Mit ‘Carole Bouquet’ getaggte Beiträge

mystereDer Giallo im engeren Verständnis ist ein Genre der Siebzigerjahre. Seine Grundlagen wurden in den Sechzigern gelegt, mit den Wallace-Gruselkrimis aus Deutschland etwa, aber zur vollen Blüte reiften die sexuell aufgeladenen Whodunits um perverse Killer erst im darauffolgenden Jahrzehnt. Noch einmal ein paar Jahre später war der Spuk wieder vorbei: Ein Blick nach Italien zeigt zwar, dass auch in den Achtzigern noch Giallos gedreht wurden, aber etwas hatte sich massiv verändert. Carlo Vanzinas MYSTÉRE ist ein gutes Exempel, um den Giallo im Wandel der Zeit zu illustrieren.

Der Film beginnt mit einem als solchem gekennzeichneten „Prolog“: Peter Berling sitzt in Rom auf offener Straße und fotografiert das Attentat an einem Politiker. Es ist mehr als deutlich der Ermordung an JFK nachempfunden, als Lee Harvey Oswald fungiert hier der wunderbare John Steiner. Schon hier also ein erster Unterschied zu den „alten“ Giallos: Der Schlüssel zum Verständnis ist nicht tief in der Vergangenheit und der Psyche des Täters vergraben, es geht nicht um eine individuelle Disposition, sondern um Vorgänge politischer Tragweite. Danach lernen wir die Titelheldin des Films kennen: Mystére (Carole Bouquet) ist eine Luxusprostituierte, die wie eine Königin durch die nächtlichen Straßen stolziert. Gemeinsam mit ihrer Kollegin und Freundin Pamela (Janet Agren) suchen sie einen Kunden auf, eben jenen Fotografen vom Anfang. Pamela stiehlt ihm ein Feuerzeug, dass die Fotos enthält, auf denen der Mörder zu sehen ist. Natürlich haben dunkle Mächte großes Interesse an ihnen und heften sich den beiden Prostituierten an die Fersen. Mystére bekommt bald Hilfe von dem Hardboiled-Polizisten Colt (Phil Coccioletti) …

Vanzina hat für MYSTÉRE viele Ideen, aber leider fehlt ihm ein schlüssiges Konzept: Sein Film inkorporiert Elemente des Giallos auf (die Morde durch einen Unbekannten), des Film Noir (die Beziehung zwischen der geheimnisvollen Mystére und dem obercoolen Macho Colt), des Caper Movies (die Jagd nach der Beute) sowie des Politthrillers (die Verschwörung um das Attentat) und verquirlt diese zu einem stets unterhaltsamen, am Ende aber auch seltsam egalen Werk. Es fehlt der rechte Clou und die Hauptfigur, die nicht nur ihren Namen als Titel leiht, sondern während der ersten Hälfte auch mit unerschütterlicher Souveränität und Autorität durch den Film stolziert, wird am Schluss beinahe zur Statistin degradiert. Es wirkt ein bisschen so, als habe der zentrale Besetzungscoup die Begehrlichkeiten und die Zielsetzung der Macher verändert: Carole Bouquet hatte kurz zuvor an der Seite von Roger Moore im Bond-Film FOR YOUR EYES ONLY gespielt und durfte damals wohl als eine der überirdisch schönsten Frauen der Welt gelten. Vanzina umschmeichelt sie geradezu mit seiner Inszenierung, macht sie zum unangefochtenen Zentrum seines Films, obwohl die Handlungen ihrer Figur das kaum rechtfertigen.

Vielleicht schwebte Vanzina auch eine Art moderner Hommage an Filme wie Stanley Donens CHARADE vor: eine wunderschöne, geheimnisvolle Frau, ein harter, männlicher Hund, internationale Intrigen in der ewigen Stadt, dazu das amouröse Hin und Her einer Screwball-Komödie. Was fehlt sind aber der Humor, Esprit und der kultivierte Charme eventueller Vorbilder. MYSTÉRE ist eben voll in den Achtzigern verhaftet und von auffallender Kühle. Carole Bouquet sieht aus wie ein besonders distanziertes Supermodel, der Soundtrack erinnert dann und wann an das apokalyptische Wummern, das Goblin dem DAWN OF THE DEAD-Score verliehen haben, am Ende geht es nur ums Geld. Der Noir-Cop und die Femme Fatale geistern durch Vanzinas Filmwelt wie Relikte einer vergangenen Zeit. MYSTÉRE ist schon ein schöner Film, halt nur etwas unbefriedigend. Aber das ist ja oft so im Leben.

