Mit ‘Carey Mulligan’ getaggte Beiträge

Es fällt nicht sofort ins Auge, aber der erste Witz an den Filmen der Coens ist ganz oft der Titel. In BLOOD SIMPLE stellt sich Mord als alles andere als das heraus, FARGO spielt zum weit überwiegenden Teil eben nicht dort, sondern in Minneapolis und Brainerd, THE BIG LEBOWSKI bezeichnet auf wortwörtlicher Ebene genauso wenig den Protagonisten wie THE MAN WHO WASN’T THERE, dann aber doch. Die USA sind, wenn überhaupt, ausdrücklich ein Land für alte Männer, denn es sind die jungen, die getrieben von Ambition ins Gras beißen, und TRUE GRIT zeigt nicht so sehr Rooster Cogburn als vielmehr seine 14-jährige Auftraggeberin. Und dann eben INSIDE LLEWYN DAVIS, der das Versprechen, uns einen Einblick in das Innerste seines Protagonisten zu gewähren, nicht einmal annähern einhält, uns stattdessen mit geradezu aufreizende Dreistigkeit immer wieder an seiner Stirn abprallen lässt. Dass der Titel sich auf digetischer Ebene auf das Debüt-Soloalbum seines Protagonisten bezieht, wird davon nicht wirklich tangiert.

Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist ein Folkmusiker im New York der späten Sechzigerjahre und zwar einer der ernsten Sorte, die für ihre große Kunst leidet, noch mehr aber darunter, dass sich dieses heilige commitment nicht in Verkaufszahlen und Ruhm niederschlägt. Für den Carpenteresken Softfolk, den seine ätzende Ex-Freundin Jean (Carey Mulligan) zusammen mit ihrem weichgespülten Freund Jim (Justin Timberlake) macht, hat er nur Verachtung übrig, wie auch für die Fans, die den sanften Harmonien ungleich mehr abgewinnen können, als seinen rohen, introvertierten Interpretationen alter traditionals. Die anhaltende Erfolglosigkeit wird nicht besser dadurch, dass er überall mit seiner Vergangenheit als Teil eines Duos konfrontiert wird, dessen andere Hälfte sich einst von der Washington Bridge in den Selbstmord stürzte. In einem Akt der Verzweiflung macht sich Llewyn auf nach Chicago, um dort vor dem Produzenten Bud Grossman vorzusingen: Auch der weiß zu Llewyns Darbietung nicht mehr zu sagen, als dass mit ihm nicht viel Geld zu holen sei und er einen „vorzeigbareren“ Partner an seiner Seite bräuche. Frustriert und völlig pleite will Llewyn wieder auf einem Schiff anheuern wie sein Vater, doch auch das geht schief.

Die Coens setzen ihre Strategie fort, tief ambivalente Charaktere ins Zentrum ihrer Filme zu stellen. Llewyn Davis ist in vielerlei Hinsicht ein Kotzbrocken, wie der Dude ein Hängertyp, der sich aber anders als dieser nicht damit zufriedengeben mag, am Rande der Gesellschaft zu stehen. Kommerzkram ist seine Sache nicht, aber in der Kälte zu frieren, weil er sich keinen Mantel leisten kann, und von einer Couch zur nächste zu tingeln, verständlicherweise auch nicht. Leider geht ihm jeglicher Geschäftssinn völlig ab: Als er als Sessionmusiker bei der Aufnahme eines aus seiner Sicht albernen novelty songs mitwirkt, lässt er sich mit bar ausgezahlten 50 Dollar abspeisen, weil ihm für die Auszahlung der Royaltys ein Gewerkschaftsausweis fehlt. Der Film lässt den Ausgang offen, aber der Zuschauer ahnt trotzdem, dass ihn das später, wenn das alberne Liedchen zum Hit avanciert, noch fürchterlich ärgern und wahrscheinlich Tausende von Dollars kosten wird.

Mit der Verantwortung hat er es auch nicht so, weder für sich noch für andere: Ein Teil seiner kargen Erträge geht immer wieder für Abtreibungen drauf, die er seinen Freundinnen bezahlt, und die es sich dann doch anders überlegen. Als er von seinem Arzt erfährt, dass er Vater eines Kindes ist, das er noch nie gesehen hat, wird er kurz nachdenklich, aber ändern kann und will er sich nicht. Eine Katze, die er zunächst sehr fürsorglich mitnimmt, lässt er kurzerhand in einem liegengebliebenen Auto sitzen. Der Film endet mit einer Tirade, die er bei einer kleinen Talentveranstaltung auf eine alte Hippiedame niedergehen lässt. Er empfindet es als Affront, dass sie die selbe Bühne betreten darf, auf der auch er seine Lieder zu spielen pflegt. Er hat einfach ein unschlagbares Talent, sich in Situationen hineinzumanövrieren, in denen er sich dann mit großer Zuverlässigkeit wie ein Arschloch verhalten muss – und sich dafür dann noch mehr zu hassen.

