Mit ‘Bruce Pittman’ getaggte Beiträge

1987-hello-mary-lou-prom-night-ii-poster1Paul Lynchs PROM NIGHT ist einer der allerersten Slasherfilme, erschien nur zwei Monate nach dem genrestiftenden FRIDAY THE 13TH und das auch nur, weil die Produktionsfirma Avco Embassy sich weigerte, ihren Film an die Paramount abzugeben. Die setzte daraufhin auf Cunninghams Werk und der Rest ist Geschichte. PROM NIGHT war trotzdem ein finanzieller Erfolg, wenn er auch an das Phänomen des direkten Konkurrenten nicht anknüpfen konnte. Dafür hatte er Jamie Lee Curtis an Bord, die Patin aller Scream Queens, und Leslie Nielsen. Ich habe den Film bislang zweimal gesehen und dabei wird es aller Voraussicht nach auch bleiben, denn ich finden ihn wirklich furchtbar öde. Das ist hier anders.

Warum es über sechs Jahre dauerte, bis man sich dazu entschied, ein Sequel aus der Taufe zu heben, weiß ich nicht, doch sehr wahrscheinlich waren es vor allem kommerzielle Erwägungen, den etablierten Namen noch einmal zu nutzen. HELLO MARY LOU: PROM NIGHT II hat nichts mit dem Vorgänger zu tun, außer dass er wie jener zur Prom Night auf einer High School spielt und die horriblen Vorgänge auf einen in der Vergangenheit liegenden tödlichen Unfall zurückzuführen sind (was ja für fast alle Slasherfilme gilt). Ansonsten wird weder an die Ereignisse des ersten Teils angeknüpft, noch werden Figuren aus diesem  aufgegriffen, noch gehört HELLO MARY LOU überhaupt zum selben Subgenre. Statt sich an den 1987 bereits in zahlloser Auswahl in den Videotheken bereitliegenden Slasherfilmen mit ihren traumatisierten, aber meist sehr weltlichen Serienkillern zu orientieren, widmet sich HELLO MARY LOU übersinnlichen Kräften und fantasievollen Effekten, die in Einfallsreichtum und Farbigkeit eher an die Ergüsse der NIGHTMARE ON ELM STREET-Reihe gemahnen. Sicherlich nicht die schlechteste Referenz für ein Sequel, das anno 1987 von den allerwenigsten lautstark gefordert wurde.

So wird die Protagonistin Vicky Carpenter (Wendy Lyons) Opfer seltsamer Halluzinationen, während derer sich die sterilen Schulkorridore in modrige Tunnel verwandeln, ihr Schaukelpferd in einen lüstern mit der Zunge schleckenden, rotäugigen Hengst, eine Tafel in einen schwarzen Tümpel und schließlich sie selbst sich in die geile titelgebende Mary Lou, die in den Fünfzigerjahren dem Zorn eines gehörnten Liebhabers zum Opfer fiel und nun auf Rache sinnt. Pittman, dessen ansehnlichen MARK OF CAIN ich hier mal besprochen habe, macht das ganz clever: Er bietet etwas soapoperesken Teeniekram mit etwas Okkultismus-Gedöns, hübschen Make-up- und Spezialeffekten, Musik und natürlich viel Humor. Der kleine Gag, Figuren nach berühmten Genre-Regisseuren zu benennen (Carpenter, Henenlotter, Waters, Browning, Craven, Dante, Wood, O’Bannon, King und Romero), war 1987 nicht mehr neu, aber er zeigt, wes Geistes Kind HELLO MARY LOU: PROM NIGHT II ist. Die Spielart des quietschbunten, selten wirklich horriblen, aber im besten Fall fantasie- und humorvollen Achtzigerjahre-Horrorfilms repräsentiert Pittmanns CARRIE-Remeiniszenz jedenfalls ziemlich perfekt und damit besser als so manch anderer, berühmterer Vertreter. Ein schöner kleiner Film, der seinen Vorläufer mit links in die Tasche steckt.

