Mit ‘Carlo Lizzani’ getaggte Beiträge

Vorab: Ich habe diesen Film in italienischer Sprache mit englischen Untertiteln geschaut. Von der englischen Synchro habe ich schnell Abstand genommen, weil ich in den letzten Jahren immer wieder die Erfahrung gemacht habe, dass diese italienischen Filmen meistens nicht gut tut. Hätte ich aber geahnt, dass die Fan-Untertitel offensichtlich von einem Legastheniker verfasst wurden, hätte ich mich wahrscheinlich anders entschieden. Der Handlung zu folgen, war möglich, Feinheiten  zu erfassen, allerdings nicht. Meine Beurteilung des Films ist also nicht der Weisheit letzter Schluss. Da mir TORINO NERA dennoch gut gefallen hat, ist das für jene, die sich hier eine Anregung für eigene Sichtungen holen wollen, wahrscheinlich aber verschmerzbar.

Rosario Rao (Bud Spencer), ein Sizilianer und zweifacher Vater, der in Turin für den Bauunternehmer Fridda (Marcel Bozzuffi) arbeitet, sitzt für einen Mord im Bau, den er nicht begangen hat. Während eines Fußballspiels wurde Santoro (Gianni Milito) ein Arbeitskollege von ihm in seiner Anwesenheit mit einer Waffe erschossen, die ihm gehört, die er aber kurz zuvor an einen Bekannten verkauft hatte. Vor Gericht war es seinem Anwalt Mancuso (Nicola Di Bari) nicht gelungen, die erdrückende Beweislast zu entkräften. Der Fall wird erneut aufgerollt, als Raos Sohn Raffaele (Andrea Balestri) in der Zeitung vom Tod eines weiteren Kollegen seines Vaters liest. Gemeinsam mit Mancuso nimmt Raffaele die Ermittlungen wieder auf. Die beiden decken ein Komplott von Fridda auf, der in dem gewerkschaftsnahen Rao ein Hindernis für die eigenen Geschäfte sah und in dessen Rivalität mit dem ebenfalls unliebsamen Santoro eine gute Gelegenheit, beide auf einen Schlag loszuwerden. Ihre Fortschritte bleiben natürlich nicht unbemerkt …

Carlo Lizzani, ein Filmemacher mit ausgewiesen linkem Background, hat mit TORINO NERA einen ausgesprochen publikumsfreundlichen Krimi vorgelegt. Die Besetzung mit Bud Spencer und zwei Kindern in der Hauptrolle spricht in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache. TORNO NERA ist sehr handlungsorientiert und „unterhaltsam“: Der Plot um die Jagd nach Beweisen, die den unschuldigen Vater entlasten, trägt den Film, der ausgesprochen temporeich seinem Klimax entgegeneilt. Die gesellschaftskritischen Betrachtungen – die Armut der arbeitenden Bevölkerung, hier vor allem der sizilianischen Bürger, ihre Ausbeutung durch Großunternehmer, die ihre Rendite zur Not auch mit illegalen Methoden sichern – bilden zwar die Basis der Geschichte, doch im Vordergrund stehen ganz klar das persönliche Schicksal der Charaktere und die Frage, ob es Raffaele und Mancuso gelingen wird, den Vater zu entlasten und die waren Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Das ist durchweg spannend, auch wenn große Überraschungen eher ausbleiben.

Trotzdem: Wer genau hinschaut, muss entsetzt sein, über das Bild, das hier von Italien gezeichnet wird. Raffaele und sein kleiner Bruder Mino (Domenico Santoro) müssen tagsüber illegal importierte Zigaretten verkaufen oder am Güterbahnhof Obst stehlen, um die Familie in Abwesenheit des Vaters über Wasser zu halten. Das Mietshaus, in dem sie wohnen, ist in ruinösem Zustand, die Nachbarn einer Etage teilen sich eine triste Holzbaracke zur Verrichtung ihrer Notdurft. Auch die Mutter (Francoise Fabian) ist ständig unterwegs, um die Existenz zu sichern, und in der Folge sind Raffaele und Mino auf sich selbst gestellt,stromern Tag für Tag allein durch die Straßen. Für die Schule bleibt eigentlich auch keine Zeit, andere Dinge sind wichtiger. Auch die Nebenfiguren leben größtenteils in desolaten Verhältnissen: Frauen müssen anschaffen, Männer sterben nach lebenslanger harter Arbeit unter jämmerlichen Umständen. Ihre Tode werden von der Polizei zur Kenntnis genommen, nach den Hintergründen fragt niemand. Die Ursachen scheinen ja auf der Hand zu liegen. Das alles kann den lebhaften, munteren Rythmus des Films aber nicht wirklich beeinträchtigen. Die Unverdrossenheit der beiden Kinder, die ja nichts anderes kennen, lässt die Tragik etwas vergessen. Dafür wirkt das Finale, in dem alles zur Katastrophe führt, dann umso stärker. Wenn der Druck auf den Einzelnen immer weiter wächst, muss selbst der gefestigste Charakter irgendwann brechen.

