Mit ‘Charles Grodin’ getaggte Beiträge

In MIDNIGHT RUN war ich damals, 1988, im Kino, ich war gerade 12. Es war der erste Film, den ich mit meinen Eltern nach unserem Umzug von Düsseldorf nach Krefeld im Kino gesehen habe, und ich weiß noch, dass ich ihn damals mochte, aber in Erinnerung behalten habe ich außer ein paar Bildfetzen gar nichts. Eine Neusichtung hat es seit damals nicht gegeben. Ich hatte ihn immer im Hinterkopf, als Film, den ich vielleicht noch einmal schauen müsste, aber es gab stets dringendere Sachen, die ihn verdrängten. Es war eine schöne Artikelreihe auf The Dissolve, die mich dazu veranlasst hat, mir endlich die DVD zu bestellen (der Film ist auf Blu-ray noch nirgendwo verfügbar): Ein Gespräch mit dem Schauspieler Adam Scott, der erklärt, warum MIDNIGHT RUN einer seiner Lieblingsfilme ist, ein weiterer Dialog zweier Dissolve-Schreiber über den Film und ein Text, der sich mit Grodins Spiel befasst.

Wie so oft, wenn man einen Film schaut, nachdem man überschwängliche Texte über ihn gelesen hat, ist man danach leicht underwhelmed. Trotzdem kann ich den genannten Texten kaum widersprechen. MIDNIGHT RUN ist oberflächlich betrachtet lupenreines Formelkino, eine Buddy-Komödie, wie es sie in den Achtzigern zu Dutzenden gab, aber eben eine, die durch das an den Tag gelegte Können der Beteiligten mit echtem Leben gefüllt wird. Martin Brests Film gehört zu einer mittlerweile längst ausgestobenen Sorte des US-amerikanischen Unterhaltungsfilms: Er kommt ohne fade Gimmicks aus, Humor und Thrill halten eine perfekte Balance, Top-Schauspieler verkörpern echte Charaktere anstatt bloßer Klischees, und diese Charaktere sind es dann auch in erster Linie, mehr als irgendwelche supercleveren Drehbuchtwists, die den Film vorantreiben. Heute ist ein Film wie MIDNIGHT RUN – ohne superspektakuläre Prämisse, ohne zugehöriges Franchise, ohne megalomanische Effekte, ohne angesagten Stand-up-Comedian oder Rapper-turned-actor in der Besetzungsliste – als Kinofilm eigentlich gar nicht mehr denkbar. Früher war er nur ein besonders hervorstechender einer ganzen Phalanx von Buddy Movies und er erschien genau zu jenem Zeitpunkt, als die Achtziger- langsam in die Neunzigerjahre übergingen und sich damit auch die Struktur des Blockbusters veränderte.

Die Geschichte ist so simpel wie griffig: Der Kopfgeldjäger Jack Walsh (Robert De Niro) hat fünf Tage Zeit, um Jonathan „The Duke“ Mardukas (Charles Grodin), den ehemaligen Buchhalter des Mafiabosses Serrano (Dennis Farina), von New York nach Las Vegas zu seinem Auftraggeber Eddie Moscone (Joe Pantoliano) bringen. Mit dem Geld, das Walsh dafür einstreichen wird, will er sich endlich aus dem dreckigen Geschäft zurückziehen. Der Job entpuppt sich jedoch als schwerer als erwartet: Nicht nur heften sich der FBI-Agent Moseley (Yaphet Kotto), die gedungenen Mörder Serranos und Walshs Konkurrent Dorfler (John Ashton) an dessen Fersen, Mardukas erweist sich darüber hinaus ebenfalls als eher komplizierter Begleiter. Die Zeit verrinnt, aber Walsh will sich sein Ticket für den Ausstieg nicht wegnehmen lassen – bis er Sympathie für seinen „Klienten“ entwickelt …

Neben der turbulenten Geschichte, die die beiden ungleichen Helden in planes, trains and automobiles quer durch die USA führt und die von kleineren Scharmützeln und Auseinandersetzungen gesäumt ist, sind es in erster Linie das Mit- und Gegeneinander der beiden Hauptfiguren, aber auch die Nebenfiguren, die MIDNIGHT RUN zu einem nahezu perfekten Unterhaltungsfilm machen. Robert De Niro hat als Jack Walsh den spektakuläreren Part der beiden Hauptdarsteller übernommen, aber es ist gerade aus heutiger Sicht interessant, mit wie viel understatement er diese Rolle interpretiert. Heute ist De Niro längst zu seiner eigenen Karikatur verkommen, chargiert sich durch Filme, die eigentlich unter seiner Würde sein sollten. Hier sind es überraschenderweise eher kleine Gesten und Blicke, die von ihm hängenbleiben (und die er heute ganz aus seinem Repertoire gestrichen zu haben scheint): etwa seine Reaktion, als Moscone ihn im Gespräch mit seiner verdrängten Vergangenheit als Chicagoer Cop konfrontiert. Oder – der schauspielerische Höhepunkt des Films – wenn er seine Ex-Frau aufsucht, um sich Geld zu leihen, er dabei zum ersten Mal seit neun Jahren seiner Tochter wiederbegegnet und es ihm vor Scham kaum gelingt, sie anzusehen, obwohl man merkt, wie es ihn förmlich zerreißt vor Liebe. Charles Grodin hat, wie es in dem oben verlinkten Text treffend beschrieben wird, demgegenüber den leichteren Part: Sein Mardukas ist ein eher langweiliger, beamtenhafter Typ, und er liefert De Niro lediglich die Wand, an der der seine Volleys abprallen lassen kann, aber gerade in dieser Passivität liegt seine Stärke. Allein durch seine Blicke unterstreicht er alles, was De Niro tut und potenziert den emotionalen impact seiner Szenen.