Ärzte und Gutachter stehen vor einem Rätsel, als Michael O’Brien (Robin Ward) eines Tages aus heiterem Himmel einen grausamen Ritualmord verübt. Es gibt keinerlei Erklärung, warum aus dem zurückhaltenden jungen Mann plötzlich ein Mörder wurde. Sein eineiiger Zwillingsbruder Sean (Robin Ward) ist nicht nur geschockt, sondern auch verängstigt: Steht ihm eine ähnliche Verwandlung bevor? Eine Sorge, die seine Ehe mit Dale (Wendy Crewson) merklich belastet. Als er Michael 15 Jahre nach der schrecklichen Tat offenbart, dass er gedenkt das familieneigene Anwesen zu verkaufen, brennt bei dem durch die Isolation der Haft eh schon unter Spannung stehenden Mann erneut eine Sicherung durch: Er ermordet eine Krankenschwester und flieht aus der Heilanstalt …

MARK OF CAIN ist ein kleiner, handwerklich sauber gefertigter und gut gespielter Psychothriller, wie man ihn heute gar nicht mehr produziert. Er kommt angenehm unaufgeregt daher, ohne sich dem Zuschauer mit marktschreierischem Gekreisch oder irgendwelchen fragwürdigen Gimmicks aufzudrängen, ganz zufrieden damit, seine Geschichte über zwei denkbar verschiedene – oder doch nicht so verschiedene? – Zwillingsbrüder zu erzählen. Anstatt den finalen Belagerungszustand und die handfeste Auseinandersetzung mit dem Killer in den Fokus zu rücken, etabliert Pittman sehr subtil eine gedrückte, depressive Stimmung, die von den leisen, aber unaufhörlich nagenden Sorgen Seans, der Einsicht in die schiere Unerklärlichkeit des Geschehenen und leisen Hinweisen auf die repressive katholische Erziehung der Brüder geprägt wird. Visuell trägt das Setting des dunklen, altehrwürdigen Hauses sehr dazu bei, dass das gelingt. Es ist auffällig, wie wenig der Regisseur an jenen Tricks und Drehbuchkniffen interessiert ist, die heute ohne Frage in den Vordergrund gerückt würden. Die unweigerliche Verwechslung der beiden Brüder ist nur die äußerst logische Folge der Plotkonstellation, keinesfalls aber Anlass für unzählige Plottwists und Verwirrstrategien. Die Auflösung der Situation wird von langer Hand telegrafiert – als zu Beginn einmal nur anscheinend beiläufig erwähnt wird, woran man die beiden Brüder auseinanderhalten kann, weiß man sofort, dass das später noch einmal von Bedeutung sein wird – und als heutiger Zuschauer wundert man sich schon etwas darüber, wie fahrlässig Pittman das sich eröffnende Potenzial liegen lässt. Wenn es zum Konflikt kommt, auf den MARK OF CAIN sehr stringent hinausläuft, scheint der Regisseur fast ein bisschen ratlos, was er damit nun anfangen soll. Eine weitere Zuspitzung, eine unvorhersehbare (oder auch nur vorhersehbare) Offenbarung oder aber eben der heute ohne Zweifel folgende Twist bleiben aus, fast schmucklos kommt der Film zu seinem einfachsten möglichen Ende. Eine gewisse Ratlosigkeit war bei mir gestern die Folge: Was wollte Pittman eigentlich erzählen? Was ist der Punkt von MARK OF CAIN, worin liegt hier gewissermaßen der Witz? Diese Fragen bleiben offen, Pittman weicht ihnen geradezu offenherzig aus. Andererseits ist es aber fast wohltuend, einen Film zu sehen, der sich damit begnügt, ganz altmodisch eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die auf Charakteren basiert, nicht auf einer möglichst clever konstruierten Prämisse. Das Drehbuch kreist um menschliche Fragen und ist nicht bloß eine Aneinanderreihung letztlich leerer formaler Kniffe. Pittman, dessen bekanntester Film das halboffizielle PROM NIGHT-Sequel MARY LOU ist, der in seiner mittlerweile 44-jährigen Regiekarriere aber überwiegend für das Fernsehen tätig war, hat mit MARK OF CAIN einen sauberen, stimmungsvollen Film ohne technische Mängel abgeliefert. Schade, dass er sich damit begnügt hat, denn auf dem grundsoliden Fundament hätte man durchaus etwas Größeres errichten können. (Warum der Film für Menschen, die sich für kanadische Exploitation interessieren, von Interesse ist, erklärt Canuxploitation.)