Mit ‘Burt Young’ getaggte Beiträge

Man kennt das zu Genüge: Regisseure, die in ihrer Spätphase nur noch ein Schatten ihrer selbst sind, statt der bahnbrechenden, mutigen oder wütenden Wachrüttler ihrer frühen Jahre saturierte Langweiler drehen und es immer schwieriger machen, sie in guter Erinnerung zu behalten. Umso wertvoller ist ein Film wie ALL THE MARBLES: Robert Aldrich drehte ihn mit 62 Jahren als seinen letzten, 29. Film (er starb knapp zwei Jahre später). Nun hätten natürlich eh nur die wenigsten ein solches Zauberwerk hinbekommen, aber seine Karriere auf diesem Niveau nach drei Jahrzehnten im Business abzuschließen, ist schon eine ganz besondere Leistung. Die, es muss ja eigentlich gar nicht noch erwähnt werden, natürlich nicht angemessen gewürdigt wurde. Der Film ist in der Warner Archive Collection erschienen und darf weitestgehend als „vergessen“ bezeichnet werden. Zu Unrecht, aber das sollte nach diesem Auftakt schon klar sein.

ALL THE MARBLES erzählt von einer Reise, einem Traum und einer Freundschaft: Harry Sears (Peter Falk) ist der Manager der „California Dolls“ Iris (Vicki Frederick) und Molly (Laurene Landon), eines Wrestling-Duos, das vom großen Titel träumt, sich dafür aber mit halbseidenen Agenten, schmierigen Etablissements, verbissenen Gegnerinnen und einem generell wenig ansprechenden Leben im Auto herumschlagen muss. Die Frage, ob es das alles wert ist, ober der erträumte Titel – von dem man ja nicht weiß, ob man überhaupt die Chance bekommt, ihn zu sich holen – all die Schmerzen, Demütigungen und Entbehrungen aufwiegt, stellt sich an jeder Ecke. Aber zum Aufgeben ist es schon längst zu spät.

Der Vergleich zu Avildsens ROCKY drängt sich auf: Beide Filme handeln von Underdogs. beide zeigen eine Welt fernab des Glamours, beide spielen nicht in den glitzernden Metropolen, sondern in der tristen Realität qualmender Fabrikschornsteine, heruntergekommener Backsteinbauten, mieser Kaffs und eines Winters, der alles noch ein bisschen trostloser erscheinen lässt. In ALL THE MARBLES kommt außerdem hinzu, dass seine drei Protagonisten noch nicht einmal ein ganz gleeich wie bescheidenes zu Hause haben, sondern mit dem Auto von einem ranzigen Motel zum nächsten tingeln, immer auf der Suche nach einem Gig, der ihnen die nächste Mahlzeit beschert. Beide Filme enden mit einem Triumph und teilen somit auch den märchenhaften Charakter, aber während Stallones Drehbuch ihn als ein hoffnungslosen Romantiker bloßstellt, ist Aldrich ein Realist. Rocky hat sich am Ende des ersten Films aus der Unbekanntheit und der Armut buchstäblich freigeboxt, den Ruhm erreicht, den er immer wollte. Auf sportlicher Ebene gelingt das auch den „California Dolls“, aber es bleibt dann doch die berechtigte Frage, ob sich für sie so viel ändern wird. Frauencatchen ist nicht Herrenboxen und immer schwingt die Tatsache mit, dass diese Mädels nie nur nach ihren Leistungen berurteilt werden: Immer wird es den meist männlichen Zuschauern auch darum zu gehen, ihre sexuelle Schaulust zu befriedigen.

