Mit ‘Bud Spencer’ getaggte Beiträge

9o41stfgxelflc7dnnikGestern ist Bud Spencer gestorben. Ich erfuhr davon unmittelbar nach der Fußballübertragung und war glücklicherweise schon ein wenig angeschickert, sodass mich die Nachricht nicht mehr mit voller Wucht traf. Ich habe Angst gehabt vor diesem Tag, weil mir klar war, dass der Tod von Bud wie kein zweiter das endgültige Ende von Kindheit und Jugend signalisieren würde. Spencer hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Fotos von ihm in der BRAVO meines Onkels machten mich zum Fan, noch bevor ich einen Film von ihm gesehen hatte, sein PLATTFUSS RÄUMT AUF war bei der Wiederaufführung unter dem Titel BUDDY FÄNGT NUR GROSSE FISCHE 1982 der erste „richtige“ Spielfilm, den ich im Kino sah. Der Besuch von VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA ein paar Jahre später ist heute immer noch eine meiner schönsten Kinoerfahrungen und die ganzen Achtzigerjahre hindurch begleiteten mich Spencers Filme, die noch regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt und selbstverständlich mit dem Viderekorder aufgezeichnet wurden. Vor ein paar Wochen habe ich meiner Tochter DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS und eben VIER FÄUSTE vorgeführt und bei ihr hoffentlich den Grundstein für eine ebenso innige Liebe wie die meine gelegt. Bud Spencer war immer mehr als nur ein Schauspieler oder eine Filmfigur für mich: Er war ein Beschützer, ein Onkel, der zwar immer etwas mürrisch knurrte, wenn man von ihm in die starken Arme genommen werden wollte, aber trotzdem immer für einen da war. Dass Spencer in so vielen Filmen ein Kind zur Seite gestellt wurde, half immens, ihn zu einem meiner Helden zu machen, konnte ich mich so doch an seine Seite denken, mir vorstellen, wie er auch zu meinem Schutz die Fäuste schwang, mit mir zusammen „Grau, Grau, Grau“ sang oder auch nur seine lustigen Grimassen zog (über die er sich dann selbst immer am allermeisten zu freuen schien).

Aber da war noch etwas: Gerade in seinen Filmen mit Terence Hill füllte Spencer ja gerade nicht die Rolle des strahlenden Helden oder des gutmütigen Beschützers. Im Gegenteil war er dort ja immer der, der eigentlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, sich aus allem Ärger, den er sich nicht selbst eingebrockt hatte, raushalten wollte. In den Trinity-Filmen war er der Ganove, der gern ein richtig rücksichtsloses Schwein gewesen wäre, aber immer wieder von seinem guten Herzen – an das sein Bruder wie kein anderer zu appellieren wusste – zurückgehalten wurde. Er war der Held wider Willen, ein Mann, der sich immer wieder gegen sich selbst entschied, um das Richtige zu tun. Diese Rolle erfüllte er nicht nur mit Bravour (all die Szenen, in denen er knurrend klein bei gibt, mit dem Schicksal hadert, dass er nicht ein anderer ist, und seinen Partner, dieses rechtschaffene Aas, verflucht), er zeigte damit auch, dass man kein leuchtender Wohltäter sein muss, um ein Held zu sein. Am Ende des Tages zählt, was man wirklich getan hat. Er war ein erreichbares Vorbild, auch wenn man nie so würde zuschlagen können wie er.

Ich musste gestern spontan noch LO CHIAMAVANO BULLDOZER schauen, wahrscheinlich mein liebster Solo-Film von Spencer, den ich seit meiner Kindheit schon unzählige Male gesehen habe. Ich kann den Film nahezu auswendig und werde von einer Woge nostalgischer Erinnerungen förmlich weggespült, wann immer ich ihn sehe. Ich bin also alles andere als objektiv, aber mein Gott, was ist das für ein wunderbarer Film! Alles was Kino sein kann, pure Traumerfüllung, und Spencer spielt nicht so sehr eine Rolle als vielmehr einen Mythos, eine Fantasie. Er kommt aus dem Nichts und seine bloße Anwesenheit scheint für die Jugendlichen des Films alles zu verändern. An ihm hängen sie ihre Wünsche auf, ihre Hoffnungen, ihre Träume, ihre Sehnsucht. Wie sie da am Zaun des Army-Sportplatzes stehen, ihm mit großen Augen und kaugummikauend dabei zuschauen, wie er den verhassten Amis eine Lektion lehrt: Dieses Bild ist ein perfekter Spiegel. Das bin ich, der da am Zaun steht, diesem stoischen Koloss bewundernd, der all das ist, was ich nicht bin, aber so gern wäre.

