Mit ‘Carsploitation’ getaggte Beiträge

Als ich DEATH PROOF zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich danach in einem ziemlich polemisch formulierten Verriss über ihn ausgekotzt – und ich bin froh, dass der Text in den Tiefen meines alten Filmforen-Filmtagebuchs vergraben ist (Katastrophen-Touristen können ihn über den entsprechenden Link rechts ausfindig machen). Das Problem, das ich damals mit dem Film hatte, hängt unmittelbar mit seiner Vermarktung als Teil des GRINDHOUSE-Events zusammen. Mit einigen Fake-Trailern (u. a. zu MACHETE, der besser dieser kleine Gag geblieben wäre, anstatt ein saublöder ganzer Film zu werden) und Rodriguez‘ PLANET TERROR im Tandem kam Tarantinos neuester als Huldigung des Bahnhofskinos der Siebzigerjahre heraus. Zwar simuliert er typische Eigenschaften jener Filme nahezu perfekt – neben eher kosmetischen Details in der ersten Hälfte, wie der Typo der Credits, dem  verkratzten Look, den ausgewaschenen Farben und diversen Filmrissen, sind vor allem die Besetzung mit heißen, selbstbewussten Chicks, die Reduzierung des Plots auf ein einziges Bild, die Fokussierung auf etwas aus der Mode gekommene Stunts und Blechdeformationen, das abrupte Ende und die bewusst träge Dramaturgie zu nennen –, aber Tarantino interessiert sich ausdrücklich nicht für einfaches Nerdjerking. Wie das aussehen konnte, demonstrierte sein Mitstreiter Rodriguez mit PLANET TERROR: Generekino, das den Durst nach blutigen Sensationen und bescheuerten Einfällen des einschlägigen Publikums so gut befriedigte, das gar nicht mehr auffiel, dass der Film mit dem Bahnhofskino von einst, dem er huldigen wollte, eigentlich rein gar nichts zu tun hatte.

DEATH PROOF dampft den dialektischen Zweischritt von KILL BILL VOL. 1 und KILL BILL VOL. 2 auf einen Film ein, und erzählt mehr oder weniger ein und dieselbe Geschichte zweimal mit leicht veränderten Variablen: Eine Gruppe gut aussehender Frauen macht Bekanntschaft mit Stuntman Mike (Kurt Russell), der sich dann einen Spaß daraus macht, sie mit seinem Stuntcar zur Strecke zu bringen. In der ersten Episode, die in einem heftigen Frontalzusammenstoß zweier Autos kulminiert, der sogleich mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt wird, gelingt sein Plan. Im zweiten Teil findet er selbst sein Ende, weil er sich an den falschen Damen, ihrerseits aus dem Filmgeschäft und darunter zwei weibliche Stuntfrauen, vergriffen hat. Der Bruch zwischen den beiden Kapiteln wird durch ein kurzes Umschalten zu Schwarzweiß und dann den Verzicht auf die Verschleiß und Alter des Filmmaterials suggerierenden optischen Marker signalisiert. DEATH PROOF „feministisch“ zu nennen, mag etwas zu viel der Ehre sein, aber wie etwa die Filme, die Roger Corman in den Siebzigerjahren mit New World Pictures produzierte, präsentiert auch Tarantino hier Frauen, die sich nicht in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu einem Mann definieren und ohne einen solchen keineswegs unvollständig sind – zumindest in der zweiten Hälfte. In der ersten spielt Sexualität eine deutlich größere Rolle.

Drei Freundinnen – die amazonenhafte Radiomoderatorin Jungle Julia (Sydney Poitier), Arlene (Vanessa Ferlito) und Shanna (Jordan Ladd) – gehen zusammen aus und präsentieren selbstbewusst ihre Reize. Ein Spielchen von Julia soll der partnerlosen Arlene diverse Verehrer einbringen, in der Hoffnung, einen von Julia in Aussicht gestellten Lapdance von ihr zu erhalten. In der Bar, in der sie schließlich landen, hängen nicht nur diverse ölige Typen rum, sondern auch Stuntman Mike, der erst die naive Pam (Rose McGowan) aufgabelt, dann schließlich Arlene den Lapdance abringt, den sie eigentlich gar nicht geben will. Und Julia, die sich ganz als toughe Männermörderin inszeniert, sendet den ganzen Abend SMS an ihren Freund, der sie schließlich versetzt. Diese Frauen können den Ruch der sexuellen Verzweiflung, der sie umgibt, nicht ganz verbergen. In der zweiten Hälfte sind es die Maskenbildnerin Abernathy (Rosario Dawson), Schauspielerin und Fotomodel Lee (Mary Elizabeth Winstead) sowie die beiden Stuntfrauen Kim (Tracy Thoms) und Zoe Bell (Zoe Bell), die einen drehfreien Tag für eine Spritztour nutzen und das Interesse von Stuntman Mike auf sich ziehen. Nachdem sie einen Dodge Challenger aufgetrieben haben und die naive Lee (im Cheerleader-Outfit) losgeworden sind, attackiert sie der Killer, wird jedoch von ihnen zur Strecke gebracht. Auch in den vorangehenden, ausufernden Gesprächen dieser Damen spielen Beziehungsprobleme und Sex eine Rolle, doch der Modus ist ein gänzlich anderer. Weder wird aggressiv ein Partner gesucht noch sind Mangel oder „Besitz“ eines solchen definierende Eigenschaften. Die Frauen sind emanzipiert, selbstständig und für die Dauer ihres Ausflugs ist die Abwesenheit von Männern sogar deutlich willkommen.

