Mit ‘Carol Speed’ getaggte Beiträge

disco_godfather_poster_01Erst im dritten Anlauf hat es geklappt, aber die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. DISCO GODFATHER ist Moores bis dahin absurdester Film. Er fängt schon reichlich bescheuert an, hyperventilisiert sich von da aus aber in ein wahres Delirium hinein. Moore ist Tucker, seines Zeichens Besitzer der Disco „Blueberry Hill“ und bekannt als „Disco Godfather“. Wenn er abends höchstselbst die Tanzfläche betritt, gekleidet in schillernde Polyester-Fantasieklamotten, rastet die Meute aus, obwohl er sich von allen Anwesenden am wenigsten bewegt. Danach nimmt er am Mischpult Platz, dreht geschäftig (und ohne jeden hörbaren Effekt) an den Reglern herum und quasselt gnadenlos über den funky sound drüber. Seine catchphrase „Put your weight on it!“, wiederholt er grundsätzlich viermal und ich weiß nicht, wie oft man sie im Film insgesamt zu hören bekommt. Seine Stimme ist toll, eine Mischung aus Tommy Piper und Fozzy Bär, sein Mund riesig und voller tassengroßer Zähne. Tucker war einst ein Cop, weshalb er auch sofort tätig wird, als sein Neffe Bucky (Julius Carry) nach einer Portion Angel Dust im „Blueberry Hill“ zusammenbricht. Tucker marschiert bei den Cops rein und kündigt an, dass er nun selber die Ermittlungen gegen die Dealer aufnehmen werde, und die Bullen freuen sich, dass sie jetzt endlich mal qualifizierte Hilfe bekommen. In der ständigen Lobpreisung seines Protagonisten erinnert DISCO GODFATHER etwas an die Seagal-Filme, in denen Nebenfiguren ja auch immer wieder blumig beschreiben, was für ein gefährlicher motherfucker der Held ist. Hier kommt das indessen nicht ganz so überzeugend, denn Moore ist als crimefighter eher Kreisklasse. Eigentlich überzeugt er tatsächlich nur mit dem Mundwerk, aber der Freude tut das keinen Abbruch, eher im Gegenteil.

In seinem Buch „Der Schmelzmann in der Leichenmühle“ hat Christian Kessler schon einige Pretiosen des Films beschrieben, zum Beispiel den finsteren Geschäftsmann Stinger Ray (Hawthorne James), der die Drogen verdealt und im bürgerlichen Leben ein Basketball-Team managt, das ausschließlich aus NBA-Rejects besteht, weil die besonders „hungrig“ seien. Streitbares Konzept, würde auch ich sagen. Super ist auch das Anforderungsprofil für die Aufnahme in Tuckers „Dance Squad“: „You have to get funky and get down.“ Ich bewerbe mich ja derzeit auch, aber diese Qualifikation wurde in noch keiner Stellenanzeige gefordert. Ich frage mich, ob eine Bewerbung aussichtsreich wäre, wenn man über nur eine von beiden Befähigungen verfügt? Ob es vielleicht nicht so schlimm ist, dass man nur „down“ kommt, aber nicht „funky“ ist, wenn man stattdessen etwa herausragende Kenntnisse in den gängigen Textverarbeitungsprogrammen besitzt? DISCO GODFATHER lässt das leider offen. Nicht offen lässt er allerdings, was er von Drogen hält. Mithilfe einer Journalistin und des Arztes Dr. Mathis (Jerry Jones) startet Tucker die Kampagne „Attack the Wack“, die auch sogleich ein Following von ca. 20 Menschen anzieht. Die Politikerin, die als Sprecher fungiert, bricht fast in Tränen aus ob dieses bahnbrechenden Engagements. (Super ist auch die ehemalige Abhängige, deren Erfahrungsbericht aus ca. zwei Sätzen besteht, die sich sehr adäquat mit „Drugs are bad, mkay?“ zusammenfassen lassen.) Angel Dust ist aber auch wirklich eine Pottsau: Zu Beginn wird Tucker von Mathis durch die entsprechende Krankenhausabteilung voller Kaputter geführt. Ein Typ liegt wie ein Embryo eingerollt am Boden, eine Frau klammert sich an einer Puppe fest. Sie habe ihrer Familie im Drogenrausch das eigene Baby zum Abendessen serviert. „Why? And HOW?“, fragt Tucker entsetzt, nur um anschließend über die genaue Ofenzubereitung aufgeklärt zu werden. No shit!

Im letzten Drittel hängt der DISCO GODFATHER kurz mal ein bisschen durch, aber es stellt sich heraus, dass er nur noch einmal die letzten Kräfte für das Finale mobilisiert hat, in dem Tucker den Stützpunkt der Dealer stürmt. Nach einem besonders hüftststeifen Karatekampf wird er überwältigt und bekommt selbst eine Dosis Angel Dust via Gasmaske ab. Es brechen alle Dämme: Gepeinigt von schlimmen Halluzinationen rast er durch die Katakomben und prügelt auf alles ein, was sich bewegt. Es gibt sogar ein paar hübsche Animationseffekte und der Film endet auf einer düsteren Note, nämlich mit einem vollkommen wahnsinnig gewordenen Tucker, dem nun selbst ein Leben in der Heilanstalt bevorsteht. DISCO GODFATHER ist wahrlich total stulle, aber das macht ihn auch so toll. Die Mucke ist ebenfalls großartig, was man von der Inszenierung allerdings eher nicht behaupten kann. Einmal wird eine Actionszene immer wieder von Freeze Frames unterbrochen, was nicht ganz den Effekt erzielt, den man aus den Filmen Sam Peckinpahs kennt. Und die Martial-Arts-Szenen sind einfach nur stümperhaft, selbst wenn Karatechamp Howard Jackson mitwirkt. Der Kamermann positioniert sich nämlich immer genau so, dass man ganz genau sieht, wie Jackson zehn Zentimeter danebentritt. Aber gut, darum geht es hier ja auch nicht. Es geht um die gute Laune und darum, dass das man kein Angel Dust nimmt. Die Herren Filmemacher wussten anscheinend, wovon sie sprechen.