Es ist angesichts dieser Tatsache erstaunlich, dass Aldrichs Film niemals auch nur ansatzweise zynisch oder exploitativ wird – und das, obwohl er sich während des 15-minütigen Showdowns keineswegs in Zurückhaltung übt. Der Titelgewinn der beiden Protagonistinnen ist der kathartische Höhepunkt des Films, aber was mehr noch im Gedächtnis bleibt, ist der Rapport zwischen Sears, Iris und Molly. Wie sie sich lieben, streiten, sich immer wieder aufraffen und über alle Hindernisse und Durststrecken hinweg zusammenbleiben ist nicht bloß eine dramaturgische Behauptung, man fühlt die Verbindung, die sie haben. Falk ist brillant und beweist wieder einmal, wie sträflich untergenutzt er war: Er ist wie gemacht für seinen zwar mit allen Abwassern gewaschenen Manager, der außerdem Seelsorger, Trainer, Liebhaber, Vater, Geschäftsmann, Psychologe und Chauffeur zugleich sein muss, gegenüber seinen beiden Klientinnen zudem noch das Problem hat, dass er ja absolut auf sie angewiesen ist. Seinem New Yorker Akzent und seinen Geschichten könnte ich stundenlang zuhören. Wunderbar seine Erklärung, woher er all die Zitate und Lebensweisheiten herhabe: Sein Vater, ein Einwanderer, habe immer Clifford Odets und Will Rogers gelesen, um Englisch zu lernen. Die Zusammenführung des gebildeten Bühnenschriftstellers Odets und der Lebensweisheit einer „Stimme des Volkes“ wie Rogers ist nicht nur die Essenz von Sears, sondern auch der Schlüssel zum Verständnis von Aldrich, der immer beides war: Künstler und Populist. Leider gibt es Filmemacher, die beides in dieser Qualität beherrschen, heute in den USA nicht mehr oder zumindest kaum noch.

Aldrich, dessen Werkschau ich mit diesem Eintrag ich heute beende, war ein Wanderer zwischen den Welten, ein komplexer Regisseur, der immer noch sträflich unterbewertet ist. Nominell der Generation von Opas – oder zumindest Papas – Kino angehörend, mit dem die Movie Brats in den späten Sechzigern aufräumten und das New Hollywood begründeten, erweist er sich mit einem Film wie ALL THE MARBLES als einer der radikalsten Vertreter von dessen Ideen, derer sich Hollywood im Jahr 1981, als sein letzter Film sang und klanglos unterging, längst wieder verabschiedet hatte. Immer noch haftet ihm das Etikett des „Männerfilmers“ an, das er sich mit Filmen wie VERA CRUZ, THE DIRTY DOZEN, FLIGHT OF THE PHOENIX, ATTACK!, EMPEROR OF THE NORTH und THE LONGEST YARD erwborben hatte – durchaus verdient, aber ihn darauf zu reduzieren oder gar ihn als „Macho“ zu beschreiben, wird der Vielseitigkeit seines Werkes kaum gerecht. Aldrich wusste von den Traumata, die oft hinter den „starken Männern“ standen, widmete sich zu einer Zeit dem kindlichen Missbrauch, als die Prügelstrafe noch ein anerkanntes erzieherisches Mittel war, legte die Abgründe einer Kultur der Stärke und der Gewalt immer wieder und dann mit THE CHOIRBOYS besonders furios und gnadenlos offen und hatte immer wieder auch starke Frauenfiguren in seinen Filmen. ALL THE MARBLES ist insofern ein schöner Abschluss: Hier haben die Frauen die Muckis und sie kehren nach getaner Arbeit zum Mann zurück, der ihre Wunden versorgt und sie wieder aufrichtet.

Mit THE CHOIRBOYS greife ich den vor einigen Jahren fallen gelassenen Faden meiner Robert-Aldrich-Werkschau wieder auf. Damals konnte ich dieses Films nicht habhaft werden und auf den nachfolgenden THE FRISCO KID hatte ich nicht so richtig Lust. Nun habe ich THE CHOIRBOYS endlich aufgetrieben und kann das Projekt zu seinem würdigen Ende bringen.