Die Struktur, die optisch einen Wandel von alt zu neu suggeriert, scheint sonst eher den umgekehrten Weg zu beschreiten: Die zweite Hälfte ist näher dran an den erwähnten Empowerment-Exploitationern der Siebzigerjahre, deren Frauentypen, verglichen mit den hochgesexten Chicks um Jungle Julia, jedoch fortschrittlicher wirken. Wie passt Stuntman Mike in dieses Konstrukt? Bei seinem ersten Auftritt stellt er sich als Relikt aus einer vergangenen Zeit vor, als noch „echte Männer“ ihr Leben in waghalsigen Stunts  riskierten und Autos tatsächlich zu Schrott gefahren wurden. Er ist auch einer von denen, die durch die neue Technologie an den Rand gedrängt wurden. Kein Wunder, dass ihm die Mädels um Jungle Julia, nicht gewachsen sind, auch wenn sie ihn arrogant verlachen, in Verkennung der Situation, in der sie längst die Rolle des Kaninchens in der Falle eingenommen haben, es der selbstbewussten Damen aus der zweiten Hälfte bedarf, ihn zu überwinden. In dieser Lesart zeigt sich Tarantinos Hommage an das „handgemachte“ Kino von einst meines Erachtens auch stärker als in irgendwelchen formalen oder plotrelevanten Aspekten. Anstatt einfach nur mit Zitaten um sich zu werfen oder einen bewusst auf alte getrimmten Film vorzulegen, feiert Tarantino die Attitüde der alten Reißer, indem er sie von seinen Charakteren verkörpern lässt.

DEATH PROOF hat mir bei der Zweitsichtung sehr gut gefallen, wenngleich er vielleicht etwas zu akademisch gedacht und in der Einzelversion mit 110 Minuten deutlich zu lang ist (aber das galt ja für viele der alten Exploiter auch). Er wischt das Klischee von Tarantino als lustigem Trashfilm-Guru und Schutzpatron aller Nerds endgültig weg. Schnödes, zum dumpfen Abfeiern gedachtes Zitatekino, wie es etwa sein Freund Robert Rodriguez regelmäßig produziert, ist seine Sache nicht: Er hat immer das große Ganze und vor allem die Gegenwart im Blick. DEATH PROOF hätte kein anderer Filmemacher machen können. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss wieder jeder für sich beantworten. Ich habe mich mittlerweile für die erste Variante entschieden.

Ein illegales Straßenrennen von Los Angeles nach New York lockt mit 100.000 $. Teilnehmen darf jeder, der einen fahrbaren Untersatz hat. Entsprechend bunt gemischt ist das Fahrerfeld: Als Favorit gilt der Rennfahrer Coy „Cannonball“ Buckman (David Carradine), der nach einem Unfall mit Todesfolge eigentlich gar nicht mehr ans Steuer darf. Seine Freundin, die Polizistin Linda (Veronica Hamel), ist wenig begeistert, dass er sich darüber hinwegsetzt und noch weniger, dass er sie als Copilotin mitnimmt. Auf Coys Sieg hat sein Bruder Bennie (Dick Miller) eine große Summe gesetzt, die er nun dem gemeinen Mafiaboss Lester Marks (Paul Bartel) schuldet. Coys größter Rivale ist der skrupellose Cade Redman (Bill McKinney), der den Countrymusiker Perman Waters (Gerrit Graham) an Bord hat, dessen improvisierten Rennsongs die Radioübertragung des Rennens untermalen. Weitere Teilnehmer sind unter anderen das Studentenpärchen Jim (Robert Carradine) und Maryann (Belinda Balaski), eine Krankenschwester (Mary Woronov) mit ihren beiden Freundinnen sowie Coys Mechaniker Zippo (Archie Hahn), der als Coys Double unterwegs ist und so für Verwirrung mit tragischem Ausgang sorgt. Auf dem Weg zum Ziel sind etliche Hindernisse zu überwinden, unfaire Angriffe der Rivalen zu überstehen und Opfer zu beklagen …