Ich werde dich vermissen, Mücke. Ruhe in Frieden.

Der Musiker Roberto Tobias (Michael Brandon) wird von einem Mann mit dunklem Anzug, Hut und Sonnenbrille verfolgt. Als er ihn in einem leerstehenden Theater zur Rede stellt, zückt der Mann ein Messer und es kommt zu einem Handgemenge, bei dem Roberto ihm eine tödliche Verletzung zufügt. Ein weiterer Unbekannter in einer bizarren Maske hat Fotos des vermeintlichen Mordes geschossen und beginnt nun Roberto zu bedrohen, ohne jedoch ein konkretes Motiv zu verfolgen. Während der Musiker versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, folgen weitere Morde in seinem Umfeld. Schließlich verlässt ihn auch seine Frau Nina (Mimsy Farmer), die dem Terror nicht länger standhält …

Meine autobiografische Geschichte zu QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO geht so: Argentos dritter Film war noch vor wenigen Jahren eine äußerst schwer zu bekommende Rarität, dazu praktisch unbekannt. Im deutschsprachigen Raum war der Film gar nicht erst ausgewertet worden, in den USA hatte sich die Paramount nicht dazu durchringen können, ihn nach der Kinoauswertung auch für den Heimvideo-Markt auszuwerten, und die somit einzige erhältliche Fassung war ein französisches VHS-Tape, das längst out of print war. Für den Argento-Begeisterten – der ich damals auch war – gab es wenig Hoffnung, dass diese Lücke geschlossen werden würde. Das war der Stand der Dinge im Jahr 1997, als QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO im Rahmen einer Argento-Retrospektive auf dem Fantasy Filmfest gezeigt wurde, für das ich damals zum ersten Mal eine Dauerkarte besaß. Eigentlich ein No-Brainer: Die Chance diesen raren Film, den es ja vielleicht nie wieder zu sehen geben würde, auf großer Leinwand sehen zu können, musste man wahrnehmen. Ich weiß heute auch nicht, was mich – und meinen lieben Freund Erol, der mich damals begleitete – geritten hat, dass ich diese einmalige Chance nicht ergriff und mir stattdessen den parallel laufenden MASCHERA DI CERA ansah, jenen von Lucio Fulci begonnenen und nach dessen Tod von Sergio Stivaletti beendeten Horrorfilm, der sich als genau jene Katastrophe erwies, als die er sich rückblickend (und auch vorrausschauend mit etwas gesundem Menschenverstand betrachtet) erweisen musste. Damals hatten wir wohl einfach Lust auf italienischen Splatter und die Verlockung, kübelweise Blood & Guts geboten zu bekommen, war einfach zu groß. Wie haben wir uns nach diesem Scheißfilm geärgert! QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO verschwand danach wieder in der Unerreichbarkeit und stattdessen hatten wir uns einen Film angeschaut, der nicht nur zum Zeitpunkt seines Erscheinens bereits wieder völlig egal, sondern darüber hinaus doch auch überall verfügbar war. Der Ärger verflog dann langsam mit dem abnehmenden Interesse an Argento (wofür der ja maßgeblich selbst  verantwortlich war): Als QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO dann hier und da als Bootleg auftauchte, hatte ich mich längst anderen Dingen zugewandt. Vielleicht hatte ich beschlossen, meine einst aus Dummheit getroffene Entscheidung als ewiges Gelübde zu interpretieren.  Und so habe ich Argentos dritten Film und letzten Eintrag in der Tier-Trilogie gestern zum ersten Mal geschaut; mehr als 14 Jahre nach jener verpassten Chance.