Bud Spencer in der Rolle des Rao zu besetzen, ist ein großer Coup. Auch wenn das berühmte Duo Spencer/Hill 1972 noch am Anfang stand, hatte Spencer sich doch schon einen Namen als gebeutelter, aber aufrechter Vertreter des „kleinen Mannes“ gemacht, der allerdings niemals echtes Leid befürchten musste. Ihn hier als ohnmächtiges Opfer zu sehen, wirkt daher besonders schwer: Es muss schlimm stehen um Italien, wenn selbst ein Bud Spencer nichts ausrichten kann. Er hat in TORINO NERA eine Art ausgedehnten Cameo, ist meist in Rückblenden zu sehen, in denen er von seinen Söhnen auf die robuste Physis und das zuversichtliche, herzliche Lächeln reduziert wird, und tritt erst im Showdown als handelnde Person in Erscheinung, aber nichtdestotrotz wirkt er als bestimmende Kraft. Er verkörpert einen Hoffnungsschimmer und der Zuschauer betrachtet ihn nach einiger Zeit mit den Augen seiner Söhne. Er stellt dann am Ende die Gerechtigkeit wieder her, aber um welchen Preis? Wie er am Schluss abgeführt wird, seinen Sohn Mino noch einmal in die Arme schließt und dann seinem Schicksal entgegengeht, ohne sich noch einmal umzudrehen, ist herzzerreißend. Und Bud Spencer, den ich immer eher als Typen, denn als Schauspieler wahrgenommen habe, ist grandios. Rätselhaft bleibt allerdings die Rolle von Francoise Fabian: Sie bekommt fast gar nichts zu tun, hat nur wenige, kurze Szenen. Es hätte dafür keine Schauspielerin ihres Formats gebraucht und es scheint fraglich, ob das wirklich so gedacht war. Den Film kann das nicht schmälern. TORINO NERO ist wahrscheinlich kein Höhepunkt in Lizzanis Filmografie, aber dennoch ein Werk, das nur ein echter Künstler in dieser Ruhe und Gelassenheit drehen kann.

 

San_Babila_ore_20_1976Nach COME CANI ARRABIATI, der im selben Jahr entstand, setzt sich auch Lizzanis Film mit der sogenannten „bleiernen Zeit“ auseinander (in Deutschland wird der Begriff vor allem mit dem gleichnamigen Film von Margarethe von Trotta assoziiert). Die politische Situation war in Italien seit Mitte der Sechzigerjahre, als Giovanni De Lorenzo, seines Zeichens strammer Faschist, General der italienischen Armee und Chef des Geheimdienstes SIFAR, der unter seiner Führung Hunderttausende von Bürgern ausspionierte, drohte, die Mitte-Links-Regierung von Aldo Moro zu stürzen (siehe auch meinen Text zu Elio Petris TODO MODO), höchst explosiv. Der erste rechtsterroristische Anschlag der Nachkriegsgeschichte ereignete sich 1969 auf die Banca Nazionale dell’Agricoltura an der Piazza Fontana in Mailand, dem 17 Menschen zum Opfer fielen. Der Bombenanschlag war Teil einer groß angelegten Aktion, zu der ein weiterer in Mailand sowie drei in Rom gehörten, weitere folgten in den Jahren darauf. In Mailand, ganz in der Nähe der Piazza Fontana, befindet sich auch die Piazza San Babila, titelgebender Haupthandlunsgort von Lizzanis meisterlichem Film, der kürzlich von Vamera Obscura verfügbar gemacht wurde, und den ich hiermit jedem, der sich für das anspruchsvolle politische Kino interessiert, ans Herz legen möchte. Die Piazza San Babila, unweit der linken Universitá degli Studi di MIlano gelegen, war damals der Treffpunkt junger, meist aus gutem Hause stammenden Faschisten, die dort die zahlreichen Cafés okkupierten und dafür sorgten, dass ihm keine „Roten“ zu nahe kamen. Die Polizei, überwiegend in rechter Hand, drückte bei Übergriffen der jungen Faschisten auf linke Studenten oder Arbeiter gern ein Auge zu, wer nicht zum angestammten Publikum gehörte, machte besser einen Bogen um den Platz. 

Lizzani, selbst überzeugter Kommunist und intellektueller Filmemacher, begab sich für SAN BABILA ORE 20: UN DELITTO INUTILE gewissermaßen in die Höhle des Löwen, denn er drehte ihn ausschließlich an Originalschauplätzen und lieferte ein nur wenig schmeichelhaftes Porträt der selbsternannten Herrenmenschen, die in den Etablissements am San Babila den Umsturz planten, der doch lediglich eine pervertierte, außer Kontrolle geratene Form juveniler Allmachtsfantasien und Mutproben war. Jede „Ideologie“, auf die man sich da berief, war kaum mehr als das sprichwörtliche Feigenblatt. Lizzanis Film spielt an einem einzigen Tag und zeigt eine Kette von schicksalhaften Ereignissen, die schließlich das „sinnlose Verbrechen“ („delitto inutile“) des Titels begünstigen: Vier Jungs, alle mit gänzlich unterschiedlichem sozialen Background ausgestattet, zerdeppern Mopeds vor einer als links geltende Schule, üben das Schießen am Schießstand und lassen sich von rechten Aktivisten rekrutieren, greifen auf der Straße die etwas dümmliche Lalla (Brigitte Skay) für ihre pubertären Sexspielchen an, verdreschen einen Arbeiter, zelebrieren eine spontane Demonstration im Nazi-Stechschritt und wollen schließlich ein Bombenattentat auf eine Einrichtung der kommunistischen Partei ausführen. Weil der dafür auserkorene Franco (Daniele Asti) aber Muffensausen bekommt, steht er später unter Rechtfertigungszwang. Um seine reine Gesinnung beweisen, soll Franco ein Studentenpärchen umbringen, das seine Freunde ausgesucht haben …