Das Carsploitation-Subgenre, das in den Siebzigerjahren seinen Höhepunkt erlebte, ist eine der vielen filmischen Kuriositäten, die der Zeitgeist irgendwann dem Mülleimer der Geschichte überantwortete. Vor rund 40 Jahren hatte vor allem Roger Corman erkannt, welches kommerzielle Potenzial in der ungebremsten Zelebrierung des Automobils und seiner Zerstörung steckte. Seine Produktionen DEATH RACE 2000, EAT MY DUST!, GRAND THEFT AUTO und eben CANNONBALL! avancierten zu Superhits, genauso wie Konkurrenzprodukte à la GONE IN 60 SECONDS oder SMOKEY AND THE BANDIT: allesamt Filme, die US-amerikanischen Freiheitsdrang und Pioniergeist mit neuzeitlichem Materialismus und Warenfetischismus kreuzten, die Pferde des Westerns durch Pferdestärken ersetzten und der lähmenden Angst vor Öl- und Wirtschaftskrise mit entfesselter Zerstörungswut begegneten. Vorbilder dürften neben den Slapstick-Orgien der Stummfilmzeit, wahrscheinlich vor allem Stanley Kramers IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD und die um stoische Helden in Muscle Cars gebauten Polizeifilme der Sechziger gewesen sein: BULLITT war mit seiner epochemachenden Verfolgungsjagd sicher eine Initialzündung. CANNONBALL!, durch den Erfolg des Vorgängers DEATH RACE 2000 inspiriert, zog bis Mitte der Achtzigerjahre noch zwei prominent besetzte nominelle Quasi-Sequels nach sich (THE CANNONBALL RUN und CANNONBALL RUN II), aber alle weiteren Versuche, das Carsploitation-Genre aufleben zu lassen, blieben wenig erfolgreiche Einzelfälle. Mit etwas gutem Willen lässt sich die mittlerweile sechs Filme umfassende FAST & FURIOUS-Reihe mit dem Etikett „Carsploitation“ versehen, doch letztlich sind die Autos dort auch nur schmückendes Beiwerk, das im Verlauf der Serie mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Dass diese Reihe eine solche Entwicklung genommen hat, sagt aber durchaus auch etwas über die dem Subgenre inhärenten Schwierigkeiten aus: Die Möglichkeiten, wie man eine begrenzte Anzahl Autos zu Schrott verarbeiten kann, sind beschränkt, und spektakuläre Stunts allein machen noch keinen guten Film. Der Erfolg des Carsploitation-Films ist eng mit den Charakteren hinter dem Steuer und der Kreativität des Drehbuchs verbunden. Dessen wichtigste Aufgabe ist es dann auch nicht, ausufernde Actionszenen zu erdenken, sondern vor allem Wege zu finden, die Isolation der Fahrer aufzulösen und sie miteinander in Interaktion treten zu lassen.

CANNONBALL! wird dann auch immer dann richtig interessant, wenn die Teilnehmer ihre Wagen entweder verlassen müssen oder wenn er sich den Konflikten innerhalb der Autos zuwendet. Die einzelnen Stunts setzten kleine Akzente, aber sie sind nicht in der Lage, das Ganze zu tragen. Es fällt auch auf, wie schwer es überhaupt ist, ein Rennen filmisch abzubilden, das nicht auf einem abgesteckten Kurs ausgetragen wird: Wer da zu welchem Zeitpunkt auf welchem Platz liegt und in welcher Relation die einzelnen Autos zueinander stehen, wird bestenfalls klar, wenn zwei oder mehr Wagen gleichzeitig im Bild zu sehen sind, was höchst selten passiert. Und da Sparfuchs Corman sein Cross-Country-Rennen ausschließlich in Kalifornien ablichtete (abgesehen vom Finale in New York), gibt es auch keine äußeren Anhaltspunkte, die einem Aufschluss darüber geben würden, in welchem Stadium des Rennens man sich gerade befindet. Eigentlich ist in CANNONBALL! alles interessanter als das titelgebende Rennen: Mir haben zum Beispiel die Auftritte von Paul Bartel als Jazzpiano spielender Gangsterboss eindeutig am besten gefallen. Ein unerwartet cleverer erzählerischer Kniff hängt mit der Einbindung einer Traumsequenz zusammen, mit der der Film eröffnet und die längst schon wieder vergessen ist, wenn sie spät im Film wieder aufgegriffen und überraschend gewendet wird. Süß ist auch das Finale, in dem mit dem Studentenpärchen genau jene Teilnehmer den großen Preis absahnen, die sich als einzige stets vollkommen fair verhalten haben. Andere lustige Episoden drehen sich um den mogelnden Familienvater, der sein Auto noch in Los Angeles in ein Flugzeug nach New York verladen lässt und sich bis zum Eintreffen der Rivalen mit seiner Geliebten im Bett vergnügt, und den Afroamerikaner, der seinen Rennwagen eigentlich für ein altes Ehepaar an die Ostküste überführen soll. Der Gag mit der Übergabe einer komplett zu Schrott gefahrenen Karre ist keineswegs neu, aber immer wieder für ein Grinsen gut. Für Freunde des Exploitationkinos der Siebzigerjahre und speziell des New-World-Katalogs gibt es natürlich auch wieder etliche Cameos und Gastauftritte zu bewundern: Martin Scorsese und Sylvester Stallone sind als Mafiosi zu sehen, Joe Dante spielt einen nerdigen Mechaniker und Roger Corman absolviert einen Auftritt als Staatsanwalt. Superproduzent Don Simpson und die von Corman protegierten Jungregisseure Allan Arkush und Jonathan Kaplan machen ebenfalls mit. Insgesamt sicherlich kein Meisterwerk, aber ein netter Timewaster mit eingebauter Geschichts- und Nostalgiestunde.