THE CHOIRBOYS gilt als einer der „misslungenen“ Filme in Aldrichs Filmografie: Bei seinem Kinoeinsatz wurde er von der Kritik zerrissen, das Publikum wollte ihr auch nicht widersprechen und zu alem Überfluss zog Joseph Wambaugh, Autor der autobiografisch angehauchten Romanvorlage und selbst Ex-Cop (auf sein Konto ging u. a. auch die Vorlage zu Fleischers THE NEW CENTURIONS) nach der Sichtung erbost seinen Namen zurück. Bis heute ist der Film nicht digital verfügbar, ein Schicksal, das noch nicht einmal Aldrichs anderen großen filmischen Stinkefinger, den ebenfalls viel gehassten THE LEGEND OF LYLAH CLARE ereilte. Und wie das mit solchen wüsten, missverstandenen, unter den Teppich gekehrten Filmen so ist: Ich mag ihn, wenngleich ich verstehe, warum ein Publikum, das Aldrich mit Hits wie THE DIRTY DOZEN assoziierte, mit ihm nicht warm wurde. THE CHOIRBOYS ist messy, außer Rand und Band wie seine Protagonisten, vulgär, handlungsarm und tonal all over the place. Ein Film kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Die „Chorknaben“, wie auch der deutsche Titel lautete, sind eine Gruppe von Streifenpolizisten in L. A.und mehr als mit der Verbrechensbekämpfung sind sie mit verständnis- und empathielosen Vorgesetzten und sich selbst beschäftigt. Sie benehmen sich beim täglichen Briefing wie Schulkinder, lassen sich nach Feierabend volllaufen, huren rum – und pflegen hinter der gut gelaunten Fassade manch schwere Neurose, die sich in der zweiten Hälfte des Films dann Bahn bricht und THE CHOIRBOYS heftig kippen lässt. Einen Vorgeschmack auf das blut- und tränenreiche Finale gibt es bereits zu Beginn, der die beiden Cops Sam Lyles (Don Stroud) und Harold Bloomguard (James Woods) in Vietnam zeigt, wo sie nur mit viel Glück dem Vietcong entkommen, weil sie sich in einem Tunnel verschanzen. Doch wie das so ist mit Traumata: Sie werden im Alltag hinter einer Fassade der Routine und des übertriebenen Selbstvertrauens mit wachsender Anstrengung verborgen, bis der Druck irgendwann zu groß wird und es heftig knallt. Man spürt, dass hinter den exzessiven Partys und dem infantilen Gehabe der Chorknaben die pure Verzweiflung steckt, eine sich als Lebensfreude tarnende Lebensmüdigkeit. Francis Tanaguchi (Clyde Kusatsu) verkleidet sich als Vampir, Dean Proust (Randy Quaid) besäuft sich bis zur Besinnungslosigkeit, Roscoe Rules (Tim McIntire) gefällt sich als rassistisches, sexistisches Arschloch, Saubermann Baxter Slate (Perry King) lässt sich von einer Domina misshandeln und Whalen (Charles Durning) hält den Job nur deshalb aus, weil er in ein paar Monaten in Ruhestand gehen wird.

Aldrich verbindet den resignierten Realismus des Siebzigerjahre-Copfilms mit dem Over-the-Top-Klamauk der KEYSTONE COPS (oder der später folgenden POLICE ACADEMY-Reihe) und sorgt mit diesem Schachzug für größte Desorientierung: Die groben Späße wirken verzweifelt, psychotisch, mit den aus dem Fernsehen entlehnten, immer wiederkehrenden Establishing Shots zeichnet er eine Welt, in der sich nichts mehr bewegt, höchstens abwärts. Die Welt von THE CHOIRBOYS ist aus den Fugen geraten, Cops benehmen sich wie Amokläufer, Verbrecher braucht es da gar nicht mehr. Der Zen-Buddhist, an dem all das abprallt, ist ausgerechnet der wie ein Penner aussehende Scuzzi (Burt Young), Chef des Sittendezernats, der stinkende, abgekaute Zigarren in seinen mit Hochprozentigem aufgebrezelten Kaffee tunkt und dem schwulen 18-jährigen Stricher mit der Empathie begegnet, die keiner mehr so recht für den anderen aufbringen kann, weil er zu sehr mit sich beschäftigt ist. Am Ende kommt es infolge des Selbstmords des gedemütigten Baxter zur Katastrophe, der Erschießung eines Unschuldigen durch den eine Panikattacke erleidenden Lyles. Der überfällige Selbsterkenntnisprozess setzt ein, doch der Obrigkeit in Form des Polizeichefs Riggs (Robert Webber) geht es nur darum, die Wahrheit zu vertuschen, auch wenn seine Leute dafür geopfert werden müssen. Es ist eine Scheißwelt, aber es gibt Hoffnung. So abgefuckt war Aldrich dann doch nicht, den Film ohne ein echtes, befreiendes Lachen zu beenden.