MIDNIGHT RUN ist der seltene Glücksfall eines „trivialen“ Spaßfilms, der diesen Begriff allein durch herausragendes Handwerk transzendiert. Manche Filme, die wie ein Uhrwerk laufen, büßen über dieser Perfektion Seele und Leben ein, bei MIDNIGHT RUN ist das anders. Drehbuch, Inszenierung und Schauspiel greifen hier so nahtlos ineinander, dass alles sehr spontan wirkt, der Film vor Freude und Begeisterung geradezu vibriert. Er ist randvoll mit kleinen, cleveren Ideen, tollen Charakteren, von denen man gern mehr sehen würde, und deckt mit komischen, spannenden und rührenden Szenen das ganze emotionale Spektrum ab, ohne dabei jemals kalkuliert zu wirken. Man kann von MIDNIGHT RUN viel lernen, darüber, was Filme überhaupt „funktionieren“ lässt. Definitiv ein Kandidat für eine Wiederentdeckung: Man wird aktuelle Blockbuster danach aber mit noch mehr Wehmut sehen als ohnehin schon.

king kongDie Änderungen zum Original: Der Schurke ist Fred Wilson (Charles Grodin), der auf der Hemaitinsel des Riesenaffen Erdöl vermutet, die Heldenrolle fällt Jack Prescott (Jeff Bridges) zu, der Böses ahnt und den Landgang als blinder Passagier verhindern will, Jessica Lange ist Dwan, eine schiffbrüchige Schauspielerin, in die sich der arme Affe verliebt, das Empire State Building wird gespielt vom World Trade Center und Kong ist keine Stop-Motion-Animation mehr, sondern ein schnöder Mann im Affenkostüm.

Für mich mit ähnlich viel Erinnerungen aufgeladen wie LO CHIAMAVANO BULLDOZER ist KING KONG im kollektiven Gedächtnis vor allem als megalomanischer Trash und einer von vielen De-Laurentiis-Flops verankert. Bislang – die letzte Sichtung ist lange her – konnte ich die Häme, die über ihm ausgeschüttet wird, nicht so ganz nachvollziehen: Für mich war KING KONG immer ein großer, aufwändiger Hollywood-Film, der zudem mit einem wirklich herzzerreißenden Affentod aufwarten konnte. Nun, diese Wahrnehmung würde ich heute weitestgehend kindlicher Verblendung zuschreiben, denn Guillermins Event-Remake ist tatsächlich wenig mehr als teurer Schund. Klar, das ist alles mit großer Geste inszeniert und John Barrys schwelgerischer Score tut seinen Teil, KING KONG zu dem Großereignis aufzublasen, das er sein soll, aber das verstärkt nur den Eindruck, es mit mit viel Geld auf Hochglanz poliertem Käse zu tun zu haben. Die Fettnäpfchen im Einzelnen: Debütantin Jessica Lange sieht zwar super aus, kann ihrer als oberflächlich-hohlbirnigem Starlet gezeichneten Dwan aber überhaupt keine menschlichen Fassetten abringen. Ein Riesenaffe scheint tatsächlich ihr idealer Partner, dennoch bleibt die Liebesbeziehung zwischen beiden reine Behauptung, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass das Drehbuch den zentralen Handlungsstrang – Jack muss Dwan aus Kongs Händen befreien – auf wenige Minuten runterkürzt. Die Entscheidung, Kong am Ende nicht aufs Empire State Building, sondern auf das WTC klettern zu lassen, ist ja nur folgerichtig, der Effekt verpufft aber wirkungslos, weil sich kein einziger Mensch in Manhattan aufzuhalten scheint. Panik? Fehlanzeige. Den finalen Sargnagel bedeuten aber die Special Effects, für die tatsächlich ein Oscar vergeben wurde, damit sämtlichen japanischen Godzilla-Kostüm-Herstellern ins Gesicht spuckend, und die die schöneren Einfälle des Film ein ums andere Mal sabotieren. Zwar ist das Affengesicht schön animiert worden, aber das ändert nix daran, dass ein Schauspieler, der im Jahre 1976 im Affenkostüm vor einem Bluescreen oder aber in Minaturkulissen rumlatscht, die Effektkunst nicht zu neuen Ufern treibt, sondern diese um ein bis zwei Jahrzehnte zurückwirft. Der interessanteste inhaltliche Aspekt scheint mir die Unentschlossenheit des Aktivisten Jack, der sich einerseits für den Erhalt der Umwelt und fremder Kulturen einsetzt, aber dennoch nicht unbeteiligt bleiben will, wenn Geschichte geschrieben und die entsprechenden Tantiemen vergeben werden. So wie das im fertigen Film abgehandelt wird, scheint es aber eher ein Unfall als Absicht zu sein.

Ich will  trotzdem nicht allzu viel meckern: KING KONG ist recht bunte Sonntagnachmittag-Unterhaltung, die mit entsprechend nostalgischem Background für 120 kurzweilige und mit unfreiwilligem Humor gespickte Minuten sorgt und als Musterbeispiel menschlicher Hybris eh unumgänglich ist. Er zeigt zudem sehr anschaulich, wogegen sich die Protagonisten des 1976 schon wieder auf dem absteigenden Ast befindlichen New-Hollywood-Kinos eigentlich positioniert hatten: gegen dummdreiste und unkreative, aber mit viel Finanzpower hochgetunte Popanze wie diesen hier. Ein Riesenaffe von einem Film, ideed.