 

Dom Toretto (Vin Diesel) und Brian (Paul Walker) haben sich mit den im Vorgänger erworbenen Reichtümern zur Ruhe gesetzt und sehen einem ruhigen Familienleben entgegen. Doch daraus wird nichts, denn eines Tages steht der Elite-Polizist Hobbs (Dwayne „The Rock“ Johnson) bei Dom auf der Matte: Eine Bande von hochspezialisierten und motorisierten Ex-Soldaten treibt in London ihr Unwesen und Dom soll Hobbs dabei helfen, sie zur Strecke zu bringen. Nachdem die alte Mannschaft wieder vereint ist, geht es ans Eingemachte …

Nach FAST FIVE nun also FURIOUS 6: Über die kuriose Entwicklung, die das FAST & FURIOUS-Franchise bis heute genommen hat, habe ich mich vor nicht allzu langer Zeit in aller angemessenen Ausführlichkeit ausgelassen. In Kurzform geht die Geschichte so: Nach rumpeligem Start mit einem leicht überdurchschnittlichen, aber nur wenig außergewöhnlichen Auftakt und einem miserablen Sequel übernahm der damals nahezu unbekannte Justin Lin ein Reihe, die zum schnellen Abstieg ins DTV-Genre wie prädestiniert schien. Das Gegenteil trat ein: Mit großem visuellem Gespür und ausgezeichnetem Actionhandwerk machte er aus der filmischen Totgeburt ein Erfolgsfranchise, das sich mit seinen beiden letzten Installationen verdientermaßen an die Spitze des großbudgetierten Hollywood-Actionkinos setzte. Verfügte die Serie zu Beginn weder über eine eigene Identität noch über einen ausgeprägten eigenen Stil, hat sie nun ein ganz und gar unverwechselbares Gesicht und einen Charakter, der ihr innerhalb des Actiongenres den ihr vorbehaltenen Platz zuweist.

Man mag über die machohaften Bro-isms der Serie geteilter Meinung sein – gerade die männlichen Protagonisten wirken wie in einem Stadium suspendierter Postpubertät gefangen und der Hip-Hop-Cool, den sie in ihren Dialogen bemühen, kann durchaus etwas anstrengend werden –, aber die damit verbundene Betonung von Freundschaft, Familie, Loyalität und Zusammenhalt sendet ein starkes Signal an den Zuschauer. Trotz ihrer umfassenden Over-the-Topness, die sich nicht nur in den die Grenzen der Plausibilität weit überschreitenden Actionsequenzen, sondern auch in den Charakteren und dem audiovisuellen Styling der Filme niederschlägt, bleiben die Filme aufgrund dieser bodenständigen Moralität für den Zuschauer menschlich und emotional nachvollziehbar. Der ganze High-Tech- und Markenfetischismus zieht nie die ganze Aufmerksamkeit auf sich, stiehlt den menschlichen Protagonisten nicht die Show, wie das bei anderen modernen Actionern  oft der Fall ist (man denke an Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL). Im Zentrum stehen Dom, Brian, ihre Freunde und die Beziehung, die sie zueinander haben. FURIOUS 6 thematisiert das sogar auf Handlungsebene: Das Schurkenteam um Shaw (Luke Evans) wird als spiegelbildliches Negativ von Torettos Crew vorgestellt und setzt der Familiarität der Protagonisten eiskalten Zynismus entgegen. Shaws Code lautet nicht „Familie“, sondern „Funktionalität“: Er betrachtet jedes einzelne Mitglied seiner Mannschaft nicht als Individuum, sondern als eine Funktion erfüllendes Zahnrad im Getriebe. Wenn es fehlerhaft ist, muss es ersetzt werden, für Sentimentalitäten ist dabei kein Platz. Dieser krasse Pragmatismus muss sich gegenüber dem menschlichen Ansatz von Dom und Brian natürlich als unterlegen erweisen. Wer mit dem Herzen bei der Sache ist, ist eben auch bereit, die extra mile für seine homies zu gehen, während der ersetzbare Lohnsklave bald an seine Grenzen stößt. Am Ende versammelt sich die ganze Familie wieder zum gemeinsamen Barbecue um Doms Tisch, wie sie das schon im ersten Teil getan hat. Wer den ersten Bissen nimmt, wird zum Sprechen des Tischgebets verdonnert. Man kann das mit einigem Recht als spießigen Konservatismus kritisieren, aber dieses feste Wertesystem ist es, das die Ausnahmestellung des FAST & FURIOUS-Franchises in einer Actionfilm-Welt ausmacht, die zunehmend von Zynikern bevölkert wird. Die Helden von FURIOUS 6, sie sind nicht die maulfaulen Loner, sondern die Typen von nebenan, mit denen man auch mal ein Bierchen trinken und Playstation spielen kann.

Der Vorgänger hatte mit der Verfolgung durch die Favelas von Rio De Janeiro vielleicht die bessere, einprägsamere, zupackendere Actionszene, doch ich glaube, mir hat der neueste Teil sogar noch etwas besser gefallen. Den absurden Größenwahn, der die aktuellen Action-Set-Pieces auszeichnet, muss man dabei zu nehmen wissen: Freunde des Realismus steigen möglicherweise  aus, wenn die Flugzeug-Startbahn, auf der sich der 15-minütige Showdown abspielt, immer länger und länger wird, oder der Bösewicht Shaw mit einem Panzer Chaos und Zerstörung auf einer Autobahnbrücke anrichtet. Aber Justin Lin weiß im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, wie man solche Szenen inszeniert, sodass sie nicht wie Trickfilme aussehen. Das visuelle Geschick, das er dabei an den Tag legt ist erstaunlich. Auch komplexe Actionsequenzen – man muss bedenken, dass an den ausufernden Verfolgungsjagden immer ein ganzes Arsenal handelnder Figuren an verschiedenen Orten beteiligt ist, zwischen denen hin und her geschnitten wird – werden nie chaotisch, sondern bleiben glasklar und nachvollziehbar. Keine Spur vom hektischen Kameragewackel, mit dem weniger talentierte Leute auf billige Art und Weise Dynamik vortäuschen, weil sie sie anders nicht hinbekommen. Man sollte FURIOUS 6 ganz sicher nicht zu Ernst nehmen. Aber man verzeiht ihm gern auch die absurderen Einfälle, weil er die richtige Einstellung zu sich selbst findet. Ein größeres Lob kann man einem großen Event-Actioner kaum machen. Ich freue mich schon sehr auf den kommenden siebten Teil. Diesen Enthusiasmus hervorzurufen, wäre bei jeder anderen so weit fortgeschrittenen Reihe schon eine echte Leistung; denke ich an die Ernüchterung zurück, die der mit viel Tamtam gestartete erste Teil vor nunmehr 12 Jahren bei mir auslöste, kann man nur von einem handfesten Wunder sprechen.

