Mit ‘Carol Lynley’ getaggte Beiträge

THE LAST SUNSET ist der erste Farbfilm von Robert Aldrich seit VERA CRUZ und auch der erste Film seit diesem, der – wie es für den Western typisch ist – Räume und Blicke öffnet, anstatt sie zu beschränken. Dominierten in den vorangegangenen Schwarzweiß-Filmen dräuende Schatten und Innenräume das Bild, sind es hier die Sonne, das strahlende Blau des Himmels und die Weite der Landschaft. Thematisch bleibt sich Aldrich treu: Dennoch kann man kaum verhehlen, dass THE LAST SUNSET auf einer versöhnlicheren Note endet, als die Filme zuvor. Für einen der Protagonisten ist die Sonne zwar soeben zum letzten Mal untergegangen, aber sie wird am nächsten Tag wieder am Himmel stehen und mit ihrem wärmenden Licht auf das Leben der Verbliebenen scheinen. Natürlich trägt auch das Sujet dazu bei, dass man diesen Film als warm, melancholisch und sentimental zwar, aber eben doch als hoffnungsfroh empfindet. Die Ruinenlandschaften und die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs liegen in weiter Ferne und mit ihnen auch konkretes menschliches Leid. In der texanischen Prärie kann der Mensch sich hier wieder einer besseren Zukunft entgegenträumen, die hinter dem Horizont liegt. Doch dafür muss er erst die Vergangenheit ad acta legen.

In THE LAST SUNSET stehen sich erneut zwei Männer als Rivalen gegenüber. Wie auch schon in VERA CRUZ oder TEN SECONDS TO HELL verhalten sich diese Rivalen zueinander jedoch nicht wie Licht und Schatten, sondern eher wie Spiegelbilder. Beide teilen eine Obsession, die sich jedoch jeweils etwas anders äußert. Kirk Douglas ist Brendan O’Malley, ein Draufgänger und Abenteurer und die Jugendliebe von Belle Breckenridge (Dorothy Malone), die nun zusammen mit dem Alkoholiker John (Joseph Cotten) und ihrer Tochter Melissa (Carol Lynley) auf einer Ranch lebt. Brendan wird vom unwissenden John angeheuert, um beim bevorstehenden Viehtreck zu helfen – und gesteht dem Mann unumwunden, dass er ihm dessen Frau nehmen wird, die er seit damals nie vergessen hat. Bei diesem Plan kommt ihm jedoch Dana Stribling (Rock Hudson) in die Quere. Er ist auf der Suche nach Brendan, weil dieser seinen Schwager erschossen hat. Er lässt sich von ihm überreden, beim Treck zu helfen, aber keinen Zweifel daran, dass er ihn, am Ziel angelangt, umbringen wird. Als auch er sich in Belle verliebt, hat er noch einen Grund mehr, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sowohl O’Malley wie auch Stribling klammern sich an die Vergangenheit, doch während ersterer sie wieder aufleben lassen möchte, muss Stribling sie abschließen, um neu anfangen zu können. Und dabei steht ihm eben O’Malley im Weg – in doppelter Hinsicht. Letzten Endes erkennt O’Malley selbst, dass er für die Zukunft verloren ist. Er geht in das Duell mit Stribling, wissend, dass er verlieren muss, um den Menschen, die ihm etwas bedeuten, einen neuen Sonnenaufgang zu bescheren.

