Mit ‘Bruce Dern’ getaggte Beiträge

Es war eine Frage der Zeit, bis Tarantino einen Film dreht, der in Hollywood und im Filmbusiness angesiedelt ist – aber dass es bis dahin über 20 Jahre gedauert hat, ist dann schon ein bisschen überraschend. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nun dieser Film, ein Film über Filmgeschichte, die besondere Situation, in der sich die Industrie an der Schwelle der Siebzigerjahre befand, über alternde, eitle Stars, beknackte Fernsehserien und den Ruf Cinecittàs, über Sharon Tate und Roman Polanski, die Manson Family und – wie immer bei Tarantino – über vieles mehr, das sich erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bei wiederholten Sichtungen offenbaren wird. Es ist ein enorm vielseitiger, reicher, witziger, brutaler und kluger Film, der von der Liebe zum Kino und zu seiner Historie getragen wird, auch das ist keine Überraschung, aber er ist dann doch in vielerlei Hinsicht auch ein bisschen anders als seine Vorgänger. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist wieder deutlich episodischer und weniger stringent als es der kammerspielartige THE HATEFUL 8 war, aber auch noch deutlich loser strukturiert als meinetwegen PULP FICTION oder JACKIE BROWN, aus denen man, wenn man wollte, noch so etwas wie eine Plotline herauskristallisieren konnte. Das einende Element von ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nicht Handlung, sondern Zeit.

Die nominelle Hauptfigur ist der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), beliebter Star einer alten Westernserie namens „Bounty Law“ sowie zahlreicher Western- und Kriegsfilme, aber nun an einem Punkt in seiner Karriere angelangt, wo er ins zweite Glied verfrachtet wird. Statt der Hauptrollen bekommt er die Schurkenparts ab, deren Sinn und Zweck es letztlich ist, den Helden gut aussehen zu lassen, wie ihm der Produzent Schwarz (Al Pacino) mitleidlos auseinandersetzt. Der Ausweg führt nach Italien, aber Dalton ist zu stolz und eitel, um sich für die „Spaghettis“ in billigen Italowestern verheizen zu lassen. Er ertränkt seinen verletzten Stolz im Suff und hofft auf ein Wunder. Sein bester Freund ist sein Stunt Double Cliff Booth (Brad Pitt), der vermutlich einst seine Frau ermordete, damit aber davonkam und von Rick als eine Art Hausmeister und Hausmädchen gehalten wird: Er fährt den Star herum, säuft mit ihm, macht Besorgungen und nimmt Reparaturarbeiten vor. Und er begegnet auf seinen Fahrten immer wieder einem hübschen Hippiemädchen (Margaret Qualley), das ihn schließlich zu einem Besuch auf die Spahn Movie Ranch mitnimmt, die sie mit ihrer Kommune und dem in höchsten Tönen gelobten „Charlie“ bewohnt. Auf der anderen Seite stehen die Hollywood-Neuankömmlinge Roman Polanski (Rafal Zawirucha) und seine leuchtend schöne Ehefrau Sharon Tate (Margot Robbie), die sehr zur Freude Daltons das Haus neben seinem bezogen haben. Sharon wird als sorgloser Sonnenschein gezeichnet, der sich seiner eigenen Verführungskraft kaum bewusst zu sein scheint, und mit strahlenden Augen ihren eigenen Auftritt im Dean-Martin-Vehikel THE WRECKING CREW im Kino bewundert. Der Zuschauer, der ihr Schicksal kennt, ahnt mit Schrecken, worauf der Film hinausläuft, aber dann besuchen die Mörder von Charlies Family nicht Polanskis Haus, sondern das von Rick Dalton, dessen Kumpel Cliff einem der Hippies zuvor heftig die Fresse poliert hatte.

Es ist ein weites, fließendes, im Wind wehendes Kleid, das Tarantino seinem Film anstelle eines engen Korsetts angelegt hat: ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD hat keine Eile, er lässt sich treiben und harrt mal hier, mal dort aus. Er bietet Gelegenheit, Bruce Lee (Mike Moh) kennenzulernen (dessen Zeichnung als großmäuliger, Reden schwingender und allzu sehr von seiner Legende überzeugtes Großmaul, das dann auch noch von Cliff einen mitbekommt, so manchen Die-hard-Lee-Fan in meiner Facebook-Timeline sehr verärgert hat – ich fand’s hingegen sehr lustig und werde auch noch erläutern, warum), Rick und Dalton beim Fernsehgucken zuzuschauen, den Dreharbeiten einer Westernepisode der Serie LANCER beizuwohnen, für die Rick einen seiner Schurken gibt, gibt Einblicke in die bei seinem halbjährigen Exkurs nach Rom entstandene Filmografie des Protagonisten (die danach um Filme von Corbucci und Margheriti reicher ist) oder in eine Szene von THE GREAT ESCAPE mit Dalton in der McQueen-Rolle. McQueen tritt auch an anderer Stelle auf, nämlich als Gast einer Party in der Playboy Mansion, bei der Sharon Tate die Tanzflächer verzaubert, während der Star (Damian Lewis) uns über das Beziehungsdreieck von Polanski, Tate und ihrem Ex-Mann Jay Sebring (Emile Hirsch) aufklärt. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein entspannter, gut gelaunter und sonniger Film, aber es ziehen Wolken herauf, die einen Sturm ankündigen. Von seinen Protagonisten werden diese Wolken gar nicht wahrgenommen oder aber unterschätzt: Was Dalton für eine persönliche Krise hält, sind in Wirklichkeit Zeichen einer grundlegenden bevorstehenden Kurskorrektur Hollywoods, das für Stars wie ihn bald schon keinen Platz mehr hatte. Sharon Tates und Polanskis goldene Zukunft sollte unter den mörderischen Händen der Manson Family bald ein jähes, grausames Ende finden, das ebenfalls symptomatisch für die Zeitenwende war: Der viel zitierte Sommer der Liebe würde enden, der Kater danach jahrelang andauern. Die lange Sequenz auf der Spahn Ranch wird allein durch das Vorwissen des Betrachters und den Vorsprung gegenüber dem sich überlegen fühlenden Cliff zur nervenzerfetzenden Angelegenheit, eine kurze Stippvisite von Charles Manson (Damon Herriman) am Haus Polanskis zur drohenden Prophezeiung, deren Konsequenz dann aber außerhalb des Filmes liegt.