Zurück in der Gegenwart: Nachdem ich mich mit IL GATTO A NOVE CODE schwer getan habe, überwiegt hier nun wieder die Begeisterung. War erstgenannter über die Gebühr zerredet, verlabert und umständlich, wird in QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO zumindest in der ersten Hälfte auffallend wenig gesprochen. Der Film beginnt mit Bildern von Robertos Band, die den für die Zeit typischen Blues- und Jazz-inspirierten Rock spielt (Deep Purple waren ursprünglich mal als Soundtrack-Komponisten angedacht), und das scheint durchaus programmatisch zu sein, wirkt der ganze Film doch insgesamt spontaner, emotionaler, direkter und weniger komponiert als man das von Argento sonst kennt. Auch thematisch scheint QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO lockerer, weniger eng: Es geht nicht so sehr um die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Erinnerung und ihrer wechselseitige Beeinflussung, also darum, wie die Erinnerung Dinge nachträglich verfälscht oder löscht, die die Sinnesorgane aufgenommen haben, sondern um die Möglichkeit der Sinnsuche bei Abwesenheit jeglicher äußerer wahrnehmbarer Indizien und Fakten. Das Unheimliche am Kriminalfall des Films ist gerade die völlige Abwesenheit eines erkennbaren Motivs. Roberto scheint ein vollkommen willkürliches Opfer in einem Erpressungsfall, der nur der Belustigung des anonymen Täters dient. Und diese beunruhigende Tatsache zeitigt vor allem sichtbare emotionale Folgen. Roberto ist ein ungewöhnlich passiver, eigentlich sogar gänzlich handlungsunfähiger Protagonist. Nach dem Schock zu Beginn erstarrt er förmlich, flüchtet sich nach innen und macht vollkommen dicht. Bis zum Ende ist er ratlos: Zu diesem Zeitpunkt ist der von ihm beauftragte Detektiv, der der Wahrheit recht schnell auf die Spur gekommen war, bereits tot. Und wenn er den Täter dann durchschaut, so ist das einem Zufall geschuldet. Ebenso wie sein Überleben: Ohne den Deus ex Machina hätte QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO wahrscheinlich gar kein Ende gefunden.

Betrachtet man den Giallo als eine extreme Spielart des Whodunit oder der Murder Mystery, dann ist QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO vielleicht sein am radikalsten verkürzter und stilisierter Vertreter: Argentos Inszenierung akzentuiert immer wieder die dem Zugriff entfliehende Wahrheit. Der ganze Film handelt von dem, was man nicht sehen kann. Wenn der Detektiv beim Vergleich zweier Fotos eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen zwei abgebildeten Figuren erkennt, dann zeigt Argento diese Bilder nicht nur nicht, er lässt den Detektiv auf die entsprechende Frage Robertos auch nicht antworten. Wen der Detektiv in der folgenden Sequenz  verfolgt, bleibt sein Geheimnis. Alles, was der Zuschauer sieht, ist der Detektiv, der nach dem Ausschau hält, von dem wir nicht wissen, wer es ist. (Überhaupt dieser Detektiv: Im Zustand höchster Euphorie gesteht er seinem Auftraggeber, keinen seiner bisher 84 Fälle gelöst zu haben. Das könne ja nur ein gutes Zeichen sein, denn diese Serie könne ja unmöglich länger anhalten. Er bräuchte eigentlich nur in seinem Büro zu sitzen und darauf zu warten, dass sich der Schuldige selbst stellt. Er sagt das, als ließe sich dazu unmöglich eine Widerrede formulieren. Herrlich. Er stirbt dann auch mit einem Lächeln auf dem Gesicht: Er hatte den richtigen Verdacht.) Die Traumsequenz, die Roberto immer wieder hochschreckt – eine Enthauptungsszene, die an die Erzählung einer Nebenfigur zu Beginn anknüpft -, ist ebenfalls nicht zu entschlüsseln. Sie enthält keinen Hinweis auf die Identität des Mörders, ist kein Rätsel, das der Zuschauer zu lösen hätte, sondern entpuppt sich zum Schluss lediglich als Vorahnung, die erst nachträglich mit Bedeutung aufgeladen wird. Ich habe erst vor Kurzem irgendwo gelesen, dass der Giallo erheblich von Antonionis BLOW-UP beatmet wurde: Eine These, die so unmittelbar einleuchtend ist, dass ich mich frage, warum ich nicht vorher darüber gestolpert bin. Argento, der als Formalist sowieso als ein direkter Nachfahre des Meisterregisseurs des Neorealismus angesehen werden kann, lag mit seinen Gialli zwar stets besonders nah an diesem Vorbild, doch QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO, der vielleicht „leerste“, abstrakteste Giallo, den ich kenne, wirkt fast, als hätte Argento ein pulpiges Remake des großen Pop-Art-Kunstwerks gedreht. Eins mit Bud Spencer als Lebenskünstler namens „Gott“, mit einer betörenden Mimsy Farmer, die hier das krasse Gegenteil ihrer Rolle aus IL PROFUMO DELLA SIGNORA IN NERO verkörpert – und dann doch wieder nicht, mit einer gruseligen Heckenlabyrinth-Szene, die THE SHINING, sowie einem Zeitlupen-Kugelflug, der THE MATRIX zu antizipieren scheint, einem spektakulären Autocrash zum Schluss und einigen weiteren wunderschönen Argento-Momenten. Superb.

