädestiniert für einen Kurzfilm, kommt er über weite Strecken ohne Dialoge aus, Gewaltszenen gibt es kaum, das Tempo ist enorm gedrosselt. Die Schocks springen einem nicht ins Gesicht, sondern beschleichen einen wie der Todeshauch in den FINAL DESTINATION-Filmen. Der Film ist eher beunruhigend als wirklich gruselig: Zombie gönnt sich den Luxus von Leerstellen, anstatt jede Lücke auszufüllen, entwickelt auch nicht jede Idee zu Ende, konzentriert sich ganz darauf, eine bestimmte Stimmung zu kreieren, anstatt lediglich immer krasser werdende Szenen aneinanderzureihen.  Der aus zahlreichen vergleichbaren Filmen bekannte Plot „verdickt“ sich nicht, wie es im englischen Sprachgebrauch heißt, vielmehr wird THE LORDS OF SALEM in seinen letzten Minuten immer loser, ätherischer, bis der zuvor so klare und „handfeste“ Film buchstäblich ins Nichts mündet. Das Ende gleicht einem Bilderrausch, der die Ratio hinwegspült. Und während die ruhigen Abschlusscredits laufen, sinken die verbliebenen Fragen tief ein und können ihre Wirkung weiter entfalten.

Eigentlich gab es genau eine Szene, die mich wieder an das erinnerte, was mich an Zombie immer etwas nervt: In der Einführung der Protagonisten bekommt man wieder diese coolen Außenseiterpersonen mit ihrem Rockismus-Gehabe geboten, deren persönlicher Style mich einfach abschreckt. Wenn ich diese Heidi auf der Straße sehen würde, würde ich wahrscheinlich die Augen verdrehen und im Radio könnte ich sie und ihr pubertäres Geschwätz schon gar nicht ertragen. Die Auftaktszene, in der ein mit deutschem Akzent sprechender Black-Metal-Musiker während der Radiosendung seine Auffassung von Religion zum besten gibt, passt dann auch nicht so recht zum restlichen, weitgehend von Albernheiten freien Film. Aber es gibt, wie gesagt, keinen Grund, kleinlich zu sein. Von der unaufgeregten Art, mit der Zombie hier verdienten, „ewigen“ Nebendarstellern und Genreschauspielern einen Auftritt verschafft – etwa Ken Foree, Judy Geeson, Patricia Quinn, Dee Wallace, Andrew Prine, Meg Foster, Bruce Davison, Maria Conchita Alonso, Michael Berryman oder Sid Haig – kann sich manch anderer Regisseur, der seine „Hommagen“ mit Zuneigung der Nerdscharen heischenden Gastuaftritten zukleistert, eine dicke Scheibe abschneiden. Und der Song der „Lords“ ist wirklich zum Weglaufen unheimlich. THE LORDS OF SALEM hat mich in Haltung und Stimmung an Ti Wests famosen THE HOUSE OF THE DEVIL erinnert. Und weil das einer der besten Horrorfilme der vergangenen Jahre war, ist das ein ziemlich großes Lob.

Ich kann auf eine lange Geschichte mit ULZANA’S RAID zurückblicken. Ich habe den Film schon relativ früh gesehen – vielleicht früher als ich ihn hätte sehen sollen. Damals haben mich seine Darstellungen indianischer Grausamkeiten geschockt. Vielleicht war ULZANA’S RAID mein erster Kontakt mit dem Konzept von Splatter. Dabei ist er nicht übermäßig grafisch in seinen Gewaltdarstellungen (aber genug, sich angesichts der Freigabe ab 12 zu wundern), aber was er zeigt – und wie – das hinterlässt eine starke Wirkung. Aldrich gelingt es ausgezeichnet, eine Ahnung von unaussprechlichem Leid zu vermitteln, eine tief sitzende Angst vor dem, was er nicht zeigt. Eine Ahnung davon, dass es Dinge geibt, die sich mit unserem aufgeklärten westlichen weltbild nicht vertragen. Die roh, grausam und ursprünglich sind. Die wir nicht begreifen können, aber akzeptieren müssen. „Hassen Sie die Apachen?“, fragt der junge Lieutenant Garnett DeBuin (Bruce Davison), Sohn eines Priesters, gerade frisch aus der Militärakademie gekommen und voller falschem Idealismus, den erfahrenen Scout und Apachenkenner Macintosh (Burt Lancaster). „Nein. Das wäre, als würde man die Wüste dafür zu hassen, weil sie kein Wasser hat.“ Manche Dinge sind einfach so, wie sie sind. Auch wennes wehtut, das zugeben zu müssen.