THE LAST SUNSET ist wunderbar. Er kreuzt die Abenteuer- und Westernelemente von VERA CRUZ mit dem Melodram von AUTUMN LEAVES, den Aldrich ja als „classy soap opera“ bezeichnete, scheut nicht vor Romantik oder gar Kitsch zurück, triumphiert aber, weil alles durch Struktur und Charaktere zusammengehalten wird. Vor allem Kirk Douglas ist herausragend. Die Figur des aufbrausenden, leidenschaftlichen Arschlochs O’Malley formt er zu einem Charakter aus Fleisch und Blut, den der Zuschauer im Verlauf des Filmes – gerade wegen seiner Zerrissenheit – immer mehr ins Herz schließt. Um ehrlich zu sein: Douglas‘ Performance und O’Malleys Schicksal haben mich beinahe zu Tränen gerührt. Der Moment, in dem er realisiert, dass sein Glück nur auf Kosten von Leid und Schmerz für die anderen erkauft werden kann und die Konsequenz daraus zieht, ist ebenso heroisch wie tragisch. Es ist kein Moment des großen pathetischen Überschwangs: Erkenntnis und Entscheidung zeichnen sich einzig und allein in seinem Gesicht ab, sind dabei so deutlich lesbar, als würden sie ausgesprochen werden. Im Grunde genommen ist O’Malley ein Spätwesternheld: Im Gestern lebend, ist seine Zeit längst abgelaufen. Sein Typus ist nicht mehr gefragt, er ist ein wandelnder Anachronismus, der der Geschichte im Weg steht. Doch anders als etwa Peckinpah in THE WILD BUNCH macht Aldrich den Umbruch nicht historisch fest. Das Überkommen-Sein ist bei ihm keine Frage des Zeitenwandels, sondern der Psychologie. Für O’Malley gibt es kein Morgen, er hat sich mit Haut und Haaren der Vergangenheit verschrieben, die sich nicht wiederholen lässt. Rock Hudson muss als etwas langweiliger Stribling gegenüber Douglas verblassen, aber seine Darbeitung ist nicht etwa eine Fehlleistung, vielmehr stellt er sich in den Dienst des Films, der neben O’Malley keine zweite Figur verträgt, die die Leinwand ähnlich füllen würde. Douglas ist als O’Malley brennende Leidenschaft, glühender Zorn und innere Aufruhr. Stribling ist die Klarheit, Nüchternheit, Vernunft. Er ist nicht der Typ, dem man stundenlang zuhören möchte, aber der, auf den man sich immer hundertprozentig verlassen kann.

Wie VERA CRUZ ist auch THE LAST SUNSET ein Film der Spiegelungen, Dopplungen und Kreisbewegungen: O’Malleys Ankündigung, Breckenridge die Frau nehmen zu wollen, findet ein Echo, wenn Stribling Belle förmlich androht, dass er sie zur Frau nehmen werde. Belle, die als junge Frau im gelben Kleid O’Malleys Erinnerungen erfüllt, wird später durch ihre Tochter Melissa ersetzt, die sich dem älteren Mann im selben Kleid anbietet und ihm ihre Liebe gesteht. Und in dieser jungen, aufkeimenden Liebe zwischen dem jungen Mädchen und dem älteren Mann spiegelt sich schließlich, was Belle O’Malley auf dessen Avancen erwiderte: dass er nicht sie liebe, sondern das junge Mädchen, an das er sich erinnert. Er rennt einem Bild hinterher. Und weil dieses immer mehr verblasst, will er es mit neuem Leben füllen. Weil Belle sich verweigert, soll Melissa die klaffende Lücke füllen. Doch dann offenbart sich ihm auf die denkbar deutlichste Art und Weise, dass er sich im Kreis dreht. Vergangenheit und Gegenwart sind in THE LAST SUNSET unentwirrbar verwoben. Seine Protagonisten zahlen immer noch die Schulden ab, die sie in der Vergangenheit angehäuft haben. Das Konto muss ausgeglichen werden, damit Platz für die Zukunft ist. Am Ende liegt der eine tot im Staub, seine Geliebte kniet trauernd über ihm, während der andere nun seine Liebe in die Arme schließen kann. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass O’Malley, wie er da so mit ausgebreiteten Armen und einem abgewinkelten Bein daliegt, ein wenig an Jesus am Kreuz erinnert.

Richtig gern hätte ich BUNNY LAKE IS MISSING richtig gut gefunden, leider ist es mir bis heute nicht gelungen, das Gefühl der Enttäuschung loszuwerden, das mich schon im letzten Drittel des Films beschlichen hatte. Dabei bringt der britische Schwarzweiß-Thriller Premingers – deutlich von den psychologischen Hochspannungsfilmen Hitchcocks inspiriert – eigentlich alles mit, was es zur Begeisterung braucht: Die von Saul Bass gestaltete Title-Sequenz, in der eine Hand Stücke des schwarzen Bildschirms „wegreißt“ und darunter dann immer einen Teil der Credits freilegt, ist grandios, ebenso wie Denys Coops kontrastreiche und spannungsgeladene Kameraarbeit. Auch die Geschichte um eine Frau, deren Tochter Bunny plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist und die deshalb mehr und mehr in Verdacht gerät, sich diese Tochter nur ausgedacht zu haben, nimmt den Betrachter sofort gefangen. Und Preminger erzählt sie mit jener mühelos wirkenden Leichtigkeit, die einen Meister des Fachs auszeichnet.