Fünf Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils: Dominic Toretto (Vin Diesel), seines Zeichens motorisierter Autobahnpirat, zieht sich aus dem „Geschäft“ zurück. Als er wenig später die Nachricht vom gewaltsamen Tod seiner Geliebten und Partnerin Letty (Michelle Rodriguez) erhält, ist er fest entschlossen, ihren Mörder zu stellen. Die Spur führt ihn in die Kreise eines mysteriösen Drogenbarons, auf den es auch der reaktivierte FBI-Agent O’Conner (Paul Walker) abgesehen hat. Dieser hatte sich einst als Undercover-Mann in Dominics Organisation eingeschlichen, ihn aber schließlich laufen lassen. Auch Doms Schwester Mia (Jordana Brewster) hat mit Brian noch ein Hühnchen zu rupfen, doch schließlich raufen sie sich zusammen, um dem Kriminellen das Handwerk zu legen und Lettys Tod zu rächen …

Bei der Suche nach einem Plakatmotiv, das diesen Beitrag zieren soll, bin ich auch auf eines gestoßen, das vollmundig „The Original Cast is Back!“ verspricht. Das finde ich  ziemlich lustig und auch irgendwie symptomatisch für das ganze Franchise: Nach zwei vom ersten Teil mehr oder weniger abweichenden Sequels, von denen das zweite, der spaßige THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT, den mit weitem Abstand besten Beitrag zur Reihe darstellte, meinten die Produzenten nun also, es sei an der Zeit „the original cast“ zurückzubringen. Ganz so, als sei Cohens Original nicht das kreuzbiedere Filmchen für Zwischendurch gewesen, sondern der „real deal“, nach dem sich alle nach irgendwelchen von unerklärlichen Einfällen gebeutelten Sequelenttäuschungen zurücksehnten. Und so, als böte diese Reihe nicht in erster Linie einen letztlich vollkommen arbiträren Anlass, um Autos kaputtzumachen, sondern erzähle tatsächlich eine Geschichte mit Charakteren, nach denen man sich zurücksehnte.  Naja, wie dem auch sei: „New Model. Original Parts“, wie es die Tagline treffend besagt.

Dabei muss man einräumen, dass das neue Modell mit den Originalteilen wesentlich besser läuft als das alte Modell. Justin Lin bringt einen visuellen Einfallsreichtum mit, der Cohen weitestgehend fehlte, und auch die peinlichen Bro-isms sowie die marktschreierische Attitüde, die THE FAST AND THE FURIOUS in den Werbespot zum eigenen Soundtrack verwandelten, sind verschwunden. FAST & FURIOUS kommt der Beschreibung „ernster Actionkrimi“ schon recht nahe, weil es nicht Lins oberstes Interesse ist, seine Zuschauer möglichst unterbrechungsfrei mit geilen Bildern und obercoolen Sprüchen zu versorgen. Wenn es aber kracht, dann richtig. Die Eröffnungssequenz mit dem MAD MAX-artigen Überfall Torettos und seiner Leute auf einen fahrenden Tanklastzug toppt so ziemlich alles, was in der Reihe bisher aufgefahren wurde, und auch die Verfolgungsjagd durch einen stillgelegten Minenschacht kann sich sehen lassen. Und habe ich mich oben noch über die Werbestrategie lustig gemacht, so muss ich nun kleinlaut zugeben, dass zumindest die Rückkehr Vin Diesels sich bezahlt gemacht hat. Man mag von ihm als Schauspieler halten, was man will, dass er unbestreitbar Charisma und Präsenz hat, lässt sich meines Erachtens nicht leugnen und genau das fehlte den durchweg schwach besetzten Vorgängern. Ob sich das Gleiche aber über Paul Walker sagen lässt? Immerhin sind seine blonden Strähnchen weg.