Der spannendste Aspekt des Films, sein Thema, wenn man so will, ist sein Verhältnis zur Realität: Tarantino zeichnet die (medien-)historischen Details der Epoche mit großer Akribie nach, verwendet neben zahlreichen authentischen Serien- und Filmausschnitten auch andere bildliche Hinweisen auf die Filme der Zeit in Form von Postern und Marquees sowie nicht zuletzt unzählige Radioschnipsel und natürlich Songs, die als allgegenwärtiger Klangteppich unter den Bildern liegen. Aber dann macht er auch immer wieder deutlich, dass wir uns nicht in der historischen Realität des Jahres 1969 bewegen, sondern in einem Bild jener Zeit, das vor allem im Rückblick, auf der Basis eben dieser ns bekannten popkulturellen Zeugnisse konstruiert wird (aber interessanterweise sind es nicht die „großen“ Namen und Titel jener Zeit, die er für die Konturierung dieses Bildes heranzieht, sondern die TV-Serien und längst vergessenen Genrevehikel – ich denke, das liegt nicht nur in seinen persönlichen Vorlieben begründet). Das zeigt sich am deutlichsten an der Zeichnung on Sharon Tate als blondes Phantom, als verlockendes Symbol einer unschuldigen Zeit. Im Vorfeld gab es ja einige Artikel, die Tarantinos angebliche Misogynie daran festmachen wollten, wie wenig Dialogzeilen Margot Robbie als Sharon Tate abbekommen hat, aber diese Interpretation kann man nur als böswillige Unterstellung bezeichnen oder zumindest eine halbblinde Betrachtung des Films konstatieren: Zwar stimmt es, dass ihr Charakter in erster Linie durch den (männlichen) Blick auf sie geformt wird, dennoch ist sie ganz eindeutig die Sympathiefigur des Films. Rick Dalton ist ein reaktionärer, weinerlicher, selbstverliebter und letztlich geradezu lachhafter Geck, Cliff ein schlagkräftiger Simpleton ohne Ambition, ein Versager, der sich für seinen reichen Freund schon beinahe prostituiert (und wahrscheinlich seine Gattin ermordet hat, weil sie ihm auf die Nerven ging), die Hippies schlicht wahnsinnige Spinner, mit deren Friedfertigkeit es recht schnell vorbei ist. Sharon Tate ist auf der einen Seite zwar ein Fetischobjekt für den Zuschauer, auf der anderen Seite aber auch Verbündete, weil sie der sich in Hollywood eröffnenden Welt selbst mit den staunenden Augen des Filmfans gegenübersteht, der mit amerikanischen Filmen aufgewachsen ist und es nun kaum glauben kann, selbst Bestandteil dieser Welt zu sein. Die Sequenz mit ihr im Kino ist einfach herzallerliebst und spricht den oben zitierten Vorwürfen geradezu Hohn. Tarantino macht nie einen Hehl daraus, dass er eine Welt männlicher Toxizität zeichnet, ob die sich nun in Daltons alkoholgeschwängerten rassistischen Rants äußern oder eben im Einfluss eines Charles Manson auf seine Jünger.

ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein Theme-Park-Ride durch die Traumfabrik, in dem Authentizität ständig von der Fantasie unterlaufen wird. Das zeigt sich auch in der bereits angesprochenen Bruce-Lee-Szene: Die Zeichnung des Kung-Fu-Asses als selbsternannter Philosoph kommt ja nicht von ungefähr, sondern wird durch etliche Interviews belegt. In den Augen von Leuten wie Dalton oder Booth musste dieser chinesische Zwerg einfach so rüberkommen wie im Film gezeigt. (Und dass Cliff tatsächlich eine Chance gegen ihn hat, ist natürlich durch die Handlung mitbegründet: Der Kampf gegen Lee bildet die Grundlage, vor der wir seine Überwältigung eines baumlangen Hippies auf der Spahn Ranch und seine finalen Amoklauf akzeptieren können.) Aber Tarantino erhebt nie den Anspruch, den „echten“ Bruce Lee abzubilden: Er arbeitet sich an einem Bild ab und liefert eine Karikatur, die wesentlich darauf fußt, dass Lee damals ein Paradiesvogel in Hollywood war, eine Figur, von der man nicht wusste, wohin mit ihr. Nach THE GREEN HORNET, der Serie, die er in ONCE dreht, ging er ja dann auch erst einmal wieder zurück nach Hongkong, wo er dann erst zu dem Star reifte, den wir heute kennen und den Hollywood gern wieder in Empfang nahm. Das deutlichste Indiz für seine Ausrichtung ist natürlich die Wendung, die Tarantino am Ende nimmt: Ob er eine parallele Geschichtsschreibung vornimmt, in der der Einsatz von Dalton und Booth den Tod Tates verhindert, oder die Bluttat einfach nur nach dessen Credits verlegt, ist Anlass für Diskussion. Ich fand es wunderbar, dass er die schöne, unschuldige Sharon Tate überleben lässt, ihrem Gatten den Verlust der schwangeren Ehefrau erspart, statt in einer unfassbaren Tragödie in einer kintopphaft überzogenen, ultraspaltterigen Keilerei kulminiert. Im Film ist eben alles möglich – es wäre schön wenn sich die Welt manchmal mehr an ihm orientieren würde.

Es ließe sich hier noch weiter ausholen, weil ONCE mehr als einen langen geschlossenen Text eine Stellenlektüre inspiriert, aber das hebe ich mir dann für eine weitere Sichtung auf. Mit seinem neuesten Film hat Tarantino jedenfalls erneut unter Beweis gestellt, dass er einer der originellsten und wichtigsten Filmemacher unserer Zeit ist und einer der wenigen, dem die Rezeption immer noch meist hinterherhinkt, egal, wie sehr sie sich an ihm abarbeitet. Als Filmfan, der es ernst meint, kommt man an ihm nicht vorbei – und das gilt für seinen Neuesten noch einmal in ganz besonderem Maße.

 

 

BLACK SUNDAY, Frankenheimers Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Hannibal-Lecter-Erfinder Thomas Harris, sollte ein Riesenhit werden. Die Testvorführungen liefen gigantisch und ließen keinen anderen Schluss zu, man erwartete nichts weniger als einen Kassenschlager im Stile von JAWS. Superproduzent Robert Evans schien tatsächlich das nächste As im Ärmel zu haben. Doch dann kam alles anders: Niemand, wirklich niemand wollte BLACK SUNDAY sehen. Möglicherweise abgetörnt von dem kurz vorher gelaufenen Flop TWO MINUTE WARNING, der mit einer ähnlichen Prämisse aufwartete, blieben die Menschen, die Frankenheimers Film zu einem Megahit hatten machen sollen, den Kinos in Scharen fern. Und auch wenn man heute weiß, dass BLACK SUNDAY ein meisterlich inszenierter Thriller und ein Musterbeispiel für Hochspannung ist, hängt ihm das Pech von einst immer noch nach. Auf eine adäquate HD-Version fürs Heimkino warten wir heute noch.

BLACK SUNDAY entführt uns in eine Zeit, in der nicht der Terror des IS die Welt in Atem hält, sondern die Aktionen der PLO und ihrer verbündeten Splittergruppen. 1972 hatte das Massaker bei den Olympischen Spielen von München ein unüberhörbares Signal gesendet, das auch Harris zu seinem Roman inspirierte, in dem eine palästinensische Terrorgruppe einen Anschlag auf den Superbowl und seine 80.000 Zuschauer plant. Für die Drehbuchadaption zeichnete unter anderem Kenneth Ross verantwortlich, der mit solchen Stoffen schon Erfahrung hatte: Von ihm stammt auch das Script zu Fred Zinnemanns THE DAY OF THE JACKAL, der die Vorbereitungen auf ein Attentat ähnlich nüchtern, protokollarisch und präzise schilderte wie Frankenheimer. Der wesentliche Unterschied: In THE DAY OF THE JACKAL ging es um die Ermordung Charles De Gaulles, des französischen Präsidenten, in BLACK SUNDAY hingegen um die Leben ganz normaler Amerikaner, die im Film allerdings eine anonyme Größe bleiben. Vielleicht ein zu schwer zu schluckender Brocken für das Publikum, das sich unweigerlich mit den Stadionbesuchern identifizieren mussten, ohne wirklich einen Repräsentanten unter den Protagonisten zu haben. So sehr BLACK SUNDAY ein Film über die Fähigkeiten der Geheimdienste ist, so sehr ist er auch einer über die lemminghafte Ohnmacht der Bürger, die lediglich als Zahl von Interesse sind.