 

Movie-Poster-James-Bond-007-For-Your-Eyes-OnlyBei Erscheinen von CASINO ROYALE, dem ersten Bondfilm mit Daniel Craig in der Rolle des Agenten, wurde großer Wert auf die Tatsache gelegt, dass es sich nicht einfach „nur“ um einen neuen Beitrag zur Reihe handele, sondern um einen Neudeutsch „Reboot“ genannten Neuanfang (schon daran zu erkennen, dass er sich im Titel als Verfilmung des allerersten Bond-Roman Ian Flemings auswies). Während alle Bonds von DR. NO bis hin zu DIE ANOTHER DAY also einer Timeline angehörten, begann der Zyklus mit CASINO ROYALE noch einmal neu, nicht nur mit einem neuen Bond-Darsteller, sondern gleich mit einem völlig neuen Bond, einem neuen Konzept und einem neuen, für zeitgemäßer erachteten Look. Zugegeben, der Schnitt wurde hier am saubersten und konsequentesten vollzogen, aber der Versuch, die Reihe neu auszurichten, war schon zuvor mehrfach unternommen worden, man denke nur an den aus dem Schema fallenden ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE mit seinem softeren Bond, den Rückfall danach mit DIAMONDS ARE FOREVER oder schließlich die Überführung in gleichermaßen fantastischere wie komischere Gefilde mit den Moore-Bonds. Ein weiterer Umbruchsfilm, und im Vergleich zu seinem Vorgänger ein kaum weniger radikaler Bruch als DIAMONDS ARE FOREVER zehn Jahre zuvor, ist FOR YOUR EYES ONLY, der erste Bondfilm der Achtzigerjahre und das Regiedebüt des vorigen Second Unit Directors John Glen.

Die Kursänderung war kaum zu vermeiden: Wie hätte man MOONRAKER noch toppen sollen, ohne gänzlich in die Fantasy abzudriften? Weiter weg als ins All konnte man Bond nicht mehr schicken und eine Auseinandersetzung mit dem Leibhaftigen selbst, die vielleicht die einzige logische Steigerung bedeutet hätte, stand zum Glück außer Frage. So ist FOR YOUR EYES ONLY von Reduktion geprägt, eine Rückbesinnung auf die Stärken von FROM RUSSIA WITH LOVE. Es ist der erste Film seit jenem, der als „realistisch“ bezeichnet werden darf und auf Science-Fiction-Schnickschnack gänzlich verzichtet. Der cartooneske Humor des Vorgängers wird ebenfalls nicht wieder aufgegriffen und hinsichtlich Bonds amouröser Abenteuer zum ersten Mal das Alter Moores berücksichtigt (der Brite war zum Zeitpunkt des Films bereits 54 Jahre alt). Um den bevorstehenden Umschwung anzukündigen, beseitigt Glen in der Pre-Title-Sequenz zunächst einige Altlasten: Bond besucht das Grab seiner Gattin Tracy (neben einer kurzen Erwähnung in THE SPY WHO LOVED ME die erste Berücksichtigung von Bonds Trauma) und wird am Friedhof von einem Helikopter abgeholt. Auf Knopfdruck eines glatzköpfigen Rollstuhlfahrers mit Halskrause – wir erinnern uns an Blofelds Ende in ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE – stirbt der Pilot und Bond sieht sich der Gnade des mit einer Fernsteuerung ausgestatteten Superschurken ausgesetzt. Natürlich gelingt es ihm, die Kontrolle über den Hubschrauber zu erlangen: Er spießt den Rollstuhl mitsamt seinem Fahrer mit einer Kufe auf und lässt ihn dann in einen Fabrikschornstein fallen. Die Sequenz ist im Rahmen des Filmes durchaus seltsam: Sie markiert (bis zum Schlussgag) den einzigen Anflug von Albernheit, den er sich gönnt, und ist neben dem Wunsch, mit der Vergangenheit abzuschließen, wohl nicht zuletzt von dem Bedürfnis geprägt, es der Konkurrenz auszuwischen: Die Rechte für die Blofeld-Figur lagen bei Kevin McClory, der wenig später seine Adaption von Flemings Roman „Thunderball“ unter dem Titel NEVER SAY NEVER AGAIN mit Connery in der Bondrolle ins Kino brachte. Der Name „Blofeld“ fällt in beschriebener Pre-Title-Sequenz kein einziges Mal, man sieht auch nie das Gesicht des Schurken, aber sein Outfit, Glatzkopf, Halskrause und natürlich die weiße Katze lassen keinen Raum für Zweifel. Nach diesem Auftakt ist Bond – die Figur und das Franchise – gewissermaßen „befreit“ und kann sich neuen Dingen zuwenden.