Als Erzählfilm funktioniert FAST & FURIOUS sicherlich bis hierhin am besten von den vier bisherigen Filmen, aber das scheint mir auch sein Manko zu sein: Denn diese Geschichte ist einfach nicht besonders interessant. Im Mittelteil hängt FAST & FURIOUS gewaltig durch und das stupide, aber doch spaßige Rumgeheize,  in aufgemotzten Karren, das bislang immer im Vordergrund stand, wird neben dem austauschbaren Räuber-und-Gendarm-Spiel fast zur Nebensache. Schade, denn Lin hatte im direkten Vorgänger doch gezeigt, dass man durchaus einen ganzen Film auf so etwas Singulärem wie einer bestimmten Kurventechnik aufbauen und damit großartiges Entertainment bieten kann. Anstatt diesen Weg der Dekonstruktion konsequent weiter zu beschreiten, unterwirft sich Lin dem merkwürdigen Plan, an einer Art Fast-and-the-Furious-Universum zu stricken und Kohärenz vorzugaukeln, wo bisher nur das gemeinsame Thema „schnelle Autos“ stand. So springt der Film in der Timeline zurück vor TOKYO DRIFT und lässt dessen Nebenfigur Han (Sung Kang) in der Auftaktsequenz als Partner Dominics mitwirken; wahrscheinlich um damit nachträglich eine eigentlich sehr unwichtige Drehbuchzeile und das Cameo von Vin Diesel – die beide wohl nur da waren, um die Zugehörigkeit zur Serie herzuleiten – aus dem Vorgänger zu legitimieren. Das ist alles ziemlich eigenartig: das filmische Äquivalent zur Fälschung des eigenen Lebenslaufs. Original Model, New Parts quasi.

Sean Boswell (Lucas Black) steht vor einer Jugendstrafe, nachdem er zum wiederholten Mal wegen „reckless driving“ aufgefallen ist. Statt im Knast landet er als letzte Erziehungsmaßnahme bei seinem Vater in Tokio, wo er endlich lernen soll, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Doch schon am ersten Schultag wird er vom Amerikaner Twinkie (Bow Wow) in die Welt der illegalen Straßenrennen eingeführt. Diese Welt regiert DK (Brian Tee), der „Drift King“, Neffe des örtlichen Yakuza-Bosses (Sonny Chiba) und wie sein Name sagt Meister der unter den jugendlichen Rennfahrern präferierten Technik des Driftens. Der von Natur aus aufmüpfige Sean gerät schnell mit DK aneinander und spannt dem Japaner zu allem Überfluss auch noch die Freundin Neela (Nathalie Kelley) aus. Die Eskalation des Streits mündet schließlich in eine heiße Verfolgungsjagd durch das nächtliche Tokio, bei der Seans Mentor Han (Sung Kang) sein Leben verliert …

Regisseur Justin Lin schmeißt in seinem dritten Teil auch noch jene nur in Spurenelementen vorhandenen Copfilm-Einflüsse über Bord, die sich Singleton in seinem zweiten Teil noch nicht ganz verkneifen konnte, und verpasst dem PS-geilen Franchise einen Paintjob, der Wunder wirkt. Make no mistakes: Auch THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT verblüfft den Normalsterblichen mit dem PS-Fetischismus, den anscheinend unerschöpflichen finanziellen Möglichkeiten seiner Protagonisten, ihrer sich in – haha, Wortspiel! – halsbrecherisch-selbstmörderischer Auto-Aggression niederschlagenden sexuellen Frustration und ihrer frappierenden Einfalt und Eindimensionalität. Schon in der Auftaktsequenz begnügen sich Sean und sein Rivale nicht mehr damit, sich zu beleidigen oder meinetwegen zu prügeln, wie das normale Jugendliche zu tun pflegen, nein, sie treten wegen einer Nichtigkeit zu einem haarsträubenden Autorennen gegeneinander an, bei dem sie den Tod des Gegenübers genauso billigend in Kauf nehmen wie den eigenen (von der Zerstörung fremden Eigentums mal ganz abgesehen). Das „Preisgeld“ ist in diesem Fall übrigens eine Frau, was mich gleich zum nächsten Punkt führt: Das Geschlechterbild der Reihe ist nämlich zutiefst rätselhaft, mit „sexistisch“ aber wirklich nur sehr unzureichend beschrieben. Zwar haben die Kerle tough und cool zu sein, rhetorische Schlagfertigkeit ist ausdrücklich erwünscht, aber keinesfalls vollwertiger Ersatz für körperliche Potenz, die Frauen demgegenüber gutaussehend, schlank, verführerisch und stets auf der Suche nach dem Typen, der sie an seiner Seite verdient hat, aber trotzdem ist das Machtgefüge zwischen beiden keinesfalls männlich dominiert. Die Frauen beherrschen im Gegenteil die Beziehungen zwischen den Figuren und dürfen sich immer wieder auch an dem konventionellerweise eigentlich dem Mann zugedachten Platz hinter dem Lenkrad behaupten. Die ganze Reihe zeigt eine vollkommen orientierungslose, außer Rand und Band geratene männliche Spezies, die von den Frauen unauffällig, aber unleugbar an der Leine geführt wird.

Im Gewand des Teeniefilms, das Justin Lin der Reihe verpasst, kommen all diese Elemente noch deutlicher zum Tragen: Die aufgemotzten Karossen, das Prahlen mit der Leistung des eigenen Gefährts, das stetige Nachrüsten, die entfesselten Rasereien und die bis zu letzten Konsequenz geführten Rennen sind letztlich Bilder für jene postpubertäre männliche Orientierungslosigkeit, in der es in THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT an vorderster Stelle geht. Wem würde man das leichtsinnige Schrotten eines Autos verzeihen, wenn nicht einem Jungen? Auch das vielsagend betitelte Driften, die Fahrspezialität, die als Element der Handlung etwas überstrapaziert wird, lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen. Es ist einer der poetischsten Momente des Films, wenn Neela und Sean mit ihrem Wagen als Teil eines ganzen Korsos eine vom Mond beschienene Bergstraße entlangdriften, sich Kontrollverlust und Kontrolle im Gleiten ihres Autos durch die Serpentinen die Hand geben. Sich den Kräften ausliefern und trotzdem ans Ziel kommen: Wenn Han seinem Freund Sean irgendwann auf den Weg gibt, das Leben bedeute, dass man Entscheidungen trifft, die später zu bereuen Zeitverschwendung sei, ist das weitaus weniger elegant als dieses traumgleiche Bild der wie Kaulquappen ihrr Bestimmung entgegenschlitternden Autos.