Trotzdem ist er uns nicht unsympathisch. Wir erkennen sein Talent – und seine Musik ist ohne Frage besser als die dieser adrett frisierten Bürschchen, die vom Folktrend profitieren – und sehen, dass es nicht ausreichend gewürdigt wird. Er kämpft verbissen für seine Kunst, wünscht sich Anerkennung und ein wenigstens halbwegs sicheres Einkommen und wir verstehen, warum er nicht einfach nur einen billigen kleinen Hit schreiben will. Doch seine Weigerung, einen Kompromiss einzugehen, dient ihm auch als wunderbarer Vorwand, sich kein Stückchen weiterentwickeln zu müssen oder seine Verhaltensweisen und Methoden zu überdenken. Etwas nagt an ihm, dem er sich einfach nicht stellen will, warum auch immer. Und diese Verbitterung wird auch verhindern, dass andere Zugang zu seiner Musik finden. In sich gekehrt sitzt er auf der Bühne und brummelt seine düster-knarzigen Folktunes. Man weiß nicht, ob er wirklich ein Publikum braucht. Im Inneren von Llewyn Davis steckt nur noch mehr Llewyn Davis.

 

Die Schublade, die ich für SHAME nach dem Lesen einiger Rezensionen vorgesehen hatte, lautete auf den Namen: „AMERICAN PSYCHO mit Sex statt Morden“. Ich befürchtete einen dieser zeitgeistigen Filme, in denen die Welt zwar vollgestellt ist mit attraktiven Menschen in teurem Zwirn und schicken Designermöbeln, aber dafür jedes Sinnes, jeder Emotion beraubt. Einen jener Filme, in dem diese beziehungs- und liebesunfähigen, materialistischen Menschen sich in irgendwelche absurden Obsessionen stürzen, in denen ihre ganze Verkommenheit zum Ausdruck kommt. Hier eben: Sex. Und mit dem Sex ist das ja so eine Sache: Obwohl seine soziale Funktion kaum unterschätzt werden kann, er bestimmendes Thema zwischenmenschlicher Beziehungen ist und der Köder, mit dem Werke der Populärkultur immer noch erfolgreich ihr Publikum locken, hat Sex immer auch etwas Anrüchiges, sobald ein gewisses Maß – qualitativ oder quantitativ – überschritten wird. Und so ahnt man ja schon, dass ein Film, der sich mit einem „Sexsüchtigen“ befasst, kaum zu dem Schluss kommen wird, dass der mit seiner Sucht besser dran ist als ein Drogenabhängiger. Natürlich führt die Obsession den Protagonisten von SHAME in Grenzbereiche, natürlich leidet sein Leben an der Sucht, natürlich vernachlässigt er für sie die Dinge, die wichtiger scheinen. Natürlich muss er einen Ausweg aus der Sackgasse finden, bevor es zu spät ist. Immerhin lässt SHAME das Thema Aids außen vor. Fast ein Wunder, möchte man meinen.

Dennoch ist SHAME nicht die moralinsaure Lehrstunde in Sachen Oberklassen-Zynismus, die ich befürchtet hatte. Über weite Strecken, vor allem während der ersten beiden Drittel, bemüht sich McQueen um Differenzierung. Der erfolgreiche, allein lebende Geschäftsmann Brandon (Michael Fassbender) ist kein gefühlskaltes Raubtier (auch wenn er in der Anfangssequenz, in der eine Frau durch eine U-Bahn-Station verfolgt, so erscheint) und auch kein Frauenhasser wie es Patrick Bateman war. Er ist ein sympathischer Mann, charmant und gewinnend im Umgang mit Frauen, eher still und zurückhaltend, als forsch und offensiv. Man merkt, dass seine Isolation selbst gewählt ist: Tief verletzt und voller Misstrauen hat er sich zurückgezogen. Sein Hobby wäre unproblematisch, wenn es nicht seinen Alltag komplett dominierte: Auf seinem Bürocomputer hat man Unmengen an Pornografie gefunden, mehrfach am Tag muss er eine Toilette zum Onanieren aufsuchen, auch zu Hause wird als erstes Internetpornografie konsultiert, wenn nicht gerade eine Prostituierte da ist. Mit diesem ausgefüllten Alltag hat es ein Ende, als Brandons Schwester Sissy (Carey Mulligan) bei ihm Unterschlupf sucht. Die sensible, mittellose Sängerin hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich und die Tendenz, den falschen Männern hinterherzurennen. Sie behindert den Bruder in der Ausübung seines Hobbys und zieht deshalb immer mehr seinen Zorn auf sich. Und wohl auch, weil sie ihn daran erinnert, was mit ihnen einst passiert ist – der Film deutet das wirklich nur kurz an, aber es drängt sich der Verdacht auf, dass beide als Kinder missbraucht wurden. Sissy erstickt alle Menschen, die ihr nahekommen mit ihrer Anhänglichkeit, Brandon kann zu niemandem ein Beziehung aufbauen, die länger als ein paar Wochen dauert. Da leben zwei Menschen auf engstem Raum zusammen, deren Traumatisierung sich in  genau entgegengesetzte Richtungen auswirkt.