Bei einem Überfall nehmen die beiden Revoluzzer Django (Sid Haig) und seine Geliebte Blossom (Pam Grier) das Jetset-Girl Terry (Anitra Ford) als Geisel. Als sie sie schließlich zurücklassen, wird sie verhaftet und in ein Frauenlager im Urwald gesteckt, dessen Leiter Hunderte von Frauen im „Bird Cage“, einer riesigen Zuckerrohrmühle aus Bambus, arbeiten lässt. Während die Frauen dort gequält, gedemütigt und ermordet werden, kommen Blossom und Django auf die Idee, das Lager zu infiltrieren und die Gefangenen zu befreien. Blossom lässt sich gefangen nehmen und Django dient sich als homosexueller Wärter an …

Für mich verkörpert dieser Film alles das, was das Exploitation-Kino Roger Cormans so liebenswert macht: schöne Frauen, greller Humor, bunte Farben und (nie zu schmerzhafte) Gewalt in einer kompetenten Darbietung. THE BIG BIRD CAGE hat dann auch mit den schmuddelig-niederträchtigen Frauenknast- und Frauenlagerfilmen, wie man sie aus Europa oder auch Asien kennt, nicht viel zu tun. Zwar werden dieselben Zutaten verwendet und man kann – anders als beim zuletzt besprochenen CAGED HEAT – beim besten Willen nicht von einem kritischen Gestus oder einer reflektierten Haltung sprechen, aber die schwungvolle Regie und das clevere, humorvolle Drehbuch des freundlichen Jack Hill betonen eher den pulpigen Comicbook-Charakter und damit die Fiktionalität des Ganzen, anstatt den Zuschauer gewissermaßen durch den Schmutz zu ziehen. Wer seine Blaxploiter COFFY oder FOXY BROWN kennt, der weiß, was ihn erwartet.

Was THE BIG BIRD CAGE aber auch für empfindsame Gemüter so goutierbar macht, ist die Zeichnung seiner weiblichen Charaktere: Die Frauen sind eindeutig die Identifikationsfiguren des Films, nicht bloß schön anzusehende Objekte, an denen sich der männliche Blick und die Schurken reiben können, sondern mit Herz und Seele, Bedürfnissen und Gefühlen ausgestattet, die THE BIG BIRD CAGE zwar nicht gerade in den Rang des authentischen Psychodramas erheben, ihn aber trotzdem von quasipornografischen Werken des Genres abheben. Schon die Thematisierung von Sex verdeutlicht das: Da die Wärter allesamt homosexuell sind, brodelt es unter den Gefangenen gewaltig. Doch anstatt nun in Ermangelung verfügbarer Männer übereinander herzufallen, wie das im Frauenknastfilm ja nicht unüblich ist, staut sich die sexuelle Spannung bis zum Finale an, in dem – man höre und staune – der dicke, schwule Wärter Rocco (Vic Diaz) einem Gang Rape, der einzigen Vergewaltigung des Films, unterzogen wird. Na klar, auch solche Szenarien bedienen natürlich männliche Fantasien, aber diesem Zweck wird eben nicht alles unterworfen, die weiblichen Häftlinge dürfen ihre Würde behalten. Ein Satz von Terry, nur eine von vielen starken, sexuell selbstbestimmten Frauenfiguren des Films, verdeutlicht ganz gut, was ich meine. Als ihr Django am Anfang – eher scherzhaft, auch er ist ein guter Kerl – damit droht, über sie herzufallen, sagt sie ganz trocken: „You can’t rape me, I like sex.“ Das Mittel, das die Wärter anwenden, um die Frauen unter Kontrolle zu halten, ist mithin nicht die sexuelle Unterwerfung und Ausbeutung, sondern der Sexentzug. Ein Plan, der nach hinten losgeht. Und wenn sich die Frauen am Ende gegen ihre Unterdrücker vereinen, ihre kleinen Rivalitäten vergessen, dann weht schon ein Hauch vom Empowerment durch den Film.

THE BIG BIRD CAGE ist wahrlich eine Wolke, über die ich noch länger schwärmen könnte: Der Film sieht super aus, bietet vom Schlammcatchen über die obligatorische Folterszene – Terry wird an ihrem Haarzopf aufgehangen – alles, was das Exploitationherz begehrt, ohne dem Betrachter dabei ins Gesicht zu rotzen. Das Drehbuch hat trotz kleinerer Plotholes – warum sich die Revoluzzerfreunde von Blossom und Django so lange bitten lassen, anstatt das Lager einfach zu stürmen, bleibt ein Rätsel – viele kleine Subplots und Wendungen zu bieten, die das Geschehen interessant halten. Und obendrauf gibt es dann noch die göttliche Pam Grier und den von mir immer gern gesehen Sid Haig. Wie der die beiden schwulen Wärter um den Finger wickelt, ist einfach nur herrlich. Und die Szene, in der er beim Pinkeln vom verzückten Rocco beäugt wird, der humoristische, ähem, Höhepunkt des Films. Ein Film zum Glücklichwerden und -sein.