Mehr als seinen beiden Vorgängern gelingt es Lin also eine Märchenwelt aufzubauen, in der die bekannten Absurditäten als absichtliche Übertreibungen endlich Sinn ergeben. Als Sean mit höllischer Geschwindigkeit durch eine Radarkontrolle rauscht, verblüfft feststellt, dass die Polizei ihm nicht folgt, und Han ihm erklärt, dass die Autos der Tokioter Polizei zu langsam seien, als dass sie sich auf eine Verfolgungsjagd einließen, ist das nur am Rande eine Erklärung, um ein Logikloch zu schließen. Vielmehr ist es ein weiteres wichiges Detail um jene Märchenwelt aus aus dem Boden zu stampfen. Das Tokyo des Films ist ein Spielplatz der Jugend. Der Ort, an dem all die inneren Konflikte an die Oberfläche treten, sich die Verlockungen der Welt in den bunten Neonlichtern spiegeln, die Sehnsucht in den Menschenmassen, die noch mitten in der Nacht die Straßen bevölkern. Ein Schlaraffenland der Gehetzten, Getriebenen und Rastlosen. Es ist der Ort, an den Jungs geschickt werden, um Männer zu werden, an dem sie aber stattdessen lernen, wie man als Mann ein Junge bleiben kann.

Der Ex-Cop Brian O’Conner (Paul Walker) wird nach einem illegalen Straßenrennen in Miami verhaftet und dazu gezwungen, bei den Ermittlungen gegen den Drogendealer Verone (Cole Hauser) mitzuhelfen. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kumpel, dem Häftling Roman Pearce (Tyrese), ergattert Brian eine Fahrerstelle bei dem Gangster, bei dem auch die FBI-Agentin Monica Fuentes (Eva Mendes) eingeschleust worden ist. Natürlich schöpft Verone irgendwann Verdacht …

Der Soundtrack, der legasthenisch formulierte Titel, die ausgedehnte Nebenrolle des Südstaaten-Rappers Ludacris als Rennveranstalter, Garagenbesitzer und Tausendsassa Tej und die sonnige Kulisse der Partystadt Miami deuten es schon an: Die Copfilm-Einflüsse, die den Vorgänger noch weitestgehend bestimmten, sind bis auf den Plot getilgt, 2 FAST 2 FURIOUS (von einem wahren Kenner in einem deutschen Kino einst als „Zwei Fast Zwei Furious“ betitelt) kommt als bunter Partyfilm im Hip-Hop-Gewand daher, überschreitet mehr als einmal die Grenze zur Buddy-Komödie. Die Autos sind noch bunter, die verschiedenen Fahrer noch comichafter, die Optik sonniger und irgendwie flächiger. Der Ex-Cop Brian, im ersten Teil noch zerrissen zwischen seinem Job und der Freundschaft zum honorigen Gangster Dominic, ist hier der strahlende Sonnyboy, der seinen Auftrag als großen Abenteuerurlaub begreift und es mit seinem Kumpel krachen lässt. Das ist durchaus kurzweilig, aber eben auch unendlich flach und leer: Es steht nichts auf dem Spiel, die Figuren bleiben zweidimensionale Pappaufsteller und die einzige Gefühlsregung, die sie bei mir hervorkitzelten, war eine Mischung aus kopfschüttelndem Unverständnis für so viel hohlen Hedonismus und Genervtheit angesichts der rhetorischen Limitiertheit. Ich weiß nicht, wie oft sich Brian und Pearce als „Bro“ oder „Bruh“ titulieren, aber es reichte dafür, dass ich zwischendurch vergaß, einem Film beizuwohnen und mich stattdessen in einer besonders schmerzhaften Episode von „Jersey Shore“ oder ähnlicher Prolo-Unterhaltung wähnte. Ist es tatsächlich cool, wenn man sich nur noch in hohlen Exklamationen und stussigen Halbsätzen artikulieren kann? Das anvisierte Publikum scheint das tatsächlich so gesehen zu haben, denn sie machte auch diesen Film zum Hit, dem zwangsläufig auch noch ein dritter Teil folgen musste. Wenn man akzeptiert, dass 2 FAST 2 FURIOUS niemals mehr sein will als ein bunter, überlanger Videoclip, geht das Ding schon in Ordnung, aber mal ehrlich: Muss man sich wirklich so limitieren? Gerade von Singleton, der einst mit BOYZ N THE HOOD wenn auch nicht als großer Künstler, so aber doch wenigstens mit einem politischen Gewissen ausgestattet auf die Bildfläche trat, hätte man vor 20 Jahren sicherlich mehr erwartet, als kantenloses Eventkino ohne jegliche Ambition. Was hat dich bloß so ruiniert, Bruh?