BLACK SUNDAY ist ein Politthriller durch und durch. Seine Hauptfiguren sind der Mossad-Agent Kabakov (Robert Shaw), der die Terroristen auf fremdem Boden dingfest machen will, und Corley (Fritz Weaver), sein Kollege vom FBI, sowie auf der anderen Seite Dahlia (Marthe Keller), die Verantwortliche für die Aktion, und Lander (Bruce Dern), ein neurotischer Vietnamveteran und ehemaliger POW, für den nach der Heimkehr wirklich alles schief gelaufen ist, als ihr Vollstrecker. Die Spielzeit teilt sich paritätisch auf beide Seiten auf, wobei Lander dem Ideal eines Sympathieträgers ironischerweise am nächsten kommt, weil auch er ein Opfer ist. Im Vietnamkrieg verheizt worden, in Kriegsgefangenschaft geraten, zu Hause von der Ehefrau verlassen worden: Er steht den Zuschauern des Superbowls sehr nahe, ist selbst einer der Machtlosen, die dem System als funktionstüchtige Zahnrädchen dienen, und dann entsorgt werden. Nur hat er es satt, sich in diese Rolle zu fügen, also plant er, mit einem großen Knall aus dem Leben zu gehen – und Tausende mitzunehmen. Aber wenn Lander hier die eigentliche Identifikationsfigur ist, was sagt das über den „Helden“ Kabakov? So tapfer und aufopferungsvoll sein Einsatz auch ist – der Showdown ist wahrhaft selbstmörderisch und wäre auch in einem James-Bond-Film oder im nächsten Teil der MISSION: IMPOSSIBLE-Reihe nicht fehl am Platz -, so sehr er die Katastrophe verhindern will, wir wissen doch, dass er zum Teil des Systems gehört und letztlich auch nur ein Vollstrecker ist, der tut, was man ihm befiehlt. Im vorliegenden Fall kämpft er auf der richtigen Seite, aber ist das wirklich immer so? Wir wissen, wie wir diese Frage beantworten müssen.

Das macht BLACK SUNDAY emotional zu einem ziemlich komplexen Film, der sich keinen falschen Illusionen über Heldentum hingibt. Kabakov macht seinen Job und ist dabei genauso fehleranfällig wie jeder Mensch. Am Anfang sehen wir ihn, wie er Dahlia bei einem Angriff auf das Quartier der Terroristen verschont, weil er sie für eine Unbeteiligte hält: Menschlichkeit kann mitunter hohe Kosten nach sich ziehen. Der Terror von Dahlia und ihrer Gruppe hingegen kann noch so perfekt geplant werden, gegen den Überwachungsapparat der Geheimdienste haben sie nichts außer ihre Überzeugung und ihr Engagement vorzubringen – sowie natürlich die Entschlossenheit, für „die Sache“ bis zum Äußersten zu gehen. Frankenheimer muss gar keine unlauteren Tricks anwenden, um die Sympathien ganz unmerklich hin zu den Terroristen zu verschieben: Auch wenn es sich um verblendete Fanatiker handelt, allein ihr Außenseiterstatus bringt sie uns schon näher als den Geheimdienstler Kabakov, der ein ähnliches Schicksal hinter sich hat wie Lander, seinen Zorn aber in eine andere Richtung kanalisiert.

Wie man das alles auch bewerten und einordnen mag: Fakt ist, dass BLACK SUNDAY sauspannend ist. Es ist einer dieser Filme, bei denen ein unsichtbarer Countdown abzulaufen scheint, die von Minute zu Minute dringlicher werden, einem eine Schlinge um den Hals legen, die sich immer weiter zuzieht. Frankenheimer setzt sehr effektiv auf eine Bildsprache zwischen äußerster Geschliffenheit – an der Kamera: Oscar-Preisträger John A. Alonzo – und der Unmittelbarkeit von Cinema Verité, die dem Film einen dokumentarischen Charakter verleiht. Nach seinem FRENCH CONNECTION II serviert er uns darüber hinaus eine brillante Zu-Fuß-Verfolgungsjagd, diesmal durch die Straßen von Miami Beach. Für Authentizität sorgt auch der Einsatz dreier echter Goodyear-Zeppeline, die im atemberaubenden Showdown während des Superbowl X zwischen Pittsburgh und Dallas in Miami zum Einsatz kommen. Der Aufwand, der hier betrieben wurde, ist gigantisch, logistisch war der Dreh mit großer Wahrscheinlichkeit ein einziger Albtraum. Das bringt mich zum historischen Status des Film: BLACK SUNDAY mag heute weitestgehend vergessen sein, aber hätte er sein Publikum gefunden, würden wir uns heute an ihn als einen jener Blockbuster erinnern, die in den Siebzigern das Fundament für das heutige Eventkino legten. Sein Titel würde zu Recht in einem Atemzug mit Filmen wie STAR WARS oder JAWS genannt werden. Aus welchem Grund man sich BLACK SUNDAY heute anschaut ist aber eigentlich egal, Hauptsache, man tut es.

 

BLOODY MAMA, eine von  Roger Cormans berühmtesten Regiearbeiten (und eine der von ihm selbst meistgeliebten), verdankt ihre Entstehung wohl nicht zuletzt dem Erfolg von Arthur Penns epochemachendem BONNIE & CLYDE, seinerseits von vielen Filmhistorikern als Geburtsstunde des New Hollywood ausgemacht und natürlich massiv beeinflusst von den Gangsterfilmen der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre. Aber genauso darf BLOODY MAMA als maßgeblich für die im Verlauf der Siebzigerjahre gerade von kleinen Produktionsfirmen wie Arkoffs AIP (die BLOODY MAMA produzierte) oder Cormans New World Pictures in Auftrag gegebenen und in der Depression angesiedelten Gangsterfilme sowie zahlreiche Hillbilly- und Schwarzbrenner-Filmen angesehen werden. Filme wie BIG BAD MAMA, DILLINGER, THE LADY IN RED, MACON COUNTY LINE, JACKSON COUNTY JAIL oder LOLLY-MADONNA XXX, um nur einige zu nennen, die mir spontan einfallen, dürften dem Erfolg von Cormans Gangsterepos einiges zu verdanken haben. Dabei hat er mich, vom Lokalkolorit einmal abgesehen, fast noch mehr an einen anderen, weitaus berühmteren Film erinnert: an keinen geringeren als Francis Ford Coppolas Jahrhundertwerk THE GODFATHER.