THE CHOIRBOYS ist kein Vergnügen. Er ist kompliziert, schmutzig und überdreht, episodisch und orientierungslos. Vieles läuft ins Leere und die erste Hälfte, einer Aneinanderreihung furchtbar alberner, dabei aber auffallend humorloser Szenen, stellt die Geduld auf eine harte Probe. Wie beim genannten THE LEGEND OF LYLAH CLARE merkt man ihm an, dass Aldrich kein Interesse daran hatte, auf sein Publikum zuzugehen. Es scheint, als hätte er die Kontrolle ganz bewusst aufgegeben, die Chorknaben das Ruder übernehmen lassen. Die Dramaturgie des Films erinnert dann auch eher an einen führerlosen Bus, der einen Abhang hinunterrast, nachdem er die Leitplanke durchbrochen hat, während seine besoffenen Passagiere den ultimativen Kick feiern, in augenrollender Todesverachtung. Der Aufprall kommt ja sowieso.

O! say can you see
by the dawn’s early light,
What so proudly we hailed
at the twilight’s last gleaming,
Whose broad stripes and bright stars
through the perilous fight,
O’er the ramparts we watched,
were so gallantly streaming?
And the rockets’ red glare,
the bombs bursting in air,
Gave proof through the night
that our flag was still there;
O! say does that star-spangled
banner yet wave,
O’er the land of the free
and the home of the brave?

So lautet die erste Strophe der US-amerikanischen Nationalhymne, „The Star-Spangled Banner“, die Thomas Scott Key im Jahre 1814 verfasste. Bei den Kriegshandlungen, die er mit so seltsam blumigen Worten beschreibt, handelt es sich um den Britisch-Amerikanischen Krieg, der von 1812 bis 1814 tobte. Genauer bezieht er sich auf die Nacht vom 13. auf den 14. September, als die britische Marine Fort McHenry im Hafen Baltimores unter schweren Beschuss nahm. Seine Ode an die amerikanische Flagge, jenen Star-spangled Banner eben, drückt die Freude des Dichters darüber aus, dass eben jene am Morgen nach den beschriebenen Angriffen noch immer über dem Fort wehte, die USA also nicht vor den Briten kapituliert hatten. Die Formulierung „Twilight’s last gleaming“, der Aldrichs Film seinen Titel verdakt, bezieht sich im Kontext der Hymne zunächst auf nichts anderes als den vorangegangenen Abend: Am Vorabend wehte die Flagge noch, aber auch im Morgengrauen („The dawn’s early light“) ist sie noch zu sehen. Als Titel von Aldrichs Film nimmt sie natürlich eine weitere, apokalyptischere Ebene an: Nicht bloß die vergangene Dämmerung ist gemeint, jene Dämmerung also, in der mit den USA noch alles in bester Ordnung war, seine Werte noch Bestand hatten, noch kein Fremder sie korrumpiert hatte, sondern tatsächlich die letzte Dämmerung, in der also die Welt, so wie wir sie kennen, untergehen wird. Beide Lesarten verschränken sich in Aldrichs Film zu einer wenig freudigen Bestandsaufnahme.