 

Der Fischer Mücke Schiffskapitän Buddy Graziano (Bud Spencer) läuft liegt mit seinem Schiff in einem kleinen Hafen ein, nachdem wo es von einem U-Boot beschädigt wurde zu seiner Überraschung von eifrigen Hafenarbeitern auseinandergenommen wird. Vor Ort liefern sich die dort stationierten US-Soldaten, angeführt vom großmäuligen Sergeant Kempfer (Raimund Harmstorf) Rosco Dunn (Kallie Knoetze), und eine Gruppe kleinkrimineller hoffnungsloser italienischer Jugendlicher Boxsportler, geleitet vom sympathischen Möchtegern-Trainer Jerry (Jerry Calà), erbitterte Schlägereien Grabenkämpfe. In einem Football-Match Boxkampf sollen die Fronten endgültig geklärt werden. Und Mücke Buddy, selbst ein ehemaliger FootballBox-Profi, mit dem Kempfer Dunn noch eine offene Rechnung hat, nimmt sich des hoffnungslosen italienischen Haufens wie aus dem Nichts auftauchenden Boxtalents Giorgio Desideri (Stefano Mingardo) an …

Wer mein Blog in den letzten Wochen fleißig verfolgt hat, dem dürfte der obige Absatz samt der gestrichenen Passagen bekannt vorkommen: Es handelt sich um eine nur geringfügig abgeänderte Version meiner Inhaltsangabe zu LO CHIAMAVANO BULLDOZER, von dem BOMBER, wie man nun unschwer erkennen kann, eine Art Remake, wenn nicht gar eine nur leicht modifizierte Kopie ist. Der Footballsport wurde von Michele Lupo, der auch das Vorbild inszenierte, lediglich durchs Boxen ersetzt, was zugegebenermaßen zwar einige weitere Abweichungen nach sich zieht, die schlicht und einfach dadurch begründet sind, dass Football eben eine Mannschafts-, Boxen aber eine Einzelsportart ist, am groben Plotverlauf aber nichts Wesentliches ändert: Wieder nimmt sich der legendäre Ex-Profi, der aus zunächst undurchsichtigen Gründen einst seine Karriere beendete und Entsagung schwor, eines hoffnungslosen Haufens untalentierter Träumer an und führt sie zum Sieg gegen den amerikanischen Feind, der zufällig auch sein ganz persönlicher Feind ist. Der Gegner hält nichts von Fair Play und so ist der Ex-Profi gezwungen, selbst Hand anzulegen und somit auch sein eigenes Trauma aufzulösen. BOMBER ist zwar durchaus unterhaltsam – nicht zuletzt wieder einmal aufgrund der krachigen Synchro -, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frische und Energie, die das Original auszeichnete weitestgehend futsch ist. Außerdem funktioniert die Story mit einem Einzelsportler nicht ganz so gut, weil ein nicht unerheblicher Teil der zunächst eingeführten Loser-Figuren im weiteren Verlauf der Handlung zur Tatenlosigkeit verdammt und schließlich ganz fallen gelassen wird. BOMBER ist einfach in allen Belangen ein Stück schwächer als LO CHIAMAVANO BULLDOZER: Der Titelsong „Fantasy“ ist klasse, aber eben kein „Bulldozer“; Kalli Knoetze hat einen fantastischen Namen, ist aber kein Raimund Harmstorf; die Amis sind zwar böse, aber eben nicht so herrlich over the top wie zuvor; der rosafarbene Buggy von Trainer Jerry ist hübsch, der verrostete Kahn von Mücke war aber noch hübscher; des Weiteren ist Tauziehen kein adäquater Ersatz für Armdrückwettbewerbe und die Keilereien waren vier Jahre zuvor auch spritziger. Aber was hat man denn erwartet: Lupo hat BOMBER wahrscheinlich im Schlaf inszeniert, einige Gags, wie etwa den Spargeltarzan, der vor Aufregung aus seinem Hot Dog trinkt, aber in seine Cola beißt, übernimmt er der Einfachheit halber gleich eins-zu-eins und irgendwie ist der Film auch symptomatisch für eine Periode in Spencers Schaffen, in der es wohl in erster Linie darum ging, noch möglichst viel Kohle aus dem Star rauszupressen, bevor sich die Zuschauer abwenden würden, was dann ja zwei bis drei Jahre später passierte. Als Exploiter ist BOMBER natürlich gerade wegen seiner Recycling-Praxis  Gold wert …