Wie dieser handelt auch BLOODY MAMA nämlich von einer Verbrecherfamilie, die hier nicht von einem protektiven Vater, sondern von der Mutter angeführt wird. Das „Geschäft“, das Ma Barker (Shelley Winters) führt, ist weitaus weniger sauber und noch weniger einträglich als das von Don Vito Corleone, aber auch sie hält immer ihre schützende Hand über ihre Brut. Ihr gewalttätiger Sohn Herman (Don Stroud) könnte auch von James Caan gespielt werden, der psychotische, drogenabhängige Lloyd (Robert De Niro) hingegen nimmt einige Eigenschaften des später von John Cazale verkörperten, unglückliche Fredo vorweg. Die Parallelen enden nicht bei solchen kosmetischen Details: BLOODY MAMA schließt nach der Tötung des gesamten Barker-Clans durch die Kugeln des FBI mit einer Widmung an die „Mütter der Vereinigten Staaten“, womit er mehr als nur andeutet, dass die Wurzeln des US-amerikanischen Verbechens tief in die Keimzelle der Gesellschaft hineinreichen, die Familie, eine Aussage, die ja auch Coppolas Film macht.

An der epischen Aufbereitung, die Coppola für THE GODFATHER bemühte (und die seinen Film inmitten des New Hollywood wie einen konservativen backlash erscheinen ließ), ist Corman hingegen nicht interessiert – und natürlich hatte er auch gar nicht die Mittel dafür. Den Aufstieg der Barkers von einem Haufen Kleinkrimineller zur gefürchteten Verbrecherbande zeichnet er weniger akribisch nach, als er ihn schlaglichtartig in mehreren kleinen Episoden nachvollziehbar macht. Ein kurzer Prolog zeigt, wie die junge Kate Barker von ihrem Vater und ihren zwei Brüdern erst vergewaltigt wird und dann schwört, ihre eigenen Kinder niemals im Stich zu lassen. Jahre später packt sie ihre Söhne Herman, Lloyd, Fred (Robert Walden) und Arthur (Clint Kimbrough), die sich kurz zuvor selbst an einem jungen Mädchen vergangen haben, ins Auto und nimmt Abschied von George (Alex Nicol), ihrem Ehemann und dem Vater ihrer Kinder. Seinen ersten Mord verübt Herman aus nacktem Sadismus, es folgen kleinere Gaunereien, die Herman und Fred ins Gefängnis bringen. Bei einem Banküberfall erwirtschaftet der Rest des Barker-Clans die nötige Kaution und zementiert damit den Ruf als „public enemy“. Die Entführung des Unternehmers Pendlebury (Pat Hingle) soll das große Geld bringen, doch es zeigen sich bereits die ersten Risse in der vordergründigen Harmonie: Ma Barker hat ein Verhältnis mit Kevin (Bruce Dern), dem Geliebten ihres Sohnes Fred, zeigt nur Verachtung für Mona (Diane Varsi), die Gattin Hermans, und verkennt die Drogensucht von Lloyd. Ihre Fürsorge entpuppt sich immer mehr als unüberwindbares Gefängnis für ihre Söhne. Wie auch das „Vorbild“ BONNIE & CLYDE endet BLOODY MAMA mit der Erschießung des Clans und einer Reihe von Freeze Frames.

Cormans Film ist nicht unbedingt „spannend“: Der Handlungvserlauf ist sowohl durch die historischen Eckdaten – die allerdings heftig umstritten sind, vor allem, was die Involvierung der Mutter selbst betrifft – und natürlich durch die Konvention vorgegeben. Die erwähnte elliptische Erzählweise, bei der nie ganz klar ist, wie viel Zeit eigentlich zwischen den einzelnen Sequenzen vergangen sein soll, macht eine tiefe Immersion zudem ziemlich unmöglich. Und da ich viele der oben genannten, zum Teil von Corman produzierten Filme vorher gesehen habe, die sich von diesem in Look & Feel nur sehr marginal unterscheiden, hatte ich erst recht den Eindruck, das alles schon zu kennen. Wenn also auch die ganz große Begeisterung ausblieb, so ist BLOODY MAMA doch fraglos ein sehenswerter und auch bedeutender Film. Wahrscheinlich braucht er mehrere Sichtungen: Viele Details fliegen so an einem vorbei, weil Corman es vermeidet, seine Zuschauer mit der Nase darauf zu stoßen – das Verhältnis von Fred zu Kevin ist so eines: Als  die beiden da zusammen in einem Bett lagen, habe ich das zunächst einfach auf die beengten Platzverhältnisse und einen durch die Not bedingten Pragmatismus geschoben; erst als Ma Barker Kevin dann allerdings zu sich ruft, weil sie die Nacht nicht allein verbringen will, und der sich äußerst provokativ über Fred rollt, wurde mir klar, dass es da womöglich um mehr geht. BLOODY MAMA ist also ein „Reißer“, wie man ihn von Corman erwarten darf: Man unterschätzt ihn massiv, wenn man ihn darauf reduziert.