Der in Ungnade gefallene Ex-General Lawrence Dell (Burt Lancaster) bricht mit drei Häftlingen aus dem Gefängnis aus und erobert ein Atomraketensilo in Montana, an dessen Konstruktion er selbst beteiligt war. Er bringt die Raketen, die allesamt auf Ziele in der Sowjetunion gerichtet sind, in seine Gewalt und wendet sich mit seinen Forderungen an den US-Präsidenten Stevens (Charles Durning), einen volksnahen Mann. Er will nicht nur 10 Millionen Dollar, sondern auch die Veröffentlichung von Geheiminformationen über den Vietnamkrieg aus einer Sitzung, an der Dell einst selbst beteiligt war. Das Volk soll über die wahren Hintergründe des Krieges aufgeklärt und nicht länger getäuscht werden …

Dell nimmt in Aldrichs Film gewissermaßen die Rolle des Patrioten Thomas Scott Key ein. Doch dessen unbändige Freude über das Wehen der amerikanischen Flagge ist bei Dell der Ettäuschung darüber gewichen, dass die Werte, die sie einst repräsentierte, bereits hoffnungslos augehöhlt sind. Das Volk wird belogen und mutwillig getäuscht, die Politik verfolgt nur noch die eigenen schmutzigen Ziele, Idealisten wie er werden aus dem Weg geräumt und öffentlich zerstört. Wenn das Land sowieso schon ruiniert ist, es sein „last gleaming“ eigentlich bereits erlebt hat, dann kann man es auch ganz zerstören, es in einem grellen Feuerball – ebenfalls einem „letzten Glimmen“ also – untergehen lassen. Oder ihm eben mit diesem Ende drohen, um es wieder zur Besinnung zu bringen. Tatsächlich findet Dell in Präsident Stevens einen Verbündeten, der nach dem Studium jener Geheimakten, deren Inhalt Dell veröffentlicht sehen will, beschließt, dass die Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Politik gekommen ist, sie sich wieder als Diener des Volkes begreifen muss, nicht als sein Gegner. Doch weder Dell noch Stevens haben damit gerechnet, dass solche Entscheidungen längst nicht mehr von einzelnen Personen abhängen. Dass auch der Präsident nur noch eine Sockenpuppe ist, die gegebenenfalls aus dem Weg geräumt wird, wenn sie das Spiel, über dessen Regeln stillschweigende Einigkeit besteht, nicht mehr mitspielen will. „Twilight’s Last Gleaming“, das Ende der Welt, bleibt am Ende aus. Aber jenes andere letzte Glimmen, jenes, das vom Ende Amerikas als einem freiheitlichen Staat des Volkes kündet, ist nicht mehr zu leugnen.

TWILIGHT’S LAST GLEAMING erschien in Deutschland in einer rund 25 Minuten kürzeren Schnittfassung, die seit einiger Zeit auch auf Blu-Ray erhältlich ist. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um eine geschnittene, sondern lediglich um eine alternative Fassung, dennoch meine ich, dass man dem Film die fehlenden Passagen ungut anmerkt. Es mag vielleicht auch daran liegen, dass ich TWILIGHT’S LAST GLEAMING wieder einmal in zwei Etappen geschaut habe, aber ich meine, dass sein Rhythmus einfach nicht stimmt: Nach überproportional viel Aufbau und einem nur kurzen Mittelteil folgt dann recht abrupt das Finale. Die Motivationen der beiden Protagonisten bleiben dabei leider etwas schwammig. Sie verkommen zu Sprachrohren einer Botschaft, werden als Menschen nicht wirklich greifbar. Hinzu kommt die Statik des Films. Aldrich kehrt zu der kammerspielartigen Form von THE BIG KNIFE, THE LEGEND OF LYLAH CLARE oder auch THE KILLING OF SISTER GEORGE zurück, siedelt die Handlung bis auf wenige Ausnahmen in zwei abgeriegelten Innenräumen ab. Das ist insofern konsequent, als es ja gerade darum geht, dass global bedeutende Entscheidungen unter völligem Ausschluss jener Öffentlichkeit, die von ihnen in erster Linie betroffen ist, gefällt werden. Dass Aldrich diese Statik dann aber durch den Einsatz von Splitscreens auflöst, ist ein zweifelhafter Schachzug und im Gegensatz zu THE LONGEST YARD auch ästhetisch nur mäßig überzeugend gelungen. Lediglich in einer Sequenz, als eine Zündung der Raketen erst in letzter Sekunde abgewendet wird, erfüllt sie eine erzählerische Funktion, bietet sie einen echten Mehrwert. Ansonsten scheint sie lediglich ein gimmickhafter Ersatz für die ungleich weniger Aufmerksamkeit heischende Paralellmontage. Nein, ich fand TWILIGHT’S LAST GLEAMING unangenehm steif, unelegant und irgendwie leer. Vielleicht revidiere ich meine Meinung nach einer weiteren Sichtung (dann am Stück). Bis dahin behalte ich ihn vor allem wegen seines deprimierenden Endes, der kreativen Titelgebung und der schönen Besetzung – neben den Genannten agieren Richard Widmark, Joseph Cotten, Melvyn Douglas, Paul Winfield, Burt Young, Aldrich-Regular Richard Jaeckel sowie William Smith und BLACULA-Hauptdarsteller William Marshall – in einigermaßen guter Erinnerung. Schade, ich hatte mich so auf den Film gefreut.