Der mit seinem Stamm in einem Reservat in Arizona eingepferchte Apachen-Häuptling Ulzana (Joaquin Martinez) stiehlt eines Nachts einige Pferde und geht mit seinen Männern auf Kriegspfad. Um ihn einzufangen und die Leben der im Gebiet lebenden Siedler zu retten, wird eine Truppe unter der Führung des jungen unerfahrenen DeBuin zusammengestellt. Ihm zur Seite stehen der alte Apachenkenner Macintosh und der Apachen-Scout Ke-Ni-Tay (Jorge Luke). Als sie unterwegs auf die Spuren der Blutlust der Apachen stoßen, gerät vor allem DeBuin mit seinem christlich geprägten Weltbild an die Grenzen seiner Toleranz. Doch auf der Jagd nach dem gerissenen Indianer sind feurige Emotionen fehl am Platz …

Man könnte ULZANA’S RAID für „indianerfeindlich“ halten: Ulzana und seine Männer gehen mit sadistischem Einfallsreichtum gegen ihre Opfer vor und kennen keine Gnade beim Stillen ihrer Blutlust. Und Aldrich nimmt sich viel Zeit, diese Grausamkeit in Wort und Bild als Fakt zu etablieren. Doch geht es ihm dabei nicht etwa darum, die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner zu rechtfertigen, Indianer als vertierte Untermenschen oder dergleichen zu zeichnen. Die Lehre, die man aus seinem Film mitnehmen kann, ist aber deswegen kaum weniger beunruhigend: Es gibt Menschen, deren Wertesysteme sind von den unsere so verschieden, dass es gar keinen Sinn macht, sie daran zu messen. Die Apachen trifft keine „Schuld“: Ja, Ulzana und seine Männer müssen für ihre Verbrechen bezahlen, aber sie unter Rückgriff auf christliche Moralvorstellungen mit Vokabeln wie „böse“ zu schlagen, geht am Kern der Sache vorbei. Das Problem besteht überhaupt erst, wenn zwei solchermaßen entgegengestellte Parteien aufeinandertreffen. Und hier wird der schwarze Peter dann an die Amerikaner weitergereicht: Ihnen gehört dieses Land nicht, sie haben kein Recht dazu, über eine Zivilisation zu richten, die sich über Jahrhunderte völlig eigenständig entwickelt hat. Man kann ein Kriegervolk nicht in ein Reservat stecken und darauf hoffen, dass sie sich mit diesem Leben arrangieren. Burt Lancaster, als weiser Scout ebenso in sich ruhend wie die sonnengesengte Landschaft, fungiert als alter ego des Regisseurs: ohne Illusionen darüber, wozu Menschen fähig sind. Aber auch ohne über diese Erkenntnis zum Misanthropen zu werden. Als DeBuin angesichts der sich häufenden Gräueltaten einen missionarischen Feuereifer an den Tag zu legen beginnt und seine Männer beschimpft, weil sie einen Apachen-Leichnam schänden wollen, antwortet Macintosh nur: „Was sie nicht wollen, ist dass Ihre Männer sich wie Apachen verhalten. Es lässt die klaren Linien ihres Auftrags verschwimmen.“ Das Bedürfnis, die Welt in Gut und Böse zu teilen, ist letztlich ein Problem des Subjektivismus. Man steht ja selbst immer auf der Seite der Guten.

Ich halte ULZANA’S RAID für eines von Aldrichs ausgesprochenen Meisterwerken. Während des Vietnamkriegs erscienen ist er vielleicht sein politisch radikalster Film, aber unabhängig von diesem zeitlichen Kontext ein verdammt wichtiger, wenn auch kein leichter. Dem Glauben an das Gute im Menschen bereitet er ebenso harsch ein Ende wie dem Glauben daran, dass ein Zusammenleben über die Grenzen aller Kulturen hinweg möglich sei. Ich habe oben die happigen Gewaltdarstellungen des Films erwähnt. Eine Szene hat mich damals, als Kind, wohl am meisten beeindruckt und auch heute noch finde ich sie in ihrer schonungslosen, aber ehrlichen Härte absolut niederschmetternd: Ein Soldat soll eine Kutsche zum Reservat eskortieren. Darauf befinden sich ein Siedlerin und ihr vielleicht zwölfjähriger Sohn, der Mann ist zurück auf dem Grundstück geblieben. Als die Indianer die Pferde erschießen, die die Kutsche ziehen, beginnt die Mutter panisch nach dem Soldaten zu rufen: „Lassen sie mich nicht zurück!“ Der Soldat macht kehrt, reitet im Galopp auf die Kutsche zu, der sich die Indianer nähern, zieht den Revolver – und schießt der Frau in den Kopf, um sie vor dem Unvermeidbaren zu bewahren. Er schnappt sich den Sohn und reitet davon, dann wird das Pferd unter ihm erschossen. Voller Eile sucht er auf dem Boden nch seiner Waffe, er findet sie, nimmt den Lauf in den Mund und bläst sich das Hirn weg, bevor die Indianer ihn erreichen. Belustigt über seiner Feigheit machen sie sich überseinen Leichnam her, stechen mit ihren Messern auf ihn ein, fördern ein blutiges Stück Fleisch zutage und werfen es sich unter Gelächter zu. Eine Szene, die man nicht vergisst. ULZANA’S RAID ist voll solcher unvergesslicher Szenen.