 

f001Back in the day, als Quentin Tarantino mit PULP FICTION zum vielleicht größten amerikanischen Regisseur der Neunzigerjahre avancierte, da konnte er fast nichts falsch machen. Diskussionen begleiteten sein Schaffen zwar schon damals – Michael Madsens Tänzchen aus RESERVOIR DOGS erhitzte die Gemüter genauso wie der unabsichtliche Kopfschuss oder der sehr freie Gebrauch des N-Worts -, aber der wenn auch zerknirscht konstatierte Konsens hinter den Debatten besagte ohn Zweifel, dass Tarantino tatsächlich eben jenes Wunderkind war, als das man ihn medial gern bezeichnete. Monografien wurden über ihn verfasst, noch bevor seine dritte Regiearbeit erschienen war, Trittbrettfahrer kopierten seinen Stil und sorgten für eine wahre Flut von spektakulär besetzten Filmen über geschwätzige Killer und skurrile Zwielichtkreaturen.

Heute, 20 Jahre später, ist ein neuer Tarantino-Film immer noch Anlass für große Aufregung, noch dazu aus fast genau denselben Gründen wie damals, aber der Tenor hat sich, meine ich, seit einigen Jahren verändert. Die, die ihn damals schon für überschätzt, seinen Umgang mit Gewalt und der Rassenthematik problematisch fanden, fühlen sich mit jedem neuen Film bestätigt in ihrem Urteil, und die, die ihn einst vehement gegen die Kritiker verteidigten, sind mittlerweile gelangweilt davon. Was früher als des Regisseurs höchst eigener Stil galt – die popkulturellen Referenzen, die manirierten, ausufernden Dialoge, die Gewaltschübe inmitten der Komik -, wird heute als totgerittene Masche empfunden. Kurz gesagt: Das Wunderkind, das enfant terrible hat es versäumt, endlich erwachsen zu werden, sich weiterzuentwickeln. Die Aufregung um seinen neuesten Film, THE HATEFUL 8, erreichte – geschürt durch die marketingträchtige Entscheidung, den Film auf 70 mm zu drehen und in dieser Form in ausgewählten Kinos zu zeigen – dabei ganz neue Ausmaße. Erneut konstatierten einige Rezensenten, dass QT den Bogen nun aber endgültig überspannt habe, zogen seine Entscheidung infrage, einen Film, der eh nur in einem Raum spielt, auf 70 mm abzulichten, ekelten sich ob der „selbstzweckhaften“ Splattereffekte und fanden THE HATEFUL 8 schlicht „langweilig“. Aber welche Meinung man zu dem streitbaren Filmemacher auch einnehmen mag, man muss anerkennen, dass es derzeit keinen anderen gibt, dessen Arbeiten ähnliche Reaktionen zu entfachen in der Lage sind.

Meiner ganz unbescheidenen Meinung nach hat Tarantino mit THE HATEFUL 8 nicht weniger als einen seiner allerbesten Filme vorgelegt und sich nach dem tatsächlich eher faden, masturbatorischen DJANGO UNCHAINED nicht nur seiner Stärken besonnen, sondern konsequent den Rahmen geschaffen, um sie zum Leuchten zu bringen. Die Kritik, seine Filme seien „verlabert“ und „statisch“, begleitet ihn ja nun schon seit einigen Jahren – nicht ganz zu Unrecht. In THE HATEFUL 8 fällt dies nun vielleicht zum ersten Mal seit RESERVOIR DOGS überhaupt nicht mehr ins Gewicht, weil es sich konsequenterweise um ein Kammerspiel handelt, angesiedelt in zwei ganz und gar abgeschlossenen Räumen (einer Kutsche und der Abgeschiedenheit von „Minnie’s Haberdashery“). In seiner ganzen Dramaturgie, die wie ein Whodunit auf die große Auflösung hinausläuft (und Samuel L. Jacksons Major Marquis Warren einmal gar als geistigen Ahnen von Hercule Poirot in Erscheinung treten lässt), dem moritatenhaften Charakter der Erzählung und der Thematisierung von Dichtung und Wahrheit kommt Tarantino in seinem neuesten Film ganz zu sich und seiner Vorstellung von Kino. Was nicht bedeutet, dass es nicht hier und da Anlass zum Widerspruch oder zum Zweifel gäbe.