Sergeant Alan Parker (Bud Spencer), der seiner Familie vorspielt ein Waschmaschinenvertreter zu sein, erhält den Auftrag, den schmierigen Kleinganoven Tony Roma (Tomas Milian) zu verhaften. Das gelingt, doch Tony fügt sich verständlicherweise nur ungern in sein Schicksal: Nach einem gelungenen Fluchtversuch beobachtet er zufällig den Mafiaboss Salvatore Licuti (Marc Lawrence) und seine Männer beim blutigen Geschäft und steht fortan auch bei diesen auf der Abshcussliste. Alan hat nun alle Hände voll zu tun, Tonys Gesundheit zu erhalten …

Was für eine verpasste Chance! Jedem Freund des Italokinos muss das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn er von der Paarung Spencer & Milian hört: Letzterer hat sich seinen Platz im Exploitation-Olymp mit der Verkörperung (hier trifft der Begriff den Nagel tatsächlich auf den Kopf) des unkonventionellen römischen Cops Nico Giraldi und unzähligen asozialen Gaunern, etwa in den großartigen LA BANDA DEL GOBBO oder  MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE sowie zahlreichen weiteren Filmen, redlich verdient – ebenso wie den Luxus, sein Einkommen nun seit rund 20 Jahren mit schauspielerisch wahrscheinlich wenig herausfordernden Neben- und Kleinstrollen als lateinamerikanischer Finsterling in Hollywood-Produktionen bestreiten zu dürfen. Er ist dann auch der einsame Höhepunkt in Corbuccis lauer Krimikomödie, die zwar nicht wirklich schlecht ist, aber jeden Drive, der für einen solchen Film doch von essenzieller Bedeutung ist, vermissen lässt. Zwischen Spencer und Milian springt der Funke nicht über, was wohl auch daran liegt, dass Spencers Rolle kaum was hergibt und ihm zudem die undankbare Aufgabe zukommt, Milians Over-the-Top-Darstellung des selbstmitleidigen und mamafixierten Schmierlappens mit pomadiger Rockabillyfrisur und den scheußlichsten Klamotten diesseits von Liberace zu „bremsen“, obwohl man sich als Zuschauer doch nichts mehr wünscht, als dass der Film endlich einmal die Kontrolle verlöre. Aber nix da: Das A und O einer solchen Buddy-Komödie – die guten Ideen, rasante Actionsequenzen, die sich mit komischen Einlagen abwechseln, das Hin und Her der Protagonisten, auf das ja auch der Titel des Films anspielt – sind hier weitestgehend absent. Ab und zu blitzt mal ein Funke auf, der andeutet, was CANE E GATTO hätte sein können, nur um nach kurzem Aufflackern sang- und klanglos zu erlöschen. Corbuccis Film ist so durchschnittlich, dass er analog zum Urmeter in einem Museum als idealtypisches Beispiel fürs Mittelmaß ausgestellt werden könnte. Schade.