John Glen wirft jeglichen bunten Zierrat über Bord und inszeniert einen windschnittigen, actionlastigen Bondfilm ohne jeden Schnörkel, aber großer technischer Kunstfertigkeit, den man durchaus als eine Art Best of beschreiben könnte. Nach einer im wahrsten Sinne des Wortes wendungsreichen Verfolgungsjagd auf einer spanischen Serpentinenstraße wechselt FOR YOUR EYES ONLY ins italienische Cortina in den Dolomiten. Hier erhält erneut Willy Bogner Gelegenheit für eine seiner ausufernden Choreografien: Auf Skiern, Motorrädern, über eine Sprungschanze und durch den Eiskanal einer Bobbahn wird die Verfolgungsjagd ausgetragen, bei der sich Bond gegen Scharen von Bösewichtern behaupten muss. Auf Korfu kommt es zum ersten Mal zu einer Pause und einem Ausflug in Alterssexualität und pornösen Eighties-Sleaze, als Bond die Hochstaplerin Lisl von Schlaf (Cassandra Harris) verführt, um ihr Informationen zu entlocken. Der Soundtrack – zum ersten Mal dominieren poppig-synthetische Klänge – trägt einen entscheidenden Teil dazu bei, dass Pomp und mondäne Eleganz aus dem Film herausgesogen werden: Alles wirkt weltlicher, sachlicher, kälter, oberflächlicher. Was nicht negativ gemeint ist, sondern in erster Linie den Unterschied zu den beiden vorangegangenen Filmen beschreiben soll. Es folgt eine lange Unterwasser-Sequenz, bevor der Film sich mit einer waghalsigen Felskletterei in luftige Höhen begibt. Die Auseinandersetzung mit dem Schurken Kristatos (Julian Glover), keinem Größenwahnsinnigen mit Omnipotenzfantasien, sondern einem schnöden Schmuggler, verläuft geradezu erschreckend schmucklos. Er wird von Bonds Partner Columbo (Topol) erschossen, bevor er den Agenten umbringen kann. Erst jetzt, nach überstandenem Abenteuer, zieht Bond das Bondgirl Melina (Carole Bouquet) auf die Matratze und es folgt die gewohnt humorige Pointe, bei der sich Margaret Thatcher via Telefon statt mit Bond mit einem Papagei unterhält, der ihr Avancen macht.

FOR YOUR EYES ONLY, dem innerhalb der Reihe so etwas wie die Rolle des Geheimtipps zukommt, zählte immer zu meinen Favoriten. Wie THE MAN WITH THE GOLDEN GUN sah ich ihn sehr früh auf Video und war von seiner Vielzahl atemberaubender Actionsequenzen und Stunts begeistert. Waren die Bondfilme zuvor aufgrund ihrer fantastischen Ausrichtung auch mehr und mehr „entkörperlicht“ worden, ist FOR YOUR EYES ONLY von einer Physis geprägt, die man seit den Connery-Tagen nicht mehr gesehen hat. Dem Realismus des Films – es geht um die Jagd nach der Steuereinheit für britische Atomraketen, die nach einem Schiffsunfall irgendwo auf dem Meeresboden liegt – ist es geschuldet, dass auch die zahlreichen Toten mehr ins Gewicht fallen. FOR YOUR EYES ONLY ist ein typischer Kalter-Kriegs-Thriller und es bedürfte nur geringfügiger Änderungen, um ihn in einen jener furztrockenen, eiskalten Polit- und Agentenfilme zu verwandeln, die sich in den Siebzigern so großer Popularität erfreuten. Die drei ClancyVerfilmungen um den CIA-Mann Jack Ryan aus den frühen Neunzigerjahren verdanken diesem Film formal jedenfalls sehr viel, auch wenn sie die Eleganz von GLens Inszenierung weitestgehend vermissen lassen: Wenn Bond und Melina durch versunkene antike griechische Tempel tauchen, schmilzt man vor dem Bildschirm nur so dahin. Leider, leider ist der Funke diesmal dennoch nicht so übergesprungen, wie ich das erhofft und auch erwartet hatte. So rasant und turbulent FOR YOUR EYES ONLY auch ist, über zwei Stunden empfand ich das Actionfeuerwerk als etwas ermüdend. Dem Film fehlen die erzählerischen Details und die Wärme, die das Interesse über die volle Laufzeit wachhalten würden. Glen ist vollauf damit beschäftigt, alles in Bewegung zu halten und hat darüber die Charaktere vergessen, die das Ganze tragen. Die von Rachegedanken getrieben Melina Havelock ist eine potenziell interessante Figur, aber der Film macht nichts aus den Dämonen, die sie mit sich herumträgt. (Immerhin darf sich Carole Bouquet damit rühmen, das anmutigste Bond-Girl ever zu sein.) Kristatos ist ein fürchterlich banaler Bösewicht und der finale Zweikampf mit ihm nahezu antiklimaktisch. Topol bringt als freundlicher griechischer Schmuggler Columbo etwas Leben in die kalte Effizienz, aber auch er wird letztlich auf den Part des hilfreichen Sidekicks reduziert. Was die Figur der Eiskunstläuferin Bibi Dahl im Film zu suchen hat, bleibt fraglich: Ich vermute, hier wollte man angesichts des Alpen-Settings die Gelegenheit nutzen, die ehemalige olympische Eiskunstlauf-Silbermedaillengewinnerin Lynn-Holly Johnson in die Besetzung zu hieven. FOR YOUR EYES ONLY war ein gewaltiger finanzieller Erfolg, dennoch setzte man die mit ihm eingeschlagene Linie nicht konsequent fort. Mit OCTOPUSSY jedenfalls hielten die exotischen, bunten Settings und der comichafte Humor wieder Einzug. Der Rückzug vom Reboot sozusagen.