blood beach (jeffrey bloom, usa 1980)

Veröffentlicht: Oktober 10, 2010 in Film
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Am schönen Badestrand von Santa Monica herrscht Ausnahmezustand, seit mehrere Personen dort sprichwörtlich vom Erdboden verschluckt wurden und andere schlimme Verstümmelungen erlitten. Irgendetwas scheint unter dem Strand zu leben und nach arglosen Spaziergängern zu schnappen. Der mit dem Fall beauftragte Captain Pearson (John Saxon) steht ebenso vor einem Rätsel wie der Strandwächter Harry Caulder (David Huffman) …

Zu BLOOD BEACH habe ich eine besondere Beziehung: Ich kannte den Film aus Erzählungen schon seit meiner Kindheit und diese Erzählungen haben den Film vor meinem inneren Auge deutlich größer gemacht, als er sich dann Jahre später bei meiner ersten „persönlichen“ Begegnung herausstellte. Auch diese liegt jetzt schon weit mehr als zehn Jahre zurück und so habe ich mich ziemlich auf ein Wiedersehen gefreut. Leider wurde dieses durch den Umstand getrübt, dass die deutsche Videofassung, die mir vorlag, genau um jene Szene gekürzt zu sein scheint, auf die ich mich am meisten gefreut hatte: Dass es sich dabei gewissermaßen um den Klimax des Films handelt, nämlich die Enthüllung des reichlich unorthodoxen Monsters (man könnte es auch weniger freundlich als „lächerlich“ bezeichnen), hat mir die Abendstunden dann schon ein wenig vermiest. Allerdings liegt diese Enttäuschung auch darin begründet, dass das Wiedersehen sonst sehr schön war und mir der Film ziemlich viel Spaß gemacht hat. Warum, das ist gar nicht mal so leicht zu erklären, denn im Grunde handelt es sich bei BLOOD BEACH um einen recht verschnarchten, merkwürdig unengagiert hingeschlunzten Monsterfilm, der nur wenige der Reize aussendet, die man gemeinhin von einem Monsterfilm erwartet, dafür aber eine einmalig gammelige Atmosphäre schafft. Zu den (durch das suboptimale Videobild noch verstärkten) tristen und irgendwie herbstlich anmutenden Bildern der heruntergekommenen Strandpromenade mit ihrem ruinösen Pier und dem melancholischen Score gesellt sich die herrliche Synchro, die aus Burt Youngs Sergeant Royko wohl einen der launischsten und schlampigsten Polizisten der Filmgeschichte macht: Ständig mault er rum, dass in Chicago doch alles besser sei, und trampelt rücksichtslos und gleichmütig auf den Gefühlen seiner Mitmenschen herum. Nimmt man dazu noch die spitzenmäßige, an JAWS angelehnte Tagline „Just when you thought it was safe to go back in the water – you can’t get to it.“ und die schönen Effekte, wenn Menschen im Sand versinken, hat man einen zwar total uneffektiven, aber doch ziemlich liebenswerten kleinen Schundfilm. Vorausgesetzt, das Monster wird einem nicht vorenthalten.