banana joe (steno, italien/deutschland 1982)

Veröffentlicht: März 15, 2011 in Film
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Papa Joe, genannt „Banana Joe“ (Bud Spencer), lebt mit seinen zahlreichen Kindern das beschauliche Leben eines einfachen Bananenbauers im kolumbianischen Urwald. Der Frieden hat ein Ende, als man auf dem Markt, auf dem Joe regelmäßig seine Bananen zum Verkauf anbietet, einen Gewerbeschein von ihm verlangt: Der fernab jeder Zivilisation aufgewachsene Mann begibt sich auf eine Odyssee in die Großstadt, um dort in Sisyphos-Manier die notwendigen Behördengänge zu erledigen. Währenddessen begibt sich eine Gruppe fieser Grundstücksspekulanten daran, eine Bananenfabrik in Joes Heimat zu errichten …

In einer für Bud Spencer enorm produktiven Schaffensperiode vom PIEDONE-Regisseur Steno inszeniert, ist BANANA JOE ein liebenswerter kleiner Märchenfilm mit Fish-out-of-water-Plot und leisen kafkaesken Anklängen, dessen marginalen Abweichungen von Spencers Persona ihn für den Kenner interessant machen. Der gutmütige, einfach gestrickte und aufgrund seiner Herkunft im besten Sinne „weltfremde“ Bananenbauer Joe, der sich mit Kindern versteht und den einfachen Freuden des Lebens zugeneigt ist, scheint zunächst eine sehr typische Spencer-Figur. Was ihn aber von den Spencer-Charakteren vor allem der Spencer&Hill-Kollaborationen abhebt, ist ihre Indifferenz gegenüber weltlichem Wohlstand. Vergessen Spencers Filmfiguren auf der Jagd nach dem Mammon sonst schon einmal die Moral, an die sie dann von Hills Charakteren schmerzlich erinnert werden, sind sie in derRegel durch die Unzufriedenheit mit ihrem gesellschaftlichen Status und den Wunsch, aus diesen Zwängen auszubrechen, gekennzeichnet, so ist Banana Joe der glücklichste Mensch auf Erden. Geld bedeutet ihm nichts, es ist allerhöchstens Mittel zum Zweck, etwa eine Schule zu bauen, und Klassendünkel ist ihm fremd, weil er gar keine Vorstellung von solchen sozialen Hierarchien besitzt. Leider sieht das System auch im tiefsten Urwald nicht vor, dass sich einer seinem Spiel entzieht: Und so handelt die Geschichte von BANANA JOE letztlich davon, die Unschuld seiner Hauptfigur zu brechen, ihn durch die Mühlen der Bürokratie zu drehen, bis er entweder auf Linie gebracht ist oder aber gebrochen. Es ist klar, dass dieser Versuch schon an der Physis des Protagonisten scheitern muss; aber auch daran, dass Joe die Mechanismen der Unterwerfung, die auf ihn angewendet werden, völlig fremd sind, ihre Wirkung mithin verfehlen, mehr noch, von ihm zurückgeworfen werden. Wäre da nicht die klamaukige Synchro, bei der man etwas den Eindruck hat, sie wolle den Zuschauer für die etwas leisere Gangart des Films entschädigen, der Verweis auf Frank Capra, Jacques Tati oder ähnliche filmische Moralisten, die die kalten, technokratischen Systeme der Moderne von ihren herzensguten Naivlingen aushebeln lassen, fiele noch deutlich leichter. Dennoch: BANANA JOE reiht sich ein in die immer länger werdende Liste wunderbarer Spencer-Filme und sei hiermit zur Revision (oder Erstsichtung) empfohlen. Wer es lieber etwas grober mag, darf sich immer noch an der Synchro erfreuen, an dem herrlichen Auftritt von Gunther Philipp als schwulem Herrenausstatter oder dem Soundtrack, der neben dem wunderbar melancholischen Titelsong einige ältere Oliver-Onions-Stücke featuret.