 

Am Ende, während die Abschlusscredits laufen, fährt die Kamera einen Stadtplan von Los Angeles ab, zeigt die unüberschaubare Vielzahl von sauber vertikal und horizontal oder aber kurvig und scheinbar natürlich verlaufenden Linien, die die Straßen der Westküstenmetropole repräsentieren, und deren gemeinsame Kreuzungen. Mit SHORT CUTS, mit dem Altman nach seinem Comeback THE PLAYER bewies, dass der mitnichten ein Zufallstreffer gewesen war, und an seinen ambitionierten, ausschweifenden Ensemblefilm NASHVILLE anknüpfte, entwirft der Regisseur so etwas wie einen emotionalen Straßenplan, zeichnet die Stadt als ein engmaschiges Geflecht, aus sich kreuzenden Lebenswegen von Menschen, die über mehrere Ecken miteinander in Verbindung stehen, ohne es zu wissen. Nicht alle dieser Begegnungen begründen eine dauerhafte Beziehung, manche sind sehr flüchtig und werden von den Betroffenen kaum weiter bemerkt, weil ihnen der Kontext fehlt, sie in den „Stadtplan“ einzuordnen. Genau daraus entspringt die Schönheit, die Komik, aber auch die Tragik von SHORT CUTS: Altman zeigt, wie Jeder mit Jedem verwoben ist, wie die Handlungen des Einzelnen das Leben eines Fremden auf völlig unvorhergesehene Weise beeinflussen und wie alle viel zu sehr mit ihren niederen Problemchen oder auch großen Krisen beschäftigt sind, als dass sie diesen größeren Zusammenhang, in den sie eingebunden sind, verstehen könnten. Der Mensch ist in SHORT CUTS wie ein Tourist ohne Straßenplan.

Die Kellnerin Doreen Piggot (Lily Tomlin) fährt den kleinen Casey an, Sohn von Andy und Howard Finnigan (Andie McDowell & Bruce Davison). Der Junge übersteht den Unfall anscheinend unverletzt, doch er wird an seinen Folgen sterben, seine Eltern in tiefe Trauer stürzen, während Doreen am Schluss die Überwindung einer Ehekrise ausgelassen mit ihrem Gatten Earl (Tom Waits) feiert, nicht wissend, welches Leid ihre Unachtsamkeit ausgelöst hat. Die Ehe des für Casey zuständigen Arztes Dr. Ralph Wyman (Matthew Modine) mit der Malerin Marian (Julianne Moore) krankt an einem nicht aufgearbeiteten vermeintlichen Seitensprung der Frau, die des Polizisten Gene Shepard (Tim Robbins) und seiner Frau Sherri (Madeleine Stowe) an der Unfähigkeit beider, sich ihrer sexuellen Zuneigung zu versichern. Jerry Kaiser (Chris Penn) leidet an der Telefonsex-Tätigkeit seiner Frau Lois (Jennifer Jason Leigh) und der wahrgenommenen Diskrepanz zwischen dem Enthusiasmus, mit dem sie diesen ausübt, und der Tristesse des gemeinsamen Sexlebens, die Cellistin Zoe (Lori Singer) an der Unaufmerksamkeit und Selbstbezogenheit ihrer Mutter Tess (Annie Ross), die für ihre emotionale Unfähigkeit wiederum den Drogentod ihres einstigen Mannes heranführt. Stuart Kane (Fred Ward) betrachtet die Leiche der jungen Frau, die just dort am Flussufer liegt, wo er mit seinen Freunden ein Angelwochenende verbringt, nicht als Körper eines Menschen, der Angehörige hat, sondern lediglich als Hindernis, das es für ein paar Tage zu ignorieren gilt, und die Versuche von Howard Finnigans Vater Paul (Jack Lemmon), den jahrelang brachliegenden Kontakt zu seinem Sohn wiederherzustellen, scheitern daran, dass er sich dafür ausgerechnet den Zeitpunkt ausgesucht hat, an dem der mit seiner Frau wohl den schlimmsten Tag erlebt, den sich Eltern vorstellen können.