Die Amerikanerin Ann Lake (Carol Lynley) ist vor wenigen Tagen auf Geheiß ihres älteren Bruders Steven (Keir Dullea) nach England übergesiedelt. Als sie ihre Tochter am ersten Tag aus dem ersten Kindergarten abholen will, ist diese nirgendwo aufzufinden. Mehr noch: Keine der in dem Kindergarten arbeitenden Frauen kann sich überhaupt an das kleine Mädchen erinnern. Um eine Vermisstenmeldung aufzugeben, bittet der ermittelnde Superintendent Newhouse (Lawrence Olivier) um Fotos des Mädchens, doch alle Gegenstände, die auf ihre Existenz hinweisen könnten, sind aus Anns Wohnung verschwunden. Der Verdacht, dass Bunny nur in der Einbildung der jungen Frau existieren könnte, erhärtet sich, als Newhouse von ihrem besorgten Bruder erfährt, dass sie bereits als Kind eine ausgedachte Freundin namens „Bunny“ hatte …

Raffiniert zieht Preminger dieses Schreckensszenario auf: Sehr nachdrücklich zeigt er das Leid der jungen Mutter, die in zweierlei Hinsicht um die Existenz ihrer Tochter bangen muss. Nicht nur, dass Bunny wie vom Erdboden verschluckt ist: Nun wird sie auch noch mit dem Verdacht konfrontiert, dass sie nie existiert haben könnte. Verzweifelt klammert sie sich an jeden Strohhalm, doch je hartnäckiger sie nach vermeintlichen Beweise sucht, die belegen sollen, dass es Bunny gibt, umso mehr scheint sie damit genau das Gegenteil zu beweisen. Die Empathie des Zuschauers verlagert sich im Verlauf des Films immer mehr: Leidet man zu Beginn des Films mit Ann, weil man die Sorge um ihr Kind und ihren Schmerz teilt, so sieht man später hilflos dabei zu, wie ihre „Fantasie“ zerschlagen wird. Für Ann ist Bunny ohne Zweifel so real wie ein „echter“ Mensch, aber sie wird gnadenlos damit konfrontiert, dass ihren Mitmenschen ihre „stichhaltigen“ Beweise nicht genügen. Was ist schmerzhafter: In einer Illusion zu leben oder aber darauf gestoßen zu werden, in einer Illusion zu leben? Wie beweist man die Existenz eines Menschen, der nur für einen selbst existiert?

Das sind faszinierende Fragen. Leider geht BUNNY LAKE IS MISSING einen anderen Weg. Und hier fangen dann meine Probleme mit dem Film an. Denn Preminger baut seine Spannung auf einer ganz gezielten und wie ich finde unaufrichtigen Manipulation auf, ohne die er sein Spiel unmöglich spielen könnte. Er führt ganz bewusst auf eine falsche Fährte. Das gehört natürlich zum modus operandi eines jeden Thrillers, nur finde ich seine Form der Manipulation eher plump – vor allem gemessen an der Subtilität, die er sonst an den Tag legt. Ich möchte hier nicht spoilern, auch wenn ich von der im Netz verbreiteten Spoilerparanoia eigentlich nichts halte. Es ist sogar durchaus denkbar, dass BUNNY LAKE IS MISSING erheblich davon profitiert, wenn man nicht auf seine Auflösung hinfiebert, sondern sich ganz auf seinen unnachahmlichen Flow konzentriert. Es gibt genug faszinierende und seltsame Szenen: Der britische Bonvivant Noel Coward hat eine großartige Nebenrolle als unheimlicher Vermieter abbekommen, von dem man gern mehr sehen würde, und eine späte Szene in einem „Puppenhospital“ ist von fast märchenhafter Qualität. Diese großen Qualitäten des Films wurden für mich am Ende leider überlagert. Ich fühlte mich an die Plotwistereien moderner Thriller erinnert, die ich von diesem Klassiker eher nicht erwartet hatte. Aber für inkompetente Nachahmer kann Preminger ja eigentlich nichts. Nur eine Zweitsichtung kann hier also Gewissheit bringen.