hector_der_ritter_ohne_furcht_und_tadelMit seinen treuen Mitstreitern zieht der Söldner Hector (Bud Spencer) durch die mittelalterlichen Lande. Als er der Belagerung einer spanischen Festung durch die Franzosen beiwohnt, schlägt er sich sofort auf die Seite der Spanier, die für die Hilfe dankbar sind. Die Franzosen hingegen überziehen die Neuankömmlinge mit dem ätzenden Spott der Privilegierten, was Hector dazu veranlasst, die Franzosen zum Kampf herauszufordern. Diese willigen zu einer Schlacht 13 gegen 13 ein. Nun steht Hector vor dem Problem noch neun lebensmüde Italiener zusammentrommeln zu müssen …

Als HECTOR, RITTER OHNE FURCHT UND TADEL in meiner Kindheit über den Bildschirm flimmerte, konnte ich dem Treiben trotz meiner Begeisterung für Bud Spencer nicht viel abgewinnen: Ein Ritterfilm hatte für mich so auszusehen wie Richard Thorpes IVANHOE, farbenprächtig, pathetisch und voller schöner Burgfrolleins, edler Ritter, gütiger Könige und verstohlener Schurken, ein Spencer-Film gefälligst lustig und voller Sprüche zur fehlerfreien Wiedergabe auf dem Pausenhof zu sein. Nun kommt Campaniles Film zwar durchaus breit daher, was nicht zuletzt an der schier endlosen ausgeblichenen Erde Apuliens liegt, wo der Film gedreht wurde, aber doch keineswegs monumental. Schon die von den De-Angelis-Brüdern komponierte Ballade „O Ettore“, ein traditionell instrumentiertes Schunkelliedchen, das von einem amateurhaft, aber enthusiastisch singenden Männerchor zum Besten gegeben wird, gibt die Richtung vor. Die Verklärung, die vor allem das amerikanische  Historien- und Monumentalkino sonst so antreibt, ist Campaniles Sache nicht. Wer seinen AUTOSTOP ROSSO SANGUE kennt, einen der perfidesten, härtesten und anspruchsvollsten Thriller nicht nur des italienischen Kinos, der weiß, dass der Linksintellektuelle für schnöde Affirmation nicht zu haben sein würde. Auch in IL SOLDATO DI VENTURA geht es um nichts weniger als den Klassenkampf zwischen den Reichen, denen alles in die Hände zu fallen scheint, und den Armen, die auch im Augenblick ihres größten Erfolges noch die Gelackmeierten sind. Hectors Taten sind allein deshalb schon zweitrangig, weil er ein Unterprivilegierter ist: eine Tatsache, an der sich nicht rütteln lässt. Auch der Sieg, den der bunt zusammengwürfelte Haufen unverzagter, vom System gebeutelter Italiener am Ende erringt, wird die Welt nicht verändern, aber zumindest im Gedächtnis der Beteiligten seine Spuren hinterlassen. Campanile inszeniert dieses Sozialmärchen aber mit ruhiger Hand und ohne große Gefühlswallungen. Er vergisst nie, dass das nicht der Stoff für den großen filmischen Klassenkampf ist, eher das Balsam für jene, die sich in diesem Kampf aufzureiben pflegen. Der verbissene Zynismus, der auch etwa den genannten AUTOSTOP ROOSO SANGUE zu einem so herausfordernden Film macht, weicht hier zugunsten einer fast sportlichen Haltung. In einem wirklich schönen Film findet er in einer Sequenz ein treffendes Bild für die politische Macht des Künstlers, aber auch für die Grenzen dieser Macht. Hector schließt sich mit seinen Männern einer Gruppe spanischer Schauspieler an, mit denen er den französischen Soldaten eine besondere Show bietet. Die vorgeführten Zaubertricks dienen dazu, die Waffen der nichts Böses ahnenden Gegner zu zerstören oder sie in einem naheglegenen Fluss zu entsorgen. Natürlich fliegt das Treiben auf und so kommt es dann doch zu einer kurzen handfesten Auseinandersetzung. So ist das auch mit dem politisch motivierten Film: Fakten schaffen müssen andere.