Wie auch schon im Vorgänger geht es auch in THE HATEFUL 8 um Rassismus, um Hass generell und um die daraus sich ergebende Gewalt. Nahezu alle Charaktere sind Mörder mit fragwürdigen oder gar verachtenswerten Ansichten, selbst dann, wenn sie auf der Seite des Gesetzes stehen. Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) trägt den Spitznamen „der Henker“, weil er seine Opfer stets lebendig beim Scharfrichter abliefert, ihnen so einen schnellen Tod vorenthält. Sein Kollege Major Marquis Warren hat während seiner im Krieg legitimierten Jagd auf weiße Rassisten billigend in Kauf genommen, dass auch mal die Falschen ins Gras beißen. Sheriff Chris Mannix (Walton Goggins), der etwas einfältige Sohn eines Südstaaten-Rebellen, spuckt in einem Fort rassistische Invektive. Sein großes Idol, General Sandy Smithers (Bruce Dern) tat sich im Krieg dadurch hervor, ein ganzes Batallion gefangener schwarzer Soldaten hingerichtet zu haben, weil sie ihm die Mühe einer Überführung nicht wert waren. John Ruths Gefangene, Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), eine Schwerverbrecherin, auf deren Kopf satte 10.000 Dollar ausgesetzt sind, spuckt Geifer und Galle und scheint gar nicht zu normaler Kommunikation fähig. Und Scharfrichter Oswaldo Mobray (Tim Roth) rühmt sich mit wohlfeilen Worten der absoluten Gefühslkälte, die ihn umfängt, wenn er den Hebel umlegt, der seinen „Klienten“ das Genick bricht. Gesäumt werden diese Gestalten vom Mexikaner Bob (Demian Bichir) und dem Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), zwei eher durchschnittlichen Halsabschneidern. 

Zwischen diesen Charakteren entspinnt sich schnell ein Psychospielchen: John Ruth ist überzeugt, dass ein Komplott zur Befreiung Daisys geplant wurde, und natürlich hat er Recht. In der klaustrophobischen Abgeschlossenheit von Minnie’s Haberdashery geht es nun darum, den Übeltäter zu enttarnen oder ihn zumindest so lang auf Distanz zu halten, bis der draußen tobende Schneesturm vorübergezogen ist und die Weiterreise zum Zielort aufgenommen werden kann. Das Ganze endet, wie man erwarten durfte, überaus blutig und schließlich in einer Konstellation, die an John Carpenters THE THING erinnert – nicht nur wegen des vorherrschenden eisigen Klimas. Auf dem Weg dorthin spielen Geschichten und die Frage, ob diese nun wahr sind oder erlogen, eine wichtige Rolle, ja sie ziehen sich fast leitmotivisch durch den Film: Ist der Lincoln-Brief von Warren echt? Lügt Bob über den Verbleib von Minnie und ihrem Mann Sweet Dave? Will Joe wirklich seine Mama zu Weihnachten besuchen? Hat Daisy Domergue wirklich eine 15 Mann starke Gang in der Hinterhand, die nur darauf wartet, „Minnie’s Haberdashery“ zu stürmen? Das Ganze kulminiert in der Geschichte, die Warren dem von Hass zerfressenen Smithers zur Provokation auftischt: Der will seinen vor Jahren verschollenen Sohn bestatten und muss sich von Warren nun in schillernden Details erzählen lassen, dass der diesen nicht nur umgebracht, sondern zu Tode gefoltert und dann oral vergewaltigt habe. Es bleibt offen, ob sich das wirklich so ereignet hat, aber es steht zu vermuten, dass Warren den Rassisten bloß dazu bringen will, die Waffe gegen ihn zu erheben, damit er ihn endlich abknallen kann.

Und so steht jede Einordnung des Geschehens auf wackligen Füßen. Die Brutalität, die Ruth gegenüber seiner Gefangenen an den Tag legt, scheint im weiteren Verlauf nicht mehr so ungerechtfertigt. Aber wenn sie ihrem Bruder Jody (Channing Tatum) in die Augen blickt, in denen wahre Liebe und Erleichterung aufflammt, ist sie auch nur ein Opfer, ein Mensch. Aber natürlich sind mit Minnie, Sweet Dave und deren Bediensteten auch Menschen für Jodys Coup gestorben, die für ihr Schicksal rein gar nichts können. Warrens Hass auf Weiße, die ihn nur aufgrund seiner Hautfarbe am nächsten Baum aufknüpfen wollen, ist nachvollziehbar, trotzdem hat man Mitleid mit dem greisen General, der sich kurz vor seinem Tod anhören muss, dass sein geliebter Sohn den Schwanz eines Schwarzen gelutscht hat. Es spielt gar keine Rolle, ob die Geschichte wahr ist oder nicht: Smithers glaubt sie, reagiert entsprechend, für Warren erfüllt sie ihren Zweck. Und im Rahmen des Films noch einen weiteren: Sie lenkt die Figuren (und den Zuschauer) für einige Minuten vom Wesentlichen ab, das sich im Hintergrund vollzieht. Man könnte auch sagen: Das kleine Scharmützel, das sich Warren zur Befriedigung seiner eigenen Gelüste leistet, kostet ihn mittelfristig das eigene Leben. Der Hass, der Zorn, der die Figuren durchtost, besiegelt auch ihren Untergang. Durch Mord lässt sich kein Leben erkaufen. THE HATEFUL 8 ist gewiss der moralischste Film Tarantinos.