Keine dieser ursprünglich von Raymond Carver als einzelne Short Stories verfassten und erst von Altman verbundenen Geschichten ist besonders spektakulär, genauso wenig wie ihre am Ende des dreistündigen Films manchmal doch etwas abrupt wirkenden Auflösungen. Sie sind, wie meine Gattin nach dem Film sagte, damit einen unausgesprochenen Gedanken von mir bestätigend (wenn man über Film schreibt, formuliert man ja noch während des Filmschauens ständig mögliche Sätze), „wie das Leben“. Das heißt aber konsequenterweise nicht nur, dass sie sehr authentisch erscheinen, sondern auch, dass sie immer wieder auch banal, hässlich, undramatisch, unterentwickelt, pointen- und humorlos sind. Dies ist aber keineswegs als Kritik gemeint, schon deshalb nicht, weil es dazwischen immer wieder auch zahlreiche Momente von sprühendem Witz, menschlicher Wärme und bleischwerer Traurigkeit gibt, sondern eben ausdrückliche Stärke des Films, der sein Thema nicht aus einem Zurechtbiegen oder eine dichterischen Überhöhung und Stilisierung entwickelt, sondern einzig aus der Verbindung seiner einzelnen, kompakten Teile. Die Gesamtheit aller menschlichen Leben, ist jedes einzelne davon auch noch so mangelhaft und defizitär, ergibt ein wahrhaft göttliches Konstrukt, dessen wahre Schönheit auch im Hässlichen dem Menschen leider verschlossen bleiben muss, weil er zu sehr in seiner individuellen Narration gefangen ist, ihm der Überblick fehlt, sich selbst als Puzzleteil in einer gewaltigen Erzählung namens „Leben“ zu begreifen.

Vielleicht finde ich es auch deshalb so schwierig, mich zu SHORT CUTS zu verhalten. Die drei Stunden vergehen wie im Flug und die Charaktere werden einem – so idiotisch man ihre Neurosen und Probelme vielleicht auch finden mag – über die Spielzeit mit all ihren Macken so vertraut, dass man sich unweigerlich fragt, was beim eigenen Nachbarn denn eigentlich so vor sich geht. Aber dann ist der Film, dessen Protagonisten ja alle im Sumpf der irdischen Durchschnittlichkeit gefangen bleiben, ohne Hoffnung jemals aus diesem emporzusteigen, auch verdammt deprimierend. Und nichts, aber auch gar nichts kann für mich den Tod des kleinen Casey, die Schmerzen seiner Eltern und die unweigerlich aufkeimende Angst, es könnte dem eigenen Kind genauso ergehen, in eine tröstliche Perspektive rücken oder irgendwie abmildern. Diese auch von Altman zentral positionierte Geschichte prägt die Stimmung des ganzen Films, der damit sehr unmissverständlich in Erinnerung ruft, dass Leben immer ein Leben mit dem stets zur falschen Zeit eintreffenden Tod ist. Ich sagte es bereits: SHORT CUTS ist wie das Leben: voller Paradoxien. Ganz leicht zu schauen, dabei nur schwer zu ertragen. Eine ambitionierte Abhandlung über das moderne urbane Leben, die dabei aber nie zur Erbauungsprosa verkommt, auf metaphysische Paradiesversprechen und Romantisierungen ganz verzichtet. Ein zweifellos großer filmischer Wurf, der mir jedoch nie das Gefühl gab, einem Meister der Kunst bei der Ausübung seiner heiligen Kunst zusehen zu dürfen, sondern der in seiner narrativen Akribie nur wie gewissenhafte, ganz dem Zweck unterworfene Arbeit wirkt. Ein Film, der nicht dafür gemacht zu sein scheint, ihn schön zu finden, oder der sonstwie auf Zustimmung und Applaus aus wäre, sondern der einfach da ist. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt noch klarer hinbekomme: Mir ist SHORT CUTS irgendwie unheimlich.

Das war der vorläufige Abschluss meiner am Ende doch etwas ermüdenden Altman-Reihe. Ein guter Schluss, weil SHORT CUTS doch auch gut als Antwort Altmans auf den nicht zuletzt von mir öfter mal erhobenen Zynismus-Vorwurf gelten darf. Das letzte Drittel seines Werkes werde ich bestimmt irgendwann mal nachholen. Jetzt freue ich mich erst einmal, mich neuen Dingen zuwenden, die längst überfällige Fleischer-Werkschau mit neuem Elan beginnen und mich einem Regisseur widmen zu können, der einen gänzlich anderen Typus des Filmemachers vertritt.