Leider gelingt es McQueen trotz dieser guten Ansätze leider nicht gänzlich, Brandons Sucht zu entskandalisieren. Gerade im Showdown, in dem er sich nach einem heftigen Streit mit seiner Schwester auf eine Ficktour begibt, die der Regisseur zum Abstieg in die Hölle hochstilisiert, kippt der Ton des Films: Distanz und Neutralität werden zugunsten der dramatischen Pointierung und Skandalisierung aufgegeben. Völlig entfesselt fingert Brandon eine Frau am Tresen einer Bar, legt sich dann geradezu todessehnsüchtig mit ihrem schlagkräftigen Freund an und hetzt danach mit Schürfwunden im Gesicht und wie ein Junkie den nächsten Kick suchend durch die nächtlichen Straßen. Alles ist in ein infernalisches Rot getaucht, die Konturen des Bildes verschwimmen, Brandons ganze Identität scheint in Auflösung begriffen. Wie in Trance geht er einem Mann hinterher, folgt ihm in einen kargen Club, der von ohrenbetäubendem Techno erfüllt wird und lässt sich von diesem dann in einem dreckigen Kellerloch fellationieren. Das ist der Moment, in dem der Film seine Aufrichtigkeit aufgibt und stattdessen auf billigen shock value setzt. Als sei es so besonders verblüffend, dass ein Mann, der täglich mehrfach ejakulieren muss, sich im Notfall auch von einem Mann bedienen lässt. Schlimmer noch: Als sei daran irgendetwas per se schockierend. Er steckt seinen Pimmel einem anderen Mann in den Mund! Jetzt ist er wirklich am Ende. So zumindest wirkt diese Szene auf mich und sie verrät die bis dahin gemachten Bemühungen und seinen Protagonisten. Abgefedert wird sie durch eine weitere, sich anschließende Sexszene, in der sich Brandon mit zwei Traumfrauen und unter goldenem Licht in geradezu paradiesische Ekstase vögelt. In diesem Moment wird klar, dass dieser Mann mit seinem speziellen Hobby nicht nur überirdische Glückszustände erreicht, sondern dass er auch ziemlich gut ist in dem, was er da tut. Wahrscheinlich hatte McQueen Angst vor dieser Erkenntnis, weshalb Brandon pünktlich zum Orgasmus in tränenschwangere Verzweiflung verfällt.

In dieser Art taumelt der Film nun seinem Ende entgegen. Das Abgleiten ins Melodram wird immer wieder eben so verhindert, bevor die nächste kitschige Szene einen neuen Anlauf nimmt. Brandon begreift, dass seine Schwester sich umbringen wird, findet sie blutend auf dem Badezimmerboden. McQueen entscheidet sich dankenswerterweise dafür, sie nicht sterben zu lassen, beschert seinem Protagonisten dafür dann aber einen effektvollen Zusammenbruch im Regen. Und ein offenes Ende – hat Brandon sich geändert oder nicht? – suggeriert dann doch wieder das schlummernde Raubtier aus der U-Bahn-Sequenz. Ich weiß nicht. Einerseits hat mir SHAME deutlich besser gefallen, als ich das erwartet hatte, andererseits hat er einige meiner schlimmsten Vorurteile bestätigt. Es scheint einfach nicht möglich, Filme dieser Art ohne die große menschliche Katastrophe erzählen zu können. Die Überspitzung am Ende kollidiert heftig mit der Distanz, die McQueen über weite Strecken hält. Am Ende ist SHAME dann doch ein ziemlich herkömmlich strukturierter Film, dessen Thema „Sexsucht“ nahezu austauschbar ist. Gut gespielt und erlesen fotografiert ist er aber dennoch.

Natürlich musste ich DRIVE sehen. Und natürlich habe ich ihn geliebt, wie ich in den vergangene Jahren nur wenige aktuelle Filme geliebt habe. Für die Filmgazette habe ich versucht, meiner Begeisterung Worte zu geben. Hier ist mein Text.