SAN BABILA ORE 20: UN DELITTO INUTILE lebt zunächst einmal von seinem unglaublich intensiven sense of place, der die damals vorherrschende Atmosphäre geradezu greifbar macht und als kongeniale visuelle Repräsentation des Begriffes der bleiernen Zeit angesehen werden darf. Der Film ist grau, die klobig-kantige Architektur des San Babila wirkt niederdrückend, parzelliert das Leben mit ihren scharfen Linien, die überall wie Lanzen herniedergehen, symbolisiert Ordnung, Sicherheit, Klarheit, Strenge. Das „tolle“ Leben der von sich selbst überzeugten Jungs ist die pure Leere, ein Wegrennen vor den jämmerlichen heimischen Verhältnissen, die verhasste „Linke“ ein absolut willkürlich gewähltes Feindbild, auf das sich alles, was im eigenen Leben schief läuft, wunderbar projizieren lässt. Es ist auffällig, dass in Lizzanis Film kein einziges Mal wirklich über Politik gesprochen wird, darüber, was man genau an den Anderen verachtet, was man mit den Attacken auf sie erreichen will, wie man sich selbst definiert. Es ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, ein bestimmter Lifestyle, den man pflegt – die Lederjacken, die Sonnenbrillen, die Goldketten –, der Glaube, an etwas Großem zu partizipieren, auch wenn man keine Ahnung hat, wie das eigentlich aussehen soll. Offenkundig spielen männliche Minderwertigkeitsgefühle eine wichtige Rolle: Dem von seiner überfürsorglichen Mama verhätschelten Franco will der Beischlaf mit Lalla nicht gelingen, also penetriert er sie mit einem Schlagstock, winselnd, dass sie nichts verraten möge, Fabrizio (Pietro Brambilla) schlägt das Mädchen auf offener Straße nieder, als sie sich weigert, die Stöckelschuhe auszuziehen, mit denen sie ihn um ein paar Zentimeter überragt. Beim Besuch im Sexshop – der ihnen mit seinem Angebot an „Schweinkram“ natürlich auch zuwider ist – erweisen sich sich als kichernde Kinder, die ihre Unsicherheit mit Prahlerei überspielen. Wie wenig sie als politische Bedrohung ernstgenommen werden, zeigt sich in einem Gespräch Fabrizios mit einem Journalisten, der sich die Hasstiraden seines Gegenübers ungerührt anhört und ihm entgegnet, dass die Linke lediglich darauf warte, bis sich die „rechte Bewegung“ selbst erledigt habe. So richtig seine Einschätzung auch ist, verkennt sie doch die Gefahr, die gerade von diesen opportunistischen Mitläufern ausgeht. Eben weil ihnen die Intelligenz und der Blick für das große Ganze abgeht, neigen sie zu Übersprungshandlungen wie jener, mit der der Film so höchst bitter und tragisch endet.

Lizzani ist ein beeindruckendes Kunstwerk gelungen: Nicht nur in rein ästhetischer – der angesprochenen visuellen Gestaltung entspricht Ennio Morricone mit einem seiner kalten mathematisch-mechanistischen Scores – oder logistischer Hinsicht – bei den vier Hauptdarstellern handelt es sich allesamt um Laiendarsteller, keiner von ihnen trat danach noch einmal in einem Film auf –, sondern vor allem hinsichtlich seiner Affektsteuerung. Ohne etwas zu beschönigen, gelingt es Lizzani, dem Zuschauer jenes Mindestmaß an Sympathie für die vier Hauptfiguren abzuringen, das erforderlich ist, um die 100 Minuten mit ihnen überhaupt zu ertragen. Es hilft gewiss, das wirklich irrsinnig viel passiert (vielleicht etwas zu viel für einen einzigen Tag, aber solch kleinliche Kritik ist angesichts des umwerfenden Gesamtergebnisses unredlich), und mit Lalla ein paradiesvogelbunter Irritationsmoment in den sonst tristen Film einbricht wie ein LIchtstrahl. Aber es darf als sicher gelten, dass Lizzani – bei aller Missachtung ihrer Taten – auch eine gewisse Empathie für die Jungs mitbringt, die ja letztlich nur das Produkt der miserablen Umstände jener Tage sind. Eine bleierne Zeit bringt eben bleierne Menschen hervor.