Aber auch der bislang schmerzhafteste. Es hilft kein Bisschen, dass die Splattereffekte in ihrer Überzogenheit eher komisch sind und Distanz schaffen, im Gegenteil. Man fühlt sich betrogen um den Schmerz, um die Katharsis. Man ist noch nicht fertig mit diesen Figuren, auch wenn sie schon lange tot sind, sie nagen immer noch, nerven uns, lassen uns nicht in Ruh, wie das verräterische Herz, das in Poes Kurzgeschichte unter den Dielen schlägt. Eine Ausnahme ist Daisy Domergue, die Ruth von der ersten Sekunde an zum menschlichen Sandsack degradiert, ebenso großzügig wie beiläufig Schläge an sie verteilt und die am Ende, wo es eigentlich keinen Unterschied mehr macht, auch noch aufgeküpft wird. Da muss man dann lange zusehen, wie sie mit starrem Entsetzen im Blick vergeblich um ihr Leben kämpft, der weiße Rassist und der schwarze Sadist sich zusammenschließen, um die Frau zu beseitigen, von deren Tod sie rein nichts haben. Das ist so bitter, so sinnlos. Es wurde Tarantino immer vorgeworfen, dass seine Gewaltinszenierung verharmlosend sei. Bullshit. Das einzige, was ich ihm nach THE HATEFUL 8 noch vorwerfen würde, ist sein etwas seltsames Anbiedern bei den Schwarzen, das mehr als nur etwas misguided wirkt und mich etwas an Dave Chappelles Sketch mit dem „Black White Supremacist“ erinnert, nur mit umgekehrten Vorzeichen. An der Extraklasse von THE HATEFUL 8 ändert aber auch das nichts.

 

Meine Fantasy-Filmfest-Berichterstattung ist noch nicht zu Ende: Mein nächster Text widmet sich dem von mir doch sehr herbeigesehnten neuen Film von Joe Dante: THE HOLE 3D. Geärgert hat er mich nicht, begeistert aber auch nicht. Warum, könnt ihr hier lesen.

Ray Peterson (Tom Hanks) will eigentlich eine entspannte Urlaubswoche im Vorstadthaus verbringen, doch die mysteriösen neuen Nachbarn, die Klopeks, sowie das dem Vorstädter angeborene Misstrauen machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Weil sich die Neuen nicht so ins Vorstadtleben integrieren wie es den Alteingesessenen angemessen erscheint, sie ihren Rasen nicht pflegen und nachts außerdem rätselhafte Geräusche aus ihrem Keller dringen, beginnen Ray, Quasselstrippe Art Weingartner (Rick Ducommun) und Soldat a.D. Lieutenant Mark Rumsfield (Bruce Dern) wild zu spekulieren und den Nachbarn nachzuspionieren. Als dann auch noch der Nachbar Walter spurlos verschwindet, steht für die drei Freizeitagenten fest: Die Klopeks haben ihn umgebracht …

Ein tolles Wiedersehen mit einem großartigen Film, der leider nicht ganz den großen Ruf genießt, der ihm eigentlich gebührt. Joe Dante war meines Erachtens nie besser als bei THE ‚ BURBS, der das beliebte Thema vom Horror, der in den tristen Alltag einbricht, von der komödiantischen Seite aufrollt, dem vorurteilsbeladenen Vorstadtspießer gleichermaßen den Spiegel vorhält wie er ihm eine ausgesprochene Liebeserklärung macht. Das ist dann auch das Besondere an THE ‚BURBS: Im Gegensatz zu ähnlich gelagerten Filmen predigt Dante nicht mit ätzender Besserwisserei von der Kanzel herab, sondern betrachtet den nun mal von Natur aus fehlerbehafteten Menschen mit viel Sympathie und Liebe und gesteht ihm die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis zu. Bewundernswert ist vor allem das Timing des Films, der keine elaborierten Slapsticksequenzen braucht, sondern nur die kleinen perfekt platzierten Beobachtungen und passgenauen Dialogzeilen, um das Zwerchfell des Betrachters zu strapazieren. Tom Hanks ist brillant als autoagressiver, aber im Grunde harmloser Ottonormalverbraucher: Wenn sich die Zerstörungswut in seinen Wutanfällen darin erschöpft, Bierdosen zu zerdrücken, dann erkennt man darin den von der Zivilisation jeder Möglichkeit zum Ausleben der Triebe beraubten Pantoffelheld besser als in jedem noch so wortreichen Geständnis. Es wird sehr deutlich, dass die Filmwelt mit Hanks‘ Aufstieg in die Sphären des drögen Qualitätskinos einen der größten Komiker der Achtzigerjahre verloren hat. Die Szene, in der Ray Peterson und Rumsfield unter Anleitung ihrer vernünftigen Ehefrauen im Hause der Klopeks auflaufen, um sich von deren Normalität zu überzeugen, die Luft aber unter dem Druck des im Raum stehenden Verdachts förmlich vibriert, ist eine der witzigsten Sequenzen, die das amerikanische Kino in den Achtzigerjahren hervorgebracht hat. Wirkungstreffer folgt auf Wirkungstreffer und das Spiel der Akteure, die ihr ganzes Unbehagen allein Blicken und Körperhaltung zum Ausdruck bringen, während Bruce Dern mit stichelnden Bemerkungen den „bad cop“ gibt, ist einfach nur perfekt zu nennen. „Sardine?“ – Ich habe mir fast in die Hosen gemacht und meiner Gattin ist es wohl ähnlich ergangen. Ein Klassiker zum Immer-Wieder-Gucken. Daran werde ich mich jetzt wieder häufiger erinnern.