Der Ganove Buddy (Bud Spencer) schlägt sich mit seinem Partner, dem trotteligen Indianer Adelrauge (Amidou), mehr schlecht als recht durchs Leben. Bei einem Überfall auf einen Zug erbeuten die beiden nicht mehr als den Werkzeugkoffer eines Arztes, sodass Buddy wenig später im Nest Yucca die Rolle des Mediziners übernimmt. Das Städtchen hat aber noch ärgere Probleme: Von dem Ganoven Colorado Slim (Riccardo Pizzuti) und seinen Schergen terrorisiert, ergreifen mehr und mehr Bürger die Flucht, der einst blühende Ort verfällt mehr und mehr. Doch mit dem neuen „Arzt“ wendet sich das Blatt …

Michele Lupo, einer der fleißigsten Arbeitgeber für Bud Spencer in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren, bescherte dem Star mit EINE FAUST GEHT NACH WESTEN nicht nur einen achtbaren Erfolg, sondern auch eine mehr als willkommene Rückkehr zu dem Genre, dem dieser seinen Ruhm entscheidend zu verdanken hatte. Aus den filmisch bestenfalls zweckdienlich inszenierten Spencer&Hill-Filmen der Spätphase ragt diese Italowestern-Parodie mit den berühmten andalusischen Westernsettings, den liebevoll designten Kostümen, der herrlichen Scope-Fotografie und dem treibenden, dramatischen Score, der den Zuschauer in die Blütezeit des Genres mitte der Sechzigerjahre zurückversetzt, weit heraus.  Zwar fungiert der Komiker Amidou hier als Partner für Spencer und als halbherziger Hill-Ersatz, doch lässt sich an OCCHIO ALLA PENNA trotzdem erkennen, dass Spencer zu dieser Zeit auf Hill weniger angewiesen war als jener auf ihn. Während Hill den straight man neben ihm brauchte, den er mit seinen Streichen in den Wahnsinn treiben konnte, kommt Spencer  sehr gut ohne Pausenclown zurecht. Obwohl optisch eher unflexibel und unbeweglich, verkörpert er einen Typen, der sich überall zurechtfindet, weil er sich perfekt anpassen kann. Wenn der ungebildete Gauner Buddy in OCCHIO ALLA PENNA also einen Magenkranken behandeln muss, ohne auch nur die geringste Ahnung von Medizin zu haben, bietet das auch ohne anwesenden Narren mehr als ausreichend Witz, den Lupo für seinen Film reichlich zu nutzen weiß.

Ich muss hier mal wieder ein Loblied auf Spencer anstimmen, denn niemand hatte diese stoische Art so gut drauf wie er, niemand wusste der seufzenden Resignation des gewohnheitsmäßigen Verlierers ein so sympathisches Gesicht zu verleihen. Spencer ist dem Zuschauer ja auch deshalb so nah, weil er ein Durchschnittstyp ist, jemand der sich versucht, irgendwie durchs Leben zu schlagen, dabei auf Widerstand in Form von Spott, Niedertracht, Missgunst oder eben einen unverschämten Sidekick stoßend, der sich einen Spaß daraus machte, den Finger immer wieder in die Wunde zu legen. Hill ist sich selbst stets genug und kann deshalb am Ende der gemeinsamen Abenteuer auch geflissentlich darüber hinwegsehen, dass die eigenen Taschen leer sind, während Spencer, dem das irdische Dasein eben nicht egal ist, daran verzweifelt. Es ist nicht nur die Schwerkraft, die ihn am Boden der Tatsachen hält. In seinen Soloauftritten bekommt man den Beweis, dass dieser Koloss zu mehr in der Lage ist, als die kugelrunde Zielscheibe für Hills Spott oder aber bloß dessen schlagkräftigen enforcer abzugeben. So auch hier: Wenn er am Ende, wo der Goldstaub die Luft von Yucca verdichtet und der Reichtum also förmlich zu greifen ist, wieder einmal die Flucht ergreifen muss, nur um sich dann – weil er nun endgültig die Schnauze voll hat vom Wegrennen – einem ganzen Indianerstamm entgegenzustellen, dann ist das nicht bloß ein erzählerisches Klischee. Es bringt in wenigen Sekunden zum Ausdruck, was in dieser Figur seit mehr als 15 Jahren langsam am schwelen war. Ein fantastisches Ende für einen wirklich schönen Film und eigentlich auch für die Persona Spencer.