Der Cop Brian O’Conner (Paul Walker) wird in die Street-Racing-Szene von L.A. eingeschleust, um die Verantwortlichen für eine Serie motorisierter Raubüberfälle zu überführen. Dreh- und Angelpunkt der Szene ist Dominic Toretto (Vin Diesel), dessen Vertrauen Brian gewinnt. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine Freundschaft, die auf eine harte Belastungsprobe gestellt wird, denn die Zeichen dafür, dass Dominic hinter den Verbrechen steht, verdichten sich …

Der Titel ist Programm: THE FAST AND THE FURIOUS ist schnell zu Ende, sprich äußerst kurzweilig, und furios prollig. Beste Voraussetzungen für reuelose Unterhaltung, die vom ambitionsfreien Handwerker Rob Cohen in ansehnlichem Gewand optisch geschliffen und rasant geschnitten dargeboten wird. Das L.A. des Films wird von einer andauernden Abendsonne beschienen, die alles in ein goldenes Licht taucht: Aus den monochromen Bildern stechen die grellbunten Boliden als die eigentlichen Hauptdarsteller des Films hervor. Ihre knalligen Farben, die großflächigen Sponsorensticker, mit denen sie gepflastert sind, ihre chromblitzenden Felgen und Motorenteile, die von der Kamera fetischistisch umschmeichelt werden, signalisieren auch, dass hier alles, aber auch alles an der Oberfläche verhandelt wird, nichts subtil ist, sondern stets bedacht um den größtmöglichen Effekt ins Bild gerückt wird. THE FAST AND THE FURIOUS ist die filmgewordene Proletenfantasie, aber erträumt von kühnen Marketingstrategen und ohne einen Funken von Humor dargeboten. In Verbindung mit dem fürchterlichen Soundtrack, auf dem sich schlechter Mainstream-Hip-Hop (der mittlerweile karrierelose Ja Rule ist mehrfach vertreten und spielt auch eine kleine Nebenrolle), NuMetal und andere Kleinkindermusik die Hand reichen, ergibt das zumindest in der ersten Hälfte des Films ein Festival der Fremdscham und des unfreiwilligen Humors.

Paul Walker gibt den zwischen Pflichtgefühl und Männerfreundschaft hin und hergerissenen Cop mit blondierten Strähnchen und Schmelz im Blick, der von Dominics alten Kumpels sofort mit lodernder Eifersucht gestraft wird, als handelte es sich um eine Bande abgelegter Geliebter. Diese Kumpels sind zwei tätowierte Dumpfbirnen, von denen sich eine sogleich auf einen Bitchfight mit dem süßen Brian einlässt, ihm aber natürlich hoffnungslos unterlegen ist, der andere ein unter ADD leidender Motoren- und Technik-Nerd mit schwarz lackierten Fingernägeln und den unvermeidbaren Heulattacken, wenn es hart auf hart kommt. Michelle Rodriguez trägt wieder ihre obligatorischen Tank Tops und gibt die tough bitch, auf die sie abonniert ist, darf aber immerhin eine Liebesbeziehung mit Dominic unterhalten, Jordana Brewster Dominics Herzensgute Schwester, die das Herz des Cops erobert und seinen späteren Gewissenskonflikt so noch verstärkt. Und der obercoole Zampano Dominic wird von Vin Diesel tatsächlich zum glaubhaften Charakter befördert, der nicht unerheblichen Anteil daran hat, dass es THE FAST AND THE FURIOUS nicht schon in der ersten Kurve zerlegt.

Denn die „Szene“, die hier „porträtiert“ wird, gleicht einem Affenzirkus, in dem Männer sich in einem nie enden wollenden Schwanzvergleich befinden und Frauen das ganz fantastisch finden. Kein Vergleich also zum rohen Realismus von Monte Hellmans TWO-LANE BLACKTOP. Die Rennen zwischen den aufgemotzten Sportwagen werden mitten in der Stadt vor Hunderten vergnügungssüchtiger Prolos und silikonbehandelter Ischen abgehalten, die ihrerseits allesamt mit ihren protzigen Autos angereist sind: Wie der Polizei dieses Spektakel entgehen kann, bleibt ein großes Rätsel, genauso wie die Frage – zum Glück – unbeantwortet bleiben muss, ob es tatsächlich diese geilen Schlampen gibt, die davon magisch angezogen werden, wenn ein Mann ein Autorennen gewinnt. Das ist alles so absurd, dass man den Blick unmöglich abwenden kann. Die witzigste Szene des Films ist sicherlich das gute amerikanische BBQ, das Dominic gemeinsam mit seiner Schwester für seine Crew im Vorgarten schmeißt und sogar ein Tischgebet sprechen lässt: Diese PS-süchtigen Verkehrsrowdies sind wahrlich ein Vorbild für uns alle.

Eigentlich unglaublich, aber der Film bekommt im letzten Drittel noch die Kurve, lässt den himmelschreienden Stuss hinter sich und schwingt sich im Showdown zu einem sehr soliden, einpeitschenden Actioner empor. THE FAST AND THE FURIOUS gewinnt am Ende quasi trotz seiner Selbst und hat so ziemlich überraschend den Grundstein für ein Franchise gelegt, dem zuletzt ein gemessen an seinen Anfängen doch überraschendes Wohlwollen entgegengebracht wurde. Dieser erster Teil ist vor allem ein Triumph des Marketings: Ein eigentlich höchst stromlinienförmiger Thriller leitete einen wahren Tuning-Craze aus, der sich bis heute in zahlreichen Doku-Formaten im Fernsehen niederschlägt.